Montag, 24. September 2018

demenz für fortgeschrittene

"himmelherrgott, wo ist denn der schlüssel?"
wie ungefähr 25 mal pro tag hat der luxus-mann etwas verlegt. in diesem fall den ersatzschlüssel für die wohnungstür.

er nimmt mich streng ins visier:
"hast du den mitgenommen?"
"nö, warum denn?"
"echt nicht?"
"nei-hein."
"du musst mir das echt sagen, weil das wäre nicht lustig."
"nein! wirklich nicht! meinst du, ich nehm den mit, schleiche dann nachts in deine wohnung und vergewaltige dich mit der klobürste?!"
"bei hexen wie dir kann man nie wissen!"

der luxus-mann wühlt konsterniert durch klamottenhaufen, schaut in alle jacken- und hosentaschen, schüttelt schuhe aus und sucht sogar in der waschmaschine. dann ruft er seinen sohn an und seine ex, um beide des schlüsselraubs zu verdächtigen.
alles negativ. der schlüssel ist unauffindbar.
"das kann alles nicht sein! der schlüssel liegt doch sonst immer griffbereit auf dem flurtisch!"

also ich schaue einfach mal auf den flurtisch. 
"könnte er vielleicht hier drin sein?"
ich halte einen umschlag hoch, auf dem steht groß und mächtig "wohnungsschlüssel für handwerker". darin ist deutlich tastbar ein einzelner schlüssel.
der luxus-mann ist so verblüfft wie erleichtert:
"ach! ja! stimmt! ich hab ja morgen die elektriker da..."

dann stürmt er in die küche.
"fuck! ich hab die elektriker vergessen! im kalender steht, ich muss morgen meine tochter von der schule holen!"
der luxus-mann ist aufgeregt.
"dann muss ich ja den termin verschieben, so ein mist!"

ich stehe unter der tür und schüttle den kopf.
"quatsch. du wirst vermutlich deswegen einen schlüssel für die handwerker in diesen umschlag gepackt haben. um ihn morgen früh bei der verwaltung zu hinterlegen. damit du in ruhe deine tochter abholen kannst. wärst du hier, müsstest du ja keinen schlüssel in einen umschlag packen."

der luxus-mann schaut mich verblüfft an.
"stimmt. ja klar."
ich gebe ihm einen leichten schlag auf den hinterkopf.
"wenn du demnächst zur vorsorge gehst, lass doch mal die gehirnzellen checken."



Sonntag, 23. September 2018

die vermessung des glücks

„ich bin eine unglückliche frau von 42 jahren und heiße romy schneider."
einen solchen satz in 5 jahren nicht selbst sagen zu müssen. und im jahr darauf nicht tot zu sein, weil man sich doch vergiften muss, um das gift der welt zu überleben. 
alles daraufhin ausrichten, das steht ganz oben auf der liste.

einen tag im park und ein sehr offenes gespräch später ist man einander wieder ein stück näher.
der moment, in dem man versteht, dass das, was einen in die distanz schleudert, die ähnlichkeit ist. stolz. verletzlichkeit. die unwissenheit, wie man die welt, den alltag aushalten kann. die suche, die sucht nach intensität. die verfickte, permanente vermessung des glücks.

dem eichhörnchen eine erdnuss geben, dem kruspeln lauschen mit zweimündergrinsen.
ein moment, dessen schönheit man ausnahmsweise einmal nicht infrage stellt.
ja.
doch.

Mittwoch, 19. September 2018

links ist da, wo der daumen rechts ist

der luxus-mann und ich machen urlaub in italien. das heißt, wir gurken mit dem mietwagen durch das halbe land und sehen uns strände an, die in reiseführern mit paradisischen umschreibungen und gephotohoppten bildern über den grünen klee gelobt werden. letztlich sind es jedoch nichts weiter als mehr oder minder kleine sandstreifen mit massenhaft sonnenschirmen und liegen, auf die sich unmengen touristen quetschen. ein trister anblick, untermalt von kindergeschrei und dem gestank von scheiße und totem fisch.

spätestens am vormittag ist es schwülheiß und drückend. man könnte in seinem eigenen schweiß ersaufen.
"das ist echt nicht mein ding hier", sage ich ein ums andere mal zum luxus-mann.
"immer musst du nörgeln", entgegnet der. "geh doch mal ins schöne wasser."
"da sind eklige viecher drin", beharre ich. "und müll. da bade ich nicht!"

noch schlimmer als die italienischen strände und die von touris vollgemüllte natur ist das autofahren mit dem luxus-mann.
ich navigiere, denn der luxus-mann kann beim fahren angeblich nicht auf das navi gucken.
"jetzt gleich links", sage ich. und an der kreuzung noch mal: "links!", während ich mit dem zeigefinger auf die ausgewiesene abfahrt zeige.
der luxus-mann fährt rechts.
das navi hängt sich auf und sucht eine wendemöglichkeit.
"scheiße", flucht der luxus-mann. und schnauzt mich dann an: "wieso sagst du nix?!"
"ich habe links gesagt. mehrfach. ich habe sogar nach links gedeutet dabei."
"echt?"
"ja!"
"hm. ich hatte aber das gefühl, dass das so nicht richtig war."

 das luxus-gefühl geht bei 90% aller orientierungsfragen irr.
"wir müssen jetzt doch nach norden", sagt er, als wir gerade auf dem weg nach osten sind.
"du meinst osten."
"nee, norden. da rechts."
"das ist nicht norden. auch nicht osten. das ist falsch da."
"dann gib doch mal norden ein. irgendeine stadt im norden, damit wir wieder richtig fahren."
"osten."
"nee, ich will nicht nach osten. ich will die nächste stadt nördlich umfahren!"
ich verstehe nur bahnhof, aber da ich keinen führerschein habe und dem luxus-mann vertrauen muss, gebe ich also eine stadt im norden ein, sodass uns das navi um den ort herum nach norden ableitet.

"das ist komplett falsch", beschwert sich der luxus-mann zwei minuten später.
"du wolltest nach norden."
"das ist doch nicht norden!"
"doch, hier guck, die karte..."
"ich kann nicht gucken, ich muss mich auf die straße konzentrieren! das ist alles quatsch, was du da erzählst!"
"also eigentlich müssen wir nach osten, aber ich hab jetzt norden eingegeben, weil du nicht nach osten, sondern ausdrücklich nach norden weiterfahren wolltest."
"aber das ist falsch!"
"sag ich doch die ganze zeit!"
"bist du jetzt zu doof, ne karte zu lesen?!" faucht mich der luxus-mann an.
"ich lass mich doch nicht von dir für blöd darstellen, nur weil du eichhörnchen links und rechts nicht unterscheiden kannst!", keife ich zurück.

beim abendessen schweigen wir uns an.
"ich trenn mich übrigens manchmal auch im affekt", sagt der luxus-mann in die stille hinein.
"das ist keine drohung, falls es so gemeint war", spotte ich trocken.

als wir am einzigen regentag eine alte kirche besichtigen, landet eine riesige flauschige motte auf meiner hand. ihr fell ist voller regentropfen. mit letzter kraft schleppt sie sich meinen zeigefinger entlang, bevor sie zu boden fällt und regungslos liegenbleibt.

 italien gibt uns den rest.

Dienstag, 4. September 2018

testing steinzeit

ich lebe derzeit ohne mein iphone. steinzeit also.

kein whatsapp.
keine nachrichten.
keine anrufe unterwegs.
ohne gmaps durch die dreckige stadt irren wie durch einen grauen dschungel.
stein, asphalt und ich.

es ist herrlich.
es ist besser als urlaub.

steinzeit rules.

nur den sozialen medien kann ich nicht entfliehen.
der fluch des jobs.
ich täte es aber gerne.
allein wegen der bräsigen csu-wähler, die sich jetzt mit #wirsindmehr wichtig tun und aus gesinnung einen trend machen. genau wie all diejenigen, die 2015 lichterketten für flüchtlinge gebildet haben und jetzt doch ihr kreuzchen bei der afd machen.

auch politisch steuern wir also auf eine steinzeit zu, und es wird sich noch manch einer weit weg wünschen.

ich bin nicht enttäuscht. ich bin, was menschen an sich und was dieses land betrifft, weit über den zustand der enttäuschung hinaus.



Montag, 27. August 2018

karussell

und dann gibt es wochen, in denen sich alles rasend schnell dreht.
im leben.
im kopf.

und in den wenigen stillen momenten rauscht es in den ohren wie ein aufgewühltes meer.