Dienstag, 31. Dezember 2019

the roaring twenties

"was machen wir bloß silvester", fragt der luxus-mann vor ein paar tagen.
keine veranstaltung will uns zusagen. überall schlechte musik und menschen, die wir auf gar keinen fall als erste gesichter des neuen jahres sehen möchten.
also haben wir heute premiere: strunzenlangweiliges pärchensilvester.
kurzum: saufen, fressen, ficken. also fast so wie immer. außer, dass man nachher nicht mehr rausgehen kann, weil dann dummbratzen, die entgegen jeden gesunden menschenverstandes ihren egotrip durchziehen müssen, mit böllern um sich schmeißen. (jaja, ich weiß, "die kinder wollen es aber" und "die nachbarn machen es auch" und "man wird doch noch dürfen! wenn man schon nichts mehr sagen darf!" - jammer, jaul, mitläufertum, kotz)

zu feiern gibt es unseres erachtens nichts. wir blicken beide düster ins nächste jahrzehnt, das entscheidet, ob wir uns demnächst ausrotten werden oder nicht. ähnlich wie anfang 1945 immer noch viele menschen an hitler und den endsieg glaubten, gibt leider auch heute noch genügend einzeller, die eifrig den klimawandel leugnen. korrupte und verbrecherische politiker herrschen auf der gesamten welt ebenso wie hierzulande. sie haben noch nicht kapiert, dass ihnen die schmiergelder aus der industrie nichts nutzen, wenn es irgendwann nicht mehr genug lebensmittel und kein sauberes trinkwasser mehr gibt und die hälfte des festlands eine unbewohnbare wüste ist. selbst meine eltern, die aus dem hahn fließendes wasser und volle supermarktregale als selbstverständlichkeit hinnehmen und noch nicht mal müll trennen, haben etwas verstanden und ihren konsum grundlegend verändert. und sie wählen ödp statt cdu oder spd wie früher. das ringt mir respekt ab.

zuhause alte familienfotos und ein familienbuch der linie väterlicherseits gefunden. mein urgroßvater heinrich in uniform, wie er in den ersten weltkrieg zog und als einer von wenigen die schrecklichen schlachten im westen überlebte. bilder von meinem großonkel hans, der sehr jung im zweiten weltkrieg in russland fiel, und von meinem opa, der in einer anderen division im osten schwer verwundet wurde. meine oma und ihre freundinnen, die mit totenkopf-ss-soldaten posieren und hakenkreuzfähnchen aus den fenstern ihrer wohnungen wehen lassen.
wie gerne hätte ich noch großeltern oder urgroßeltern, die ich nach damals fragen könnte - und wie es vor 80 oder 100 jahren so war: die frustration der wirtschaftskrise, die inflation, und dann die aufbruchsstimmung im nationalsozialismus. denn gefühlt wiederholt sich gerade - in anderen dimensionen natürlich - was vor 100 jahren begann.

ich wünsche ihnen allen daher für den beginn der zwanziger jahre nicht nur glück und gesundheit, sondern vor allem einen klaren verstand und den mut zu veränderung entgegen der tendenz, geschichte zu wiederholen. seien sie dabei freundlich zu ihren mitmenschen, auch wenn sie sie manchmal merkwürdig finden - viele sind nur einsam und haben dadurch den umgang mit anderen verlernt. und bleiben sie offen für alles schöne, auch wenn der alltag den blick dafür oftmals verstellt.

salbungsvoll,
ihre morphine


(quelle: instagram, urheber unbekannt)





Samstag, 21. Dezember 2019

after every party i die

unbeschwerte abende im club sind so rar.
denn die erinnerung an dich ist immer noch dort, und ständig drehe ich mich um in der erwartung, dass du im raucherraum an der tür lehnst und dir eine zigarette drehst.
oder über den tresen gebeugt ein paar kurze orderst.
oder in deiner in dich gekehrten art in deiner ecke tanzt.

heute habe ich es nicht ausgehalten.
nach zwei stunden war ich den tränen nahe und bin nachhause geradelt.

du fehlst mir so unendlich.
und es gibt so wenig hoffnung.


Donnerstag, 19. Dezember 2019

taumeln

ich gucke den tagen hinterher wie autos, die viel zu schnell über die straße donnern. als wäre die raumzeit im kopf gekrümmt, als verkürze die verdichtete seele jeden geraden gedanken.

ich habe ein paar tage frei und bin nicht dankbar drum. denn das einzige, wovon ich wirklich frei bin, ist freude. abends im bett beginnt das herz zu rattern wie ein alter dieselmotor kurz vorm durchbrennen. mein neuer bester freund heißt zopiclon, der macht watte im gehirn und kennt den ausschaltknopf  für das herz.

vor weihnachten habe ich tatsächlich ein wenig angst.
wie letztes jahr wollen wir den tag mit der luxus-ex nummer 1 und dem sohnemann feiern, außerdem ist dessen neue freundin dabei.
"wir schenken uns aber nix", bestimmt der luxus-mann.
"naja, ne kleinigkeit schon", sage ich. "muss ja nichts teures sein."
"auch keine kleinigkeit!"
"warum denn nicht?"
"ich hab keine ahnung, was ich dir schenken sollte."

das ist ehrlich. und es wundert mich nicht. mein mann kennt mich inzwischen so wenig, dass es geradezu unheimlich ist. würde man ihn fragen, was meine lieblingsfarbe ist, welche musik ich gerne höre und was ich letzte woche gemacht habe - er könnte es nicht sagen. dabei ist es eigentlich extrem einfach, mich zu beschenken, denn ich freue mir schon über winzigkeiten ein loch in den bauch. einmal hat mir der luxus-mann ein kleines bild gemalt. mir hatte eine tasse mit zwei lustigen vögeln drauf so sehr gefallen, und weil er mir die tasse nicht schenken konnte, hatte er sie fotografiert und abgemalt. der luxus-mann ist kein künstler, das bild sieht aus wie kinderkritzelei, aber ich liebe es und es steht seit jahren in meinem regal wie ein manifest aus besseren zeiten.

noch schwieriger könnte silvester werden. normalerweise verbringt der luxus-mann silvester mit seiner tochter, doch die feiert mit einer freundin, deren mutter den luxus-mann explizit ausgeladen hat. das heißt, meine übliche geschützte silvester-struktur (bis mindestens 1:00 uhr entspannt alleine zuhause bleiben) wird nicht einzuhalten sein, zumal der luxus-mann weiß, dass ich die katze diesmal in eine ruhigere gegend ausquartiere, um ihr den krach zu ersparen.

darüber hinaus ist silvester noch immer geprägt von der neujahrsnacht im vergangenen jahr. ein bisschen kommt es mir vor, als habe ein teil von mir seither aufgehört zu atmen.




Freitag, 6. Dezember 2019

tristesse deluxe

das jahr neigt sich zu ende. nieselgrau umschließt mich.
die unterschiede zwischen tag und nacht verschwimmen.
bin ich wach oder träume ich?
bin ich überhaupt noch da?

mich zwischen mit glühwein angereicherten menschenmengen in züge und busse gequetscht und kurzerhand das objekt besucht.
das hängt genauso durch wie ich.
so lange liegt es nun schon in diesem bett in der pflegeeinrichtung, und auch wenn mich diese traurige gefangenschaft sonst immer dankbar ob meiner an sich popeligen probleme stimmt: heute falle ich mit dem objekt ins bodenlose.
nie zuvor war es so schwer zu durchdringen. zum ersten mal zweifle ich, ob noch stimmt, was es immer von mir behauptete: du hast den schlüssel zu mir.
mein offensichtliche unfähigkeit lähmt mich. zugleich fehlt mir in meiner not die response, die umarmung, die nähe. fast bin ich froh, als ich wieder gehen kann.

ich schreibe in meiner todesstimmung dem luxus-mann, doch es bedarf einer weiteren aufforderung, damit er auf die idee kommt, mich mal anzurufen. an den verzögerten antworten merke ich jedoch schnell, dass er nebenbei zockt.
"ist es so langweilig, mit deiner frau zu telefonieren?" frage ich sauer und bekomme nicht einmal darauf eine antwort.

was bleibt (von) mir, wenn die beiden wichtigsten menschen in meinem leben nicht mehr an meiner seite sind?

Freitag, 29. November 2019

abschiede

seit einer woche bin ich zwischen ruhrpott und frankenlande unterwegs. es war überfällig, hamburg zu verlassen und sich anderswo wiederzufinden. als ich heute durch die sicherheitskontrolle zu meinem flieger richtung norden musste, wäre ich am liebsten umgekehrt. ohne meine antidepressiva hätte ich wahrscheinlich haltlos geweint.

den luxus-mann habe ich zuletzt vor 12 tagen gesehen. wir haben zweimal kurz telefoniert und auch nur wenig geschrieben. erstaunt stelle ich fest, dass ich offenbar aufgehört habe, ihn zu vermissen. früher konnten wir keinen tag ohne anrufe oder wenigstens einen halben roman in nachrichten. es gab immer irgendwas mitzuteilen. doch es kommt nichts von ihm, und ich habe irgendwie auch kein größeres bedürfnis, etwas zu sagen.

ich stelle mir immer häufiger vor, aus hamburg weg zu ziehen. denn sollte ich mich vom luxus-mann trennen, wäre ich erstmals seit langem wieder frei wie ein vogel. ich wüsste genau, in welchem kleinen fränkischen dorf ich mich niederlassen könnte, ganz in der nähe von zwei lieben freunden. denn in der heimat habe ich noch immer sehr viel mehr menschen, die mich mögen. alternativ könnte ich in die kleine, beschauliche stadt ziehen, in deren nähe das objekt liegt. dort gefällt es mir nämlich auch außerordentlich gut. der nachteil ist, dass ich da sonst niemanden kenne und es keinen flughafen gibt.

ich hasse abschiede. eigentlich.
doch die freiheit rockt.
also muss ich den abschied umarmen lernen.
damit mich die freiheit wieder küsst.

Dienstag, 26. November 2019

essen à la mutti

der wunsch meiner mutter, für mich zu kochen, ist ungebrochen.
diesmal bettelt sie mich an, ob sie nicht mal fisch für mich machen darf. denn fisch esse ich doch wirklich gerne.
ich willige ein: "aber nur, wenn du nach rezept kochst! keine komischen experimente wie sonst immer!"

meine mutter neigt dazu, rezepte einfach zu ändern. bei warmen gerichten werden exotische gewürze konsequent durch das, was gerade im haus ist, ersetzt bzw. übersetzt (kreuzkümmel = kümmel, thaibasilikum = basilikum usw.). dies ist der grund, warum ich schon seit meiner pubertät nicht mehr gerne mitesse, wenn es zu tisch geht. denn alles schmeckt seltsam oder nach knoblauch, der überall reingetan wird, ob es passt oder nicht. backen funktioniert ähnlich: bei kuchen lässt mutti seit einigen jahren fast komplett den zucker weg, weil mein vater keinen zucker essen soll. man könnte natürlich stevia statt zucker nehmen, aber das entspricht nicht muttis küchenordnung.

wir einigen uns dieses mal auf ein fischgericht ohne exotische gewürze, allerdings mit frischem chili. eine art fischcurry, d.h. der fisch wird zusammen mit gemüse und nudeln in einem pott geschmort. ich betone noch einmal: bitte keine gewürze ersetzen und auch nicht einfach wild knoblauch hineinmischen. meine mutter beteuert mir, dass sie alles genau so machen würde wie es im rezept steht. mit einem leicht mulmigem gefühl verlasse ich die küche.

als mutti dann zum mittagtisch ruft, steht da kein großer, scharf duftender pott. stattdessen gibt es einen topf mit gekochten nudeln, einen weiteren kleinen mit gemüse und ganze gebackene fischfilets in der pfanne.
"der fisch gehört aber da mit rein", protestiere ich.
"nein, der muss doch schön knusprig werden!"
"das ist aber kein backfisch-gericht, sondern ein curry. da brät man nicht erst den fisch in 10 tonnen butter."
"nein, nein, das ist wirklich lecker so!"

ich bekomme eine große ölige pfütze und ein stück fisch auf den teller und probiere.
der fisch ist tatsächlich nicht schlecht, aber es ist eben eher fett mit fisch als umgekehrt.
das gemüse hingegen schmeckt süß und lasch.
"ist da chili drin?" frage ich.
"pfeffer", sagt meine mutter.
"schwarzer pfeffer", frage ich weiter und beiße auch schon auf die ersten pfefferkörnerstückchen.
"ja, was denn sonst?"
"chili, so wie es im rezept steht."
"das wäre zu scharf geworden."
"es wäre bestimmt nicht zu scharf, wenn man alles in einem pott zubereitet. die schärfe verteilt sich doch. und chili hat ja auch eine sehr geschmackvolle, fruchtige schärfe, nicht so eine bittere wie schwarzer pfeffer."
"deinem vater ist chili aber immer zu scharf."

ich seufze.
"und was ist das komisches süßes im gemüse? honig?"
"gewürzgurken."
"gewürzgurken? warum denn gewürzgurken?"
"die mussten weg."
"das ist doch eklig!"
"sonst isst du die doch auch!"
"ja, zum brot!"
"na siehst du."

alles, was ich sehe, ist, dass die kochkünste meiner mutter und meine geschmacksknospen in diesem leben nicht mehr zusammenkommen werden. schnell schlinge ich meine portion hinunter und freue mich, dass ich morgen mit freunden sushi essen kann.


Sonntag, 24. November 2019

untiefen

wie energielos ich bin, zeigt mir letztlich der körper.
nach einer sehnenscheidenentzündung und zahllosen erkältungen weiß ich, dass ich zu wenig bekomme.

zu wenig ruhe.
zu wenig anerkennung.
zu wenig liebe.

bis heute war ich für den job unterwegs, habe das mammutprojekt präsentiert, für das ich mir monatelang den arsch aufgerissen habe. wir wollten es feiern, aber letztlich war es wenig feierlich. alle nur noch kraftlos, zu müde für stolz, zu ungläubig, dass diese phase jetzt wirklich ein ende haben soll.

5 tage urlaub. wie so oft im fränkischen, man weiß ja nicht, wie oft noch. immer fahre ich mit dem wissen, freudig empfangen zu werden. und dem gedanken: was, wenn hier irgendwann niemand mehr auf mich wartet? vielleicht haben wir noch 5 oder 10 oder 15 jahre, einige davon hoffentlich einigermaßen sorgenfrei. man muss die zeit nutzen, immer im zweifel, ob man wirklich das beste herausholt.

sobald ich nicht mehr über den job nachdenke, rückt die beziehung in den vordergrund. seit anfang september dreht sich alles um den luxus-mann, seinen bluthochdruck, seine knie-op und die unerwarteten finanziellen enttäuschungen. ich bin krankenschwester, mutti, psychologin. und betreue und betüddle und berate.

und habe niemanden mehr, der mir zuhört oder der mich fragt, wie es mir geht. der luxus-mann klagt viel, redet viel, fällt mir ins wort. will dies und jenes und einen weiteren gefallen von mir. rückt ab, bleibt asexuell. merkt erst nach 36 stunden, dass ich gar nicht in der stadt bin und fragt dann erstaunt, wo zur hölle ich bin und warum.

auf dem kongress angeflirtet worden und gemerkt, wie schwach ich geworden bin. ein arm um die schulter ist ein arm um die schulter, und es ist mir für einen moment egal, dass er einem verheirateten arzt gehört und der rest der runde diese vertrauliche geste beobachten konnte. die anstrengende strenge, die ich mir abringen muss, mich lachend wieder aus dem arm zu winden, zu überspielen, zu schauspielern: alles ganz harmlos.

aber so harmlos ist es nicht.
mein hunger ist niemals harmlos.

er manifestiert sich in unzähligen objekt-träumen, in denen wir uns hemmungslos lieben. träume, die so realistisch sind, dass ich sie für einen moment für wirklichkeiten halte. bis ich dann erwache und wieder weiß, dass die wirklichkeit uns jede substanz für träume genommen hat.


Sonntag, 17. November 2019

humpelstilzchen und sein raputzel

der luxus-mann hatte letzte woche seine meniskus-op. der ambulante eingriff wurde in vollnarkose durchgeführt, weshalb ich abkommandiert wurde, den mann anschließend 48 stunden lang zu betreuen. geht ja aber alles, homeoffice und katzensitter sei dank.

am vormittag von tag 1 war noch alles easy. die vollnarkose hatte den mann ausgeknockt, weshalb ich mich in aller stille und unabgelenkheit mit der beantwortung der üblichen 84 e-mails befassen konnte.

gegen 14 uhr wurde der luxus-mann dann wach, verlangte kaffee und frühstück. wir aßen gemeinsam, dann wollte ich mich erneut an den rechner setzen.
"kannst du bitte mal das haar da aufheben?" bat mich der luxus-mann da.
ich brachte das haar luxus-like mit zwei spitzen fingern und maximal angeekeltem gesichtsausdruck zum abfalleimer.
"oh, da ist noch eins!" der luxus-mann zeigte in eine ecke.
"wo?"
"da!"
"seh ich nicht."
"doch! so ein blondes, wahrscheinlich von mir."
ich machte alle lichter an, kniete mich auf die fliesen und hielt nach dem gemeingefährlichen gegenstand ausschau.
"da ganz hinten!" feuerte mich mein mann an.
"ach das da", sagte ich und sammelte ein ungefähr 2 cm kurzes härchen auf.
"igitt, bring das weg!" sagte der luxus-mann, als hätte ich eine dicke, haarige vogelspinne in den fingern.

danach beschloss der luxus-mann, ein wenig am notebook zu daddeln. ich willigte ein, da er so wahrscheinlich erstmal keine haare mehr entdecken konnte. leider hat der luxus-mann beim spielen das notebook immer auf maximale lautstärke gedreht. so machten mich schon nach kurzer zeit nicht nur die game-musik, sondern auch die dämlichen tastengeräusche wahnsinnig.
"stell das stumm, bitte", sagte ich. "ich muss mich jetzt mal konzentrieren!"
"nee, dann weiß ich ja nicht mehr, was ich tue!" wehrte sich mein mann.
"das ist jetzt aber wichtig! ich muss eine datenschutzerklärung checken!"
"ja, dann warte kurz. das ist jetzt nämlich auch wichtig!"

ich wartete widerwillig.
3 minuten.
5 minuten.
10 minuten.
"machst du BITTE mal leise?!" forderte ich den luxus-mann dann erneut auf.
"jaja, ok!"
"sonst nimm doch kopfhörer!"
"nee, das vertrag ich nicht mit meinem tinnitus."
nach weiteren 3 minuten war dann endlich ruhe im karton und der mann spielte im lautlos-modus weiter.

ich konzentrierte mich wieder auf die datenschutzerklärung und glich sie mit den aktuellen anforderungen von unserem datenschutzbeauftragten ab.
"boah, ich glaub, ich gewinne!" trompetete mir der luxus-mann von der gamer-front entgegen.
"schön", sagte ich indifferent.
"nur noch drei.... oh, nur noch zwei monster! ich glaube, das level hab ich sicher!"
ich drehte mich um.
"das interessiert mich offen gestanden jetzt gerade ÜBERHAUPT nicht."
"aber ich hab das level noch nie geschafft!"
"schön für dich", seufzte ich.

"machst du mir mal n chai", bat mich der mann wenige minuten später.
"ja, gleich."
"was heißt gleich?"
"wenn ich diese e-mail mit den datenschutzinhalten beantwortet habe."
"ok."

zwei minuten später fragte er wieder:
"wann gibts denn nun chai?"
"bin gleich soweit."
"wie lange noch?"
"eiine minute."
"kannst du das nicht nachher fertig machen?"
"nein."
"aber ich hab soooo lust auf chai jetzt!"
"je weniger du sabbelst, desto schneller gehts", erwiderte ich.
diesen wink mit dem betonpfeiler verstand der luxus-mann dann doch und er gab ruhe.

nachdem er glücklich seinen chai geschlürft hatte, fragte er weiter:
"und was machst du mir zum abendbrot?"
"wir haben toast, aber ich kann auch kurz noch beim bäcker brötchen holen."
"ich dachte, du kochst!"
"nö."
"warum denn nicht?"
"du sollst nach einer narkose nicht so schwer essen. und ich vermute mal, du hast nicht allzu viel im haus, was man kochen könnte?"
"doch! wir könnten diese nudeln essen, die du immer machst! das ist doch total lecker."
"na gut. hast du pesto?"
"nee."
"hast du getrocknete tomaten?"
"nee."
"oliven?"
"nee."
"frische chilis?"
"nee."
"ok, dann gibts auch keine nudeln."

"geh doch einkaufen", schlug der luxus-mann vor.
"kann ich machen, aber dann wird das später mit kochen. ich kann hier erst um 18 uhr weg."
"um 18 uhr essen ist ok."
"um 18 uhr einkaufen, meinte ich. essen wäre dann so gegen viertel nach sieben oder halb acht."
"das ist zu spät."
"dann gibts eben nur brotzeit."
"nein, dann machen wir einfach so schnell nudeln", sagte der luxus-mann.
"mit was dazu?"
"ich hab noch ketchup."
"nudeln mit ketchup, das ess ich nicht. sind wir etwa 5 jahre alt?"
"aber ist doch voll lecker! als student hab ich das auch immer gegessen."
"das ist ekelhaft und ungesund und studenten sind wir auch nicht mehr. wir könnten was bestellen. ein schönes scharfes curry, das zweimal brennt oder so."
"das ist mir zu teuer", befand der luxus-mann, der sonst so mal eben mir nichts dir nichts fünfstellige beträge an der börse verzockte.

letzten endes saßen der luxus-mann und ich dann pünktlich kurz nach 18 uhr über spaghetti mit ketchup. der mann mümmelte begeistert zwei riesige teller in sich hinein und rülpste zufrieden.
"du bist so ekelhaft", sagte ich.
"das musste halt raus", befand der luxus-mann und bekräftigte seine aussage mit einem furz, nach dem ich erstmal die küche lüften musste.

"dass du mir heute nacht bloß nicht an mein bein kommst", mahnte der luxus-mann, als wir später im bett lagen. "du trittst mich ja immer gern, wenn ich schnarche!"
"das operierte bein ist doch auf der anderen seite."
"aber vielleicht dreh ich mich ja um."
"du SOLLST dich gar nicht umdrehen, sondern das bein hochgelagert auf dem rücken schlafen, hat der arzt gesagt!"
"so kann ich nicht pennen."
"wie du meinst, ist ja dein bein. aber wehe, du jammerst dann, wenn irgendwas nicht so ist wie es sein sollte, weil du dich nicht an die nachsorge-regeln hältst!"
"ich jammere doch gar nicht."
"ich wills nur gesagt haben, du jammerst doch ständig wegen irgendwas, du tarzan in der unterhose."
"waaas? also wenn du in zukunfst hier wohnen willst, musst du schon ein bisschen netter sein!"
"ich will hier doch gar nicht wohnen. das wäre ja so, als würde ich mir lebenslänglich ein vorschulkind aufhalsen."

der luxus-mann grinste und tätschelte mich zärtlich:
"ich glaube, die frau ist froh, wenn sie bald wieder zuhause ist!"
"nein, ganz so schlimm ist es auch nicht. aber beim arbeiten brauch ich halt ruhe und ich kann auch keine komplexen gerichte zu utopischen zeitpunkten auf den tisch zaubern, wenn überhaupt keine zutaten im haus sind. oder du nicht warten kannst, bis ich eingekauft habe."
"ich glaube schon, dass du eigentlich nachhause willst. weil morgen zum frühstück gibts nämlich erstmal death metal. und zwar laut!"
"das würde ich mir an deiner stelle noch mal überlegen. ich muss dir schließlich nachher noch die daily heparinspritze geben - und es könnte passieren, dass ich beim gedanken an death metal mit der nadel abrutsche und dir in die eier steche!"

auch wenn tag 2 dann so ohne death metal am morgen ein wenig entspannter verlief, war ich doch sehr glücklich, als sich am nachmittag der luxus-sohnemann meldete und mich für den rest der 48 stunden netterweise von meiner aufsichtspflicht ablöste. ich radelte nachhause, begrüßte die alte katze und nahm mir erst mal 3 tage luxus-auszeit.

Mittwoch, 6. November 2019

antisocial media

auf facebook dissen dich deine eigenen freunde, wenn du eine andere meinung hast.
auf twitter dissen dich alle, deren meinung du nicht vertrittst.
auf instagram gibts fast gar keine meinungen mehr.

und manchmal träume ich von analogen zeiten, in denen es nur ein telefon und sonst echte freundschaft gab.

Montag, 4. November 2019

fuck your idols oder artur mit der wurstpelle

hin und wieder lerne ich beim ausgehen künstler kennen. damit meine ich jetzt nicht irgendwelche doofi-blogger wie dich und mich, sondern menschen, die bilder und installationen an öffentlich zugänglichen orten präsentieren und dafür tatsächlich kohle kriegen.

einen bestimmten künstler - nennen wir ihn der einfachheit mal artur wie "artist" - traf ich vor rund sieben jahren im alten club, noch zu objekt-zeiten. artur ist bis heute relativ bekannt, auch über die grenzen hamburgs hinaus. seine anfangswerke, die noch ecken und kanten haben, haben meines erachten einen nicht unerheblichen reiz. später, nachdem artur rang und namen erlangt hatte, fand ich seine kunst eher nichtssagend. alles so ein bisschen wie vom fließband und irgendwie immer dasselbe. aber das ist wahrscheinlich ansichtssache.

artur selbst machte damals eine ganz gute figur, war langhaarig, vollbärtig und gut gebaut. also alles in allem eine gestalt, bei der einer frau wie mir durchaus die eierstöcke klapperten. aufgrund seines aussehens und des künstler-renommees war er allerdings auch ein aufreißer erster klasse und machte darin fast dem objekt konkurrenz.

weil das objekt an diesem abend mal wieder von der gespielin belagert war, ließ ich mich zunächst recht willig von artur ansprechen. offizieller grund der kontaktaufnahme war eines meiner mir eher peinlichen gedichte, das ihm ein gemeinsamer bekannter gezeigt hatte. daraufhin schlug artur vor, ich könne ja mal einige seiner bilder mit text unterlegen. nach einer weile fachsimpelei auf niedrig-besoffenem niveau - bei der ich schon ahnte, dass das ganze wieder auf eine ins nichts führende kostenlose aktion hinauslaufen sollte - hatte ich dann seine zunge im mund.

die knutscherei war äußerst mittelprächtig. alles in allem sehr labbrig, sabbrig und schlabbrig. der anschließende sex fiel noch mittelprächtiger aus, denn arturs penis war mit viel zu viel vorhaut behangen. sowas finde ich latent unappetitlich, da ich dabei immer an wurstpelle denke muss. am ende der nacht kroch ich rotzbesoffen nachhause und versuchte, das erlebnis aus meiner erinnerung zu tilgen. das gelang mir - jedoch nur bis zu diesem tag.

heute nachmittag stehe ich im supermarkt am käseregal. vor mir zwei auf mega-intellektuell gestylte hipster, die über den einkaufswagen gelehnt sehr andächtig und ehrfürchtig über eine ausstellung diskutieren. als ich mich vorbeuge und mir ziegengouda aus dem regal hole, fällt arturs name.
und im vorübergehen sage ich beiläufig: "ach, artur, die alte wurstpelle! den hab ich auch schon gefickt."
 
nein, ich sage es nicht. aber ich denke es mir, während ich still in mich hineingrinse.
und mich gleichzeitig ein bisschen wegen der wurstpelle grusle.

Samstag, 2. November 2019

zusammen!

der luxus-mann hat einen sechsstelligen betrag an der börse verloren und bläst entsprechend trübsal. nicht, weil er sich jetzt keine luxus-karre kaufen könnte oder ähnliches. der luxus-mann spart auf nichts matierielles, sondern möchte sich vielmehr so frühzeitig wie irgend möglich von seinem ihn anödenden job freikaufen und die welt bereisen.
"das waren so fünf oder sechs jahre, die ich früher in rente hätte gehen können!" jammert er.
"tja", sage ich. "du gehst aber auch immer extreme risiken ein."

dann kommt mein mann auf eine krude idee:
"dann musst du jetzt bei mir einziehen! dann spar ich mir eine halbe miete."
ich bin perplex:
"wie kommst du auf die idee, dass ich das machen würde? ich bin doch gerade umgezogen."
"aber du bist doch sowieso viel bei mir. du würdest dir die fahrkarten und so sparen. und das rumgegurke bei regen und kälte!"
"ja, tolle wurst. ich zahl bei dir wesentlich mehr miete als ich es jetzt für meine knapp 50-qm-wohnung tue!"
"dafür wohnst du aber auch noch mal ein stück zentraler."
"ich will doch gar nicht zentraler wohnen. schon gar nicht da an dieser großen, stinkenden straße bei dir. ich will raus ins grüne! ich will dorfleben."
"ich würde dir auch das kinderzimmer als arbeitszimmer einrichten."
"schon klar. und wenn deine tochter da ist, dann sitzt die da mit drin und macht hausaufgaben, während ich arbeite!"
"das stört doch nicht."
"doch, das stört mich! weil ich zahl nicht miete, damit dein gör dann in meinem zimmer rumhockt!"

der luxus-mann schaut mich nachdenklich an.
"irgendwann ziehen wir doch sowieso zusammen, wenn wir uns weiterhin so gut verstehen."
"sagt wer?"
"naja, das ist halt so."
"vielleicht verstehen wir uns ja deshalb so gut, weil jeder sein reich hat."
"das glaube ich nicht."
"das glaube ich schon. allein, wenn ich mir den ganzen tag dein death metal-gedröhne anhören müsste. da würde ich total durchdrehen. und du würdest ständig jammern, weil meine katze haart."
"die stirbt doch sowieso irgendwann, die ist doch schon alt."
"und wenn ich mir danach eine neue hole?"
"die kröte müsste ich dann halt schlucken."
"ja, super, und dann nervst du die ganze zeit rum, oh, ein haar, oh, ein kötel!"
"ich finde katzen doch auch ganz lustig."
"auf einmal. du sagst doch immer, katzen in einer wohnung, das ist tierquälerei."
"die könnte doch auch raus."
"damit die dann auf der vierspurigen straße um die ecke unter die räder kommt. schon klar. dann kann ich die ja noch eher bei mir rauslassen, ich wohne wenigstens inmitten lauter gärten."

ich hole tief luft:
"wenn wir jemals zusammenziehen, dann will ich auch eine größere wohnung. so vier zimmer. davon gehören mir dann zwei, ein schlafzimmer und ein arbeitszimmer. und die richte ich auch so ein, wie ich es will."
"deine schrottmöbel kommen mir nichts ins haus!"
ich lache.
"siehst du. du willst gar nicht, dass wir zusammenziehen. du willst mich gar nicht. und du willst auch nicht, dass ich mich wohlfühle. alles, worum es dir geht, ist das geld."
"ich fühl mir wohl hier!"
"ich mich aber nicht."
"ey, komm. die wohnung ist top!"
"ja, die wohnung. aber rausgucken darfste nicht. alles beton. und dann der krach und der abgas-gestank von der straße. und jedes wochenende ziehen unten gröhlende touris und teenies lang, die überall ihre flaschen hinschmeißen. da wohn ich nicht, nicht mal für geschenkt."
"du musst auch mal kompromisse eingehen!"
"ja, ich weiß, wie dein kompromiss aussieht: ich zieh hier ein, latze ein heidengeld dafür ab, hab nichts wirklich eigenes und soll dann wahrscheinlich auch noch für dich putzen und kochen!"

kurzum, die pläne für harmonisches zusammenziehen sind aktuell noch nicht ausgereift.
ich fürchte zudem, dass ich mich grundsätzlich eher trennen würde, als mir den horror anzutun, noch einmal mit einem mann zusammenzuleben.

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Montag, 7. Oktober 2019

a single day

64 e-mails.
72 kurztexte à 800 zeichen verfassen.
12 texte korrigieren.
bisschen typo3 dazwischen.
3 anrufe, 1 telko.
1x mitarbeiter einnorden.
1x promi-management hinterhertelefonieren.

2 x nachbarskatze füttern.
1x kochwäsche, 1x buntwäsche.
1 paket annehmen.
1 paket abholen.
1 arzttermin.
1 kundenanruf, freier auftrag.
1x wäsche abnehmen.
1x zu lidl, weil nichts zu essen im haus.
1x nach luxus-hausen radeln, housesitting.

2 drinks.
1 brot.
1x escitalopram.
5 tropfen cbd.
1 x zopiclon.
1 bett.

Samstag, 5. Oktober 2019

entwaffnend

das gute am luxus-mann ist, dass man ihm in der regel so ziemlich alles an den kopp knallen kann, ohne dass er beleidigt oder emotional-irrational reagiert. also sage ich ihm gestern, dass ich derzeit unzufrieden bin. was zu einem teil an mir und meinem stresslevel liegt, weshalb ich schneller in die luft gehe. doch ich leide ebenso unter seiner lethargischen und achtlosen art sowie darunter, dass derzeit wenig sexuelles passiert. (vermutlich wäre für andere paare so einmal pro woche sex ganz wunderbar, aber das entspricht weder unserer standard-frequenz noch meinen bedürfnissen.)

der luxus-mann meint:
"komm erst mal mit."
er führt mich in die vorratskammer und öffnet den schrank. hier stapeln sich kaffee- und milchvorräte für die nächsten 100 jahre.
"damit du nicht wieder so nörgelig bist", meint er.
meine lieblingsmarmelade hat er auch gekauft.
das ist so süß, dass mir schon wieder das herz aufgeht.

dann vereinbaren wir, dass wir jetzt erstmal geduldig sind und bis weihnachten warten, wie sich die medikamente weiter auf das allgemeine luxus-befinden auswirken. der luxus-mann erklärt sich zudem bereit, im zweifelsfall noch mal einen anderen arzt zu konsultieren und um ein neues medikament zu bitten.

am abend, als wir nebeneinander im bett liegen, fragt mich der luxus-mann, ob ich ficken will.
"bin so mittel dabei", meine ich, die ich müde und muskelkaterig vom fitness bin. "ich will dich auch nicht unter druck setzen oder so."
 "hm, also ich hätte da was für dich", erwidert der luxus-mann und drückt mir seine latte an den po.

als wir uns gegen mitternacht schlafen legen, hat sich meine kleine welt schon wieder fast beruhigt.
entwaffnen kann der luxus-mann einfach extrem gut.


Mittwoch, 2. Oktober 2019

tagebuchbloggen

im moment bin ich so angeknackst, dass ich mal wieder tagebuchblogge.

eine grundaggressivität, angestauter ärger und das allgemeine gefühl von leere und langeweile. zugleich stress, hochdosiert, auf verschiedenen ebenen.

heute morgen dann handfester streit. ich arbeite zuhause beim luxus-mann, weil er ein wichtiges paket erwartet. eigentlich hätte er die bestellung auch einfach rechtzeitiger tätigen oder direkt zu mir liefern lassen können, oder sich alternativ einfach mal mit den dhl-app-funktionen beschäftigen können, aber das ist alles zu viel verlangt. er macht sich einfach überhaupt keinen kopf um so was. wenn er was braucht, muss ich ran, derzeit ständig, was mich auch schon nervt, zumal von ihm nie was kommt oder man ewig drum bitten muss.

da sitze ich dann und will mir kaffee machen. kein kaffee da. und auch keine milch im haus. und ich explodiere mit 10.000 volt. wie kann er es wagen, mich abzukommandieren, um auf sein beschissenes paket zu warten, und mich dabei völlig auf dem trockenen sitzen lassen - wohlwissend, dass ich das haus nicht verlassen kann, bis dhl seine fucking runde gemacht hat?

der luxus-mann meint, ich hätte ja was sagen können, bevor der kaffee alle ist. ich erwidere, dass ich ja wohl nicht auch noch seinen haushalt planen muss. und dass die milch alle wird, wisse er schon seit dem wochenende. hat er vergessen, meint der luxus-mann. ich weise darauf hin, dass ich sehr viele lebensmittel ständig selber kaufe und mitbringe und dass das das mindeste ist, was ich erwarte, dass er sich gedanken macht, was er tun kann, damit ich mich wenigstens wohlfühle, während ich mich um seinen scheiß kümmere.

ich bin wirklich froh, wenn er nächste woche nicht da ist und ich in ruhe meine sache erledigen kann. und alleine in meinem bett schlafen kann, wo ich mir dann keine gedanken drum mache, ob das jetzt mit uns genauso endet wie bei meinen eltern: sexuelle tote hose und ansonsten ein lethargischer mann, um den ich mich kümmern muss wie um ein kleines kind, während er mir nicht zuhört und meine bedürfnisse ignoriert.



Dienstag, 1. Oktober 2019

alltagsmarionetten

die luxus-sippe so ein bisschen vor den kopf stoßen und mich aus dem patchwork-familienurlaub ausklinken. aber ich steh nun mal nicht auf kinder. und hab anderes, eigenes zu tun.

überhaupt bin ich gerade von der luxus-welt abgeturnt. langsam wird das alles standard. netflix an, sexualität aus. das neue blutdruckmedikament hat nicht mehr viel übrig gelassen von unserer schönen frivolen welt.

die katze schreit neuerdings nicht nur, wenn ich nachhause komme, sondern auch, wenn ich nur das zimmer verlasse. oder im zimmer nicht ausreichend oft das auf-den-schoß-runter-vom-schoß-spiel mitmache. oder fressi gebe, welches plötzlich alles nicht mehr gut genug zu sein scheint. nur trockenfutter ist noch akzeptabel, aber bitte ein ganz bestimmtes und das auch nur, wenn exakt eine schicht davon über dem boden des napfs liegt.

heute morgen entsprechend genervt gewesen und die kollegin ein bisschen doof angemacht. sie hat sich aber zugebenermaßen auch ein bisschen sehr doof angestellt.

in der psychiatrischen ambulanz die psychiaterin ein bisschen vollgeheult und gesagt, wie genervt ich davon bin, dass ich bei stress innerlich immer noch so superemotional ausraste, während dann ein anderer teil von mir eine enorme energie aufwenden muss, um die wogen zu glätten, bevor sie in unschöner form nach außen brechen. wie mich das tägliche theaterspielen ankotzt und ebenso all die billigen schausteller in meinem leben. wie ich das alles nicht ernst nehmen kann. und wie ich die intensität vermisse.
die psychiaterin nickt und lächelt und nickt verständnisvoll wie eine billige schaustellerin, die eine verständnisvolle psychiaterin mimt.

ausbrechen, frei sein, drogen nehmen, tanzen, die nacht durchmachen, sex mit fremden haben.
so verlockend das alles.
aber meist bin ich so genervt von der normalität, dass ich dann doch lieber schlafen gehe.


Sonntag, 29. September 2019

weiter mit musik

heute morgen werde ich gegen 7.30 uhr wach, weil über luxus-hausen krach ist. wie so oft renoviert der luxus-vermieter die wohnungen über uns am sonntag. ich ärgere mich erst ein bisschen, kann dann aber wieder einschlafen.

gegen halb elf uhr weckt mich der luxus-mann zum frühstück, dann brechen wir auf, weil der luxus-mann ins fitness-studio und ich nachhause will.

im treppenhaus begegnen wir dem vermieter.
"ich hoffe, ich hab euch nicht gestört heute morgen", sagt er.
"nö", sagt der luxus-mann. "wir wissen ja, dass du fast alles selber machst und dann ist das schon ok."
"bis weihnachten bin ich bestimmt durch mit der wohnung über euch", sagt der vermieter und erzählt ein bisschen dies und das, was er an arbeiten schon erledigt hat und was noch aussteht.
"kann ich mal gucken kommen", fragt der luxus-mann.
"na klar", sagt der vermieter und nimmt uns mit nach oben.

über uns sieht es schon richtig gut aus.
"da würde ich auch einziehen", meint der luxus-mann. "das bad ist ja super geworden."
"hier könnt ihr auch zu zweit einziehen", findet der vermieter.
"wir warten mal noch ein paar jährchen", sagt der luxus-mann. "die morphine ist ja gerade umgezogen in eine neue wohnung. da fehlt auch noch das eine oder andere."

der vermieter schaut mich an.
"kannst du vielleicht noch eine anlage brauchen? ich hab da noch so eine rumstehen. ist aber bestimmt vier oder fünf jahre alt."
"oh, die könnte ich mir durchaus mal anschauen. meine ist nämlich noch viel älter und funktioniert auch nicht mehr richtig", sage ich.
"ist aber nichts edles, glaub ich. wollte ich neulich schon für 20 oder 30€ bei ebay reinstellen."

der vermieter geht in seine wohnung und kommt dann mit kartons zurück, die noch eingeschweißt sind.
"die ist ja nagelneu", sage ich perplex.
"ja, ich hab die nie aufgebaut. ich wusste nicht so recht wohin damit, ich hab eigentlich auch schon eine, mit der ich sehr zufrieden bin. jetzt steht die schon ewigkeiten rum."
"das sieht aber interessant aus", beugt sich der luxus-mann über die kartons. "vor allem die boxen! das war doch richtig teuer."
"weiß nicht mehr genau, aber technik veraltet ja auch so schnell."

"was willste denn dafür haben", fragt der luxus-mann. "20 oder 30€ sind dafür doch viel zu wenig. das ding ist doch locker noch 100 bis 200€ wert."
"da will ich gar nichts dafür haben. hauptsache, ihr freut euch und ich bin das ding mal los!"
der luxus-mann windet sich.
"das ist mir aber unangenehm, dafür musst du doch was bekommen."
"das ist mir egal, wenns dir unangenehm ist, ich schenke die anlage ja nicht dir, sondern deiner freundin!"
"danke", stottere ich. "das ist wirklich enorm. ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll!"

der luxus-vermieter tätschelt mir die schulter.
"das ist schon ok. auf geld kommts bei mir wirklich nicht mehr an."
"also wenn du tatsächlich keine kohle dafür möchtest.... dann komm doch mal runter zu uns, dann koch ich was", sage ich.
"das klingt doch nett", findet der vermieter.

als wir zurück in der luxus-wohnung sind, meint der luxus-mann:
"was willste denn kochen, du weißt doch gar nicht, was der mag!"
"kann ihn ja fragen."
"das ist doch eine scheißidee."
"ich kann ihm auch einen blasen, wenn dir das lieber ist."
der luxus-mann kneift mich in den po.
"ich hab schon gemerkt, dass der dich mag! und jetzt los - google mal, was das ding wert ist."

bei amazon werden wir fündig - knapp 700€ kostet hier das gerät.
"alter", sage ich und bin ganz sprachlos.
"hast du ein schwein", meint der luxus-mann ein bisschen neidisch.
"unverhofft kommt oft", spreche ich das wort zum sonntag.

bald gibts in morphine-hausen also auch wieder musik.
so kann der winter kommen, finde ich.



Freitag, 27. September 2019

emanze, icke

am bahnsteig.
die türen der s-bahn piepsen und schließen sich.
ein kleiner typ in anzug stürmt die rolltreppe hoch und rennt volles karacho in mich rein, die ich da stehe, weil ich gerade latent geistesabwesend bin.

"blöde kuh", sagt er sehr aggressiv zu mir, weil er glaubt, es auf mich schieben zu können, dass er wegen seines miesen zeitmanagements nun seine bahn verpasst hat.

"kann ich was dafür, dass du mit deinen stummelbeinchen nich schneller bist, du dämlicher wichser?" kommt es da aus meinem mund.

ohne dass ich drüber nachgedacht hätte.

eine ganze gruppe leute dreht sich nach mir um, denn ich war nicht nur unflätig, sondern meine stimme war tief, fest und laut.
zornig.
für jeden in zehn meter umkreis zu hören, auch für die kinder.
kein weibchen-gepiepse.
kein "entschuldigung".
sondern schön zurückgebrettert.

und zwar erfolgreich.
denn der rempler guckt wie ein erschrecktes eichhörnchen und verpieselt sich schnell ans andere ende des bahnsteigs.

noch vor ein paar jahren wäre ich stumm geblieben und hätte mich tagelang schwarzgeärgert, weil ich so ein opfer bin. hätte in meiner fantasie den typ wiedergetroffen und ihn mit verschiedensten wohlüberlegten sprüchen belegt - natürlich nicht, ohne vorher geistig eine million mal eruiert zu haben, ob er mir deswegen vielleicht in die fresse hauen könnte und ob das das risiko dann wert ist.

aber das tat gut.
zu antworten, wie man(n) es für eine frau nicht erwartet.
wie es sich für eine frau nicht gehört.
denn frauen aus dem lehrbuch sind leise, höflich, dezent.
frauen fluchen nicht.
frauen sind nicht unflätig.
frauen flüstern vielleicht #metoo ins internet, aber sie bieten den typen nicht die stirn.

wahrscheinlich geht emanzipation ganz anders.
intellektueller.
dezenter.
leiser.
höflicher.

aber das ist mir gleich.
wenn ein furzkissen wie dieser anzugwichtel vor mir zuckt, bin ich exakt auf dem richtigen weg.

dusseldoof in düsseldorf

kommt hier eigentlich wer aus düsseldorf und hat am 24.11. zufällig langweile?

Donnerstag, 26. September 2019

kontrolletti

gefühlt hat der luxus-mann seine eifersucht inzwischen gut im griff. allenfalls betrunken wird er ab und an ausfällig. aber da er keinen wert auf weitere romantische abende mit einem notarzt hat, schränkt er seinen alkoholkonsum neuerdings ein und es verläuft alles recht friedlich.

manchmal aber weiß ich nicht so recht, welche fantasien sich so hinter der kühlen fassade verbergen.

gestern abend machte ich yoga. daher war ich eher knapp bekleidet, als es plötzlich und unerwartet an der tür klingelte. ich stutzte, dann fiel mir ein, dass es wahrscheinlich der wochenblatt-austräger ist oder ein paketbote mit paketen für die nachbarn. der soll ruhig mal woanders klingeln, fand ich. man muss ja nicht immer den depp für alle machen.

doch dann schellte es ein zweites mal. schon etwas eindringlicher. ich beschloss, mich nicht irritieren zu lassen. danach klingelte es ein drittes mal, und zwar sturm.

ich entknotete mich und richtete mich verwundert auf. da wusste offenbar jemand ganz genau, dass ich zuhause war. ich grübelte hektisch, ob ich jemanden eingeladen und die verabredung verpennt hatte. noch während ich überlegte, klopfte es an meiner wohnungstür - oder vielmehr, es hämmerte jemand wie besessen dagegen.

ich schlich leise zur tür und linste durch den spion, bereit, die polizei zu rufen und den eindringling in seine grenzen weisen zu lassen. doch da draußen stand nur der luxus-mann.
 ich dachte nicht lange nach und öffnete die tür:
"hey, was machstn du hier?! und wieso schlägst du die tür ein? was sollen denn die nachbarn denken!"

der luxus-mann starrte mich wortlos an, trug ich doch nur ein shirt und einen slip, war zerzaust und leicht verschwitzt. sein blick war leicht zu deuten: hab ich die alte endlich inflagranti erwischt!

der luxus-mann schob sich ohne eine begrüßung in die wohnung.
"na, wo haste ihn versteckt?"
ich musste kichern, da die situation so viel klischeehaftes hatte, obwohl ich auch beunruhigt war. schließlich hatte ich halbnackt die tür geöffnet und sah tatsächlich aus, als wäre ich gerade aus dem bett gekrochen. ich konnte nicht abschätzen, wie brenzlig die situation angesichts der luxus-paranoia für mich werden könnte.

der luxus-mann fackelte nicht lang. er schritt energisch ins schlafzimmer, machte den kleiderschrank auf und schob meine mäntel beiseite.
"du musst auch noch unterm bett nachgucken", half ich und grinste.
danach schaute sich der luxus-mann in den anderen zimmern um.

nachdem er in der wohnung nicht fündig geworden war, schaute er grimmig drein.
"vielleicht hab ich ihn schnell auf dem dachboden versteckt", warf ich in den raum.
der luxus-mann überlegte, entschied sich dann aber, die dachkammer doch nicht zu durchsuchen, um sich nicht komplett der lächerlichkeit preiszugeben.

"ich hab gerade yoga gemacht", sagte ich dann, um mich zu erklären.
"jaja! das würde ich auch behaupten!" sagte der luxus-mann. "wieso machst du dann die tür nicht auf?"
"weil ich gerade nicht so viel anhatte und dachte, es sei bloß der typ mit den wochenblättern."
"und warum gehst du nicht an die freisprechanlage?"
"weil ich gerade mitten in einer übung war. ich hatte niemanden eingeladen oder erwartet."
"ich sag dir mal, was du gemacht hast: du hast den typ versteckt und dann hier schnell zur tarnung deine yoga-mattte ausgebreitet!"
"und wo soll der typ jetzt sein? du träumst doch!"

ich konnte die situation nicht recht deuten. der luxus-mann ging an den kühlschrank, holte sich eine cola und setzte sich dann auf das sofa.
"warum haste denn nicht angerufen?" fragte ich.
"ich dachte, ich schau mal, was du so treibst. und nehm dich dann mit, abendbrot essen bei mir."
"das ist doch prinzipiell eine nette idee. aber kontrolllbesuche finde ich schon schräg."
"war ja wohl berechtigt!"
der luxus-mann funkelte mich an und ich wusste, er glaubte mir immer noch nicht ganz.

eine stunde später machten wir uns auf den weg. als ich das fahrrad aufsperrte, merkte ich, dass ich mein handy in der wohnung vergessen hatte.
"fuck, das handy liegt noch in der wohnung! bin gleich wieder da."
ich flitzte zurück nach oben, holte das handy und rannte dann wieder die treppe nach unten. da stand der luxus-mann unter der tür und linste ins treppenhaus.
"hast ihn jetzt rausgelassen?"
"ja klar, der hatte sich schon eingepullert, weil er so lange in seinem versteck ausharren musste", lachte ich.
der luxus-mann fand das alles nicht lustig.
"du machst dich immer verdächtiger", meinte er.

der rest des abends verlief seltsam, das abendessen angespannt. der luxus-mann gab sich cool, konnte seinen verdacht jedoch offenbar nicht abschütteln. auch ich weiß bis jetzt nicht, was ich von der kontroll-aktion halten soll.


Samstag, 21. September 2019

area 51

wie der geneigte leser weiß, versuche ich, den expandierenden stress und wabbel durch regelmäßige jogging-touren im schach zu halten. wie sie ebenso wissen, bin ich inzwischen im feudalen hamburger westen gelandet, wenn auch im eher linksökologischen und antikapitalistischen teil davon, der leidergottes wenig natur in unmittelbarer nähe bietet. nachdem ich von der schlechten luft und den vielen touris an der elbe sehr genervt war, dachte ich, ok, let´s go west. dort gibt es ja noch einige sehr hübsche parks, wo man sicherlich in ruhe seine runden drehen kann.

gesagt, getan. zunächst führte der weg über viel befahrene straßen und ich dachte mir, super, für den gesundheitlichen effekt hätte ich auch einfach eine schachtel zigaretten rauchen können. dann aber wurde es auf einmal unheimlich grün.

ab dem agate-lasch-weg dann begann area 51. die luft wurde so rein, dass es fast surrealistisch war. um mich herum nur noch dicke paläste mit mindestens 2 meter hohen zäunen, gesäumt von immensen grundstücken, in die man dank meterhoher, dichter hecken nicht hineinschauen konnte - fast so, als ob sich die reichen hier tief drin in ihrem herzen ihres reichtums schämten. die wenigen fenster, die zur straße zeigten, kunstvoll vergittert, die ästhetik macht hier auch bei der sicherheit keine kompromisse.

ich joggte meiner wege. hier gab es keine supermärkte, keine kneipen, keine öffentlichen parkplätze. es gab nicht mal menschen auf den straßen - so, als hätte man menschen aus area 51 vollständig verbannt. das einzige, was mir in regelmäßigen abständen begegnete, war der ein oder andere blitzweiße suv mit geschwärzten scheiben. es war seltsam und fast ein wenig gruselig. eine spukhafte, gar nicht mal so ferne fernrealität, wie sie einstein seinerzeit nicht wahrhaben wollte.

nach einer weile tauchte ein park vor mir auf und ich wähnte mich am ziel. ich bog auf den weg ab und wunderte mich: alles vergittert. durfte man diesen park etwa nur betreten, wenn man anwohner von area 51 war? gab es einen geheimen privilegierten-code? ich linste durch das gitter und sah plötzlich einen einsamen weißhaarigen alten herrn mit einem gefährt, das ich als golf-caddy identifizieren konnte. ich war also gar nicht im park, sondern falsch abgebogen und bei einem golfplatz gelandet.

google maps sagte mir, dass der park gleich um die ecke liegen müsste und endlich, endlich, kam ich an. auch hier gab es eisengitter am eingang, doch man kam ungehindert hinein. ein junger hundebesitzer in feinstem zwirn hielt mir sehr höflich und eilfertig die türe auf und ließ mich in meinen schäbigen tchibo-laufklamotten passieren.

drinnen war es einfach nur schön. alte bäume und verschlungene wege, ein teich, und bis auf einige hundebesitzer und ältere paare vollkommene einsamkeit. keine orientalischen familien, die auf der wiese grillten, kein spielplatz mit schreienden kindern, keine anderen jogger, radfahrer oder familienausflügler. ich nahm die kopfhörer ab. es war nahezu still - ein zustand, den man in dieser stadt sehr selten findet. am liebsten hätte ich ein zelt aufgeschlagen und wäre geblieben in diesem kleinen reservat mit den distinguierten menschen.

auf dem rückweg durch die leeren straßen fragte ich mich, was bewohner von area 51 an einem abend wie diesem wohl so in ihrem paralleluniversum machen. traf man sich in einem der paläste zur konversation über die neusten alarmanlagen, verabredete man sich für den nächsten tag zum golf im gitterpark oder wagte man sich auch mal in die minderprivilegierte welt, um in einer kneipe zu sitzen und wie in einem zoo menschen aus dem ottonormalo-universum zu beobachten?

die kluft zum durchschnittbürger musste für area 51-bewohner jedenfalls ähnlich tief sein wie für hartzer aus mümmelmannsberg - nur umgekehrt. nie zuvor war mir so bewusst geworden, wie kapitalismus zur gettoisierung in großstädten führt. ob man nun gewinner oder verlierer des systems war - die abgeschiedenheit und einsamkeit dürfte ähnlich groß sein, ob man sie nun als solche empfindet oder nicht.

"da wo du früher gewohnt hast, gibts doch auch viele villen und so", sagte der luxus-mann später zu mir.
"ja, aber das war halt die ein oder andere straße an der alster. drumherum waren doch auch viele einfache mehrfamilienhäuser und einkaufsmöglichkeiten und ganz normale kneipen. aber das... das ist wie eine komplett andere welt. so völlig abgekapselt. kein wunder, dass sich gesellschaftsschichten so total entfremden. ich finde das schade. und ungesund."
"die leute wollen das so. die wollen sich abkapseln und sich wichtiger, cooler und sonstwas fühlen. meine ex beispielsweise wollte auch immer so schick wohnen", erzählte der luxus-mann. "nachdem meine tochter auf der welt war, hat sie immer gedrängt, dass ich in so einer gegend ein haus kaufe. aber ich finde es nicht gut, wenn kinder so aufwachsen. dann werden die nachher bloß arschgeigen, die andere rumkommandieren. also meinte  ich zu meiner ex, dann kauf ich mir lieber nen maserati. da hat sie angefangen zu sagen, dass sie mich hasst."

"mir musst du kein haus kaufen. wir nehmen später einfach das von deinen eltern", sagte ich.
"dafür musste aber noch viele jahre meinen schwanz lutschen", grinste der luxus-mann. "aufs land zieh ich erst, wenn ich uralt bin."
"egal. hauptsache, wir haben dann hühner. und katzen und hunde und vielleicht ein paar schafe."
"und eine eule auf dem speicher, so wie in meiner kindheit."
"klappt doch ganz gut mit unserer zukunftsplanung jenseits von area 51."
"schauen wir mal."

Sonntag, 15. September 2019

nightlife reloaded

da der luxus-mann aushäusig weilt, begebe ich mich nach langer zeit mal wieder alleine auf tour. das fühlt sich etwas komisch an, fast so, als hätte ich das irgendwie ein bisschen verlernt. als ich ankomme, brauche ich erstmal einen drink, um die nervosität abzulegen.

ich gehe in den raucherraum und treffe dort v. mit seiner neuen freundin. während die ex eine dumme zickenkuh war, die v. regelmäßig versetzte und betrog und so seine depressionen noch verschlimmerte, scheint die neue das totale gegenteil zu sein. fröhlich und warmherzig begrüßt sie mich wie eine alte bekannte. dann stellen wir fest, dass wir nur wenige hundert meter voneinander entfernt wohnen.
"guter fang", sage ich zu v., der vollkommen gelöst und glücklich auf mich wirkt. "ich freu mich wirklich sehr für dich!"
"wurde ja auch mal zeit", meint v. "nach all den miesen jahren mit k.!"

"lustig, dass man immer noch ein paar von den alten leuten hier rumspringen sieht", sage ich.
"einige von denen, die sonst immer hier waren, habe ich aber schon ewig nicht mehr gesehen", erwidert v. "dein objekt beispielsweise hab ich schon jahre nicht mehr getroffen."
"der wird auch leider nie mehr tanzen gehen", antworte ich.
"wie? warum das denn?"
dann erzähle ich v. die ganze traurige geschichte.

"unfassbar", sagt v., der ganz blass geworden ist. "hast du ihn denn mal wiedergesehen?"
"ich besuche ihn öfter mal, wenn mich seine freundin lässt. aber es ist natürlich nicht mehr derselbe mensch. obwohl wir uns immer noch extrem gut verstehen und er für mich ein sehr wichtiger freund ist."
"ich weiß noch, ich hab ihn mal in altona auf der straße getroffen, da gings mir gar nicht gut. er hat das irgendwie sofort gemerkt und mir ganz geschickt fragen gestellt, sodass ich irgendwann echt ins erzählen kam... dabei waren wir ja nicht näher befreundet. aber das konnte der sehr gut... dieses in-die-menschen-reinhorchen und sie zum reden zu bringen. er hat mir dann auch ein paar sachen gesagt, die ich sehr klug fand und über die ich lange nachgedacht habe."
"das ist seine gabe. die hat er auch immer noch. er kann einem sehr das gefühl geben, absolut willkommen und angenommen zu sein. das habe ich bei niemandem anders jemals sonst in dieser form empfunden."

da v.s freundin am tag drauf auf ein seminar fährt, machen sich die beiden gegen halb drei vom acker. ich gehe zunächst ein bisschen tanzen, dann mache ich es mir auf einem barhocker gemütlich, rauche eine zigarette und ordere noch einen gin tonic.

plötzlich steht ein junge mit schirmmütze vor mir. ich will eigentlich wegschauen, da ich schirmmützen allein schon so dämlich finde, dass mich der darunter befindliche kopf normalerweise auch nicht interessiert. doch beim wegschauen bleibe ich kurz in den blauen augen hängen, am blonden bart und an den weichen, vollen lippen, die mich etwas an das objekt erinnern.

"hallo", sagt die mütze. "darf ich dir vielleicht noch ein getränk ausgeben?"
"ähm, du, hör mal... ich hab nen freund", sage ich. "also wir können uns sehr gerne ein bisschen unterhalten, aber ich dachte, ich sag dir das jetzt gleich mal. nicht, dass du dich nachher um deinen invest betrogen fühlst."
"oh", sagt die mütze lächelnd, "das ist aber schade. aber einen drink können wir doch trotzdem gern zusammen nehmen?"
"natürlich."

die mütze ist richtig süß. fünf jahre jünger als ich, ein nicht-berliner aus berlin zu besuch in hh. wir verstehen uns überraschend gut, und für einen moment denke ich, wäre ich jetzt single, hätte ich nichts dagegen, ein wenig herumzuknutschen.

gegen vier will die mütze aufbrechen und drängt mich, noch mit auf eine andere party zu kommen. ich passe und fahre lieber nachhause, wo ich um halb fünf erschöpft in die federn krieche, bis um 7:17 uhr die erste luxus-nachricht des sonntags auf meinem handy plingt:
was macht meine frau?
schlafen, tippe ich zurück.
musst du dich von mir erholen, will der luxus-mann wissen.
so ähnlich, schreibe ich zurück. du weißt ja, was ausschlafen betrifft, haben wir nicht dieselbe definition.

ich habe eigentlich viel lust, von meinem abend und der mütze zu erzählen, unterlasse es aber lieber erstmal. aus der ferne gibt es sonst nur wieder streit.
vielleicht erzähle ich es demnächst aber dem objekt.
und bis dahin erstmal diesem blog.




Donnerstag, 12. September 2019

undsoweiterundsofort

john neumeier ballett - immer wieder ein (sommernachts)traum. ja, ich bin immer noch partygirl oder vielmehr party-omma, aber kultur kann ich halt auch. und dem puck hätt ich auch gern auf den arsch geklatscht. obwohl es schon kinky war, dem oberon-elfenkönig dabei zuzusehen.

das zweite wochenende in folge strohwitwe. hallo hamburg. ich bin die frau, die derzeit verwirrt durch altona schleicht und nicht so recht weiß, was sie mit sich anfangen soll. zum trost gibts erdbeer-milchshake von der bekannten fastfood-kette. wenigstens nicht so viel alk. abends verkrümle ich mich dann nach luxus-hausen und atme den luxus-duft, der im kopfkissen steckt.

weil die frühere objekt-wohnung nur einen katzensprung von meiner aktuellen entfernt ist, laufe ich da nun öfter mal vorbei. jedesmal brennen sich die tränen durch die augenlider. nicht nur aus trauer. sondern auch, weil das objekt und ich uns immer noch kennen, aller widrigkeiten zum trotz. das ist so unfassbar wunderbar, dass ich es kaum glauben kann. das hat magie und bringt meine kleine seele mächtig in aufruhr. genau das ist die intensität, die ich brauche.

ansonsten viel typo3. ich baue und bastle. gründlich sein und frickeln liegt mir jedenfalls. das kann ich acht stunden, ohne auf die uhr zu gucken.

und sie so?



Donnerstag, 5. September 2019

der hausgeist

seit einigen wochen passieren ab und an merkwürdige dinge in luxus-hausen. das licht im flur geht nachts an und aus, ohne dass jemand den schalter berührt. ebenso der fernseher. wir nennen das phänomen liebevoll den "hausgeist".

vor ein paar tagen erzählt der luxus-mann, dass er nachts von geräuschen aufgewacht sei:
"das war ein ganz lautes klacken, mehrmals in abständen hintereinander, und es kam aus der küche. und du kennst mich ja, ich glaub nicht an irgendwelchen religiösen quatsch oder geister-scheiß, aber ich hab mich total gegruselt. es fühlte sich an, als wäre da jemand in der wohnung, aber jetzt nicht so n einbrecher oder so."
"bist du nachgucken gegangen?"
"nee", gesteht der luxus-mann. "das war mega gruselig, ich hab die bettdecke über den kopf gezogen und gehofft, dass das weggeht."
am nächsten morgen habe er dann in der küche nachgeschaut, ob etwas im kühlschrank  oder in einem der regale umgekippt oder abgestürzt sei, doch alles war ganz normal.

als ich den luxus-mann gestern besuche, ist er ganz gerädert, denn er hat abermals schlecht geschlafen.
"du wirst es nicht glauben, aber mitten in der nacht geht hier auf einmal die heiztherme an", berichtet er. "ich hab mich tierisch erschreckt, denn wenn die hochfährt, piept die ganz laut."
der luxus-mann schwört, er habe die therme nicht angefasst und auch nicht an der waschmaschine hantiert, die sich neben der therme befindet.
"danach musste ich aufstehen, um die heizung wieder auszuschalten, da hatte ich wieder dieses grusel-gefühl. ich konnte dann ewig nicht mehr einschlafen."
"klingt fast, als hättest du hier wirklich nen geist", lache ich.

abends liegen wir im bett und lauschen ins dunkel.
"irgendwie finde ich das gerade ein bisschen unheimlich hier", sage ich. "nach allem, was du mir erzählt hast. und das mit dem licht und dem fernsehen hab ich ja selber schon so oft miterlebt. ich dachte halt, da hantiert jemand in der nachbarwohnung mit ner fernbedienung und erwischt ab und an unsere frequenz. aber so alles in allem ist das schon recht sonderbar."
"ich glaub ja eigentlich überhaupt nicht an sowas, aber so langsam... weiß ich nicht", gibt der luxus-mann zu.
"naja, ist ne alte wohnung... hier sind wahrscheinlich auch schon leute drin gestorben. vielleicht..."
"hör auf! da will ich jetzt gar nicht dran denken, sonst kann ich wieder nicht schlafen!"

irgendwann muss der luxus-mann dann aber doch eingeschlafen sein, denn ich erwache von seinem schnarchen. doch außer dem schnarchen ist da noch ein weiteres geräusch. wasserprasseln, denke ich, und überlege kurz, ob es draußen regnet. doch ich bin so im halbschlaf, dass ich gleich wieder weiterpenne.

heute morgen beim zähneputzen entdeckt der luxus-mann dann eine wasserlache in der badewanne.
"oh fuck, meine dusche tropft", ärgert er sich. "und nicht zu knapp, wie das aussieht. muss ich mal dem vermieter bescheid geben."
"da lief heute nacht das wasser", sage ich.
"quatsch", meint der luxus-mann. "so n duschkopf tropft eben manchmal."
"doch, ich bin davon aufgewacht. das hat richtig geprasselt, so wie regen. oder wie wenn da jemand duscht. guck mal, da neben der wanne ist auch wasser!"

in der tat schwimmt auch unter dem badezimmerregal ein pfütze - so, als wäre die wanne undicht oder als habe es von der decke geregnet.
"jetzt wirds aber wirklich merkwürdig!", findet der luxus-mann. "muss ich denn nun nen klempner oder nen exorzisten rufen?"

wie auch immer - wir finden, unser hausgeist muss dringend über die themen strom- und wasserverschwendung aufgeklärt werden. sonst wird das künftig nichts mehr mit der friedlichen koexistenz.


Montag, 2. September 2019

herzklopfen mal anders

gegen 22 uhr klingelt das telefon und der luxus-mann ist dran.
"mir is ganz komisch. ich glaub, ich hab schüttelfrost."
ich bin total verblüfft, denn wenige stunden zuvor war ich noch in luxus-hausen und der mann putzmunter.
"schüttelfrost?! hast du wieder magendarm?"
"nee, ist glaub ich kreislauf oder so. kann das sein? mir gehts irgendwie nicht gut, das macht mir jetzt sorgen. kannst du mir sagen, was das ist?"
"öhm. warte mal."

ich google schnell kreislaufprobleme und schüttelfrost, bekomme aber keine ergebnisse. dann mir fällt ein, dass ich sowas manchmal nach zu vielen energy drinks habe. koffein-schock oder so.
ich rufe den mann zurück.

"hast du heute vielleicht zu viel kaffee getrunken? nachdem wir ja die ganze nacht unterwegs waren und kaum gepennt haben?"
der luxus-mann überlegt.
"hm, das kann sein."
mir fällt auf, dass er nicht richtig sprechen kann. seine zähne schlagen aufeinander.
"das muss ja ein heftiger schüttelfrost sein. leg dich mal besser hin."
"hab ich schon. mir ist ganz kalt, ich liege unter zwei decken."
"und trink mal was. also keine cola, sondern wasser. in kleinen schlucken, damit dir nicht schlecht wird."

"wird das irgendwie n bisschen besser jetzt?" will ich nach ein paar minuten wissen.
"nee. eher schlimmer", meint der luxus-mann. "ich kann meine beine und arme nicht mehr richtig steuern, das zittert alles und verkrampft sich."
"sicher, dass das kreislauf ist?" bin ich misstrauisch, denn das passt in meinen augen irgendwie alles nicht zusammen. "kannst du mal deinen blutdruck messen?"
"ok, ich ruf dich gleich wieder an."

"205 zu 148", vermeldet der luxus-mann kurze zeit später.
"alter!" sage ich entsetzt.
"zu hoch, ne", ächzt mein mann.
"aber hallo", sage ich.
"krass, dass der blutdruck jetzt so hochschießt. das war doch noch nie. ist das wegen dem schüttelfrost?"
"ich glaub nicht, dass das schüttelfrost ist. vielleicht zitterst du, weil dein blutdruck so hoch ist."
"meinst du? aber wär mir dann nicht zu heiß?"
"ich bin keine ärztin, aber ich glaub, ich ruf mal besser einen an."
"nee, lass mal. ich bleib einfach liegen, das wird schon besser werden."

kaum hat der luxus-mann aufgelegt, wähle ich die rufnummer des ärztlichen notdienstes. fragen wird ja wohl erlaubt sein, denke ich mir. wenigstens sollten mir die sagen können, ob ich abwarten kann oder einen krankenwagen rufen muss.

beim notdienst geht eine resolute frauenstimme ran.
"205 zu 148!" ruft sie, als ich die symptome und die werte geschildert habe. "ich gebe das gleich an unseren arzt weiter, der kommt vorbei."
"ähm, brauchen wir den denn? mein freund weiß nämlich gar nicht, dass ich sie jetzt angerufen habe... ich wollte eigentlich nur kurz wissen..."
"geben sie mir mal seine nummer!" unterbricht mich die frau sehr bestimmt. dann legt sie gleich auf, um den luxus-mann anzuklingeln.

ich warte zehn minuten, dann rufe ich erneut in luxus-hausen an. hoffentlich ist er nicht sauer, denke ich, denn mehr als ärzte hasst der luxus-mann nur hysterie und übertriebene aktionen.
"ähm, du, ich hab da jetzt beim notdienst angerufen... und das hat so ein bisschen eigendynamik bekommen, als ich sagte, wie hoch dein blutdruck ist... da kommt jetzt jedenfalls gleich ein arzt..."
"ich weiß", stammelt der luxus-mann. "und hoffentlich beeilt der sich!"

das ist so untypisch für den luxus-mann, dass ich weiß, es ist wirklich ernst.
"ich komm rum", sage ich und springe schnell in jeans und pulli."mach doch schon mal die tür auf. nicht, dass du uns hier gleich ohnmächtig wirst und wir dann nicht mehr in deinen hochsicherheitstrakt kommen."
"gute idee", sagt der luxus-mann schwach.

als ich eintreffe, stehen schon zwei rettungswagen vor der tür. drinnen sind sechs mann zugange und verdrahten den luxus-mann mit einem ekg, während der arzt wissen will, ob er trinkt, drogen eingeworfen oder irgendwelche medikamente genommen bzw. nicht genommen hat. dann bekommt er ein spray, das den blutdruck runterfahren soll.

"170 zu 110", notiert der arzt zufrieden nach einer weile. "das ekg sieht gut aus, mit dem herzen ist alles in ordnung, da haben sie glück."
"was war das denn jetzt", fragt der luxus-mann, dessen kopf so rot aussieht, als würde er gleich explodieren.
"das kommt vom bestehenden bluthochdruck", meint der arzt. "das kann durchaus mal passieren, vor allem, wenn dann noch stressfaktoren dazu kommen wie seelische oder körperliche belastung, zu viel alkohol... oder wie jetzt so ein wetterumschwung... dann kommt es zur hypertensiven krise und solchen anfällen."

"und jetzt?" frage ich.
"legen wir ihm einen zugang und nehmen ihn mit zur beobachtung ins krankenhaus", antwortet der arzt.
"zugang?!" echot der luxus-mann und will sich von der couch aufrappeln. "warum das denn? das will ich nicht."
"damit wir ihnen eine infusion geben können."
"nee nee! keinen zugang! und ich will auch in kein krankenhaus."

der arzt sieht mich fragend an. ich zucke die achseln und rolle die augen.
"also, wenn ihre freundin bei ihnen bleibt, müssen sie nicht unbedingt ins krankenhaus", sagt er dann zögerlich. "auch, wenn es wirklich besser wäre! aber allein bleiben dürfen sie jetzt auf keinen fall."
"komm, jetzt sei nicht so blöd", stupse ich den luxus-mann an, doch der bleibt stur.
der arzt guckt ungeduldig. 
"na gut, ich bleibe da", erkläre ich mich dann einverstanden. "was muss ich denn im ernstfall machen?"
"112 rufen", sagt der arzt."ob er dann will oder nicht, damit ist nämlich nicht zu spaßen. und morgen früh soll er sich gleich bei seinem hausarzt melden. der bluthochdruck muss behandelt werden."
er drückt mir einen arztbrief und den wisch mit den ekg-aufzeichnungen in die hand, verabschiedet sich und zieht mit seiner truppe von dannen.

"alter", ächzt der luxus-mann und sinkt wieder zurück auf die couch. "danke."
"dafür nich", sage ich und setze mich zu ihm. "wie isses denn jetzt?"
"schon viel besser. aber ich glaub, ich kann noch nicht schlafen, ich bin noch ganz aufgedreht."
"kein wunder."

erst weit nach ein uhr kuscheln wir uns ins bett.
"mir tut alles weh, auch die brust", klagt der luxus-mann.
"wenn das alles so gekrampft hat."
"davon wirds wohl kommen... komisch, was so ein körper manchmal macht! das war echt unheimlich!"
"ich hab dir ja immer gesagt, dein blutdruck ist nicht ganz ok."
"ich glaube ja, du killst mich", sieht mich der luxus-mann liebevoll an.
"meinst du."
"ja. wundert mich, dass das nicht beim ficken passiert ist."
"vielleicht nächstes mal."
der luxus-mann kneift mich.
"nix nächstes mal! das will ich nie wieder erleben!"

jetzt schauen wir mal, wie es weitergeht und was der hausarzt spricht.

Freitag, 30. August 2019

auf achse

als ich das objekt heute besuche, wirkt es sehr viel fideler als beim letzten mal. es betont, dass es ihm gut geht - und so sieht es auch aus: volle und für seinen blassen teint recht rosige wangen.
"wollen wir heute wieder rausgehen", frage ich, und das objekt ist sofort dabei.
ich lasse es fix in den rollstuhl verfrachten, dann kann es losgehen.

"willst du fahren oder soll ich schieben?" frage ich.
"schieben!" sagt das objekt und lehnt sich entspannt zurück, während ich das durchaus nicht ganz steigungsfreie gelände bewältigen muss.
"puh, sag mal, bist du schwerer geworden", hake ich nach, als ich den kleinen abhang vor dem eingang hochrolle.
"weißnich", nuschelt das objekt und grinst sich einen, weil ich mich so abrackere. ich muss spontan an früher denken, als es immer sagte: "es ist so schön, wenn du dir so viel mühe gibst."

als wir wieder drinnen sind, begegnen wir meinem lieblingspfleger, der auch gleich heraneilt und mir hilft, das objekt aus dem rollstuhl zu heben und ins bett zurückzupacken.
"hat er dir schon erzählt, was er die letzte zeit gemacht hat?" fragt der pfleger.
"nee, was denn?"
"der ist hier ständig unterwegs mit dem rolli! neulich war der schon fast im nachbardorf, da krieg ich nen anruf und muss ihn wieder einsammeln, weil er im kopfsteinpflaster steckengeblieben ist!"
der pfleger lacht. ich mag ihn dafür, denn jeder andere wäre ob der situation wahrscheinlich weniger amüsiert gewesen.

"ich werte das mal als gutes zeichen", sage ich.
"jo", meint der pfleger. "schau dir mal seine arme an, der hat echt muckis gekriegt. aber faul ist der!"
er fixiert das objekt, das frech grinst.
"weißt du, wie er hier die kollegen verarscht? der kann sich nämlich ausgezeichnet selber im bett bewegen, aber er lässt sich immer bedienen! ich glaube, das genießt der!"
der pfleger knufft das objekt und macht high five mit ihm.
"mich hat er eben auch schön den rolli anschieben lassen", sage ich.

kurz darauf ist der pfleger wieder weg und ich schiebe uns eine dvd rein. dann setze ich mich zum objekt ins bett und kuschle mich an.
"schöööön", seufzt es, drückt meine hand und gibt mir einen kuss.
da rieche ich es. 
das objekt duftet nach objekt.
"du, das ist doch dein duft", sage ich und schnuppere noch mal an brust und hals.
"ja", strahlt das objekt. "das... ist... mein... parfum."
"das von früher, oder?"
"ja. genau... das."

als ich später im bad stehe, entdecke ich die kleine schwarze dose mit dem cremeparfum darin. das hat das objekt also offenbar einfliegen lassen. 1000 erinnerungen für mich.

nach zweieinhalb stunden mache ich mich auf den heimweg. als ich in den bus richtung bahnhof steigen will, steht ein beagle an der tür, der freudig auf mich zuwuselt, bis sein frauchen, eine feine ältere dame, an der leine zieht:
"ansgar, komm mal her."
"ansgar ist aber ein hübscher", sage ich, denn beagles finde ich fast immer toll.
ansgar kommt wieder zu mir rübergetappert, schnuppert und lässt sich streicheln.
"jaja, und tut immer so, als würde er zuhause nie angefasst!" schmunzelt die dame.
"meine katze ist genauso, kaum sitzt man, wird sich hingeworfen und der bauch hochgereckt."

leider steigen ansgar und sein frauchen schon vor dem bahnhof aus. ich bin der letzte mohikaner im dorf-bus und der busfahrer dreht balkanmukke auf. die sonne scheint durch das seitenfenster auf mich, und noch immer kann ich den objektduft an mir riechen. er wird mich heute in den schlaf begleiten.




Mittwoch, 28. August 2019

oh du widerliche

am überseeboulevard, einen künstlich angelegten kapitalisten-brennpunkt in unserer mehr oder minder schönen stadt, hat jetzt ein nutella pop-up-café eröffnet. fortan kann man hier krebserregenden, arterienverstopfenden süßkram schlemmen, für den der regenwald gerodet wird. da sitzen nun die klima-brandbeschleuniger mit kackbraun verschmierten gier-fressen und empören sich vermutlich, dass die brände im amazonas immer noch nicht gelöscht werden konnten.

ich schreibe unter den event-post auf facebook: esst, aber bitte vermehrt euch nicht.
niemand versteht, was ich meine.
 wahrscheinlich hat das nutella schon die hirnwindungen verklebt.

"es ist einfach pervers, wie billig milch verramscht wird", sagt der luxus-mann, als wir wieder mal über milchwirtschaft und milchhof-sterben diskutieren. später gehen wir bei budni durch die reihen und ich nehme bio-milch für 1,69 € mit. da meint er :
"bist du nicht ganz dicht? die ist doch viel zu teuer! warum kaufst du die nicht bei lidl? da kostet die fast nen euro weniger!"

"du bist das beste beispiel dafür, wie konsum funktioniert", sage ich später. "du spielst den großen gerechten und willst dann selbst alles nur billo, und davon möglichst viel."
"stimmt doch gar nicht", wehrt sich der luxus-mann.
"du gehst du doch nicht mal zu edeka, aus angst, nicht den günstigen discount-preis zu bekommen!"
"ich geh nur nicht zu edeka, weil man da so schlecht parken kann!"
"siehst du! du fährst in deiner faulheit sogar mit dem auto einkaufen, anstatt einfach mal das rad zu nehmen! und jetzt sag mir bitte nicht, dass du für deinen ein-personen-haushalt so tierisch viele getränke oder anderen sperrig-schweren kram kaufst!"

der luxus-mann schweigt und meint dann:
"die welt ist doch sowieso nicht mehr zu retten."
"sagt der, der zwei kinder auf diesen planeten gesetzt hat", zeige ich ihm den vogel.

manchmal hätte ich gern einen satelliten für mich. von dort würde ich mit großer zufriedenheit beobachten, wie die menschheit alles und dann zuletzt sich selbst vernichtet.

vielleicht überleben ein paar käfer oder ratten oder zumindest bärtierchen. also so alles, was intelligenter ist als wir.


Samstag, 24. August 2019

ein fischkopp in franken

als wir am wochenende bei meinen eltern ankommen, bin ich aufgeregt. zum einen freue ich mich tierisch. während der luxus-mann angestrengt aufs navi starrt, zeige ich nach hier und da und kann den mund nicht halten:
"guck mal! da habe ich mal gewohnt! und guck mal, da war früher mein bäcker! und das da war meine stammkneipe!"

der luxus-mann grinst:
"man könnte meinen, du warst 20 jahre nicht hier."
"das ist halt heimat-fieber. ich bin immer wieder extrem gern hier... hier sind menschen, die mir sehr wichtig sind... es gibt so viel natur und gute luft... nicht so viele assis und schickis..."
"das denkst du nur! wenn du wieder hier leben würdest, wärst du bestimmt nach drei wochen total frustriert!"
"das gras auf der anderen seite ist immer grüner, das weiß ich schon. aber ich freu mich trotzdem extrem, hier zu sein."

anderseits bin ich nervös. ich hoffe, dass der luxus-mann seine scharfe zunge im zaum halten kann und keine abfälligen bemerkungen meinen eltern gegenüber macht. anderseits fürchte ich, dass sich meine eltern ebenfalls lächerlich machen könnten - durch übertriebene gastfreundlichkeit, deplatzierten pseudo-humor oder schlichtweg durch ihre eigenartigkeit.

der empfang ist entsprechend angespannt. meine mutter steht unter der tür und grinst, als habe man ihr zwei haken durch die mundwinkel getrieben und dann an den ohren aufgehängt. mein vater steht da wie ein versteinerter wachposten und beäugt misstrauisch das luxus-einparkmanöver.

dann betritt mein mann in seiner nüchtern-kühlen art das haus, schüttelt hände und nennt seinen namen. meine mutter überfällt ihn sofort mit fragen, wie war die fahrt, willst du was trinken oder was essen, brauchst du handtücher, und wartet keine antworten ab. mein vater nuschelt unverständliches wie immer, wenn meine mutter redet, was dazu führt, dass ihn niemand versteht - am wenigstens der luxus-mann, den der fränkische zungenschlag ohnehin vor große herausforderungen stellt. als er mich deswegen verlegen am ärmel zupft, versichere ich ihm, dass dies nicht an seiner latenten schwerhörigkeit liegt, sondern dass seine vorgänger damit ebenfalls ihre schwierigkeiten hatten.

ich kann die situation zunächst überhaupt nicht einschätzen. also nehme ich meine eltern in die arme wie eine mutter ihre verstörten kinder, versuche, fröhlichkeit und unbeschwertheit auszustrahlen und bremse meine vor gastfreundschaft hyperventilierende mutter, damit sie keinen herzinfarkt bekommt.

es wird etwas besser, nachdem alle gegessen haben und alkohol in rauen mengen fließt. da kommt der luxus-mann in sein element und wird etwas redseliger. die nervösen unechten lacher meiner mutter werden authentischer, und auch mein versteinerter vater entspannt sich ein wenig und nimmt am gespräch teil anstatt es etwas von oben herab zu kommentieren, wie es seine art ist.

trotzdem bin ich froh, als wir uns gegen 22 uhr mit vorgetäuschter müdigkeit gen dachgeschoss-gästezimmer verabschieden. hier dürfen wir uns auf der uralten 70er-jahre auszieh-couch ausstrecken.
"warum schmeißen deine eltern all diese scheußlichen alten möbel eigentlich nicht auf den sperrmüll", will der luxus-mann wissen.
"ich denke mal, dass sie davon ausgehen, dass sich eine neuanschaffung ohnehin nicht mehr lohnt."
"trotzdem kann man den alten krempel doch wegschmeißen, das bleibt doch sonst alles mal an dir hängen! das müssen die doch bedenken!"
ich schüttle den kopf:
"mir graut auch schon davor, dieses haus mal auszuräumen."

dann liegen wir mit offenem fenster da.
"hör mal", sage ich.
"was denn", fragt der luxus-mann.
"nichts."
"wie nichts?"
"genau. man hört nichts. in hamburg ist es immer laut. hier ist stille. ist das nicht wunderbar?"
"ich höre nur meinen tinnitus."
dann schnarcht der luxus-mann auch schon.

die folgenden tage bummeln wir durch die stadt, besichtigen alte gemäuer und treffen uns mit freunden. zweimal fahren wir in die fränkische schweiz, um zu wandern und burgen zu besichtigen. ich genieße jede sekunde. ob es dem luxus-mann gefällt, kann ich schwer ausmachen, denn wie immer drückt er allenfalls sein missfallen aus. dies kommt allerdings recht selten vor, sodass ich davon ausgehe, dass dieser kleine urlaub keine vollkatastrophe für ihn ist. einziges hindernis ist wieder mal sein knie, das schmerzt und ausgedehnte ausflüge vereitelt.

am fünften tag machen wir uns auf den weg richtung norden. wir wollen eine nacht in würzburg verbringen und dann noch luxus-freunde in kassel besuchen.

als ich mit gepackten koffern im flur stehe und missmutig gucke, fragt mich der luxus-mann:
"na, biste heute eine grummel-frau?"
"fällt mir nie leicht, wieder zu fahren. und die paar tage konnte ich mich gar nicht richtig um meine eltern kümmern."
"ach was. du hast die computerprobleme für deinen vater gelöst und wir saßen fast jeden abend mit denen rum und haben total nett wein getrunken!"
"trotzdem. ich hab so meine orte, die ich immer besuche, das habe ich dieses mal nicht gemacht."
"du kommst ja wieder."
"wer weiß, ob dann noch alles so ist? ob alle noch leben und gesund sind?"
"das risiko haste immer."
"das risiko ist hier ziemlich hoch. guck dir meinen vater an."
"ja, der ist wirklich in einer ganz schlechten verfassung! alleine wie der geht! meiner ist 14 jahre älter und sehr viel fitter. geht deiner denn nie mal raus? wenigstens einmal am tag spazieren oder so?"
"nee. vielleicht einmal pro woche und auch nur, wenn meine mutter ihn zwingt."
"und reisen? deine eltern haben doch genug geld."
"will er auch nicht. also nicht mal so innerhalb deutschlands, höchstens innerhalb bayerns. meine mutter würde mich glaub ich schon gern mal besuchen. aber mein vater meint immer, wenn ihm was passiert, kennt er in hamburg keinen arzt."
"so ein schwachsinn."
"ja. aber was soll ich machen?"
"da kannste nichts machen. muss jeder wissen, wie er leben will."

während der luxus-mann draußen das auto belädt, erwischt mich meine mutter alleine in der küche.
sie umarmt mich ganz fest und meint dann:
"also ich mag den!"
ich bin erleichterter als ich gedacht hätte.
"echt? obwohl der ja eher introvertiert ist?"
"finde ich gar nicht. der ist lustig und intelligent und strahlt so eine angenehme ruhe aus. und hübsch ist er, und so außergewöhnlich sieht er aus."
"wegen der haare und so?"
"ja. gefällt mir."
"frag mal seine mutter, die jammert jedesmal und löchert ihn, wann er sich endlich mal eine ordentliche kurzhaarfrisur macht", lache ich.
"jedenfalls wünsche ich euch, dass ihr noch ganz lange miteinander glücklich seid."
"gibt nicht viel, was dagegen spricht."
"auch die eifersucht nicht?"
"hat er einigermaßen im griff. ist nicht ganz weg, aber belastet die beziehung eigentlich kaum mehr."

als ich in den wagen steige, stehen meine eltern an der haustür und winken.
"heult deine mutter jetzt?" will der luxus-mann wissen.
"kann sein, passiert manchmal, ich hoffe aber nicht."
doch da kommt mir der zufall zur hilfe, denn plötzlich kommt ein nachbar angeradelt, grüßt und verwickelt meine eltern in ein gespräch.
ablenkung im entscheidenden moment ist alles.

erst auf der autobahn macht sich mein eigener  abschiedsschmerz bemerkbar und frisst sich wie ein kleiner säurekrater in meine brust. ich sehe meinen mann von der seite an, sein markantes profil, die langen blonden haare, die immer etwas strenge miene. er bemerkt meinen blick und tätschelt mein bein.
"die kleine sentimentale frau!"
"mach dich nur lustig."
"mach ich gar nicht. ich kanns mir schon vorstellen, auch wenn ich das eben so nicht kenne."

erst in würzburg lässt die scharfe traurigkeit nach, um sich dann mit jedem kilometer nordwärts weiter zu verflüchtigen. in hamburg dann empfangen uns großstadtlärm, abgas-gestank und assis - und alles ist fast wie immer.

Donnerstag, 15. August 2019

der schwiegersohn

am wochenende ist es soweit. nachdem ich bei den luxus-eltern schon seit langem offiziell eingeführt bin, wird der luxus-mann nun endlich meine eltern kennen lernen.

meine eltern haben den luxus-mann bislang nur auf fotos gesehen. "der schaut aus wie ein richtig guter ficker", meinte meine mutter in ihrer direkten art. 
immerhin ein standpunkt. mein vater sagte bislang nichts.

"was isst der so, was trinkt der gern", löchert mich meine mutter seit tagen und kauft schon mal prophylaktisch den feinkost-stadl leer. sie freut sich sehr auf "ihren schwiegersohn", wie sie ihn nennt, obwohl wir nicht vorhaben zu heiraten. ich muss sie bremsen, damit sie nicht für eine halbe stadt kocht und backt.

mein vater ist skeptischer. nachdem wir beschlossen haben, ganze vier tage in meinem elternhaus zu nächtigen, ruft er regelmäßig an, um mich auf hotels in der umgebung aufmerksam zu machen.
"wenn du nicht möchtest, dass wir übernachten, musst du das bitte einfach sagen", ermahne ich ihn immer wieder. "wir wollen uns nicht aufdrängen."
nein, nein, heißt es dann, das sei ihm eigentlich egal. die betonung liegt auf eigentlich.

mein cousin, den uns ebenfalls für einen abend zu sich eingeladen hat, bietet uns bereitwillig eine übernachtungsalternative bei sich, falls es ungemütlich werden sollte. zu letzten not haben wir noch ein luftbett im kofferraum - "dann zelten wir im garten", meinte der luxus-mann.

ich selbst bin mindestens so aufgeregt wie meine eltern zusammen und hoffe, dass der luxus-mann nicht dauernd laut pupst, rülpst und auch nicht besoffen irgendwo hinreihert. "ich möchte, dass du dich unbedingt zusammenreißt, was kommentare über das haus, die kleidung oder sonstwas bei meinen eltern angeht", fordere ich vom luxus-mann. "du musst das nicht toll finden, aber wir sind da zu gast. die würden sich das unheimlich zu herzen nehmen, und du hast ja auch so eine bauernhaft-unmögliche art, dinge zu kritisieren."

der luxus-mann selbst hat eher bedenken, wegen seiner altpunk-frisur oder seiner freizeitbekleidung anzuecken, denn das ist jedesmal das große thema bei seinen eltern. "das ist meinen eltern wurscht, wie du rumläufst", beruhige ich ihm. "mein vater hat nur noch jogging- oder schlafanzüge an, seit er in rente ist, der sagt dazu nix. naja, und meine mutter... die steht zwar auf gepflegt, aber die weiß ja auch, dass wir im urlaub sind."

jedenfalls: die stimmungssuppe kocht. wie sie schmeckt, wird man dann sehen.

Montag, 12. August 2019

ebb & flow

erst die zornige sturmflut
mit dreckig schäumenden wellen
später dann im watt der verzweiflung
allein unter gestrandeten gefühlen.

(ich habe nun leichte pathos-gänsehaut, ich halte es lieber mit der prosa. aber wie der mann gern sagt, "wat rutt mutt, mutt rutt.")

Donnerstag, 8. August 2019

die schlafenden schmetterlinge

wenn ich das objekt heute betrachte, muss ich seine schönheit immer erst suchen.

denn die offensichtliche schönheit, von der es einst so überreichlich hatte, ist vergangen. die hünenhafte erscheinung, die prächtige mähne, der dichte bart - all das gibt es nicht mehr.

seine eigentliche schönheit ist aber nicht vergangen. sie hat sich schlichtweg ganz in seine seele zurückgezogen. und blitzt zeitweise auf in seinem lachen oder in einem zärtlichen blick, der mich streift.

dann zuckt einer der schlafenden schmetterlinge in meiner magengrube mit seinen fühlern.
jedes mal.
immer noch.

aber keiner wird kommen, um sie zu wecken.

und es gibt die momente, in denen sie vergessen, darauf zu warten.

Sonntag, 28. Juli 2019

freischwimmer

"ich bin ein hydrophiles wesen." das ist ein objekt-zitat, das aber ebenso gut auf mich zutrifft. ich schwimme extrem gern und ziemlich ausdauernd, wenn auch recht einfallslos in brusttechnik. es geht mir wie beim laufen nicht um leistung, sondern um den meditativen effekt: der moment, in dem der körper ohne nachzudenken arbeitet und der geist frei wird.

da der luxus-mann weniger schwimmaffin ist und kaum mehr als 300 meter schafft, gehe ich lieber alleine ins freibad. diesen freitagmorgen kommt man gut rein, vermutlich weil es windig ist und viele helikopter-eltern angst haben, dass sich alexander-maximilian oder mathilda-hildegard einen schnupfen holen könnte. der rest der stadt ist auf arbeit oder im urlaub, die assis liegen noch im bett, kurzum, wunderbarste leere.

ich hab den arsch noch nicht im wasser, als eine kinderstimme meine namen ruft.
ich schaue dumm: es ist die luxus-tochter, die gerade für den freischwimmer übt.

irgendwie finden mich die kinder meiner partner meistens gut. das war schon bei der tochter meiner ersten großen liebe und auch beim objekt-sohnemann so. und obwohl ich die luxus-tochter bei aktivitäten zu dritt weitgehend ignoriere und ihren vater machen lasse, habe ich einen stein im brett bei ihr.

auch heute ruft sie gleich ihre all freundinnen herbei, um mich vorzustellen. ich sage fünf oder sechs mädchen und drei, vier begleit-muttis hallo, die alle neugierig fragen, in welchem verhältnis ich denn zur luxus-tochter stehe. aha, soso, die freundin vom papa, wollt ihr denn heiraten, und willst du auch ein kind, nein, wieso denn nicht, aber hach, das wär doch schön.

die luxus-tochter fordert wie immer aufmerksamkeit, und mangels vater will sie die nun von mir. sie taucht gefühlte 243 mal für mich 1,80 m tief und springt weitere 139873 mal vom einmeterbrett. nach einer halben ewigkeit dann kann ich endlich selbst wassern und mein pensum absolvieren.

abends, also ich meine erschöpft brennenden arme auf der sofalehne platziere und mir einen drink einverleibe, ruft mich der luxus-mann an, der natürlich schon von der begegnung erfahren hat.
"sie hat mich gefragt, ob du mal mit ihr schwimmen gehst, weil du so toll schwimmen kannst", haut er dann raus.
"du verarschst mich, wir haben doch noch nie vorher alleine zu zweit was gemacht", erwidere ich.
"doch, doch! ich war auch ganz erstaunt. allerdings fände ich das selber gar nicht schlecht, weil du bist die bessere schwimmerin von uns beiden, da lernt sie noch was."
"ich geh aber nicht alleine mit ihr. die sache mit der verantwortung und so, die übernehme ich nicht, das ist nicht mein shit. wenn dann was passiert, ist schicht im schacht, auch zwischen uns, weil du mir dann die schuld geben würdest."

nun haben wir uns also darauf geeinigt, dass wir kommende woche zu dritt für einen tag ans meer fahren, so das wetter mitspielt.

ich harre der dinge mit spannung. eigentlich habe ich am meer ja ganz gern meine ruhe.  "aber manchmal suche ich das eine und finde das andere."
damit schließe ich mit einem weiteren objekt-zitat, das ich ebenfalls sehr klug und zutreffend finde.

Freitag, 26. Juli 2019

und immer der exzess

es geht mir nicht so gut.
ich merke es an meiner aggressivität, dem enormen schlafbedürfnis und dem verstärkten suchtverhalten. der exzess wiederum erschöpft mich, stellt mich vor neue probleme.

exzess bedeutet wörtlich soviel wie "herausgehen". ich lebe den exzess vielleicht, weil ich nie gelernt habe, aus mir herauszugehen.

manchmal träume ich, dass ich in einem raum mit vielen sich unterhaltenden menschen bin. wenn ich etwas sagen möchte, ist meine stimme so leise, dass niemand bemerkt, dass ich spreche. irgendwann werde ich wütend, schreie, aber auch das beeindruckt niemanden.

ich bin mir ein rätsel, nach wie vor.
mit dem exzess feiere ich die sieben siegel, die mich einschließen.
und drehe die schreie drinnen leise.





Donnerstag, 25. Juli 2019

okapi

habe ich schon mal erwähnt, dass ich leute hasse, die laut lachen?
oder die auf offener straße laut musik hören?
oder die sonstwie laut sind?
oder einfach menschen = arschlöcher sind?

ja, so ist das.
fuck all off.

ich zieh in den wald.

Mittwoch, 24. Juli 2019

verrückter sommer

"was für ein verrückter sommer", seufzt meine mutter ins telefon.
"nein, das ist nicht verrückt", erwidere ich. "das ist logisch. das ist die logische konsequenz unseres jahrzehntelangen unverantwortlichen umgangs mit der erde."
"das glaub ich nicht", sagt meine mutter. "das weiß man doch gar nicht."
"doch, das weiß man. das will man nur nicht wahrhaben. und nur weil die schlimmsten konsequenzen jenseits unserer vorstellungskraft liegen, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht eintreten werden. und all das wesentlich schneller als du denkst."

meine eltern ist der klimawandel egal. sie sind alt und wohlhabend. es ist ein bisschen heiß? dann installieren wir halt eine klimaanlage, ist ja auch alles wohneigentum.

ich warte.
ich warte darauf, dass nichts passiert. weil tatsachen heruntergespielt und bequemlichkeiten in den vordergrund gestellt werden.
das ist dann wirklich verrückt.
aber genau so wird es kommen.

ich lebe in diesen sommern, die wahrscheinlich noch erträglichsten der kommenden jahre und jahrzehnte sein werden, meinen abschied von der welt, in der ich aufgewachsen bin.
unsere kinder werden dieses paradies nicht mehr kennen lernen.

Donnerstag, 18. Juli 2019

bußgeld for future

viele leute halten mich grundsätzlich für eine vollidiotin, weil ich zu denjenigen gehöre, die noch nicht mal lässig an einem bettler vorbeispazieren können, ohne ihm ein paar groschen in die mütze zu werfen. keine ahnung, woher ich das habe, meine eltern haben mich so nicht erzogen, ich bitte also um entschuldigung und mache es kurz:

während unsere politiker für ihre bornierte untätigkeit in sachen klimaschutz, bezahlbares wohnen, grundrente usw. dicke diäten aus unseren steuerngeldern kassieren, hat auch das verletzen der schulpflicht im rahmen von fridays for future einen preis: 88,50 € bezahlen eltern von streikenden schülern, die sich für eine bessere welt einsetzen.

das mag ihnen vielleicht nicht viel erscheinen, führt aber sicherlich dazu, dass die geringverdiener unter den elterlichen fridays-for-future-unterstützern wohl oder übel ihre kinder vom einsatz für einen lebenswerten planeten erde abziehen müssen. ich selbst kenne noch zeiten, in denen mich eine rechnung über diesen betrag in mittelschwere verzweiflung gestürzt hätte. rechtmäßige behördliche anordnung oder geschickte methode, um eine gruppe von menschen mundtot zu machen - es läuft am ende auf dasselbe hinaus.

ich will hier gar keine diskussionen darüber schüren, ob fridays for future sinn macht oder eine nur eine bequeme ausrede zum versäumen von unterricht ist. jeder hat eine meinung dazu und darf sie gern für sich behalten. wer jedoch dafür ist und die bewegung unterstützen möchte, kann hier spenden.

https://www.gls.de/privatkunden/fuer-mut-und-klimaschutz/

Samstag, 13. Juli 2019

arbeiten, warten, sterben - jobperspektiven im 21. jahrhundert

seien wir mal ehrlich: arbeit ist für die meisten von uns ein notwendiges übel mit dem einzigen sinn und zweck, kohle zu scheffeln. ideal ist es, wenn das für ein sache passiert, bei der man innerlich nicht total abkotzt, und das auf eine weise, die irgendwie erträglich ist.

ich bin in der glücklichen lage, dass es bei mir genau so ist. mein job bringt die nötige kohle, nicht mehr und nicht weniger, man lässt mich überwiegend in ruhe und auch wenn ich die sache, für die ich arbeite, nicht unterstütze, finde ich sie theoretisch zumindest interessant. ich habe nicht den willen, die welt zu verändern oder das sogar mit meinem job zu tun. weil ich weiß: das wäre narzisstischer bullshit, der zu nichts als zu einem burnout führt. ich bin also ein gut geöltes rädchen im getriebe und drehe mich eher gemächlich, denn alles andere wäre energieverschwendung.

für den luxus-mann ist es leichter - und auch wieder nicht. sein job bringt zwar sehr viel mehr kohle, was ihm ein recht komfortables leben ermöglicht. trotzdem hasst er seine branche und den aufgeblasenen vorstands- und verwaltungsapparat seiner firma mit inbrunst. zufrieden ist er nur, wenn es ihm gelingt, in seinen augen dämliche oder sinnlose projekte zu boykottieren und seine kollegen aus dem vertrieb auflaufen zu lassen, indem er ihnen die finanziellen grundlagen entzieht. obwohl er deshalb viele feinde hat, traut sich niemand, ihm etwas entgegenzusetzen.
"nö, mach ich nicht, steht so nicht in meinem arbeitsvertrag", sagt er gern, wenn jemand auf ihn zukommt. wahlweise: "wenn sie das so wollen, dann kümmern sie sich doch selber drum."
"und dafür kriegst du keinen ärger", frage ich manchmal.
"nö", sagt der luxus-mann. "die wissen, wenn sie mich rausschmeißen, bekomme ich so viel abfindung - das wäre nichts, womit man mich auch nur ansatzweise bestrafen könnte."

grundsätzlich findet der luxus-mann seinen job als belastend, da er seines erachtens dazu beiträgt, leute zu verarschen und sie um ihr geld zu bringen. weil er ein großes gerechtigkeitsempfinden hat, stört ihn das massiv. sein ziel ist es deshalb, überhaupt nicht mehr arbeiten zu müssen - natürlich ohne seinen hohen lebensstandard einzuschränken. also arbeitet er auch in seiner freizeit, allerdings für sich selbst. da er dafür extreme risiken an der börse eingeht, klappt das nicht immer so wie gewünscht, was wieder neues frustprotenzial birgt.

"was würdest du denn gern machen, also was wäre eine arbeit, die du als erfüllend empfinden könntest?" frage ich ihn oft.
"ich würde gern die finanziellen mittel für eine organisation erwirtschaften, die walfänger abschlachtet. also denen boote und waffen kaufen, mit denen sie dann die walfänger-schiffe versenken können."
"umweltschutz? dann werde doch das finanzgenie von greenpeace oder so."
"da hab ich mich tatsächlich mal beworben. aber die zahlen zu wenig, da hätte ich diese wohnung nicht halten können, nicht mit dem unterhalt für die kinder."

"und du, was würdest du machen, wenn du es dir aussuchen könntest?" will der luxus-mann dann von mir wissen.
"wenn es kein ehrenamt wäre und genug kohle brächte, würde ich gern sterbebegleitung machen. ich meine, darum gehts ja doch letztlich im leben. das würde für mich sinn machen."

trotz allem sind wir mit dem konzept working for the week-end nicht unzufrieden. sicherlich auch mangels anderweitiger größerer ziele wie weltreisen, häuslebauen oder nachwuchsplanung. ein bisschen kunst, ein bisschen kultur und immer wieder nachtleben. und warten. darauf, das was passiert. oder vergeht. und in der zwischenzeit natürlich gut ficken.

wozu war der mensch auf der welt? zum sterben. und was hieß das? rumhängen und warten. (...)
aber trouble und schmerzen, das hielt den mensch am leben. oder der versuch, beidem aus dem weg zu gehen.

charles bukowski