Sonntag, 17. Februar 2019

over and out

der worst case ist eingetreten.
wortlos und so, wie ich es mir erwartet habe.
die gespielin hat meine nummer blockiert.
ich werde das objekt nie wieder sehen.

nur das hirn ist wie ein hund, der einen knochen unterm sand schnuppert. es buddelt noch immer nach einem ausweg.


Donnerstag, 14. Februar 2019

valentinstag

ich starte meinen zweiten objekt-besuch. bestes wetter, pünktliche busse und bahnen und überall irgendwas in herzchenform - es ist krass, aber ich habe gute laune.
es soll allerdings noch viel krasser kommen.

als ich das zimmer betrete, weiß das objekt sofort, wer ich bin und dass ich schon mal da war.
ich kann es kaum glauben und freue mich tierisch.
„ich... hatte... erinnerungen... an dich. viele... gute erinnerungen“, strahlt das objekt.

wie beim letzten mal lese ich irgendwann geschichten aus unserer gemeinsamen zeit vor. es sind natürlich auch frivole darunter. als ich eine story vorlese, in der ich dem objekt einen blowjob verpasse, drückt es meine hände:
„ich kann... den blowjob... gerade... richtig spüren.“
ich kichere doof. bestimmt vermisst es das objekt zu ficken. war ich zu offensiv, indem ich auch diese dinge erzähle? auch, wenn sie uns mit ausgemacht haben?
ich frage das objekt.
„nein. das ist... schön. gut gut.“
aber es ist angetriggert, das kann ich spüren.

"ich... habe... eine frage", nuschelt es, als ich fertiggelesen habe.
"alles, was du wissen willst."
"ich... frage... mich... ob das bett... hier... groß genug... für uns beide... ist."
"willst du etwa kuscheln?"
"jaaaaa..."
kann ich dem objekt diesen wunsch abschlagen? nein.

da ich mir auf der anderen seite des gitterbetts selber vorkomme wie ein dämlicher touri beim besuch bei hagenbecks, ziehe ich also die schuhe aus, klettere auf den stuhl und steige über die stäbe.
"guck bitte mal, ob da irgendwelche schläuche sind", sage ich und hebe die decken. "nicht, dass ich dir versehentlich den katheder oder die peg rausfetze."
doch alles geht gut und nach der kurzen klettertour sitze ich neben dem objekt im bett.
es kuschelt sich an mich und hält mich fest.
"hoffentlich kommt jetzt kein pfleger rein", sage ich. "ich weiß nicht, ob das so erlaubt ist in diesem kleinen wackelbettchen."

doch niemand stört und so sitzen wir eine ganze weile einfach da. ab und an murmelt das objekt sein stereotypes "ok. gut gut." und "danke", weil sonst keiner mehr was sagt.
ich mache die augen zu und fühle mich sehr geborgen.
doch ich merke, wie mich das objekt anstarrt. der kopf rattert sichtbar.
„stimmt was nicht“, frage ich beunruhigt.
da schaut mich das objekt aus seinen tiefgrünen augen an.
„ich... liebe... dich“, sagt es.

ich bin völlig perplex. meint es das so oder meint es eher liebhaben?
„du hast mich lieb?“ stelle ich mich erstmal dumm.
das objekt schüttelt den kopf:
„ich... LIEBE... dich!“

ich kriege herzrasen. auf solche geständnisse hatte ich jahrelang gehofft, aber zum jetzigen zeitpunkt trifft es mich aus heiterem himmel.
aber mal langsam.
vielleicht verdreht das objekt ja was.
„ich bin nicht die gespielin“, lasse ich den nächsten testballon steigen.
„du... bist... die morphine“, kann mich das objekt völlig richtig zuordnen.

ok, an der adressatin gibt es also keine zweifel.
aber ich will den satz nicht zu hoch aufhängen. schließlich habe ich gelesen, dass die emotionale kontrolle nach einem sht ziemlich niedrig ist - positiv wie negativ. daher auch die neigung zu wutausbrüchen.
was sage ich jetzt also? irgendwas ehrliches, warmherziges aber auch unverfängliches.
„ich hatte und habe auch ganz viele positive empfindungen für dich“, antworte ich. „auch als du nicht da warst und ich gar nicht wusste, was passiert ist und dass du hier liegst, hat mich immer die gewissheit begleitet, dass du mich irgendwie mit dem herzen festhältst.“

das objekt grinst selig, wird dann aber gleich wieder ernst. "ich... habe... ambi.. valenzen", stottert es.
"ich glaube, ich sollte mal besser wieder raus hier."
"nein."
"ich will dich aber nicht traurig machen."
"du machst... mich... nicht traurig... aber du... verwirrst mich."
es schaut mich mit großen grünen augen an. dann haut es den valentins-burner raus:
"ich... will... mit dir... zusammen sein."

ich kann erstmal nur dumm schauen, da ich einfach sprachlos bin.
ich merke, dass ich jetzt verdammt vorsichtig sein muss.
„ich... habe...“, das objekt ist angestrengt, worte zu finden, „habe... eine... wahl.“
„du musst etwas entscheiden?“
"mit dir... oder... ohne."

das läuft jetzt richtig aus dem ruder hier. ich setze mich energisch auf.
"warte mal! und was ist mit der gespielin? du bist doch glücklich mit ihr."
"ja."
"und du hast mir mal gesagt, du würdest sie nie verlassen, weil du sie nicht verletzen willst."
"ja."
"und ich habe auch einen freund. den ich liebe."
"und... du... liebst den... so... wie mich?"
"man liebt niemanden gleich. du liebst die gespielin auch anders als mich. wir beide sind eben... eher intensive menschen. intensive gefühle haben uns ausgemacht, aber das hat all die jahre nie für eine beziehung gereicht. entweder ich hab einen schritt auf dich zugemacht und du hast dichtgemacht, oder du warst bereit und ich gerade nicht."

"ich... habe... diese erinnerungen... mit dir", sagt das objekt betrübt. "die... sind... so schön."
"aber die tun auch weh, hm?"
"ja."
"das ist normal. das geht mir nicht anders. trotzdem würde ich dir nicht raten, jetzt mit der gespielin schluss zu machen. sie pflegt dich mit und tut und macht und ist dein wichtigster mensch hier. du würdest das bestimmt bereuen."
"ja. ok. gut gut." das objekt guckt mich an wie ein schulkind seine lehrerin und ich hoffe, meine worte sind angekommen.
"du machst dir jetzt gerade einfach zu viele gedanken", fahre ich fort. "es gibt eigentlich gar keine entscheidung zu treffen. du bist mit der gespielin zusammen, ich bin mit meinem freund zusammen, und wir beide sind eben mit dem herzen zusammen. so wird keiner verletzt."

das ist die halbe wahrheit. denn das objekt ist definitiv verletzt, das sehe ich.
"ich... habe... noch eine frage", sagt es.
ich greife seine hände und halte sie fest.
"was denn?"
"wie... komme ich.... hier weg?"

ich wäre jetzt gerne eine psychologin, die auf solche fragen eine ganze kiste voller unverfänglicher und doch beruhigender blabla-antworten hat.
"indem du gesund wirst und wieder laufen lernst", sage ich schließlich banal. "dann kannst du gehen, wohin du willst."
"wie... komme ich... hier weg?" fragt das objekt wieder eindringlich.
message nummer eins war also schon mal nicht zielführend.
"du kannst wie ich den bus nehmen, aber dafür müsstest du es erstmal bis zu haltestelle schaffen und das kannst du ja noch gar nicht", sage ich etwas forscher, frei nach dem motto: hoffnungen mit dem betonpfeiler zerschmettern.
"wo... ist... der bus?" fragt das objekt unbeirrt weiter.
falsche fährte. das mit dem bus war offensichtlich eine noch blödere idee.

ich nehme das objekt-gesicht in beide hände und streichle seine wangen.
"weißt du, was ich immer mache, wenn ich wo bin und nicht wegkann?"
"was.... denn?"
"ich träume von besseren zeiten. ich nehme all die schönen erinnerungen als vorlage und stelle mir vor, dass könnte wieder so sein. das ist wie ein bollwerk gegen die realität."

fast vier stunden hat mein besuch am ende gedauert, aber ich gehe ungern. das objekt ist aufgekratzt, aber nicht im positiven sinne. ich mag es so nicht zurücklassen, aber ich muss, wenn ich den letzten bus zurück in die stadt bekommen will.

"bitte mach keinen scheiß", sage ich zum abschied.
das objekt guckt nur sehnsuchtsvoll und es gibt wenig, was ich besser nachfühlen könnte.

ob und wie wir uns so wiedersehen können, ist ungewiss.

und so bricht mein herz zum x-ten male an einem valentinstag, in einer kühlen klaren nacht voller sterne.



Dienstag, 12. Februar 2019

weiter mit musik.

"mein chef wollte mal wissen, was ich so für musik höre", erzählt der luxus-mann. "der ist so ganz nett und jung und normal, also hab ich gedacht, na gut, dann brenn ich ihm mal eine von meinen lustmord-cds."
"und?"
"seine frau hat angeordnet, dass er sich die nur im hobbykeller anhören darf!"

der luxus-mann hat großes glück. in seinem haus gibt es nämlich keine keller. sonst hätte ich ihn zeitweise bestimmt auch schon dahin verbannt. aufwachen zu death metal-geschepper ist ja nicht so meins.

übrigens wurde auch mein vater schon in den hobbykeller verbannt. als er die alte eisenbahn von meinem opa wiederaufbauen wollte. nicht in meinem wohnzimmer, sagte meine mutter.

wie viele männer wohl in deutschlands hobbykellern hausen?

lustmord mag ich aber auch selbst ganz gern. sogar bei tageslicht.


Mittwoch, 30. Januar 2019

sich arrangieren

obwohl ich zurückhaltend bin und meine wünsche eher vorsichtig äußere, habe ich mich zeitlebens für nicht besonders diplomatisch gehalten. jedenfalls kam es schon vor, dass ich zu forsch war und anderen damit auf die füße gelatscht bin. meiner mutter zum beispiel, die mich dann gern mal verkloppt hat für dinge, die ich als kleines kind schlichtweg nicht verstanden hatte. seither habe ich immer angst, meine bedürfnisse durchzusetzen, vor allem bei menschen, von denen ich weiß, dass sie mir nicht gewogen sind.

interessanterweise komme ich mit der gespielin in sachen kompromissfindung klar. die besuchserlaubnis wurde verlängert, und ich habe sogar konkrete angaben, wann ich den besuch anmelden und mit ihr abstimmen kann. besser gehts nicht. so viel klarheit macht mich ruhig.

schwierig ist es überraschender- und auch wieder nicht überraschenderweise mit dem luxus-mann. obwohl das objekt durch den unfall vom bildschönen, muskelbepackten hünen zu einem totenblassen klappergestell mutiert ist, das kaum sprechen, nicht gehen, nicht essen und wahrscheinlich auch nie wieder ficken kann, schlägt mir unverständnis entgegen, als ich sage, dass ich es in ein paar wochen wieder besuchen will.

"ich dachte, das wär ne einmalige sache", raunzt der luxus-mann ungehalten.
"nö", sage ich frank und frei. "das wär vielleicht ne einmalige sache geworden, wenn er sich lediglich die beine gebrochen hätte oder ähnliches. aber er ist ein pflegefall! und vielleicht wird das immer so bleiben."
"seine freundin wird dir was erzählen, wenn du dich da so aufdrängst!" sagt der luxus-mann ziemlich aggressiv.
"seine freundin stellt sich nicht so an, die hats mir schon erlaubt!" pfeffere ich zurück.

der luxus-mann schaut zweifelnd.
"was stört dich denn so sehr daran, wenn ich ihn alle paar wochen mal besuche?" frage ich. "ich meine, ich zieh mich da doch nicht nackig aus und hühner mit dem rum! ich bin froh, wenn ich das verstehe, was er da so nuschelt und wenn ich bewirken kann, dass er sich freut und sich für kurze zeit mal nicht alleine fühlt."
"ich finde halt, du übernimmst dich", sagt der luxus-mann.
"inwiefern?" erwidere ich verdattert.
"du sagst, du fühlst dich schwach und schwindelig, vor ein paar wochen bist du zusammengebrochen und im krankenhaus gelandet, weil dich das objekt so stresst..."
"ich hatte nicht wegen dem objekt stress, sondern weil die situation so fürchterlich und so ungewiss war und ich bezweifelt habe, dass ich mit meinem anliegen bei seiner freundin und seiner familie durchkomme. weil ich für ihn da sein wollte und erstmal nicht konnte. inzwischen fühle ich mich ganz gut."
"ich glaube trotzdem nicht, dass seine freundin das gut findet, wenn du da dauernd hinfährst."
"das ist mir egal. wenn sie das nicht gut fände, hätte sies mir ja verbieten können. jetzt hat sie ja gesagt, und damit ist das für mich ok. über mögliche ungeäußerte befindlichkeiten zerbreche ich mir nicht den kopf. für mich zählt das wort."

der luxus-mann überlegt, aber es fehlen ihm sachliche argumente, die er ins feld führen könnte.
"wie gesagt, der kann nicht ficken", betone ich noch mal und kichere: "selbst falls sich da noch was regen würde, da steckt n katheder drin."
"man braucht ja nicht zwingend einen schwanz, um sex zu haben", merkt der luxus-mann an.
ich seufze genervt.
"versuch dir mal vorzustellen, du kannst nicht essen, nicht alleine kacken gehen, nicht rumlaufen, nicht lesen und liegst den ganzen tag nur im bett, hast nen schlauch im schwanz stecken und siehst aus wie der tod auf zwei beinen, weil du eine lungenentzündung nach der anderen hast. dann kommt eine frau und sagt, hey, lass uns fummeln. glaubst du ernshaft, dir wäre danach?"
"was weiß ich!"
"und denkst du, mir wäre danach, wenn ich diese hilflose, ausgemergelte gestalt sehe, dieser anblick, bei dem ich aufpassen muss, nicht loszuheulen?"
"du bist strange und nymphoman, dir trau ich alles zu. außerdem isses dein objekt. du liebst es."

ich merke, wie mich die diskussion ermüdet und ich aufpassen muss, nicht gleich stocksauer zu werden. schließlich bin ich auf kooperation angewiesen.
"du hast verlustängste und ich verstehe das beim objekt sogar. aber ich liebe jetzt dich und ich werde dich nicht wegen dem objekt verlassen", sage ich.
"naja, wir werden sehen", meint der luxux-mann nur angefressen.

ich fürchte, es werden also noch längere debatten zu führen sein, in der hoffnung, dass ich den luxus-mann an den gedanken gewöhnen kann, dass ich das objekt ab und an besuche.
daumendrücken erwünscht.




Samstag, 26. Januar 2019

the visit

gegen mittag mache ich mich auf, um das objekt erstmals zu besuchen.
in der bahn ist mir schon wieder übel vor anspannung, meine hände schwitzen ekelhaft. gleichzeitig sagt eine stimme in mir: vertraue ihm. vertraue dir. vertraue auf eure basis, die ihr immer hattet.
beruhigend im ohr habe ich auch die stimme der objekt-mama, mit der ich am vortag noch telefoniert habe: "du wirst sehen, er freut sich so sehr über jeden besuch, er genießt die anwesenheit der anderen person wirklich."

zwei stunden später bin ich mit meinem gefühlsmischmasch an ort und stelle. ein gottverlassener landstrich, in nebel und nieselregen gehüllt. glücklich ist hier, wer - anders als ich - ein auto hat.

ich gehe, wie mir die objekt-mama geheißen hat, die straße zu ende, bis ich vor einem gebäude mit glastür stehe. dahinter befindet die - ebenfalls gottverlassene - anmeldung. ich stehe eine weile doof herum, bis ich einen pfleger sehe. er ist ungefähr 2 meter groß und mit einem mächtigen kolkrabenschwarzen bart ausgestattet.
ich frage ihn nach dem objekt und habe glück: der pfleger ist unter anderem sowieso auch für das objekt zuständig und nimmt mich mit.
"er weiß, dass er besuch bekommt", sagt er mir auf dem weg.
"echt? haben sie ihm das gesagt?"
"ja, aber wir wussten nicht, wann genau sie kommen."

nachdem wir mehrere flure entlang gehastet sind, kommen wir zum objekt-zimmer. die tür ist ein stückweit geöffnet, der pfleger klopft trotzdem höflich an.
"hallo, ich hab da eine junge dame für dich. der besuch, der sich angekündigt hatte."

das objekt liegt in einer art gitterbett und guckt wie ein auto.
aber es wirkt wach, klar, aufmerksam.
"hallo", sage ich erstaunlich fest, und "warte, ich hol mir mal schnell den stuhl da aus der ecke."
stuhl holen, raus aus der jacke, fummelkram, hinsetzen.
konzentration.

"so, jetzt aber", sage ich.
das objekt starrt mich an.
"kannst du dich an mich erinnern?" frage ich es.
"nee", sagt es.
der moment, an dem mir eigentlich das herz in die hose rutschen hätte müssen, doch wider erwarten bin ich gefestigt.
"das ist nicht schlimm", höre ich mich sagen, "dann erzähl ich dir einfach ein bisschen von uns... wie wir uns kennen gelernt haben und so. ok?"
das objekt guckt immer noch sehr groß, greift dann völlig überraschend nach meinen händen und zieht mich näher heran. soviel scheint also doch wieder zu funktionieren.
"du... bist süß", sagt es unvermittelt.

ich muss schallend lachen.
"na, wir fanden uns auch mal ganz attraktiv", kichere ich.
das objekt schmunzelt mit.
"schöööön" sagt es indifferent und hält immer noch meine hände fest.
ich folge meinem nächsten impuls:
"magst du dich mal drücken lassen?" frage ich.
"jaaaaaa", nuschelt das objekt.
verdammtes gitterbett.
so gut es geht, krabble ich darüber und nehme das objekt richtig in die arme.
"schöööööön", sagt es wieder. und "gut gut".
ich weiß nicht, ob "gut gut" heißt, dass es so gut ist, oder dass ich jetzt besser mal aufhören soll, also löse ich mich kurz darauf wieder aus der haltung und krabble auf meinen stuhl.

meine hände kriege ich nicht zurück.
"kalt", sagt das objekt und meint damit meine finger.
"ist ja auch ein scheißwetter da draußen", sage ich. "es regnet."
"ja."
"aber manchmal finde ich regen auch ganz schön. ich mag das geräusch, wenns pladdert, das ist beruhigend."
"gut gut", sagt das objekt wieder, und dann: "mag ich nicht."
"den regen?"
"ja."
"hm. soll ich mal dein fenster zumachen? oder ist dir zu warm?"
"ja."
"was ja? fenster zu?"
"ja."
ich mache also das fenster zu.
"danke", sagt das objekt.
"jetzt hört mans nicht mehr pladdern. regen ausgesperrt!"
"regen.... ausgesperrt", wiederholt das objekt. "gut gut."

wir sitzen da, ich streichle die objekthände, nehme eine handfläche, lege meine wange hinein. das objekt grinst selig.
"erzählen", sagt es dann. "ich will mich... erinnern."
hm, womit fängt man da an? ich entscheide mich für den chronologischen weg, erzähle von der ersten begegnung im club, gerate dann irgendwann ins erinnerungsstolpern. aber ich war so schlau, blogartikel mitzunehmen. die zahllosen begegnungen, alle für die ewigkeit, wenn kleinbloggersdorf so will. endlich, endlich kann ich behaupten, dass bloggen keine zeitverschwendung ist.

"ich habe viel von uns aufgeschrieben", sage ich dann zum objekt. "soll ich dir das vorlesen?"
"jaaaaa. erzählen. vorlesen. danke."
und dann lese ich ein paar bloggeschichten, während das objekt meine hände hält und streichelt und mich unablässig konzentriert anstarrt.
ein paar mal sagt es zwischendurch "gut gut", "ok" und "danke", aber ich begreife irgendwann, dass es das sagt, um mir zu signalisieren, dass es zuhört.
"soll ich weiterlesen?" frage ich zwischendurch, weil ich angst habe, es überzustrapazieren, aber das objekt nickt wild:
"weiter!"

und irgendwann drückt es meine hände sehr fest und sagt recht unvermittelt:
"ich... erinner mich."
mein herz beginnt wie ein presslufthammer zu klopfen.
"du erinnerst dich? an mich?" quieke ich aufgeregt.
"ja."
ich habe das gefühl, gleich ohnmächtig werden zu müssen.
"weißt du, wie sehr mich das freut? ich hatte solche angst, dass ich dir ganz fremd bin und du dich die ganze zeit fragst, was die komische frau da von dir will... und was die dir für seltsame geschichten erzählt" platze ich heraus.
"nee nee", sagt das objekt. "du... ich... sind vertraut."
ich bekomme tränen in den augen und muss wegschauen.
"du... bist... ein guter mensch", nuschelt das objekt angestrengt.

ich kann eine weile nichts sagen, weil ich nicht rumheulen will. da kommen mir die reste der objektiven lungenentzündung zur hilfe, es hustet, dass das bett wackelt. ich bin erfolgreich abgelenkt, in sorge, überlege, den pfleger zu rufen, anderseits: heilung dauert eben nunmal und wer gerade eine lungenentzündung hatte, darf auch rumhusten.

"gehts wieder?" frage ich, als der hustenanfall abklingt.
"ja. gut gut. weiter. vorlesen."
"ok, aber du sagst, wenn du pause machen willst oder ich gehen soll, ja?"
"du... sollst nich... gehen."
"ich gehe nicht, aber wenn du ne pause brauchst, sagst du bescheid."
"gut... zu wissen!" lächelt das objekt.
"du kannst auch einfach zwischendurch mal die augen zumachen. ich geh nicht weg, ich guck dir dann beim schlummern zu und weck dich spätestens, wenn ich los muss."
"ok. aber... wecken... bevor du gehst. ich.... du... will in den arm."
"ich geh doch nicht einfach, ohne dich in den arm zu nehmen!"
"ok. gut gut. danke."

irgendwann bin ich mit vorlesen durch, fühle mich selbst angestrengt und müde. da will das objekt musik hören, die ich ihm mitgebracht habe. also schnappe ich mir den mp3-player, schiebe dem objekt einen kopfhörer ins ohr und mir den anderen in meines und spiele ihm ein paar lieder vor, die uns viel bedeutet haben.
das objekt murmelt noch ein paar mal "gut gut" "ok" und "danke", wird dann aber ganz ruhig und macht, als ich die meinen schließe, auch mal die augen zu.
"schöööööön", sagt es, als wir durch sind und ich uns abstöpsle.
ich lächle nur und fühle mich wohl. rundherum pudelwohl. alles ist so tausendmal besser als befürchtet.

"erzählen", verlangt das objekt wieder.
"nee, warte mal ne minute. ich brauch nen moment. außerdem konnten wir auch immer super zusammen schweigen. das hat doch auch qualität."
da löst das objekt eine hand aus meiner und streckt sie aus, um mein gesicht zu berühren. langsam streicht es mir über stirn und wangen, vergräbt die finger dann in meinen haaren und streichelt weiter. das ist so wunderbar, dass ich schon wieder fast heulen muss, weil ich es so vermisst habe und nicht für möglich gehalten hätte, dass es passiert.
"ich hab dich vermisst", sage ich schließlich doch unter tränen. "ich hab dich so verdammt vermisst. und ich bin so froh, dass ich hier bin."
"ich... bin... auch... froh", stammelt das objekt.

über zwei stunden sind wie im nu verstrichen und ich muss langsam los in richtung bus.
"wenn du willst, komme ich wieder", sage ich zum abschied.
"ja. bald."
"wenn deine freundin das erlaubt."
"ok."
"du weißt ja vielleicht noch, die mag mich nicht."
"ok. und... was... machen wir... bis dahin?"
"so in der zwischenzeit?"
gute frage, jetzt bin ich blank.
"du hast kein handy mehr, oder?"
"nee."
ein blick auf meines offenbart mir zudem, dass dieser tote ort zugleich eines der berühmten funklöcher ist. kein netz, nicht mal e.
"soll ich... ich könnte dir höchstens nen brief schreiben", sage ich etwas hilflos.
"brief. bitte."
"kannst du denn schon wieder lesen?"
"nee."
hmpf.
"habt ihr hier internet?"
"ja! wlan."
"aber du hast kein tablet oder so."
"nee."
"weil sonst hätte ich dir ein video machen können. wlan reicht ja für whatsapp in der regel."
"brief. video. wlan." sagt das objekt begeistert.

infrastrukturell sieht es in der einrichtung eher düster aus. ich beschließe, mich dazu lieber noch mal mit der gespielin oder t. oder der mama kurzzuschließen, bevor ich in aktionismus ausbreche, ein ipad kaufe und es dann doch kein wlan gibt, weil das objekt was verwechselt.
aber zuerst muss ich erfahren, ob ich das objekt nun öfter mal besuchen darf.  was ein harter kampf werden könnte, da ich mich hier mit der gespielin, aber auch mit dem luxus-mann arrangieren muss.

als ich gehe, bin ich nichtsdestoweniger überglücklich.