Samstag, 12. September 2026

blaues wunder

"im prinzip kannste wählen, wen du willst", findet die lederjacke. "das ziel ist immer dasselbe, nur anders verpackt."

"wie meinst du das?"

"schau dir mal den merz an. auf dem wird herumgehackt, weil er recht unverblümt sagt, wie es im grunde eben läuft: die politik braucht die wirtschaft, sie wird maßgeblich von ihr finanziert. wenn´s da besser läuft, weil 20.000 arbeitsplätze wegfallen und der aktienmarkt jubelt, ist das auch gut für die politik. deshalb hat politik im kapitalismus nur ein ziel: die wirtschaft stärken."

"aber ist nicht auch wichtig, dass die bevölkerung irgendwie zufrieden ist und ihrem kaufrausch frönen kann? ich meine, wir arbeiten doch nur deshalb, weil wir konsumieren sollen, damit wir der wirtschaft nicht nur durch arbeit, sondern auch durch konsum dienen. wenn der konsum wegbricht, fehlt dem kapitalismus doch zumindest eine tragende achse?"

"ja, schon, aber die politik näht das alles auf enge kante. die hat kein interesse am wohlstand für viele. wenn du trotz arbeit gerade mal so hinkommst, weißt du, dass du deinen job ganz dringend brauchst. dann leckst du deinem chef dafür notfalls den hintern sauber. oder, falls du arbeitslos bist, stellst du keinerlei bedingungen, um einen job zu bekommen. und das ist gut für die politik - weil jeder dann mit jedem um jeden noch so billigen scheißjob konkurriert - und die wirtschaft dadurch gewinnt: sie bekommt die bestmögliche arbeitskraft zu den schlechtmöglichsten bedingungen."

"und was hat das jetzt mit merz zu tun?"

"der kommuniziert den kapitalismus eben ganz offen. der sagt: arbeite mehr. arbeite länger. und arbeite gefälligst, wenn du krank bist. der packt da einfach keine blümchen drum herum. man muss ihn dafür nicht mögen, aber unehrlichkeit kann man ihm nicht vorwerfen."

"aber die afd will das ja auch - und noch viel mehr." 

"ja, aber wie gesagt anders verpackt. die verknüpft ihre forderungen mit illusionen: deutschland stark machen, die ausländer sind unser untergang, und ähnliches geschwätz. imperalismus nach innen, aber verbrämt mit alles-wird-gut-deutschtümelei-botschaften. die leute haben das gefühl, mit der afd bin ich teil eines starken staats, da wird jetzt für mich aufgeräumt, ich muss im grunde gar nichts tun, weil ich automatisch zu den guten gehöre. das ist ein märchen, ein gutes gefühl. und obwohl es auf exakt dasselbe hinausläuft, funktioniert das viel besser als unverblümter kapitalismus."

"ja, das glaube ich auch. je mehr verunsicherung, desto intensiver die weigerung, den verstand zu benutzen."

"und dann schau dir mal unsere medienlandschaft an, die ist doch auch eine vollnarkose für den verstand. es geht nur noch um meinungen und um das vermeintlich wertvolle recht, eine meinung haben und aussprechen zu dürfen. dabei ist eine meinung das billigste, was es gibt. jeder hat eine und keine davon bewirkt etwas." 

"aber das ist den leuten irgendwie wichtig. vielleicht weil so eine eigene meinung so eine art letzte bastion in einer gefühlt lebensfeindlichen, fremdbestimmten welt ist."

"lebensfeindlich ist die welt nur für die 90 prozent, die nichts haben und ums überleben kämpfen müssen. die anderen 10 prozent, denen 90 prozent dieser welt gehört, finden das ganz prima so. und die politik vertritt deren interessen, weil sie nur deswegen überhaupt existieren kann. es ist ein selbsterhaltendes system."

"du meinst, im grunde gehts nur um interessen, nicht um positionen, werte oder haltungen."

"es ist alles ganz einfach - nur eben nicht besonders schön für die 90 prozent, sprich uns verlierer. dem kann man ins auge sehen und es akzeptieren, oder man verweigert sich und träumt sich gesellschaftspolitische utopien zurecht. vielen menschen helfen eben ein paar illusionen, um morgens aufzustehen. und wenn diese illusion lautet: du bist deutsch, deswegen bist du ein toller hecht, reicht das vollkommen, um massen zu begeistern. "

"verständlich, aber gefährlich."

"nein, gefährlich ist das gar nicht, im gegenteil, das zementiert doch die zustände. die mächtigen sichern sich so ihre macht." 

"ich meinte, gefährlich für die 90 prozent, also für die verlierer."

"du verstehst es nicht. die verlierer haben sowieso verloren, ob sie träumen oder nicht. für die verlierer geht es nur darum, einen weg zu finden, mit einer realität klarzukommen, die sie nie verändern werden, ob sie nun cdu oder afd wählen oder irgendeine tierschützerpartei."

 "also ist alles verloren?"

"nein, du kannst nicht verlieren. du bist ein verlierer. du bist so geboren." 

"das ist ja schlimmer als im mittelalter."

"im mittelalter hattest du bis zu deinem tod vielleicht so 25 arbeitsjahre - und mangels bildung erschienen dir die zustände gottgegeben und deine klaglose buckelei als eintrittskarte ins paradies. heute wird dein körper durch die lebensmittel- und gesundheitsindustrie so manipuliert, dass er mindestens 40 jahre lang verheizt werden kann, während dein geist dank bildung zumindest eine ahnung von freiheit hat, die du, wie du ebenfalls ahnst, aber nie erreichst. und jetzt kann man drüber diskutieren, was gnädiger ist. oder warum so viele menschen psychopharmaka schlucken, so wie du."

"zumindest führt es das konzept von longevity ad absurdum. aber das ist sowieso nur für reiche." 

"ich kauf trotzdem bio, wenn ichs mir mal leisten kann. apropos, wie wär´s mit essen? ich koch auch was."

"du willst mich doch bloß füttern, damit mein körper weiter dem kapitalismus dienen kann."

"so ist es, mylady. machen sie sich keine illusionen und genießen sie die realität." 

Montag, 7. September 2026

schlampen

ich sitze in einem schnöseligen café nahe der elbe und bin auf ein überteuertes getränk eingeladen. es ist einer der letzten schönen spätsommerabende und viel los.

am nebentisch lümmeln vier sehr junge mädchen, schätzungsweise 14 bis 15 jahre.

"hab mich letztens mit dem alex getroffen... und wir saßen dann so in seinem zimmer... naja, da hab ich ihm halt n blowi gegeben", erzählt die kleine dürre blonde im güldenen blankeneser millionärs-outfit so gelangweilt, als spräche sie über mathe-hausaufgaben. "ich weiß, der hängt ja sonst mit der lara rum... die lässt ihn auch ganz ran. aber die ist auch so eine schlampe."

die mädels-runde nickt abgeklärt-zustimmend, und mein spendabler brandneuer bekannter, der das gespräch ebenfalls verfolgt hat, guckt ähnlich konsterniert wie ich. 

wieder einmal bin ich froh und dankbar, ein kind der neunziger zu sein. meine ersten freiwilligen sexuellen erfahrungen waren motiviert durch verliebtheit und entdeckungslust - ohne anschließende instagram-dokumentationspflicht, ohne den vergleich und den druck, "besser" sein zu müssen als irgendwelche dummtussen aus meiner klasse - und ohne die gefahr, anschließend in einer absurden, auf ausgrenzung ausgelegten schlampen- oder nichtschlampenliste zu landen. 


Sonntag, 30. August 2026

let´s talk about death, baby

wer über verlust, trauer und tod spricht, bekommt selbst von freunden häufig schnell die abwehr-klatsche: geh mir weg mit diesem deprimierenden scheiß! 

noch fixer melden sich die brav internalisierten überzeugungen im eigenen kopf: das kann ich nicht ansprechen, das geht nicht, damit darf ich die/den andere(n) jetzt nicht belasten! 

die größte last für viele ist es jedoch, mit diesen themen allein bleiben zu müssen. niemanden zu kennen, der das gespräch in der dafür nötigen tiefe und intensität mitgeht. weil ja alles nur spaß und konsum ist, heutzutage. oder sich viel zu viel auf unsere heißgeliebten hobbys konzentriert: hass, vorurteile und ausgrenzung.

der tod aber ist das größte ziel im leben. das, worauf alles, aber auch absolut alles hinausläuft. es ist ein ziel, das wir nicht kennen und nicht einschätzen können. das wir in der regel nicht mit der üblichen selbstbestimmten anstrengung erreichen, sondern das uns einfach mitnimmt. bedingungslos, voraussetzungslos und vollkommen ungebremst wie ein güterzug mit defekter bremse. 

auf dem weg zum ziel gibt es allerdings viele zwischenetappen. momente, in denen wir nicht das leben, aber etwas anderes verlieren, in denen wir abschied nehmen und neu aufbrechen müssen. und diese abschiede helfen uns, das sterbenmüssen zu üben und anzunehmen. denn abschiede sind eine kleine vorschau darauf, was tod und sterben bedeuten könnten.

jeder verlust ist damit auch hilfreich - vor allem, wenn er verstanden, eingeordnet, besprochen und geteilt wird. und wenn wir spüren: wir sind nicht alleine damit - verdammt und hurra, wir sind ja alle verlierer! 

in der tat sind verluste manchmal die allergrößten gewinne im leben. momente, in denen wir am meisten über uns selbst und die tragfähigkeit unserer sozialen beziehungen lernen.

auf der suche nach möglichkeiten, mit verlust, trauer und tod umgehen zu lernen, habe ich vor einigen jahren das netzwerk trauerkultur entdeckt. das death café ist eines der wenigen formate in hamburg, das ich wirklich schätze und immer wieder wahrzunehmen versuche. im austausch mit wildfremden menschen, die meine offenheit und intensität teilen, entstehen räume voller kraft und guter gedanken.

ja: ich möchte dem tod neugierig in die augen sehen, vielleicht sogar freudig. und liebevoll zurückblicken können auf das, was ich dabei hinter mir lasse. das ist, denke ich, das maximum, was man vom leben erwarten darf. 

Mittwoch, 26. August 2026

kommunikationsmuster

familien-zoff in der luxus-family.

"das ist so unfassbar, wie bei uns argumentiert wird", regt sich der luxus-mann auf. "da schildere ich ganz logische und nachvollziehbare sachverhalte, und dann kommen da so dämliche sprüche von meiner mutter wie: was du immer hast! was du dich da jetzt drüber aufregen musst! die versteht überhaupt nichts - oder vielleicht will sie auch gar nicht verstehen!"

"lustig, das sind genau die sätze, die du mir sagst, wenn ich mal ein problem habe. jetzt weiß ich wenigstens, woher das kommt", entfährt es mir. 

der luxus-mann schaut mich konsterniert an. 

"das stimmt doch gar nicht", behauptet er.

"ok, manchmal sagst du auch: du steigerst dich mal wieder rein! oder: das hast du dir ja so ausgesucht!" gebe ich grinsend einige luxus-zitate zum besten.

jetzt muss der luxus-mann doch schmunzeln: "komm, wenn ich nix sage, bist du auch beleidigt!"  

"stimmt. man stellt sich nicht stumm hin und guckt weg, wenn der partner kummer hat oder sich komplett in sorgen verheddert."

"aber wenn ich dann was sage, ist es offenbar auch nicht recht."

"die sprüche deiner mutter kannst du getrost steckenlassen. das hast du gerade selber erlebt, dass so eine form unverblümter verständnislosigkeit überhaupt nicht hilfreich ist und die situation für den anderen nur schlimmer macht."

"und was soll ich dann sagen?"

"du musst gar nix sagen. mal in den arm nehmen, mal kurz durch die haare wuscheln, das reicht mir schon. ich will keine ultraschlauen ratschläge, ich will nur merken, du hast das registriert und bist zumindest physisch an meiner seite." 

"hm. du weißt aber, dass mir sowas total schwerfällt."

"macht nix, du brauchst noch ein paar herausforderungen im leben, wenn du schon nicht mehr arbeiten gehst", grinse ich.  

Freitag, 7. August 2026

bahnfahren, aber richtig

wer mit der deutschen bahn fährt, erfreut sich nicht nur an verspätungen, zugausfällen oder defekten toiletten. auch das verhalten von mitreisenden kann eine gewisse herausforderung darstellen. an dieser stelle daher eine kleine gebrauchsanleitung für reibungslose, angenehme bahnreisen.

1. zügig einsteigen

versuche stets, möglichst schnell in den zug zu gelangen. quetsche dich dafür rücksichtlos an aussteigenden reisenden vorbei völlig random in einen beliebigen wagen. nutze am besten deinen koffer als rammbock. als arschloch hast du hast immer vorfahrt!

2. abteil finden

bleibe nun in zentraler position im eingangsbereich stehen, suche dein handy in den tiefen deiner tasche und schaue dann in ruhe nach deiner wagennummer. lass dich dabei nicht von nachrückenden reisenden stören. schließlich ist es dein gutes recht, verpeilt zu sein.

3. sitzplatz finden

vermeide es auch unbedingt, deine sitzplatz-nummer zu kennen. wiederhole für die sitzplatz-suche den in 2. beschriebenen recherche-prozess. positioniere dich dabei breit im gang und lasse auch deine koffer im weg herumstehen. 

4. koffer verstauen 

verstaue deine koffer niemals in der gepäckablage. nutze dafür entweder noch freie sitzplätze oder den gang - insbesondere bei hoher zugauslastung. 

5. schuhe ausziehen

sobald du sitzt, ziehe deine durchgeschwitzten, käsig duftenden schuhe aus und platziere deine ungewaschenen füße auf dem gegenüberliegenden sitz. in dieser zentralen position verteilt sich dein fußschweiß-aroma ideal im raum. 

tipp: wahre kenner investieren in dieses erlebnis, indem sie zwei wochen vor der reise nicht mehr duschen.

6. snack einnehmen

reisen macht hungrig. packe daher genug proviant ein, am besten döner, leberwurst oder ein brot mit harzer käse. auch ein bierchen in ehren kann niemand verwehren. 

während du isst, schmatze ausgiebig und verteile deine krümel in einem großzügigen radius. du bist nun mal ein echter gourmand - was auch jeder wissen soll! 

7. müllentsorgung 

müllbehälter der bahn sind grundsätzlich ungeeignet, um abfall loszuwerden. nutze stattdessen sitzplätze, den tisch oder einfach den boden als müllhalde. auch die toilette bietet eine kreative möglichkeit, um insbesondere größere plastikverpackungen zu entsorgen. 

8. entspannung finden

geniere dich nicht, während der bahnfahrt deinen körperlichen bedürfnissen nachzukommen - zum beispiel furzen, geräuschvolles hochziehen von rotz durch die nase oder gemütliches kratzen und schubbern im genitalbereich. es ist wichtig, dass du als vollassi auch auf reisen ganz du selbst bleibst.

9. telefonieren

zugfahrten sind lang und öde? das war gestern! per videotelefonie oder freisprecheinstellung kannst du stundenlange streitgespräche mit verwandten führen oder freunden nebensächliche bis unappetitliche details aus deinem leben schildern. 

achte dabei darauf, möglichst laut zu sprechen und die handylautstärke auf ein maximum hochzudrehen. so vermeidest du, dass mitreisenden deine erfrischende minderbemittelheit entgeht. 

10. videos gucken

der konsum von tiktok- oder musikvideos ist ebenfalls ein idealer zeitvertreib auf bahnreisen. verwende dabei niemals kopfhörer, sondern lasse dein umfeld so intensiv wie nur möglich an deinem beschränkten horizont und deinen kulturellen vorlieben teilhaben. 

interagiere dabei lebhaft mit den inhalten, indem du laut mitsingst oder schallend lachst - du bist nun mal ein fröhlicher vollidiot, der sich nicht unnötig für seine schlechten manieren schämt.