Sonntag, 18. Oktober 2026

the realm of escitalopram

nachdem meine depression im juni derart vehement zurückgekehrt war, dass nichts anderes mehr so recht half, bin ich seit gut zwei wochen wieder auf escitalopram. prinzipiell ist mir das aufgrund meiner herzrhythmusstörung ärztlich untersagt. aber ich habe mich nun eigenmächtig gegen suizidales kreisen für einen potenziellen fröhlichen herzstillstand mit mitte vierzig entschieden.

der effekt des medikaments war wie immer frappierend geil. schon nach zwei tagen hatte ich das gefühl, als wäre dieser zentnerschwere, rippenzerquetschende pflasterstein auf meiner brust verschwunden. verdauungs- und rückenprobleme? von hundert auf null. depressive und ängstliche gedanken: existent, aber weder groß stimmungsbeeinträchtigend noch schlafraubend. unfreundliche menschen und der sinnentleerte arbeitsalltag: unverändert vorhanden, aber mir überwiegend komplett gleichgültig. 

"was grinst du so komisch", fragte mich der luxus-mann neulich.
"nur ein kleiner anfall grundloser heiterkeit", kicherte ich. 
"kenn ich gar nicht von meiner grummelfrau", erwiderte der mann.
"kommt von meinen happy pills", erklärte ich versuchsweise laienverständlich. "ich nehme jetzt wieder die alten. also die, die ich eigentlich nicht nehmen darf. die mich killen können."
"du sollst so einen scheiß nicht schlucken", protestierte der mann. 
"du hast selber ständig gesagt, ich sei dir zu negativ."
"ich will aber auch nicht so ne kichertusse als freundin!"
"kannst dir ja ne andere frau suchen", grinste ich frech. "eine, die weder fröhlich noch deprimiert, sondern immer ausgeglichen ist. am besten gleich eine, die auch noch die perfekten straffen c-körbchen-titten bei kleidergröße 34 hat, wie du dir das immer erträumst. und die millionärin ist und leidenschaftlich gerne kocht. dann hörst du endlich mal auf zu nöhlen."
"wahrscheinlich wär ich dann nach ein paar wochen total gelangweilt", schmunzelt der luxus-mann. "und fett."

escitalopram hat neben der latenten todesgefahr noch zwei weitere unangenehme nebenwirkungen bei mir. eine kannte ich bereits - ein schlafbedürfnis von mindestens neun, besser zehn stunden. trotz luxus-protest gehe ich nun also um 21:30 uhr zu bett. sobald mein kopf das kissen berührt, bin ich auch schon weg und schlafe tief und traumarm.

die zweite nebenwirkung ist mir neu und offenbar perimenopausal mitbedingt: das zeug trocknet meine verschrumpelnden augäpfel komplett aus. ich habe nun also permanent rote, brennende augen wie ein hardcore-kiffer. spätestens alle zwei stunden brauche ich augentropfen. aber dank des scheißegal-gefühls bin ich auch davon nur partiell genervt. 

schön ist, dass das energielevel nun langsam ansteigt. nachdem ich zuerst einen zuwachs an körperlicher kraft verspürte - 150 squads bringen mich im moment nicht einmal ansatzweise ins schwitzen - kehrt langsam auch die seelische energie zurück. nach längerer pause habe ich es geschafft, mal wieder mit der objekt-mama zu telefonieren und sogar einen videogruß des objekts anzusehen, ohne mich danach tagelang verzweifelt, wütend und verlassen zu fühlen und mich gedanklich endlos an diesem unfairen schicksal abarbeiten zu müssen.

verflucht und halleluja. übernächste woche muss ich das dann alles mal schonend meiner psychiaterin beibringen.

Mittwoch, 30. September 2026

ein korb für philipp amthor

wie geierartig sich die medien auf das bedürfnis nach oberflächlicher, inhaltsloser aufregung stürzen, zeigt die sich derzeit am beispiel von philipp amthor. er hatte sich einen strandkorb gekauft - wohlgemerkt nicht aus steuergeldern - um ihn am arbeitsplatz zu nutzen.

ich hege für amthor ählich wenig sympathien wie für merz, spätestens seit augustus intelligence. aber ich mag es nicht, wenn sich die meute zusammenrottet und unbegründet hetzt.  

wer von euch kein fettes, luxuriöses bürostuhl-kissen besitzt, der werfe den ersten stein. oder sich nicht seine lieblingskaffeetasse ins regal der büro-cuisine gestellt hat. ich habe beides! 

und wenn mein erbärmliches micker-gehalt einen strandkorb hergäbe - beileibe, ich hätte so ein verdammtes ding auf unserer hässlichen, kahlen, möwenschiss-dekorierten büro-dachterrasse. nur weil ichs könnte. und natürlich, damit da die möwen drauf scheißen, so als optimal sichtbaren, kleinen gruß an den vorstand.

Dienstag, 15. September 2026

work-sleep-balance

beinahe jeden morgen stehe ich in der bahn. unter maximalem druck: die nähe der menschen. schlecht riechender menschen. lauter menschen. menschen, deren verlorenheit und aggression ich regelrecht spüren kann. die ich aufsauge, mittragen muss.

ich mag nicht sitzen, auch wenn meine fahrt eine ganze stunde dauert. sitzen bedeutet, eingeklemmt zu werden in diese gerüche und geräusche und fremden gefühle. ich stehe, um fliehen zu können, auch wenn die füße und der rücken schmerzen. 

komme ich im büro an, bin ich bereits derart gestresst, dass ich erst einmal blockatmen muss. dabei stelle ich mir vor, wie ich mit einer waffe durch die räume gehe und in jeden eine salve abfeuere - bis alles totenstill ist. 

erst dann habe ich die kraft, mir die maske der normalität überzustreifen und mich all dem sinnentleerten, absurden müll, den sie hier aufgeregt tasks und projects nennen, zu widmen. dazusitzen, die mundwinkel angestrengt richtung ohren gespannt, kompetenz vortäuschend, acht, neun, und mehr stunden täglich. 

abends steige ich in mein bett wie in einen sarg und stelle mir vor, nie wieder aufwachen zu müssen.  

 


 

Samstag, 12. September 2026

blaues wunder

"im prinzip kannste wählen, wen du willst", findet die lederjacke. "das ziel ist immer dasselbe, nur anders verpackt."

"wie meinst du das?"

"schau dir mal den merz an. auf dem wird herumgehackt, weil er recht unverblümt sagt, wie es im grunde eben läuft: die politik braucht die wirtschaft, sie wird maßgeblich von ihr finanziert. wenn´s da besser läuft, weil 20.000 arbeitsplätze wegfallen und der aktienmarkt jubelt, ist das auch gut für die politik. deshalb hat politik im kapitalismus nur ein ziel: die wirtschaft stärken."

"aber ist nicht auch wichtig, dass die bevölkerung irgendwie zufrieden ist und ihrem kaufrausch frönen kann? ich meine, wir arbeiten doch nur deshalb, weil wir konsumieren sollen, damit wir der wirtschaft nicht nur durch arbeit, sondern auch durch konsum dienen. wenn der konsum wegbricht, fehlt dem kapitalismus doch zumindest eine tragende achse?"

"ja, schon, aber die politik näht das alles auf enge kante. die hat kein interesse am wohlstand für viele. wenn du trotz arbeit gerade mal so hinkommst, weißt du, dass du deinen job ganz dringend brauchst. dann leckst du deinem chef dafür notfalls den hintern sauber. oder, falls du arbeitslos bist, stellst du keinerlei bedingungen, um einen job zu bekommen. und das ist gut für die politik - weil jeder dann mit jedem um jeden noch so billigen scheißjob konkurriert - und die wirtschaft dadurch gewinnt: sie bekommt die bestmögliche arbeitskraft zu den schlechtmöglichsten bedingungen."

"und was hat das jetzt mit merz zu tun?"

"der kommuniziert den kapitalismus eben ganz offen. der sagt: arbeite mehr. arbeite länger. und arbeite gefälligst, wenn du krank bist. der packt da einfach keine blümchen drum herum. man muss ihn dafür nicht mögen, aber unehrlichkeit kann man ihm nicht vorwerfen."

"aber die afd will das ja auch - und noch viel mehr." 

"ja, aber wie gesagt anders verpackt. die verknüpft ihre forderungen mit illusionen: deutschland stark machen, die ausländer sind unser untergang, und ähnliches geschwätz. imperalismus nach innen, aber verbrämt mit alles-wird-gut-deutschtümelei-botschaften. die leute haben das gefühl, mit der afd bin ich teil eines starken staats, da wird jetzt für mich aufgeräumt, ich muss im grunde gar nichts tun, weil ich automatisch zu den guten gehöre. das ist ein märchen, ein gutes gefühl. und obwohl es auf exakt dasselbe hinausläuft, funktioniert das viel besser als unverblümter kapitalismus."

"ja, das glaube ich auch. je mehr verunsicherung, desto intensiver die weigerung, den verstand zu benutzen."

"und dann schau dir mal unsere medienlandschaft an, die ist doch auch eine vollnarkose für den verstand. es geht nur noch um meinungen und um das vermeintlich wertvolle recht, eine meinung haben und aussprechen zu dürfen. dabei ist eine meinung das billigste, was es gibt. jeder hat eine und keine davon bewirkt etwas." 

"aber das ist den leuten irgendwie wichtig. vielleicht weil so eine eigene meinung so eine art letzte bastion in einer gefühlt lebensfeindlichen, fremdbestimmten welt ist."

"lebensfeindlich ist die welt nur für die 90 prozent, die nichts haben und ums überleben kämpfen müssen. die anderen 10 prozent, denen 90 prozent dieser welt gehört, finden das ganz prima so. und die politik vertritt deren interessen, weil sie nur deswegen überhaupt existieren kann. es ist ein selbsterhaltendes system."

"du meinst, im grunde gehts nur um interessen, nicht um positionen, werte oder haltungen."

"es ist alles ganz einfach - nur eben nicht besonders schön für die 90 prozent, sprich uns verlierer. dem kann man ins auge sehen und es akzeptieren, oder man verweigert sich und träumt sich gesellschaftspolitische utopien zurecht. vielen menschen helfen eben ein paar illusionen, um morgens aufzustehen. und wenn diese illusion lautet: du bist deutsch, deswegen bist du ein toller hecht, reicht das vollkommen, um massen zu begeistern. "

"verständlich, aber gefährlich."

"nein, gefährlich ist das gar nicht, im gegenteil, das zementiert doch die zustände. die mächtigen sichern sich so ihre macht." 

"ich meinte, gefährlich für die 90 prozent, also für die verlierer."

"du verstehst es nicht. die verlierer haben sowieso verloren, ob sie träumen oder nicht. für die verlierer geht es nur darum, einen weg zu finden, mit einer realität klarzukommen, die sie nie verändern werden, ob sie nun cdu oder afd wählen oder irgendeine tierschützerpartei."

 "also ist alles verloren?"

"nein, du kannst nicht verlieren. du bist ein verlierer. du bist so geboren." 

"das ist ja schlimmer als im mittelalter."

"im mittelalter hattest du bis zu deinem tod vielleicht so 25 arbeitsjahre - und mangels bildung erschienen dir die zustände gottgegeben und deine klaglose buckelei als eintrittskarte ins paradies. heute wird dein körper durch die lebensmittel- und gesundheitsindustrie so manipuliert, dass er mindestens 40 jahre lang verheizt werden kann, während dein geist dank bildung zumindest eine ahnung von freiheit hat, die du, wie du ebenfalls ahnst, aber nie erreichst. und jetzt kann man drüber diskutieren, was gnädiger ist. oder warum so viele menschen psychopharmaka schlucken, so wie du."

"zumindest führt es das konzept von longevity ad absurdum. aber das ist sowieso nur für reiche." 

"ich kauf trotzdem bio, wenn ichs mir mal leisten kann. apropos, wie wär´s mit essen? ich koch auch was."

"du willst mich doch bloß füttern, damit mein körper weiter dem kapitalismus dienen kann."

"so ist es, mylady. machen sie sich keine illusionen und genießen sie die realität." 

Montag, 7. September 2026

schlampen

ich sitze in einem schnöseligen café nahe der elbe und bin auf ein überteuertes getränk eingeladen. es ist einer der letzten schönen spätsommerabende und viel los.

am nebentisch lümmeln vier sehr junge mädchen, schätzungsweise 14 bis 15 jahre.

"hab mich letztens mit dem alex getroffen... und wir saßen dann so in seinem zimmer... naja, da hab ich ihm halt n blowi gegeben", erzählt die kleine dürre blonde im güldenen blankeneser millionärs-outfit so gelangweilt, als spräche sie über mathe-hausaufgaben. "ich weiß, der hängt ja sonst mit der lara rum... die lässt ihn auch ganz ran. aber die ist auch so eine schlampe."

die mädels-runde nickt abgeklärt-zustimmend, und mein spendabler brandneuer bekannter, der das gespräch ebenfalls verfolgt hat, guckt ähnlich konsterniert wie ich. 

wieder einmal bin ich froh und dankbar, ein kind der neunziger zu sein. meine ersten freiwilligen sexuellen erfahrungen waren motiviert durch verliebtheit und entdeckungslust - ohne anschließende instagram-dokumentationspflicht, ohne den vergleich und den druck, "besser" sein zu müssen als irgendwelche dummtussen aus meiner klasse - und ohne die gefahr, anschließend in einer absurden, auf ausgrenzung ausgelegten schlampen- oder nichtschlampenliste zu landen.