Freitag, 6. Dezember 2019

tristesse deluxe

das jahr neigt sich zu ende. nieselgrau umschließt mich.
die unterschiede zwischen tag und nacht verschwimmen.
bin ich wach oder träume ich?
bin ich überhaupt noch da?

mich zwischen mit glühwein angereicherten menschenmengen in züge und busse gequetscht und kurzerhand das objekt besucht.
das hängt genauso durch wie ich.
so lange liegt es nun schon in diesem bett in der pflegeeinrichtung, und auch wenn mich diese traurige gefangenschaft sonst immer dankbar ob meiner an sich popeligen probleme stimmt: heute falle ich mit dem objekt ins bodenlose.
nie zuvor war es so schwer zu durchdringen. zum ersten mal zweifle ich, ob noch stimmt, was es immer von mir behauptete: du hast den schlüssel zu mir.
mein offensichtliche unfähigkeit lähmt mich. zugleich fehlt mir in meiner not die response, die umarmung, die nähe. fast bin ich froh, als ich wieder gehen kann.

ich schreibe in meiner todesstimmung dem luxus-mann, doch es bedarf einer weiteren aufforderung, damit er auf die idee kommt, mich mal anzurufen. an den verzögerten antworten merke ich jedoch schnell, dass er nebenbei zockt.
"ist es so langweilig, mit deiner frau zu telefonieren?" frage ich sauer und bekomme nicht einmal darauf eine antwort.

was bleibt (von) mir, wenn die beiden wichtigsten menschen in meinem leben nicht mehr an meiner seite sind?

Freitag, 29. November 2019

abschiede

seit einer woche bin ich zwischen ruhrpott und frankenlande unterwegs. es war überfällig, hamburg zu verlassen und sich anderswo wiederzufinden. als ich heute durch die sicherheitskontrolle zu meinem flieger richtung norden musste, wäre ich am liebsten umgekehrt. ohne meine antidepressiva hätte ich wahrscheinlich haltlos geweint.

den luxus-mann habe ich zuletzt vor 12 tagen gesehen. wir haben zweimal kurz telefoniert und auch nur wenig geschrieben. erstaunt stelle ich fest, dass ich offenbar aufgehört habe, ihn zu vermissen. früher konnten wir keinen tag ohne anrufe oder wenigstens einen halben roman in nachrichten. es gab immer irgendwas mitzuteilen. doch es kommt nichts von ihm, und ich habe irgendwie auch kein größeres bedürfnis, etwas zu sagen.

ich stelle mir immer häufiger vor, aus hamburg weg zu ziehen. denn sollte ich mich vom luxus-mann trennen, wäre ich erstmals seit langem wieder frei wie ein vogel. ich wüsste genau, in welchem kleinen fränkischen dorf ich mich niederlassen könnte, ganz in der nähe von zwei lieben freunden. denn in der heimat habe ich noch immer sehr viel mehr menschen, die mich mögen. alternativ könnte ich in die kleine, beschauliche stadt ziehen, in deren nähe das objekt liegt. dort gefällt es mir nämlich auch außerordentlich gut. der nachteil ist, dass ich da sonst niemanden kenne und es keinen flughafen gibt.

ich hasse abschiede. eigentlich.
doch die freiheit rockt.
also muss ich den abschied umarmen lernen.
damit mich die freiheit wieder küsst.

Dienstag, 26. November 2019

essen à la mutti

der wunsch meiner mutter, für mich zu kochen, ist ungebrochen.
diesmal bettelt sie mich an, ob sie nicht mal fisch für mich machen darf. denn fisch esse ich doch wirklich gerne.
ich willige ein: "aber nur, wenn du nach rezept kochst! keine komischen experimente wie sonst immer!"

meine mutter neigt dazu, rezepte einfach zu ändern. bei warmen gerichten werden exotische gewürze konsequent durch das, was gerade im haus ist, ersetzt bzw. übersetzt (kreuzkümmel = kümmel, thaibasilikum = basilikum usw.). dies ist der grund, warum ich schon seit meiner pubertät nicht mehr gerne mitesse, wenn es zu tisch geht. denn alles schmeckt seltsam oder nach knoblauch, der überall reingetan wird, ob es passt oder nicht. backen funktioniert ähnlich: bei kuchen lässt mutti seit einigen jahren fast komplett den zucker weg, weil mein vater keinen zucker essen soll. man könnte natürlich stevia statt zucker nehmen, aber das entspricht nicht muttis küchenordnung.

wir einigen uns dieses mal auf ein fischgericht ohne exotische gewürze, allerdings mit frischem chili. eine art fischcurry, d.h. der fisch wird zusammen mit gemüse und nudeln in einem pott geschmort. ich betone noch einmal: bitte keine gewürze ersetzen und auch nicht einfach wild knoblauch hineinmischen. meine mutter beteuert mir, dass sie alles genau so machen würde wie es im rezept steht. mit einem leicht mulmigem gefühl verlasse ich die küche.

als mutti dann zum mittagtisch ruft, steht da kein großer, scharf duftender pott. stattdessen gibt es einen topf mit gekochten nudeln, einen weiteren kleinen mit gemüse und ganze gebackene fischfilets in der pfanne.
"der fisch gehört aber da mit rein", protestiere ich.
"nein, der muss doch schön knusprig werden!"
"das ist aber kein backfisch-gericht, sondern ein curry. da brät man nicht erst den fisch in 10 tonnen butter."
"nein, nein, das ist wirklich lecker so!"

ich bekomme eine große ölige pfütze und ein stück fisch auf den teller und probiere.
der fisch ist tatsächlich nicht schlecht, aber es ist eben eher fett mit fisch als umgekehrt.
das gemüse hingegen schmeckt süß und lasch.
"ist da chili drin?" frage ich.
"pfeffer", sagt meine mutter.
"schwarzer pfeffer", frage ich weiter und beiße auch schon auf die ersten pfefferkörnerstückchen.
"ja, was denn sonst?"
"chili, so wie es im rezept steht."
"das wäre zu scharf geworden."
"es wäre bestimmt nicht zu scharf, wenn man alles in einem pott zubereitet. die schärfe verteilt sich doch. und chili hat ja auch eine sehr geschmackvolle, fruchtige schärfe, nicht so eine bittere wie schwarzer pfeffer."
"deinem vater ist chili aber immer zu scharf."

ich seufze.
"und was ist das komisches süßes im gemüse? honig?"
"gewürzgurken."
"gewürzgurken? warum denn gewürzgurken?"
"die mussten weg."
"das ist doch eklig!"
"sonst isst du die doch auch!"
"ja, zum brot!"
"na siehst du."

alles, was ich sehe, ist, dass die kochkünste meiner mutter und meine geschmacksknospen in diesem leben nicht mehr zusammenkommen werden. schnell schlinge ich meine portion hinunter und freue mich, dass ich morgen mit freunden sushi essen kann.


Sonntag, 24. November 2019

untiefen

wie energielos ich bin, zeigt mir letztlich der körper.
nach einer sehnenscheidenentzündung und zahllosen erkältungen weiß ich, dass ich zu wenig bekomme.

zu wenig ruhe.
zu wenig anerkennung.
zu wenig liebe.

bis heute war ich für den job unterwegs, habe das mammutprojekt präsentiert, für das ich mir monatelang den arsch aufgerissen habe. wir wollten es feiern, aber letztlich war es wenig feierlich. alle nur noch kraftlos, zu müde für stolz, zu ungläubig, dass diese phase jetzt wirklich ein ende haben soll.

5 tage urlaub. wie so oft im fränkischen, man weiß ja nicht, wie oft noch. immer fahre ich mit dem wissen, freudig empfangen zu werden. und dem gedanken: was, wenn hier irgendwann niemand mehr auf mich wartet? vielleicht haben wir noch 5 oder 10 oder 15 jahre, einige davon hoffentlich einigermaßen sorgenfrei. man muss die zeit nutzen, immer im zweifel, ob man wirklich das beste herausholt.

sobald ich nicht mehr über den job nachdenke, rückt die beziehung in den vordergrund. seit anfang september dreht sich alles um den luxus-mann, seinen bluthochdruck, seine knie-op und die unerwarteten finanziellen enttäuschungen. ich bin krankenschwester, mutti, psychologin. und betreue und betüddle und berate.

und habe niemanden mehr, der mir zuhört oder der mich fragt, wie es mir geht. der luxus-mann klagt viel, redet viel, fällt mir ins wort. will dies und jenes und einen weiteren gefallen von mir. rückt ab, bleibt asexuell. merkt erst nach 36 stunden, dass ich gar nicht in der stadt bin und fragt dann erstaunt, wo zur hölle ich bin und warum.

auf dem kongress angeflirtet worden und gemerkt, wie schwach ich geworden bin. ein arm um die schulter ist ein arm um die schulter, und es ist mir für einen moment egal, dass er einem verheirateten arzt gehört und der rest der runde diese vertrauliche geste beobachten konnte. die anstrengende strenge, die ich mir abringen muss, mich lachend wieder aus dem arm zu winden, zu überspielen, zu schauspielern: alles ganz harmlos.

aber so harmlos ist es nicht.
mein hunger ist niemals harmlos.

er manifestiert sich in unzähligen objekt-träumen, in denen wir uns hemmungslos lieben. träume, die so realistisch sind, dass ich sie für einen moment für wirklichkeiten halte. bis ich dann erwache und wieder weiß, dass die wirklichkeit uns jede substanz für träume genommen hat.


Sonntag, 17. November 2019

humpelstilzchen und sein raputzel

der luxus-mann hatte letzte woche seine meniskus-op. der ambulante eingriff wurde in vollnarkose durchgeführt, weshalb ich abkommandiert wurde, den mann anschließend 48 stunden lang zu betreuen. geht ja aber alles, homeoffice und katzensitter sei dank.

am vormittag von tag 1 war noch alles easy. die vollnarkose hatte den mann ausgeknockt, weshalb ich mich in aller stille und unabgelenkheit mit der beantwortung der üblichen 84 e-mails befassen konnte.

gegen 14 uhr wurde der luxus-mann dann wach, verlangte kaffee und frühstück. wir aßen gemeinsam, dann wollte ich mich erneut an den rechner setzen.
"kannst du bitte mal das haar da aufheben?" bat mich der luxus-mann da.
ich brachte das haar luxus-like mit zwei spitzen fingern und maximal angeekeltem gesichtsausdruck zum abfalleimer.
"oh, da ist noch eins!" der luxus-mann zeigte in eine ecke.
"wo?"
"da!"
"seh ich nicht."
"doch! so ein blondes, wahrscheinlich von mir."
ich machte alle lichter an, kniete mich auf die fliesen und hielt nach dem gemeingefährlichen gegenstand ausschau.
"da ganz hinten!" feuerte mich mein mann an.
"ach das da", sagte ich und sammelte ein ungefähr 2 cm kurzes härchen auf.
"igitt, bring das weg!" sagte der luxus-mann, als hätte ich eine dicke, haarige vogelspinne in den fingern.

danach beschloss der luxus-mann, ein wenig am notebook zu daddeln. ich willigte ein, da er so wahrscheinlich erstmal keine haare mehr entdecken konnte. leider hat der luxus-mann beim spielen das notebook immer auf maximale lautstärke gedreht. so machten mich schon nach kurzer zeit nicht nur die game-musik, sondern auch die dämlichen tastengeräusche wahnsinnig.
"stell das stumm, bitte", sagte ich. "ich muss mich jetzt mal konzentrieren!"
"nee, dann weiß ich ja nicht mehr, was ich tue!" wehrte sich mein mann.
"das ist jetzt aber wichtig! ich muss eine datenschutzerklärung checken!"
"ja, dann warte kurz. das ist jetzt nämlich auch wichtig!"

ich wartete widerwillig.
3 minuten.
5 minuten.
10 minuten.
"machst du BITTE mal leise?!" forderte ich den luxus-mann dann erneut auf.
"jaja, ok!"
"sonst nimm doch kopfhörer!"
"nee, das vertrag ich nicht mit meinem tinnitus."
nach weiteren 3 minuten war dann endlich ruhe im karton und der mann spielte im lautlos-modus weiter.

ich konzentrierte mich wieder auf die datenschutzerklärung und glich sie mit den aktuellen anforderungen von unserem datenschutzbeauftragten ab.
"boah, ich glaub, ich gewinne!" trompetete mir der luxus-mann von der gamer-front entgegen.
"schön", sagte ich indifferent.
"nur noch drei.... oh, nur noch zwei monster! ich glaube, das level hab ich sicher!"
ich drehte mich um.
"das interessiert mich offen gestanden jetzt gerade ÜBERHAUPT nicht."
"aber ich hab das level noch nie geschafft!"
"schön für dich", seufzte ich.

"machst du mir mal n chai", bat mich der mann wenige minuten später.
"ja, gleich."
"was heißt gleich?"
"wenn ich diese e-mail mit den datenschutzinhalten beantwortet habe."
"ok."

zwei minuten später fragte er wieder:
"wann gibts denn nun chai?"
"bin gleich soweit."
"wie lange noch?"
"eiine minute."
"kannst du das nicht nachher fertig machen?"
"nein."
"aber ich hab soooo lust auf chai jetzt!"
"je weniger du sabbelst, desto schneller gehts", erwiderte ich.
diesen wink mit dem betonpfeiler verstand der luxus-mann dann doch und er gab ruhe.

nachdem er glücklich seinen chai geschlürft hatte, fragte er weiter:
"und was machst du mir zum abendbrot?"
"wir haben toast, aber ich kann auch kurz noch beim bäcker brötchen holen."
"ich dachte, du kochst!"
"nö."
"warum denn nicht?"
"du sollst nach einer narkose nicht so schwer essen. und ich vermute mal, du hast nicht allzu viel im haus, was man kochen könnte?"
"doch! wir könnten diese nudeln essen, die du immer machst! das ist doch total lecker."
"na gut. hast du pesto?"
"nee."
"hast du getrocknete tomaten?"
"nee."
"oliven?"
"nee."
"frische chilis?"
"nee."
"ok, dann gibts auch keine nudeln."

"geh doch einkaufen", schlug der luxus-mann vor.
"kann ich machen, aber dann wird das später mit kochen. ich kann hier erst um 18 uhr weg."
"um 18 uhr essen ist ok."
"um 18 uhr einkaufen, meinte ich. essen wäre dann so gegen viertel nach sieben oder halb acht."
"das ist zu spät."
"dann gibts eben nur brotzeit."
"nein, dann machen wir einfach so schnell nudeln", sagte der luxus-mann.
"mit was dazu?"
"ich hab noch ketchup."
"nudeln mit ketchup, das ess ich nicht. sind wir etwa 5 jahre alt?"
"aber ist doch voll lecker! als student hab ich das auch immer gegessen."
"das ist ekelhaft und ungesund und studenten sind wir auch nicht mehr. wir könnten was bestellen. ein schönes scharfes curry, das zweimal brennt oder so."
"das ist mir zu teuer", befand der luxus-mann, der sonst so mal eben mir nichts dir nichts fünfstellige beträge an der börse verzockte.

letzten endes saßen der luxus-mann und ich dann pünktlich kurz nach 18 uhr über spaghetti mit ketchup. der mann mümmelte begeistert zwei riesige teller in sich hinein und rülpste zufrieden.
"du bist so ekelhaft", sagte ich.
"das musste halt raus", befand der luxus-mann und bekräftigte seine aussage mit einem furz, nach dem ich erstmal die küche lüften musste.

"dass du mir heute nacht bloß nicht an mein bein kommst", mahnte der luxus-mann, als wir später im bett lagen. "du trittst mich ja immer gern, wenn ich schnarche!"
"das operierte bein ist doch auf der anderen seite."
"aber vielleicht dreh ich mich ja um."
"du SOLLST dich gar nicht umdrehen, sondern das bein hochgelagert auf dem rücken schlafen, hat der arzt gesagt!"
"so kann ich nicht pennen."
"wie du meinst, ist ja dein bein. aber wehe, du jammerst dann, wenn irgendwas nicht so ist wie es sein sollte, weil du dich nicht an die nachsorge-regeln hältst!"
"ich jammere doch gar nicht."
"ich wills nur gesagt haben, du jammerst doch ständig wegen irgendwas, du tarzan in der unterhose."
"waaas? also wenn du in zukunfst hier wohnen willst, musst du schon ein bisschen netter sein!"
"ich will hier doch gar nicht wohnen. das wäre ja so, als würde ich mir lebenslänglich ein vorschulkind aufhalsen."

der luxus-mann grinste und tätschelte mich zärtlich:
"ich glaube, die frau ist froh, wenn sie bald wieder zuhause ist!"
"nein, ganz so schlimm ist es auch nicht. aber beim arbeiten brauch ich halt ruhe und ich kann auch keine komplexen gerichte zu utopischen zeitpunkten auf den tisch zaubern, wenn überhaupt keine zutaten im haus sind. oder du nicht warten kannst, bis ich eingekauft habe."
"ich glaube schon, dass du eigentlich nachhause willst. weil morgen zum frühstück gibts nämlich erstmal death metal. und zwar laut!"
"das würde ich mir an deiner stelle noch mal überlegen. ich muss dir schließlich nachher noch die daily heparinspritze geben - und es könnte passieren, dass ich beim gedanken an death metal mit der nadel abrutsche und dir in die eier steche!"

auch wenn tag 2 dann so ohne death metal am morgen ein wenig entspannter verlief, war ich doch sehr glücklich, als sich am nachmittag der luxus-sohnemann meldete und mich für den rest der 48 stunden netterweise von meiner aufsichtspflicht ablöste. ich radelte nachhause, begrüßte die alte katze und nahm mir erst mal 3 tage luxus-auszeit.