Samstag, 22. Februar 2020

die blümchen

ich messe dem valentinstag an sich keine große bedeutung bei. aufmerksam sein in wort und tat ist etwas, was auch ohne einen kalendereintrag in einer beziehung funktionieren sollte. entsprechend wird der valentinstag bei uns nicht groß gepflegt.

das ist mir im prinzip auch lieber als schlechte verlegenheitsgeschenke. vor zwei jahren habe ich vom luxus-mann zu valentin eine schachtel billiger lidl-pralinen bekommen, obwohl er genau weiß, dass ich pralinen hasse. auf sowas kann ich gut verzichten.

zum diesjährigen valentin habe ich mir - auch vor dem hintergrund der stark abgekühlten beziehung - ein herz gefasst und bin in einen laden gegangen, der regionale blumen verkauft. von blumen aus dem supermarkt halte ich nichts - von dem insektizidverseuchten scheiß bekommt man bloß asthma und hautausschläge, und entsorgen muss man den verblühten supergau später im giftmüll. 

ich erstand also einen strauß prächtiger tulpen - keine rosen, blumen an sich sind mir klischee genug - und packte diesen in der luxus-wohnung auf den küchentisch. der luxus-mann sollte sich freuen, wenn er von der arbeit kam. fast beneidete ich meinen mann ein wenig, denn die tulpen waren wirklich sehr schön. 

abends klingelte mein telefon. 
"naaaaaaaa?" sagte ich butterweich zur begrüßung. bestimmt wollte sich der luxus-mann für die blumen bedanken.
"du, ich hab mir eben neue lautsprecherboxen gekauft, kannst du morgen rüberkommen und mir tragen helfen? die sind ziemlich sperrig und schwer."
ich musste mich kurz sammeln.
"ähm, wie du weißt, bin ich nicht besonders kräftig und rücken hab ich auch. warum fragst du nicht deinen sohn?"
"ja, stimmt, besser so, bevor du die dann fallen lässt. die haben nämlich 7.000 € gekostet!"
bumm, aufgelegt.

ich war verwirrt und verletzt. dachte dieser mensch eigentlich nur noch an sich? und was war ich noch mehr als ein nützlicher packesel?

ich gab dem luxus-mann noch eine stunde, sich zu besinnen.
dann rief er zu seinem glück noch einmal an und sagte ein lasches danke.
gut, vielleicht mochte er keine tulpen. oder er fand das kitschig.
oder. oder. oder.

als ich wenige tage später wieder in luxus-hausen weilte und in die küche kam, hatte der luxus-mann den strauß umgeparkt. die tulpen steckten jetzt in einer anderen, viel zu engen vase. weil er sie da offenbar mit gewalt reingequetscht hatte, waren die blüten abgeknickt und fingen an, braun zu werden.

"was hast du denn mit dem strauß gemacht?" fragte ich entsetzt. "die sind ja völlig hinüber!"
"du hast die falsche vase genommen", sagte mein dankbarer mann.
"wieso? die vase war super! die da jetzt ist viel zu klein!"
"das passt schon."
"ja, weil du sie reingestopft hast. siehst du nicht, dass du die ganzen blüten abgeknickt hast?"
"das sind doch bloß so supermarktblumen, oder?"
"sind sie nicht! die sind von einer landgärtnerei! ohne pestizide! guck halt mal auf das schildchen! die waren teuer! und du weißt ganz genau, dass ich dir nie so einen giftigen scheiß aus dem supermarkt schenken würde! so gut solltest du mich nun wirklich kennen."

so endete der valentinstag und seine blumigen auswüchse im voll-desaster. und ich schwor mir, falls wir noch einen gemeinsamen valentinstag zusammen erleben sollten, dem luxus-mann nie wieder etwas anderes als billigen supermarkt-mist zu schenken. zum beispiel recycling-klopapier oder mhd-bedrohte kekse aus der grabbelkiste.


Freitag, 14. Februar 2020

träume reloaded: mama, papa, kind

seit ich nicht mehr in meiner heimat lebe, träume ich regelmäßig von meinen eltern. bisweilen jede nacht. früher, als ich noch in ihrer nähe wohnte, kam so etwas höchst selten vor. aber seit ich in hamburg lebe, scheinen sie mir extrem präsent. präsenter denn je.

anfangs, insbesondere in den ersten sehr unschönen monaten in meiner neuen heimat, hielt ich das träumen von meinen eltern für eine art heimweh. zugleich verstarb kurze zeit darauf meine oma und das bewusstsein für die endlichkeit des daseins auch meiner eltern war plötzlich sehr ausgeprägt. ich machte mir auch tagsüber sorgen, dass meine eltern plötzlich sterben könnten und ich davon durch einen - stunden späteren - anruf erfahren könnte. diese vorstellung fand ich damals sehr schlimm. heute habe ich mich etwas besser an den gedanken gewöhnt, dass es so nunmal kommen wird.

in vielen träumen spielen meine eltern eine untergeordnete rolle. sie sind nebendarsteller, wenn ich unterwegs bin, oder aber anwesend, wenn ich in meinem elternhaus bin. in einigen träumen kommt ihnen jedoch eine ganz spezifische rolle zu.

ein traum versetzt mich in meine schul- und studentenzeit zurück. es ist früh morgens, ich müsste eigentlich zur schule oder zur uni, aber es erscheint mir sinnlos. meine eltern, insbesondere meine mutter, zeigen null verständnis dafür und zwingen mich dazu, weiter zur schule bzw. zur uni zu gehen, obwohl meine leistungen im traum aussichtslos schlecht sind (btw., das waren sie im real life nie!). ich bin im traum sehr enttäuscht von dieser haltung und diesem mangelnden verständnis.
das erklärt sich jedoch alles dadurch, dass ich als kind immer für leistung belohnt wurde und die liebe meiner eltern gefühlt mit meinen schulischen leistungen schwankte. der traum spiegelt also die realität wider und erklärt sich somit.

in letzter zeit häuft sich allerdings ein traum, der mich zutiefst gruselt und den ich nicht ganz verstehe. meine mutter ist todkrank, was mich aus heiterem himmel trifft, da es in der realität eigentlich mein vater ist, der kränkelt,verstärkt abbaut und den ich - ganz kühl betrachtet - als ersten todeskandidaten von beiden sehe. dass meine quietschlebendige mutter krank ist, trifft mich im traum extrem. ich kann es nicht glauben und denke, es muss eine lüge sein, mit der meine mutter aufmerksamkeit sucht.
warum ich das denke? in meiner kindheit war meine mutter ständig krank. es war immer irgendwie extrem dramatisch und bestimmte das komplette familienleben. heute denke ich, sie war krank, weil sie zuwendung brauchte. auch ich selbst war als kind m.e. deshalb so häufig - physisch - krank, weil ich dann aufmerksamkeit und zuwendung bekam.

im traum macht meine mutter ein geheimnis aus ihrer krankheit. man wird nicht richtig schlau daraus, und genau das kommt mir verdächtig vor. ich erfahre lediglich, dass es keine hoffnung mehr gibt und es letztlich tödlich ausgehen wird. häufig versuche ich im traum, diese ominöse krankheit durch recherchen zu widerlegen, weil ich sie für eine lüge halte, mit der meine mutter sich wichtig machen möchte. ich habe also absolut kein mitleid, sondern ich bin sehr wütend auf meine mutter und hasse sie sogar für ihre - so empfinde ich es im traum - wehleidigkeit und verlogenheit.

beim erwachen schockiert mich vor allem meine gefühlslage. warum sollte ich meine mutter wegen einer krankheit verurteilen oder sie dafür hassen? ich würde in real life immer alles tun, damit es meinen eltern gut geht. ich hasse ja auch nicht das objekt, weil es einen unfall hatte und ich jetzt in der gebenden rolle bin.

kurzum, die träume von meinen eltern stellen mich manchmal vor ein rätsel, insbesondere die häufigkeit, in der sie auftreten. ich würde sagen, dass ich 3-4 mal pro woche einen eltern-traum habe, an den ich mich erinnern kann. noch häufiger habe ich träume vom ort, in dem ich aufgewachsen bin, aber das ist, glaube ich, recht normal, wenn man mal seinen wohnort so radikal gewechselt hat wie ich.

folgendes würde mich interessieren:

- gibt es jemanden unter meinen leserInnnen, die aus ihrer heimat weggezogen sind, ihre eltern nur noch selten sehen, aber sehr häufig von ihnen träumen?
- gibt es leserInnen, bei denen eltern-träume wiederholt das thema krankheit und tod beinhalten?
- wie interpretieren sie extreme (negative wie positive) gefühle ihren eltern gegenüber, sofern diese im traum auftreten?

Samstag, 8. Februar 2020

beziehungsbomber

nach einer nacht voller eifersuchtssoße habe ich dem luxus-mann einen brief geschrieben, zusammengefasst, was in den letzten monaten alles schief läuft und was ich künftig konkret erwarte. zum ersten mal spreche ich an und aus, dass ich, sollte es nicht mehr besser werden, eine trennung auf lange sicht nicht mehr ausschließe.

vielleicht habe ich mich noch nie in meinem leben so klar ausgedrückt - ich, die ich immer dazu neige, meine liebe zu protegieren, auch auf meine kosten. aber es ist auch ein vertrauensbeweis, wenn ich jemandem zutraue, mit meiner kritik konstruktiv umzugehen.

und manchmal tut es gut, ein loch in die trügerische sicherheit zu reißen, in die heimelige beziehungskomfortzone des nebeneinander-herlebens. man braucht ja auch beziehungsbauland, trümmerwelten. und der luxus-mann ist gut darin, in seiner ruhigen art gemeinsam mit mir den schutt zu begutachten und dann wieder stein auf stein aufeinanderzusetzen, bis ein zustand entsteht, mit dem es sich leben und hoffen lässt. der ausbaufähig ist.

wie so oft ist das gespräch reflektiert, der luxus-mann kritikfähig und auch offen genug, seinerseits dinge anzusprechen, mit denen er nicht klarkommt. borderlinertypisch bin ich schwankend, äußere mich auch gerne mal überschwänglich, wenn ich mich gerade wohlfühle und von einem leben zu zweit für immer träume. für den luxus-mann entsteht dadurch eine diskrepanz. ich versuche ihm zu verdeutlichen, dass ich eine emotionale seite voller liebe habe, aber auch eine kritische, zweifelnde, die mich fragt: ja, du liebst ihn, und er will dir nichts schlechtes, aber tut er dir auch gut? bekommst du hier das, was du brauchst, damit du ein leben führen kannst wie du es dir wünschst?

wie tief mein zweifel mit dem zweifel ist, weil dieser mir egozentrisch vorkommt! aber liebe ohne egoismus endet in selbstauflösung. wie viel egoismus ist gesund? wie viel darf ich fordern? eine frage, die ich mir noch nie mit absoluter sicherheit beantworten konnte.

in die runde der leserinnen und leser gefragt: was ist ihr rezept für lange beziehungen, sofern sie schon mal eine hatten?

Freitag, 7. Februar 2020

parteiendämmerung

am 23. februar wählt hamburg.
und verdammt, geht wählen, ihr schnuffis! auch wer nicht wählt, wählt - und zwar die parteien, für die sich die wählenden entscheiden.

ja, ich weiß. ist nicht einfach.

seit langem zeichnet sich etwas ab, was ich als "parteiendämmerung" bezeichne: die "guten" alten parteien haben ausgedient.

die spd hat ihre ideale in der haltlosen groko verraten. was ich ihr persönlich vorsichtig zugute halte, ist der neustart-versuch mit esken und walter-borjans. ebenso das durchboxen der grundrente durch heil gegen den massiven widerstand der cdu, wenn auch mit verlusten. das ist ein stück zurück in richtung authentizität. aber authentizität braucht nachhaltig rückgrat, und darauf warte ich noch. sonst war es das nämlich mit der alten arbeiterpartei.

eigentlich wäre das sogar ein bischen schade um sie. die spd ist die partei meiner kindheit und ich hege noch immer - vielleicht irrationale - sympathien für sie. ich erinnere mich jedenfalls noch sehr gut, als ich als kindergartenkind zum ersten mal wahlplakate mit karl-heinz hiersemann, dem legendären strauß-opponenten, genauer ansah, und mein vater mir die parteien in ihren grundwerten erklärte. mein vater war seit jahrzehnten spd-wähler, meine mutter cdu-lerin. ich bestürmte meine mutter daraufhin, auch mal spd zu wählen.

die cdu / csu hat ihre glaubwürdigkeit dadurch verspielt, dass dort nur noch hirnamputierte flitzpiepen sitzen, die lobbyisten und nun auch den rechten in den arsch kriechen.
- das dauerdesaster akk
- der abgewichste betrüger andreas scheuer 
- julia klöckner, das personifizierte versagen in sachen tierwohl
- plaudertasche jens spahn, der seinen lebensstandard mit hartzIV problemlos halten kann
- anja karliczek, das naive hausmütterchen mit den vielen fragen und den homophoben neigungen
- marlene mortler, drogenbeautragte csu, die durch das proklamieren rückständiger hohlphrasen und ahnungslosigkeit glänzt
- dorothee bär, bettter know as digi-doro von der csu, die von ihrem ersten persönlichen flugtaxi träumt, derweil aber tatenlos in der digitalen steinzeit deutschlands festsitzt
- vollpfeife philipp amthor, der seine unfähigkeit spätestens mit dem rezo-video unter beweis stellte
- und last but not least eine müde bundeskanzlerin, die als einstige bundesumweltministerin jahrelang die klimaschädlichen industrien aktiv förderte. manchmal sagt sie ja noch ganz vernünftige sachen, aber offensichtlich hat sie probleme, sich von den genossen zu trennen, die dem ruf ihrer partei massiv schaden. mehr rückgrat fehlt definitiv auch hier.

die fdp versucht seit jahren mit poppigen plakaten und dem konterfei des eitlen christian einen neustart zu schaffen, dämmert jedoch weiterhin in der bedeutungslosigkeit vor sich hin. das könnte natürlich auch an den immer wieder beschämend-dämlichen äußerungen linders liegen, der so sein zur gänze fehlendes politisches potenzial stetig unter beweis stellt. spätestens in thüringen legte die fdp eine bauchlandung hin, die der partei ihren neuen titel #afdp einbrachte. wie kann man tiefer sinken als zum steigbügelhalter der afd? sogar frühere fdp-politiker wie gerhart baum scheinen sich für lindner & konsorten regelrecht zu schämen.

die grünen sind die neuen hofffnungsträger der republik - und in hamburg sogar in der regierung. hätte man gar nicht gedacht, oder? zumindest merkt man davon nichts. grünflächen werden reihenweise zu bauland verscherbelt (und das heißt nicht unbedingt für wohungsbau!), der verkehr wird immer dichter und kommt stetig mehr zum erliegen, der hafen ist nach wie vor ein hotspot der umweltverschmutzung, die öffentlichen verkehrmittel sind die teuersten in ganz deutschland, radwege sind hochgradig lebensgefährlich und frau fegebank erklärt eine autofreie innenstadt zum ding der unmöglichkeit.
damit sind die grünen für mich ebenfalls unwählbar. auch wenn robert habeck zugegebenermaßen ganz hübsch reden kann und optisch über ein gewisses charisma verfügt. aber echte erfolge erkenne ich keine, weder auf landes- noch auf bundesebene, und gerade klimapolitisch sitzen wir leider auf einer tickenden zeitbombe. ich kann mir gut vorstellen, dass grün auch auf bundesebene versagt, wenn es hart auf hart kommt und es um essentielles wie eine drastische co2-bepreisung, reformen für die landwirtschaft oder einen raschen ausbau des schienennetzes mit neuen technologien geht.

in diesem kontext lohnt es sich möglicherweise, sich auch neue und noch wenig bekannte parteien anzusehen. vergangenes wochenende haben der luxus-mann und ich auf dem schulterblatt vertreter der volt-partei getroffen und uns eine ganze weile über deren parteiziele aufklären lassen. der pragmatische und proeuropäische ansatz gefiel uns ganz gut, mir insbesondere der bildungsschwerpunkt.

das ist jetzt keine wahlempfehlung. letztlich kommt es natürlich immer darauf an, wie die umsetzung von zielen gelingt. ich finde es grundsätzlich extrem schwierig, parteien an ihrem programm zu messen. bei den "alten" parteien kann man jedoch mit großer sicherheit sagen, dass viele werte längst überkommen sind und an einer umsetzung überhaupt nicht mehr gearbeitet wird. stattdessen lässt man sich von der wirtschaft diktieren, was auf dem programm zu stehen hat. und das ist letztlich nicht viel weniger widerlich, als wenn sich ein fdp-ler von der afd zum ministerpräsidenten wählen lässt.

parteiendämmerung. am ende siegt vielleicht irgendein braunes drachenmonster.
doch das liegt in unserer hand.

Freitag, 31. Januar 2020

grateful

als ich durch die dörfer gurke, um das objekt zu besuchen, ruft der luxus-mann an, um zu fragen, ob ich später vorbeikommen und mit ihm und seiner tochter spielen möchte. ich sage spontan zu - mit vorbehalt, denn wenn mich der besuch traurig machen sollte, möchte ich vielleicht lieber alleine sein.

vor ort ist es ein durchschnittlicher tag. der aufenthaltsraum ist mittel voll, mittel viele besucher, mittel viel trouble, mittel viel stress für die pfleger. für das objekt ist es ein eher schlechter tag. die erinnerung hakt, es erkennt mich erst nicht, kann aber mit meinem namen etwas anfangen. ich habe begonnen, unsere begegnung vom ersten tag an haarklein zu papier zu bringen und lese ihm wieder vor.

"und wie ist das, wenn die frau, der du das herz geklaut hast, ihre memoiren über dich schreibt wie über einen berühmten star?" frage ich zwischendurch.
"schööööööööön..." macht das objekt indifferent und guckt wieder wie ein kleinkind im buggy, wenn sich ein fremder drüber beugt. interessiert, neugierig, gut unterhalten, aber ohne richtige emotionale verbindung.
"obwohl, könnte auch peinlich werden, wenn deine mutter dann irgendwann liest, wie ich dir einen blase", kichere ich.
schweinereien findet das objekt immer noch klasse und es lacht schallend.

ich kann erinnerungen wecken, aber ich kriege das objekt heute nicht ganz. ich merke es an den blicken, die mir signalisieren, dass der kopf gleich heißläuft, weil die erinnerungen eher blass sind und das objekt alles gibt, um in den hintersten ecken des gedächtnisses zu kramen. ich fühle es außerdem in seiner umarmung, die nicht so lang und leidenschaftlich ist wie sonst.

"ich... bin.... müde", sagt das objekt angestrengt nach 45 minuten.
"du guckst auch ganz glasig", sage ich. "soll ich wieder gehen?"
"ja."
"ok, dann hau ich mal ab, damit du schlummern kannst."
ich stehe auf und hole die jacke.
"nein", stoppt mich das objekt.
ich halte inne:
"soll ich bleiben?"
"ja!"

ich setze mich wieder.
"ist das gut, dass ich heute gekommen bin oder nervt dich das eher?" frage ich.
"gut", sagt das objekt und lächelt.
ich bin erleichert, zur höflichen notlüge fehlt ihm gottseidank die berechnung.
"dann bleib ich jetzt noch ein halbes stündchen, ok? ruh dich doch ein bisschen aus."
das objekt nickt und macht die augen zu.
dann macht es die augen wieder auf und guckt mich gestresst an.
"alles klar bei dir?" frage ich.
"nein."
"was ist denn? bist du traurig?"
"müde..."

es hat keinen sinn. wenn ich da bin, versucht das objekt mit gewalt, wach zu bleiben.
also packe ich doch meine sachen und drücke das objekt ein letztes mal.

der dorf-bus ist gerade vor einer minute abgefahren. ich habe die wahl, eine stunde warten oder 50 minuten laufen. ich entscheide mich fürs laufen, weil es gerade mal nicht regnet. am bahnhof stehe ich noch mal eine ewigkeit herum, weil der zug richtung hamburg verspätung hat. ich sehne mich nach wärme und einem sitzplatz.

dann bin ich endlich zuhause. schnell duschen, tasche umpacken und loshetzen zum luxus-mann. eigentlich hab ich jetzt überhaupt keinen bock auf kind, aber so kurzfristig absagen finde ich doof. die kleine freut sich außerdem total auf mich. das merke ich daran, wie sie den summer ein ewigkeit lang drückt, als ich klingle. dann werde ich auch schon ohne punkt und komma vollgeblubbert: dass ihr bruder heute doch nicht kommt, weil er erkältet ist, und dass wir deswegen nur zu dritt spielen, und was wir jetzt alles an spielen spielen könnten.

ich setze mich erstmal in die küche. ich habe das gefühl, ich bekomme fieber. der kopp glüht und wiegt eine gefühlte tonne. der luxus-mann schaut mich kritisch an:
"na, wie wars? irgendwelche fortschritte?"
ich schüttle den kopf.
"war heute wieder schwierig. erinnerung schleppend, und saumüde war er."

"wer denn?" kräht die luxus-tochter, die in die küche geschossen kommt.
"die morphine besucht immer ihren behinderten freund", fasst der luxus-mann die situation lakonisch zusammen.
"wie behindert ist der denn?" fragt die tochter fasziniert.
"behindert ist ein scheißwort", sage ich. "der ist nicht doof oder so."
"naja, doch!" wirft der luxus-mann ein.
"er versteht alles, was man ihm erzählt, und das ist dann für mich nicht doof."

"kann er denn nicht laufen", will die luxus-tochter wissen.
"nee", sage ich. "und auch nicht schlucken. das heißt, er kann auch nicht essen. und er kann sich an manches nicht mehr erinnern."
"dann ist er schon ein kleines bisschen behindert", sagt die luxus-tochter ernsthaft und diplomatisch.
ich muss lachen.
"dann ist dein papa aber auch behindert, so viel, wie der immer vergisst."
"jaaahaha, das stimmt", kichert die luxus-tochter.
"ey", sagt der luxus-mann. "ich esse meine schokoküsse hier gleich alle alleine."
und er stellt zu unserem entzücken eine schachtel schaumküsse auf den tisch.

als ich mich später neben dem mann ins bett kuschle, spüre ich eine tiefe ambivalenz. der tag war schön und anstrengend und deprimierend zugleich. ich bin erschöpft, aber ohne leer oder verzweifelt oder hoffnungslos zu sein. ich habe viel gegegeben, bin aber auch beschenkt worden, weil ich die zwei wichtigsten menschen in meinem leben um mich haben durfte.
ich bin dankbar dafür, auch wenn ich mir oft wünsche, dass es dem objekt endlich besser geht, oder dass der luxus-mann mal ein bisschen einfühlsamer ist. aber ich darf diese menschen kennen, und sie lieben mich. das ist wunderbar.