Samstag, 1. August 2020

ambivalenzen

im job läuft es nicht. das unternehmen steht in den roten zahlen. 
und ich liebäugle. 
mit anderen jobs. mit anderen städten.

mit anderen männern.

denn auch die beziehung finde ich so lala.
lieblos und anstrengend statt erfüllend. 

das schema nicht-hinhören und nicht-beachten treibt mich in die unsichtbarkeit. wir machen daher fast nur das, was ihm gefällt. maule ich deswegen im nachinein, heißt es: du musst halt auch mal was sagen! 

muss ich denn immer sagen: ich bin traurig, so traurig, dass ich das haus nicht verlassen möchte?
um dann wie immer ein "warum das denn" zu hören, obwohl der luxus-mann jetzt seit 4,5 jahren um meine erkrankung weiß?

ständig muss ich die dinge von neuem erklären. mich ewigkeiten lang rechtfertigen für meine biologisch bedingte empfindlichkeit und melancholie.
die er dann für grundlos erklärt. also haben sie nicht da zu sein. also kann ich doch so funktionieren wie er es braucht.

ich werde mich wieder deutschlandweit bewerben. und sollte mich das schicksal dann wegführen, nehme ich das als göttlichen wink.





Sonntag, 26. Juli 2020

don´t feed the people!

es klingelt an der tür. draußen steht eine blonde studentin, die trotz corona noch einen job bei einem bekannten kinderhilfswerk ergattert hat. als klinkenputzerin. 

sie macht den job erstaunlich gut. in meiner firma helfen wir ja auch kranken kindern kostenlos, um unser image zu polieren. daher checkt sie schnell, dass sie mir nicht lange und dramaturgisch untermalt folgeerscheinungen von hunger bei säuglingen erklären muss. sehr sympathisch soweit.

ich bin prinzipiell gegen spendenabos, das mache ich ihr gleich klar, dazu hab ich nämlich schon zu viele im tierschutz. aber weil das projekt ganz clever klingt, erkläre ich mich spontan zu einer einmaligen unterstützung bereit.

als ich die tür wieder schließe, merke ich, dass ich mir mal wieder selbst auf den leim gegangen bin. 

denn zwei seelen wohnen, ach, in meiner brust.

seelenteil nummer eins ist der überzeugung, dass es möglichst jedem gut gehen sollte und dass "die würde des menschen ist unantastbar" bedeutet, dass man ihn, sofern man die möglichkeit hat, aus lebensbedrohlicher scheiße zieht. weil: würdeste ja auch so wollen! do ut des, auch wenn das in diesem fall wahrscheinlich nicht so klappen wird. da kommt ja nicht mal eben irgendein kind aus afrika und hält mir bei meinen luxusproblemchen das patschehändchen.

seelenteil nummer zwei sagt, hör endlich auf, den schlimmsten parasiten von allen zu füttern! wozu gibts überall schilder auf der welt: don´t feed the pidgeons? dabei stören tauben doch gar nicht, abgesehen davon, dass sie auf alles scheißen. der mensch aber, der ist ein wahrer zerstörer. 

also: don´t feed the people!

seelenteil nummer zwei war früher mal sehr klein und schwach, wächst aber immer mehr in mir. auch, weil der luxus-mann es aktiv unterstützt. "7,8 milliarden sind ungefähr 7 milliarden zu viel", sagt er oft "wir müssen die menschenheit endlich auf ein für die erde tragbares maß dezimieren." da es corona und umweltkatastrophen bislang noch nicht ausreichend tun, ist der mensch eben selbst gefragt. 

ich denke an den film "downsizing", der kürzlich im tv lief. forscher hatten eine möglichkeit entwickelt, menschen auf 12 zentimeter zu schrumpfen und sie so weniger umweltschädlich zu machen. da das in der wirklichkeit leider keine option ist, bleibt uns nur die partielle auslöschung.

ist das jetzt inhuman und unethisch?

ich denke an sophie scholl und ihre weigerung, 1942 an der sammlung von decken und wintermänteln für die in stalingrad eingeschlossenen erfrierenden soldaten teilzunehmen. sie hatte den mumm, ihresgleichen sterben zu lassen, um den krieg nicht mehr zu verlängern. 

also kann ich doch wohl auch  zu meinen prinzipien stehen. spenden für tiere: super. spenden für menschen: nö.

Montag, 20. Juli 2020

wie einem schlechtes essen den verstand rettet

ziemlich genau sechs jahre ist mein psychiatrie-ausflug nun her. 

"und wie hat dir die psychiatrie damals geholfen?" will ein bekannter von mir wissen.
"es gab so derart ekelhaftes essen, dass ich recht motiviert war, alles für meine entlassung zu tun. wirklich, wenn man das mittagsessen sah, wusste man: so schlimm kann die welt da draußen gar nicht sein!"

Freitag, 17. Juli 2020

ich krieg nen vogel

nach einem tag mit mann und kind im wildpark hetze ich nach hause, weil ich noch in zwei haushalten katzen sitten muss und die maumaus bestimmt schon hungrig warten.

als ich meine wohnung betrete, um die schlüssel zu holen, bemerke ich komische braune flecken auf dem parkett. nanu, denke ich, hab ich kaffee verschüttet und das nicht gemerkt? ich nehme klopapier und wasser und wische. zum glück geht alles leicht weg und das dunkle braun ist nicht in meinen weißen parkettboden eingezogen.

im wohnzimmer bin ich dann ein wenig entsetzt. auch hier braune flecken auf boden und an der wand. während ich noch konsterniert vor mich hinstarre, macht es plötzlich "schirrrrp schirrrrp" aus dem vorhang.

ich traue meinen augen nicht: da sitzt ein mauersegler. offenbar ist er durch das gekippte fenster in meiner wohnung gelandet.

ich nähere mich. der kleine vogel hat nicht nur boden und wand, sondern auch das komplette fensterbrett vollgeschissen. lecker.

ich öffne behutsam das fenster und nehme ihn sanft mit den händen, um ihn aus dem vorhang zu holen und ins freie zu geleiten. doch der mauersegler krallt sich derart in den stoff, dass ich keine chance habe, wenn ich ihm nicht die füßchen brechen will.

also nehme ich im zweiten versuch den vorhang, bilde eine falte um den vogel herum und bugsiere dann den gesamten schal aus dem fenster. als sich der vorhang beim loslassen öffnet, schwirrt der mauersegler davon.

ich gehe erstmal katzensitten.

als ich wiederkomme, höre ich erneut aufgeregtes "schirrrrp-schirrrrp". der mauersegler sitzt schon wieder auf dem fensterbrett im wohnzimmer! der will sich hier wohl häuslich einrichten, oder was?

ich luge hinaus. tatsächlich hängt etwas strohiges aus dem mauerwerk unterhalb der dachrinne. die bauen also ein nest über meinem wohnzimmerfenster. kippfenster ist damit nicht mehr für den rest den sommers. na toll.


da der mauersegler diesmal auf dem fensterbrett hockt, versuche ich es noch mal mit den händen. doch er tschirpt so laut, dass ich angst habe, ihm weh zu tun. also lasse ich ihn los.

in seiner panik fällt er auf den parkettboden. was für eine scheiße, weiß ich doch von meinem vater, dass mauersegler nicht mehr alleine vom boden hochkommen. ich muss ihm also aufwind geben.

irgendwie gelingt es mir, die hand unter den vogel zu bekommen und ihm einen schubs nach oben zu geben. er flattert hoch, findet zum glück gleich das weit geöffnete fenster und schwirrt vondannen.

ich bin derweil gespannt, ob ich in einigen wochen kleine mauersegler über meinem fenster haben werde.

Sonntag, 5. Juli 2020

momente der langeweile

"was machen wir denn morgen?"
so lautet die übliche luxus-frage, die ich derzeit nicht beantworten kann und will. denn wir machen gerade nichts aufregendes. zumal der luxus-mann für unternehmungen auch nur selten mehr als einen kleinen fußweg auf sich zu nehmen bereit ist.

ich wiederum weigere mich inzwischen angestrengt, sonntäglich in der schanze herumzutapsen. die sonntagsmenschen widern mich an, windowshopping ödet mich an, und das lahmarschige getrotte schürt aggressionen in mir, die ich immer schwerer unterdrücken kann. regelrechte tötungsfantasien drängen sich mir dabei auf.

alleinsein genieße ich stattdessen über die maßen. 12 stunden schlafen und danach noch zwei oder drei stunden lesend im bett lümmeln ist wie weihnachten für mich. tiefe zufriedenheit empfinde ich in diesen momenten. den tag vertrödeln, nennt der luxus-mann das, der selber gut und gerne mal fünf oder sechs stunden spielend am pc verbringen kann. aber ich liebe es. ich langweile mich dabei keine sekunde.

anders als derzeit bei manchen gemeinsamen unternehmungen. ich ertappe mich dabei, wie ich bisweilen rechne, wann ich nachhause fahren kann und mit welcher begründung ich das dann tue. denn langeweile erfüllt mich grundsätzlich mit einer merkwürdigen unruhe, die sehr schwer zu ertragen ist. denn auch wenn ich zuhause nichts sehr viel spannenderes tue, fühle ich mich dort beim nichtstun wenigstens nicht bekrittelt und unter druck gesetzt.

langeweile in der partnerschaft kommt für mich zusätzlich mit sorge daher: wars das jetzt? kommt jetzt nach über vier jahren der punkt der trennung, weil die vorgeschriebene evolution in form von zusammenziehen, heiraten, kinderkriegen etc. nicht stattfinden wird? oder ist dieses evolutions- und entwicklungspsychologische liebesgequatsche einfach nur der humbug gesellschaftskonformer hirnstocherer?

der prozess der langeweile ist ein kreativer, hat mein luschiger ex-psychotherapeut gerne neunmalschlau gesagt. solche sprüche standen auch in den religionspädagogischen schwarten, die ich mir aus examensgründen einverleiben und wieder auskotzen musste.
ich bin jedenfalls gespannt, wie ich mir die frage "und was mache ich morgen" beantworten werde. und ob "ich" dabei noch ins "wir" passt oder nicht.