Freitag, 24. Mai 2024

another day in the nuthouse

auch wenn meine kollegen mehr als nur motivtiert sind, laufen sie am limit. die nerven liegen permanent blank, deshalb wird viel gemeckert und schnell genervt reagiert. 

heute jedoch kam es trotz der allgemeinen zuvorkommenden höflichkeit zur ersten größeren eskalation, die ich live miterleben durfte. so bezichtigte die hr-abteilung einen meiner vorgesetzten eines fehlers bei der reisekostenabrechnung. der rastete daraufhin komplett aus und schrie ein wenig in den fluren herum, wobei er sich unter anderem über das starke auseinanderklaffen seiner leistung und seiner bezahlung beschwerte - und dass man ihm jetzt bloß nicht auch noch mit irgendeiner ver*ten abrechnung kommen solle.

ich versuchte, die gemüter zu beschwichtigen und ergriff für den vorgesetzten, dessen exorbitantes arbeitspensum ich kenne, partei. ich merkte an, dass alle einschließlich meiner wenigkeit unter einer nachtschlaf- und gesundheitsgefährdenden belastung stünden, unter anderem ausgelöst durch fehlendes wissen über grundlagen sowie allgemeines chaos und kurzsichtige sparmaßnahmen.

das tag endetete damit, dass ich (nicht etwa der vorgesetzte) im kommenden monat zu einem offiziellen termin in die chefetage einbestellt wurde. entweder werde ich dann für meine offenheit abgestraft und gekündigt, oder die kleine eskalation hatte interesse an aufklärung zur folge. 

mir ist das alles egal. es kann ja nicht mehr schlimmer kommen. 

Dienstag, 21. Mai 2024

das empathie-genie

ich war einst davon ausgegangen, dass beziehungen sich maximal drei bis fünf jahre lang entwickeln, bis es dann entweder einfach sehr ereignisarm-beschaulich wird, oder man sich doch trennt, weil man die negativen seiten am partner definitiv nicht mehr ertragen kann. ich bin immer wieder mehr als erstaunt, dass und wie sehr ich mich damit geirrt habe. 

in der tat muss ich zugeben, dass die luxus-beziehung in den letzten monaten noch einmal besser wurde als sie je zuvor war. gerade in der aktuellen sehr schwierigen beruflichen situation steht der luxus-mann zu mir wie kaum ein mann je zuvor. er ermutigt mich immer wieder, den job hinzuschmeißen, wenn es nicht mehr geht, und ist darüber hinaus zuversichtlich, dass ich trotzdem nicht für immer in der arbeitslosigkeit stranden werde. er hört sich die traurigen demenz- und parkinsongeschichten über meinen vater an und bestätigt mir, dass es ok ist, wenn ich weder meinen vater heilen noch das tiefe zerwürfnis zwischen meinen eltern lösen kann. ich spüre immer wieder, wie sehr er sich wünscht, dass ich glücklich bin - auch in vollkommen unscheinbaren, auf den ersten blick bedeutungslosen momenten.

so gingen wir neulich über einen flohmarkt, wo ich ein stofftier entdeckte, das lustig mit dem kopf wackelte. 
"hihi, das sieht aber witzig aus", sagte ich.
"kauf das doch", meinte der luxus-mann.
"auf gar keinen fall! dann steht da wieder ein staubfänger mehr im regal!"
 der luxus-mann war anderer ansicht:
"ich würde es an deiner stelle mitnehmen."
"nee, komm, wirklich nicht. ich bin nicht meine mutter, ich will keinen blödsinnigen krimskrams in meiner wohnung ansammeln!"
 
wir drehten noch eine runde. währenddessen klangen die luxus-worte in mir nach und ich wurde unsicher.
"meinste wirklich, ich soll das ding kaufen?" fragte ich.
"wieso denn nicht? das ist lustig, und es ist doch cool, wenn man gerade eher schlecht drauf ist... und wenn man dann so was witziges hat und sich drüber freuen kann... das tut doch deiner seele gut!"
 
der luxus-mann betrachtete das stofftier also nicht einfach als skurrilen kauf, sondern vielmehr als investition in mein wohlbefinden. und er setzte noch einen drauf:
"soll ich mal mit dem verkäufer verhandeln? ich mach das für dich! du handelst doch nicht gern. oder ich kauf das für dich!"
"es geht mir nicht ums geld, sondern um die sinnlosigkeit des ganzen!"
"aber wenn du freude dran hast, ist das doch absolut sinnVOLL."
 
ich blickte meinen mann verblüfft an. er hatte einfach nur recht. und ich beschloss, die konsequenz daraus zu ziehen:
"dann lass uns zurückgehen. ich kauf das jetzt."
 
zwei minuten später war das ding mein. der luxus-mann nahm mir das vieh aus der hand, begutachtete es von allen seiten und sagte:
"ein bisschen fleckig, aber doch ein lustiger kauf!"
"ein bisschen fleckig, aber doch ein lustiger kauf!" sagte das stofftier da.
 wir guckten uns an.
"alter, das ding kann sprechen", sagte ich verzückt.
"alter, das ding kann sprechen", wiederholte das stofftier. 
wir lachten uns halb tot. das stofftier gab unser gelächter ein wenig verzerrt wieder - und wir mussten noch viel mehr lachen.

ich fand den off-schalter an der unterseite.
"ich kenn das doch, sowas haben wir im letzten sommer im urlaub gesehen", fiel mir ein. "das ist so ein labertier, das alles nachquatscht. weißt du noch? das gab es in diesem souvenirshop... diese sprechende möwe!"
"ich erinnere mich, die war echt cool", antwortete der luxus-mann.
"ich hatte damals sogar darüber nachgedacht, ob ich dir das nicht schenke", sagte ich. "weil du das so lustig fandest. ich hatte so ein ding als sensenmann mit sichel bei ebay gefunden, das hätte perfekt zu dir gepasst. aber ich war nicht sicher, ob du das dann nicht doch kindisch und blöd findest, und neu sind schon ziemlich teuer."
"und jetzt hast du so eins für nur einen euro, das ist doch super", meinte der luxus-mann.

zuhause probierten wir alles mögliche aus und ließen das vieh sprechen, singen, pfeifen und viele andere geräusche nachahmen. und es stimmte, was der luxus-mann prophezeit hatte: obwohl ich wie jeden sonntag schon mit maximalem grusel an den büro-montag dachte, verschwand beim lachen kurzzeitig meine beklemmung.

"tut mir leid, dass ich immer gesagt habe, deine emotionale intelligenz läge im nicht messbaren bereich", meinte ich, als ich später im luxus-arm im bett lag. 
"ich fürchte, du musst meine weisheit und überlegenheit doch endlich ankennen", frotzelte der mann. "auch wenn es dir schwerfällt."
ich kniff ihn noch ein wenig in die seite für seine frechheit, dann drehte sich der mann auf seine schlafseite. während ich wie jeden sonntag noch lange wachlag, lauschte ich seinen tiefer werdenden atemzügen - und schätzte mich unendlich glücklich, dass ich diesem menschen begegnet war.

Mittwoch, 15. Mai 2024

all is lost

gestern - nach einem ultra schlimmen bürohöllentag mit besonders viel gemecker - fällt in mir der entschluss zu kündigen.

auch ohne neuen job, denn nicht eine sekunde länger halte ich diesen laden aus.

ich spreche den einzig halbwegs vernünftigen vorgesetzten drauf an, der daraufhin ein gespräch vorschlägt: große runde, oberboss, meine vorgesetzte s. und er.

"wir brauchen dich doch", sagt er.

"nein", sage ich. "ich kann - so wie es läuft - nichts vernünftiges beisteuern. mein team ist genervt, ich bin absolut frustriert. niemand hat was davon."

peinlicherweise muss ich ein bisschen heulen, aber ich kann es nicht ändern. fix und alle bin ich. erschöpft von der schlaflosigkeit, von der überforderung, der erfolglosigkeit. der vorgesetzte erzählt daraufhin von seiner eigenen zeit, als er in dem laden anfing, und dass es ihm nicht ganz unähnlich ging, denn alles sei einfach sehr komplex, sehr veraltet und sehr chaotisch.

sein vorteil: er muss nicht in dem team arbeiten, in dem ich arbeiten muss. er gibt zu, dass dieses team sehr schwierig ist. kann ich mir so auch nichts von kaufen, aber immerhin leide ich offenbar nicht unter einbildung.

ich lasse mich breitschlagen, werde das gespräch noch abwarten. aber innerlich steht der entschluss bereits.

Freitag, 10. Mai 2024

hafengeburtstag

münchen hat oktoberfest, hamburg hat hafengeburtstag. in beiden fällen handelt es sich um eine krankheit, bei der sich der bodensatz des massentourismus auf ausgewiesenen plätzen drängt und die schweißigen plautzen aneinanderreibt, um sich zu wurstbuden und bierausschank durchzuschubsen. zwischendurch werden die vollen blasen öffentlich entleert und abfall durch die gegend gefeuert, im takt zur billigen hintergrundbeschallung mit ein bisschen umpf-dada und hyper-hyper. 

wer sich nicht gerade an den buden drängelt, um überteuerten billigfraß zu ergattern, glotzt mit zermalmter wurstmatsche in der stumpfen fresse umher und hofft, zwischen unzähligen köpfen und schultern einen blick auf ein paar schöne titten, pardon, schiffe zu erhaschen. ansonsten ist aber auch herzlich egal, was dort in ruß- und dieselschwangerer atmosphäre vor sich geht, solange man feist grinsend und gröhlend noch ein paar promille-selfies knipsen kann, für die sich - sobald in den social media veröffentlicht - dann andere fürchtlich fremdschämen können.

zuhause wird man erzählen, boah, ich war auf dem 9.347.235. hafengeburtstag, er war genauso toll wie letztes jahr, als es genau dasselbe gab, so ähnlich wie eben auch auf jeder schlechten kirmes oder dorf-feuerwehr-fest, nur eben mit mehr arschlöchern und arschgrabschern. und natürlich mit so einem perfekten feinstaub-hauptereignis am abend, das sich das ultranachhaltige, supergrüne und immer so wahnsinnig umweltbewusste hamburg nicht nehmen lässt. 

Dienstag, 7. Mai 2024

zu viele ausrufezeichen in chats oder warum arbeitnehmer faul wirken

dass meine kollegen allesamt kleine schleimscheißer sind, die glauben, die welt würde sich ohne sie aufhören zu drehen, habe ich bereits erwähnt. im arbeitsalltag treibt diese mentalität beständig äußerst skurrile blüten, die ich dem geneigten leser keinesfalls vorenthalten möchte.

so hatten wir heute eine werbeveranstaltung in zoom. angesetzt dafür waren ursprünglich 60 minuten, was ich schon unendlich viel zu lange fand. schließlich sollte lediglich ein vertriebswichtel einer anderen firma uns sein mittelmäßiges, vollkommen überteuertes und für uns ausgesprochen begrenzt nützliches produkt vorstellen.

während ich nach 30 minuten nur noch physisch anwesend im wachkoma vor mich hindöste, feuerten meine kollegen permanent begeisterung in den chat: "tolles produkt!!!!" "wie cool!!!!"  "das ist super!!!!!!" "wahnsinn, was das kann!!!!" 

allesamt äußerungen, die den vertriebswichtel dazu anstachelten, noch weiter auszuholen und sich immer tiefer in nebensächlichkeiten zu verstricken. der termin dauerte auf diese weise über zwei stunden. ich muss nicht erwähnen, dass wir das produkt am ende nicht gekauft haben, weil es ohnehin und von vornherein gar nicht unser budget passte. aber wir haben selbstverständlich genug geld, dass sechs (!) leute mehr als zwei stunden ihrer arbeitszeit opferten, um sich so einen scheiß anzuschauen. und zwar mit maximaler begeisterung. und furchtbar vielen ausrufezeichen. 

ja, liebe bundesregierung, nun kann ich auch verstehen, wie dieser eindruck der arbeitnehmer-faulheit entsteht. darüber, was ich in dieser zeit alles nützliches hätte schaffen können, möchte ich nicht nachdenken.