Sonntag, 26. April 2026

fenster zur welt

wie sich der samstag gefühlt endlos vor mir ausstreckt, in seiner störgeräuschdurchzogenen leere: ein mann, der auf dem parkplatz herumschreit, hunde, die kläffen, blechlawinen, die rollen. die menschliche welt erreicht mich wie ein leise gedrehter film, der nichts mit mir zu tun hat, den ich weitgehend ausblende.

erst zum einbruch der dunkelheit verlasse ich das haus und begebe mich auf meine wege, durch hinterhöfe, am angrenzenden industriegebiet vorbei richtung kleingärten. nachttiere begleiten mich: fledermäuse, ein marder, insekten, die in den lichtern der laternen tanzen. 

mein ziel ist einer der umliegenden kleinen friedhöfe, wo ich dann auf einer bank sitze und in den nachthimmel schaue, in dieses faszinierende fenster zum universum. was hier in der dunklen stille erlebbar wird, ist die unbestimmtheit aller existenz, ihr bestehen in unendlichen wahrscheinlichkeiten, bei zunehmender entropie. gut möglich, dass zeit und raum nur messergebnisse beschränkter wahrnehmung sind und ein jeder teil eines viel größeren, ganzen, wenn auch vermutlich nur zufälligen und mechanischen ist, oder vielleicht auch einer simulation. 

all das relativiert die eigene bedeutung, die bedeutung des anderen, des hier und jetzt bis nahezu an den nullpunkt. 

was habe ich ein leben lang einen tieferen sinn gesucht, um ihn heute in der sinnlosigkeit, im relativen zu finden. manchmal sträubt sich das herz dagegen, weil es in dieser erkenntnis wenig trost findet, weil es sich um die idee der liebe betrogen fühlt. aber es genießt seinen platz am fenster zum dasein in seiner unergründlichkeit. 


 

Sonntag, 19. April 2026

pharmazeutisches wunder

der luxus-mann liegt seit drei tagen mit grippe im bett und kann nur matt ins telefon krächzen.
"ich hab so schlimme gliederschmerzen", klagt er. "meine beine fühlen sich an wie bei einem ganz argen muskelkater. nicht mal ibu hilft!"
"nimm doch einfach mal magnesium", rate ich. "das entspannt vielleicht ein bisschen."
"das ist eine gute idee", findet der mann. 
 
am nächsten tag rufe ich an und will das ergebnis meiner ärztlichen beratung evaluieren.
"das war super", berichtet der mann. "ich hab das zeug genommen und so eine halbe stunde später ging es mir schon besser, die beine waren total entspannt. und schlafen konnte ich! ich war gleich weg und hab fast ohne unterbrechung gepennt, nicht wie sonst immer, wo ich um halb vier uhr ewig wachliege. ich fühle mich richtig erholt."
"prima", sage ich. "ich hätte dir ja prinzipiell geraten, statt deiner budni-brausetabletten eine von meinen hochdosierten magnesium-pillen für die nacht zu nehmen. aber ich glaube, da sind keine mehr."
"doch, doch", sagt der luxus-mann. "genau so eine hab ich genommen. die aus der schachtel im küchenschrank. da stand 'magnesium 500 für die nacht' drauf."
 
nun bin ich verblüfft: 
"echt, in der schachtel war noch magnesium? weil... eigentlich habe ich da zuletzt nur ein paar blister psychopharmaka gelagert."
"da sind PSYCHOPHARMAKA in der schachtel, auf der magnesium steht?!" 
die luxus-stimme ist gleich eine oktave höher.
"ja, ich wollte das zeug nicht so offen rumfliegen lassen", erwidere ich. "und die schachtel war ja leer, also hab ich sie da rein getan."
"hab ich gestern dann etwa deine PSYCHOPHARMAKA genommen?"
"ähem... war die tablette eher klein?"
"ja." 
"dann könnte das sein. schau doch mal nach und sag mir, was hinten auf dem blister steht."
 
der luxus-mann lässt das handy fallen und rennt in die küche. im hintergrund höre ich, wie er den schrank öffnet und in der schachtel kramt.
"da steht trazodon drauf", sagt er. 
"dann war es kein magnesium", kichere ich. "wie viel hast du genommen?"
"eine tablette."
"eine ganze?"
"ja."
"das erklärt, warum du so entspannt warst und so wahnsinnig gut geschlafen hast."
 
der luxus-mann seufzt. 
"ich sag ja immer, irgendwann bringst du mich um."
"ach komm. eine tablette davon schadet nicht. und dass es deinen beinen damit besser ging... das ist sogar ein recht überraschender erfolg. hätte ich nicht mit gerechnet, hättest du mich vorher gefragt."
"aber das geht nicht, dass du irgendwelche mörderpillen in magnesiumschachteln lagerst und ich die dann versehentlich schlucke!"
 
und so kam es, dass der luxus-mann unfreiwillig sein erstes mal auf antidepressiva erlebte - und diese offenbar super gegen gliederschmerzen helfen. auf jeden fall ein neuer off-label-use, würde ich sagen!

Montag, 13. April 2026

wale betaschten for fame & fun

in der ostsee-bucht liegt ein gestrandeter wal, irregeleitet von übermäßigem schiffsverkehr, verletzt von einer schiffsschraube und fischereinetzen.

das ist richtig geil, das ist viel unterhaltsamer als netflix, das ist mal ein echtes event an der frischen luft, und ja, die kulisse ist natürlich auch sehr fotogen. 

dazu kommt die außergewöhnlichkeit des ganzen: da stirbt nicht etwa ein stinkender penner am straßenrand wie sonst jeden tag in deutschland. es ist tier mit seltenheitswert hierzulande! 

das muss man nutzen, um sich wichtig zu machen, um follower-zahlen zu steigern und likes zu generieren, oder einfach nur, um persönliche emotionsregulation zu betreiben durch das sensationsgeile beiwohnen des sterbeprozesses, der die sehr direkte folge von umweltzerstörung und rücksichtslosigkeit ist. 

wieder zuhause bucht ihr dann die nächste kreuzfahrt und brutzelt euch ein schönes discounter-fischfilet.

ihr macht euch die welt, widdewiddewie sie euch gefällt.