Sonntag, 31. Mai 2026

5:05 uhr

zunächst denke ich, ich träume. aber nein, das festnetz-telefon in luxus-hausen klingelt tatsächlich. bis ich meine schlaftrunkenheit abschüttle und klarer werde, hat sich der luxus-mann schon aufgesetzt und linst richtung uhr: es ist 5:05 uhr.
 
"da hat sich sicherlich jemand verwählt", sagt der mann.
 ich habe plötzlich ein ganz komisches gefühl. 
"sollen wir nicht schauen, wer das war?" frage ich.
 
 doch da klingelt das telefon erneut und der luxus-mann hechtet zum hörer.
"ja", sagt er, hört dann ein weilchen zu, und meint schließlich "nein, das macht keinen sinn, außerdem hab ich gerade gar kein auto. ich komm morgen, mit der bahn."
danach legt er auf, schaut in mein fragendes gesicht und sagt: "das war meine mutter. papa ist tot."
 
"oh", sage ich furchtbar kommunikationsstark. "das tut mir leid."
"naja, ist besser so. war nur noch quälerei, so die letzten wochen und monate. eigentlich hat er nur noch geschlafen."
"und wie geht´s deiner mutter jetzt damit?"
"sie war ganz gefasst. so beim erzählen hat sie ein bisschen gestockt, da kamen ihr wohl die tränen, aber dann war sie wieder normal."
 
"und jetzt?" frage ich.
"die fahren gleich alle ins krankenhaus, um meinen vater noch mal zu sehen und sich zu verabschieden."
"möchtest du da nicht mit?"
"hat mich meine mutter auch gefragt. aber was hab ich davon? ich will meinen vater lieber lebend in erinnerung behalten."
"naja, vielleicht geht´s gerade gar nicht so sehr darum, was dir das bringt. sondern darum, dass deine familie dich gerne dabei hätte."
"hm. aber das auto ist in der werkstatt, und mit öffis... ich glaub, sonntags fahren da nicht mal busse raus."
 
das luxus-handy klingelt.
"oh nein, mein bruder", sagt er. "der muss sich jetzt wieder aufspielen."
die unterhaltung ist barsch und schnell beendet.
"wasn los?" will ich wissen, als der luxus-mann aufgelegt hat. 
"der spinner meint, er muss mir moralisch kommen", regt sich der mann auf. "er hat die ganze kohle meiner eltern bekommen, und er hatte dafür die aufgabe, sich um meinen vater zu kümmern - und jetzt behauptet er, ich müsse mitkommen und die beerdigung und den ganzen scheiß regeln!"
"das ist jetzt ein eher ungünstiger zeitpunkt, um dinge aufzurechnen", finde ich. "und vielleicht ist dein bruder ja der joker. ruf den noch mal an und frag, ob er dich mit dem auto an der bahn abholt. dann brauchst du keinen bus - und dein bruder hat einen grund weniger, sich weiter aufzuregen." 
 
fünf minuten später haben sich die wogen geglättet - und der luxus-mann hat einen abholservice am bahnhof. 
"na los", sage ich. "in 16 minuten fährt eine s-bahn, die schaffst du, wenn du dich beeilst."
"willst du mit?" fragt der luxus-mann.
"wenn du möchtest, begleite ich dich. aber ich denke, so ein abschiednehmen im krankenhaus ist nichts für den großen kreis. das ist meiner erfahrung nach so für die engsten angehörigen. da wäre ich vermutlich eher deplatziert."
"ja, stimmt, das ist wahrscheinlich so. fährst du dann zu dir?"
"ja. ich muss noch einiges für morgen organisieren."
"ok."
 dann springt der mann in seine stiefel und eilt richtung s-bahn von dannen.
 
ich selbst bleibe noch eine weile im bett, kuschle mich in die kissen und beobachte, wie sich die morgensonne durch die schwarzen schweren vorhänge zwängt. wieder ist mir bewusst, dass ein solcher anruf bald auch für mich kommen wird - und dass er mich tief treffen wird. doch ich weiß, ich kann dieses schmerzvolle ereignis nicht vermeiden, ich kann nur versuchen, elegant zu fallen.
 
irgendwann schüttle ich die trüben gedanken ab, stehe auf und putze zähne. dann schwinge mich aufs rad und mache mich auf den weg in den anbrechenden tag.  
 

 

Montag, 18. Mai 2026

in glitzergewittern

als ausgehmüde couchkartoffeln schlagen wir uns bekanntlich nur noch selten die nächte um die ohren. doch kürzlich verkündete ein luxus-kumpel, es gäbe eine neue tanzveranstaltung in der innenstadt - initiiert von einem dj einer uns bekannten subkulturellen party-reihe. 
"das muss der aus dem fundbureau sein", meinte der luxus-mann ganz angetan. "das war da doch immer richtig gut, da gehen wir mal hin!" 

gesagt, getan: am freitagabend warfen wir uns in schale, um das neue ausgeh-event zu testen. ich pappte mir kontaktlinsen auf die vertrockneten augäpfel und holte seit langem wieder mal den kajal raus. mit linsen und geschminkt hatte ich ungefähr zwei bis drei stunden, bis das große jucken einsetzen und ich mir augenreibend den lidstrich großflächig im gesicht verteilen würde. aber das war mir die sache wert - und ich fand mein spiegelbild ausnahmsweise mal ganz erträglich. 

wir nahmen die bahn zum hauptbahnhof. dort angekommen stolperten wir ein weilchen desorientiert herum, bis wir unter zuhilfenahme von google maps endlich vor der gesuchten adresse standen.

"das ist es nicht", behauptete ich. "das kann es nicht sein."
"doch doch", entgegnete der luxus-kumpel.
"aber guck mal, die leute, die da vor der tür stehen und rauchen. die sehen aus wie meine eltern." ich zeigte auf eine ältere lady mit eleganter seidenbluse, goldschmuck und perlenohrringen, die sich mit ihrem glatzköpfigen, leicht gebrechlich wirkenden begleiter im karohemd unterhielt. "wir sind hier garantiert falsch, das ist wahrscheinlich irgendeine privatveranstaltung, ein 70. geburtstag oder so!"

doch das plakat an der tür sollte mich lügen strafen. es war tatächlich die party, auf die wir wollten. der luxus-mann öffnete todesmutig die tür. es drang uns fröhliche 80er-jahre-discomusik entgegen. 
"na los, rein jetzt da", sagte er.

ich sah mich frappiert um. die location war winzig und komplett in gold und mit wandpailletten ausgekleidet. das stroboskop verwandelte alles in ein fürchterliches glitzergewitter mit dem potenzial, epileptische anfälle auszulösen. 
 
"15 euro!", sagte die resolute türfrau mit rauer whiskey-stimme zu mir. 
ich zog den luxus-mann am ärmel: "das ist voll klein und total gruselig glitzerig hier. und 15 euro für so banale discomusik und 70-jähriges publikum, das seh ich nicht ein."
"jetzt sind wir schon da", sagte mein mann. "vielleicht gibt´s ja getränkebons dazu oder sowas."
selbstredend gab es keine getränkebons oder sowas, aber man knöpfte uns noch mal 2,50 € für die garderobe ab. 
 
der luxus-mann orderte bier für sich und seinen kumpel. ich zwängte mich zwischen zwei opis durch und bestellte eine cola. das matronenhafte faltengebirge hinter dem tresen ignorierte mich geflissentlich und polierte weiter an einem glas herum. ich musste warten, bis sich ihr vielbeschäftiger kollege dazu herabließ, mich zu bedienen. ein greiser zwerg mit gewisser dieter-bohlen-ähnlichkeit, bekleidet mit einem viel zu engem weißen hoodie, skinnyjeans und albernem baseball-käppi, ging derweil auf tuchfühlung mit mir und bot mir seinen schnaps an. ich lehnte dankend ab. 
 
nachdem ich endlich meine cola ergattert hatte, arbeitete ich mich zurück durch den funkel-alptraum zu meinem anhang. 
"na, ist hier jemand nach deinen geschmack dabei", wollte der luxus-mann wissen. "du stehst doch auf so daddys." 
"gerade wollte mir so ne mumie in skinnyjeans und baseball-käppi seinen schnaps aufdrängen", berichtete ich. "der war locker 25 jahre älter als ich."
"ich finde ja die frau da vorn mit dem jeanskleid ganz attraktiv. obwohl die glaub ich auch schon älter ist." 
"einige frauen hier haben tatsächlich denselben style wie meine mutter."
"find ich nicht schlimm, überhaupt nicht. peinlich finde ich eher die opas, die sich in so klamotten für 18-jährige zwängen."
"so wie der typ, der mich eben angequatscht hat."
"hat er sein käppi etwa auch noch falschrum getragen?"
"jupp, wie so ein checker aus der klasse deiner tochter. echt fürchterlich."
 
tatsächlich schien die party das reinste senioren-dating-abenteuer. ich merkte, wie ich angestiert wurde. ein plauziger vier-männer-trupp mit pullis über den schultern und bömmelschuhen schaute dauernd zu mir und schenkte mir anerkennende blicke. ich guckte rasch zu boden. bloß keine ermutigenden signale senden! 
 
mittlerweile hatte der luxus-mann einen in der krone und begann, krude spekulationen über das wer-mit-wem-und-warum aufzustellen und falsch 80er-jahre-hits zu raten. ich langweilte mich - und auch der luxus-kumpel, der ausgeherlebnisse gerne zur partnersuche nutzte, wirkte desillusioniert.
 
"lass mal nachhause", sagte ich irgendwann. "ich fühl mich wie auf nem bingo-abend im pflegeheim, und die musik ist nicht ansatzweise wie im fundbureau."
"spinnst du, der bums hier hat mit garderobe fast 20 € eintritt gekostet, da geh ich doch nicht schon nach anderthalb stunden!" entgegnete der luxus-mann. "die musik nervt zwar ein bisschen, aber so schlimm isses nun auch wieder nicht."
"lebenszeitverschwendung", sagte ich. "dann bleib du doch noch und gib mir den schlüssel. dann geh ich schon mal zu bett."
"nicht dein ernst."
"mein voller. wobei ich heute ausnahmsweise mal sagen kann, ich bin zu jung für den scheiß."
 
zuhause legte ich mich ins bett und guckte noch eine doku über quantenfluktuationen. gegen zwei uhr dann hörte ich die bekannten schweren schritte im treppenhaus, die mir sagten, dass der luxus-mann noch ordentlich getankt hatte. 
 
"ischhab mich noch mit so einer frau unterhalten", lallte mein mann, als er sich zu mir ins bett fallen ließ.
"und, war die hot?"
"nä! aber die hättch habn könn! die waaa... willich."
"und hätteste die gewollt?"
"nä! viel zu alt!"
"wie alt denn?"
"fast so alt wiech!" 
ich grinste: "nächstes mal gehen wir in eine kiddie-location, da kannst dann auch einen auf notgeilen opi machen und an 25-jährigen herumbaggern." 
"nää... lass mal... dasis doch peinlich. und ichab ja dich", sagte der luxus-mann ungewohnt zärtlich. "was meinsu... sollch mich noch... ankuscheln, mach dich das glücklich?"
"nee, du hast ne krasse fahne. lass mal."
"na gut... grummel-frau." 
 
der luxus-mann drehte sich um und schnarchte nahezu sofort los. ich hingegen lag noch eine ganze weile wach, bevor ich wegdämmerte, um von gleisenden glitzergewittern und paarungswilligen opas in teenie-klamotten zu träumen. 
 

 

Mittwoch, 6. Mai 2026

es hat sich ausgewalt

der gestrandete wal war ein gefundenes fressen für viele. nicht nur für fischbrötchenfresser und andere teilzeittierschützer, sondern auch für afd-getreue und alle selbstinszenierer, die dem wahnsinn anheim gefallen waren, mit allmachtsfantasien und allerhand anderen numinosen kräften ein spektakuläres last-minute-wunder fabrizieren zu können. 

was bleibt? ernüchternde langeweile. der kranke und geschwächte wal verwest vermutlich irgendwo auf dem grund der nordsee - und die klickzahlen der wal-zauberer sinken wieder. es wird zeit, das wutbürgertum wieder auf andere themen zu fokussieren, um dem überbordernden ego wieder lebensraum im osten, äh im alltag, zu verschaffen.

Sonntag, 26. April 2026

fenster zur welt

wie sich der samstag gefühlt endlos vor mir ausstreckt, in seiner störgeräuschdurchzogenen leere: ein mann, der auf dem parkplatz herumschreit, hunde, die kläffen, blechlawinen, die rollen. die menschliche welt erreicht mich wie ein leise gedrehter film, der nichts mit mir zu tun hat, den ich weitgehend ausblende.

erst zum einbruch der dunkelheit verlasse ich das haus und begebe mich auf meine wege, durch hinterhöfe, am angrenzenden industriegebiet vorbei richtung kleingärten. nachttiere begleiten mich: fledermäuse, ein marder, insekten, die in den lichtern der laternen tanzen. 

mein ziel ist einer der umliegenden kleinen friedhöfe, wo ich dann auf einer bank sitze und in den nachthimmel schaue, in dieses faszinierende fenster zum universum. was hier in der dunklen stille erlebbar wird, ist die unbestimmtheit aller existenz, ihr bestehen in unendlichen wahrscheinlichkeiten, bei zunehmender entropie. gut möglich, dass zeit und raum nur messergebnisse beschränkter wahrnehmung sind und ein jeder teil eines viel größeren, ganzen, wenn auch vermutlich nur zufälligen und mechanischen ist, oder vielleicht auch einer simulation. 

all das relativiert die eigene bedeutung, die bedeutung des anderen, des hier und jetzt bis nahezu an den nullpunkt. 

was habe ich ein leben lang einen tieferen sinn gesucht, um ihn heute in der sinnlosigkeit, im relativen zu finden. manchmal sträubt sich das herz dagegen, weil es in dieser erkenntnis wenig trost findet, weil es sich um die idee der liebe betrogen fühlt. aber es genießt seinen platz am fenster zum dasein in seiner unergründlichkeit. 


 

Sonntag, 19. April 2026

pharmazeutisches wunder

der luxus-mann liegt seit drei tagen mit grippe im bett und kann nur matt ins telefon krächzen.
"ich hab so schlimme gliederschmerzen", klagt er. "meine beine fühlen sich an wie bei einem ganz argen muskelkater. nicht mal ibu hilft!"
"nimm doch einfach mal magnesium", rate ich. "das entspannt vielleicht ein bisschen."
"das ist eine gute idee", findet der mann. 
 
am nächsten tag rufe ich an und will das ergebnis meiner ärztlichen beratung evaluieren.
"das war super", berichtet der mann. "ich hab das zeug genommen und so eine halbe stunde später ging es mir schon besser, die beine waren total entspannt. und schlafen konnte ich! ich war gleich weg und hab fast ohne unterbrechung gepennt, nicht wie sonst immer, wo ich um halb vier uhr ewig wachliege. ich fühle mich richtig erholt."
"prima", sage ich. "ich hätte dir ja prinzipiell geraten, statt deiner budni-brausetabletten eine von meinen hochdosierten magnesium-pillen für die nacht zu nehmen. aber ich glaube, da sind keine mehr."
"doch, doch", sagt der luxus-mann. "genau so eine hab ich genommen. die aus der schachtel im küchenschrank. da stand 'magnesium 500 für die nacht' drauf."
 
nun bin ich verblüfft: 
"echt, in der schachtel war noch magnesium? weil... eigentlich habe ich da zuletzt nur ein paar blister psychopharmaka gelagert."
"da sind PSYCHOPHARMAKA in der schachtel, auf der magnesium steht?!" 
die luxus-stimme ist gleich eine oktave höher.
"ja, ich wollte das zeug nicht so offen rumfliegen lassen", erwidere ich. "und die schachtel war ja leer, also hab ich sie da rein getan."
"hab ich gestern dann etwa deine PSYCHOPHARMAKA genommen?"
"ähem... war die tablette eher klein?"
"ja." 
"dann könnte das sein. schau doch mal nach und sag mir, was hinten auf dem blister steht."
 
der luxus-mann lässt das handy fallen und rennt in die küche. im hintergrund höre ich, wie er den schrank öffnet und in der schachtel kramt.
"da steht trazodon drauf", sagt er. 
"dann war es kein magnesium", kichere ich. "wie viel hast du genommen?"
"eine tablette."
"eine ganze?"
"ja."
"das erklärt, warum du so entspannt warst und so wahnsinnig gut geschlafen hast."
 
der luxus-mann seufzt. 
"ich sag ja immer, irgendwann bringst du mich um."
"ach komm. eine tablette davon schadet nicht. und dass es deinen beinen damit besser ging... das ist sogar ein recht überraschender erfolg. hätte ich nicht mit gerechnet, hättest du mich vorher gefragt."
"aber das geht nicht, dass du irgendwelche mörderpillen in magnesiumschachteln lagerst und ich die dann versehentlich schlucke!"
 
und so kam es, dass der luxus-mann unfreiwillig sein erstes mal auf antidepressiva erlebte - und diese offenbar super gegen gliederschmerzen helfen. auf jeden fall ein neuer off-label-use, würde ich sagen!