Freitag, 28. Dezember 2018

sterben

das luxus-langzeit-ekg war eine einzige katastrophe. der kardiologe versucht es mit der doppelten, dann der dreifachen, nun der vierfachen medikamentenmenge.
"ich merke nichts", sagt der luxus-mann jedesmal auf meine frage, ob sich etwas verändert.

die angst reist also mit in die heimat, wo eine nachbarin meiner eltern im sterben liegt. sie ist 77. sieben jahre älter als meine eltern. die einschläge kommen näher, entsprechend ist die weihnachtsstimmung trübe.

während meine mutter nicht über den tod spricht (sonst kommt er nämlich!), thematisiert mein vater, was ihn bewegt - mit seinen sehr eigenen gedanken.

"das ist vor allem schlimm für ihren mann", findet er, als wir über die sterbenskranke reden.
"klar, übrigbleiben in dem hohen alter macht bestimmt keinen spaß", sage ich. "wenigstens hat er aber kinder und enkel."
"was er jetzt wohl isst", fragt sich mein vater, in dessen hobby- und soziallebenfreiem rentnerleben essen eine zentrale und ordnende rolle spielt.
"naja, muss er jetzt selber kochen", sage ich. "aber vielleicht kann er das ja. gibt ja viele männer, die das können." (mein vater nicht, daher kann er sich auch nicht vorstellen, dass andere kerle das drauf haben.)
"aber so mahlzeiten! das ist ja schon sehr kompliziert", meint mein vater.
"man kann ja klein anfangen. nudeln mit soße kriegt jeder idiot zustande, sogar ich", schmunzle ich.
"vielleicht hat man dann aber ja gar keine motivation dazu", rätselt mein vater.
"man kann auch mal eine zeitlang von brot und sowas leben", entgegne ich. "daran stirbt man nicht."
"aber das geht doch nicht", meint mein vater. "man muss doch einmal am tag was warmes essen!"
"dann kann man ja essen gehen oder bestellen, dann muss man nicht kochen."
"aber das schmeckt dann doch ganz anders als das, was man gewohnt ist!"
ich muss lachen:
"an gewohnheiten festhalten ist kein gute idee, wenn das leben eine kehrtwende macht."

in der tat mache ich mir mehr sorgen um meinen vater, wenn meine mutter zuerst stirbt, als um meine mutter, wenn mein vater vor ihr geht. meine mutter ist zwar wenig gebildet und hätte probleme mit behördenkram sowie technik, ist aber sonst sozial kompatibel, kreativ und praktisch begabt. sie würde sich das leben schon zurechtwursteln, bei bedarf mit meiner hilfe.

mein vater hingegen hat keine sekunde seines lebens alleine verbracht - 30 jahre lang hat seine mutter für ihn gesorgt, unmittelbar danach hat meine mutter diese rolle übernommen. er ist umständlich, begegnet jedem menschen und jeder sache mit einer mischung aus misstrauen und überheblichkeit und kämpft mit ausgeprägten ängsten. auf sein äußeres achtet nur meine mutter, er selbst hat sich allenfalls einmal socken gekauft. obwohl er alles andere als dumm ist, ist er unfassbar faul und setzt sich mit nichts auseinander, was neu, fremd oder auf den ersten blick nicht sofort durchschaubar ist. das darf ich ihm dann vorkauen, wobei er mir natürlich nicht glaubt. das macht es schwierig, langfristig ausgelegte oder komplexere dinge zu lösen, weil ich dann nicht sofort mit einem erfolg als beweis wedeln kann.

jeder besuch in der heimat ist inzwischen von der frage begleitet, wie oft ich noch hier sein werde. in meinem alten kinderzimmer schlafen, mit blick in den birnbaum, in dem sich sommers die stare tummeln, erwachen. kind sein dürfen für einige tage, umsorgt und verwöhnt werden.

es steht in den sternen. es liegt in händen, die wir nicht kennen und nicht greifen können.
es ist soweit, wenn es soweit ist. dann, so hoffe ich, kann ich den abschied ertragen.



Dienstag, 18. Dezember 2018

let´s talk about sex

liebe männer,
ich bin ja beim sex meist ganz zufrieden mit euch. allerdings gibt es ein paar märchen und hartnäckige gerüchte, die irrtümlicherweise eurerseits immer noch für bare münze genommen werden.

1. into your face
es ist ja nett, wenn ihr keinen schwanz von der größe eines shrimp habt. aber penismaße in einer twitter-dm oder eines erstkontakts auf einer partner-plattform sind echt sowas von überflüssig. penis-fotos ebenso. was macht den penis schön? der mann, an dem er baumelt! der sollte deswegen auch idealerweise zuerst präsentiert werden.

2. ausdauer
wie ihr wisst, ist die vagina einer frau mit einer schleimhaut ausgekleidet. welche eigenschaften hat diese? warm, feucht... und vor allem empfindlich und verletzlich. also werbt doch bitte nicht immer mit "ausdauer"! keine frau möchte stundenlang mechanisch wundgerubbelt werden. es gibt sogar exemplare wie mich, die quickis sehr gerne mögen. ran, rauf, runter, vorbei. hart aber herzlich. leidenschaft muss für mich nicht zwangsläufig länger als 5 minuten dauern.

3. die restlichen 10 der 11 finger
ähnliches gilt für fingerei. ihr habt fingernägel! wenn ihr eure finger in die muschi einer frau schiebt, dann bitte behutsam, mit gewaschenen händen und geschnittenen nägeln. und immer mit wachem blick auf das gesicht, das euch wiederspiegelt, wie lange es super und wann genug ist. ihr wollt vermutlich auch nicht, dass euer bestes stück eine ewigkeit lang in schraubstockfinger gezwängt erbarmungslos trockengeschrubbt wird?!
und bitte: wenn ihr die frau noch nicht kennt, fangt klein an. ein finger reicht erstmal. damit kann man(n) sich vorantasten und die maße der lustgrotte in ruhe ausloten.ihr müsst also nicht gleich die hand wie eine baggerschaufel da reinstopfen und so tun, als würdet ihr eine güllegrube ausheben.

4. dirty talk
ich liebe es ja, mich verbal aufzuheizen und aufheizen zu lassen - aber bitte immer respektvoll. wenn ihr jemanden noch nicht gut kennt, kann es nach hinten losgehen, wenn ihr die frau spontan als "verdorbene schlampe", "dreckiges fickstück", "geile sau" oder ähnliches bezeichnet. der grat zwischen respektlosigkeit und sexiness ist ziemlich dünn. im zweifelsfall: nachfragen. vorher!

5. feedbackgespräche im bett
es ist wichtig und ok, wenn ihr gerne wissen wollt, ob die frau mit euch auf ihre kosten kommt. wenn die frau keine eindeutigen laute beim sex von sich gibt und euch hinterher auch nicht auf die schulter klopft und sagt: "das war geil, mein hengst", dann fragt gerne. was aber nervt, ist ständig während des akts gefragt zu werden: "gut? ist das gut so für dich? soll ich mehr links? schneller, langsamer?", unterbrochen von zigfachem "du kannst mir gerne sagen, was du willst! mir ist das sehr wichtig, dass die frau auf ihre kosten kommt!" wenn ihr in einem restaurant seid, möchtet ihr auch nicht, dass der keller alle 30 sekunden am tisch auftaucht und euch fragt, ob euch das essen schmeckt und dabei permanent beteuert, wie sehr es ihm herzen liege, dass es euch mundet.

thanks for reading.


Samstag, 15. Dezember 2018

die frau im edeka

sie sitzt im bereich hinter den kassen, wo die konsumgeier ihre fette beute für die festtage vom einkaufswagen in ihre umweltfreundlichen bio-papier-tüten oder bio-baumwolle-einkaufsbeutel stopfen, die sie dann ihren dicken, nicht ganz so umweltfreundlichen suvs verstauen.

sie hat nicht eingekauft wie die anderen. einkaufen, wie die feinen leute, die weihnachten in ihren beheizten wohnungen sitzen und die wahl haben, in den scheinheilig glitzernden tannenbaum oder aber aus dem fenster ihrer protzbunker zu starren. die ihren stumpfsinn am tv-bildschirm nähren oder heimlich zu kinderpornos wichsen.

ihre linke hand drückt ein taschentuch an die wange, so, als wolle sie tränen aufhalten. doch die augäpfel hinter den faltigen lidern sind trocken, die alte dame weint nicht, sondern schaut über das treiben hinaus, allem enthoben. das kopftuch tief in die stirn gerückt, den blick in eine unendlichkeit gerichtet, die nicht von dieser welt zu sein scheint.

zu ihrer rechten steht in buggy voller plastiktüten, in denen dreckige wäschestücke stecken, eine wolke aus strengem uringeruch wabert darum herum. für den waschsalon um die ecke braucht man 4,50 €. aber erst muss sie geld für etwas zu essen haben, sie will lieber schmutzig als hungrig am ende des tages sein.

dinge, um die sich die konsumgeier mit den dicken suvs keine gedanken machen. die sehen die frau gar nicht, die rennen nur nach hause, die fette beute auspacken, geschenke einpacken und dann in einigen tagen ein fest zelebrieren, das seinem ursprünglichen sinn nicht weiter entrückt sein könnte, das nichts mehr weiter als reine perversität ist. bei dem es nur darum geht, sich geil und wichtig und potent zu fühlen, indem man anderen dinge aufs auge drückt, von denen man glaubt, dass sie irgendwie sinn machen, in einer welt, in der nichts mehr sinn macht.

draußen wird es langsam dunkel, die temperaturen liegen unter null. um 21:30 uhr schließt edeka seine pforten. und während die feinen leute dann emotional frigide in ihren daunenbetten liegen und sich hohle hochglanzbilder der royals in bunten zeitschriften anschauen oder sich ausrechnen, wann man sich mal wieder unbemerkt in den puff schleichen könnte, wird die alte frau mit dem buggy durch die straßen ziehen, immer auf der suche nach einem ruhigen platz, möglichst weit im nirgendwo.




Montag, 10. Dezember 2018

steuerhinterziehung für fortgeschrittene

als ex-banker kennt der luxus-mann sämtliche tricks der reichen. immer wieder erzählt er, wie er früher millionen und abermillionen über verschachtelte wege ins quasi-nichts schicken musste, damit reiche und superreiche steuerfrei noch reicher werden konnten.
"du kannst dir nicht vorstellen, welche summen da am staat vorbeifließen", sagt er. "und jemandem wie dir drohen sie dann mit drakonischen strafen wegen eines fehlenden fahrkartenbelegs in der steuererklärung."

wenn der luxus-mann von seinen früheren kunden bei der bank erzählt, bin ich noch frustrierter als sonst. wir haben kürzlich gemeinsam meine rente durchgerechnet, weil ich gerne in eine betriebliche altersvorsorge invenstieren wollte.
"das lohnt nicht", rechnete mir der luxus-mann vor. "du hast gerade mal 160 € rentenanspruch, du beziehst also nachher sowieso hartz IV. und da wird dir alles abgezogen, was du jetzt ansparst."
"und was mach ich jetzt?"
"nix. du kannst nichts tun. außer so leben, dass du mit mitte 60 tot bist, aber das machst du ja sowieso schon."
"und ich habe 60 wochenstunden geschuftet, nur um miete für ein loch von einer wohnung und was zu fressen zusammenzukriegen..."
der luxus-mann seufzt.
"leute wie du sind einfach durch den staat unterrepräsentiert. euch schützt keiner, weil ihr keinen monetären wert habt."
"da sitzen ja auch nur reiche wichser, die sich schmieren lassen und per vetternwirtschaft in einflussreiche positionen gehoben werden."
"das ist ein ganz unfassbarer korrupter haufen, da hast du sicherlich recht."
"ich hätte gern mal eine audienz bei denen."
"das ändert doch nichts. außer, du erschießt die dabei alle."
"dann kommen bloß die nächsten blinden volldeppen nach. diese regierung ist doch wie eine hydra der idiotie."

der luxus-mann kichert.
"als ich jung war und noch bei der bank war, habe ich mir immer vorgestellt, wie ich unsere steuerhinterziehenden kunden in unsere geheimen beratungsräume führe und dort dann umniete. so ein richtiges fettes blutbad."
"was hat dich gehindert?"
"manchmal hab ich ja auch profitiert."
"weil dein gehalt so super war?"
"nee. so bombastisch war das auch nicht, wenns auch sicherlich nicht schlecht war. aber einige von den steuerhinterziehern haben sich auch erkenntlich gezeigt. die wussten ja, dass das, was wir machen, im prinzip illegal ist. manchmal hab ich einfach so 1000 dm geschenkt bekommen. quasi wie trinkgeld. oder schweigegeld, wie mans nimmt."
"nee, oder?"
"doch doch. dabei habe ich noch am wenigsten von allen bekommen, weil ich immer so unfreundlich war und diesen arschgeigen mit totaler verachtung begegnet bin. darüber haben sich manchmal auch welche beschwert, dann hab ich wieder nen einlauf vom chef bekommen."
"kann ich mir bei dir so lebhaft vorstellen."
"irgendwann bin ich dann ja ausgestiegen, weil ich diese ganze scheiße einfach nicht mehr ertragen konnte."

"würdest du sagen, das man die banken irgendwie besser kontrollieren kann?"
"schwierig. staatliche institutionen müssten dazu digitale und juristische experten haben, die global agieren können. wir haben damals enorme summen in anwälte investiert, die gesetzeslücken ausgelotet haben - und zwar international. wenn du genug grauzonen verkettest, kannst du aus prinzipiell illegalen transaktionen zumindest halblegale machen. und ich meine, das ist jetzt 25 jahre her - da geht heute sicherlich noch viel, viel mehr."
"also ist das unmöglich?"
"nein, bestimmt nicht. aber wenn du steuerhinterziehern an den kragen willst, musst du als staat in die entsprechende digitale und personelle infrastruktur investieren und vor allem gute globale beziehungen pflegen. der berliner kindergarten ist aber nur mit sich selber beschäftigt. möchte nicht wissen, was wir für diese parteinternen streitereien jeden tag zahlen."
"das problem ist ja aber, dass es so viele staaten wie irland oder auch die schweiz gibt, die steuersünder mit offenen armen begrüßen. was willst du da machen?"
"keine ahnung, ich bin ja kein politiker. wenn ich die macht hätte, würde ich die vielleicht mit einem boykott belegen, sodass die beispielsweise keine lebensmittel mehr einführen können. dann können sie entweder selber gemüse anbauen oder ihr geld fressen. möglicherweise hilft sowas dann beim nachdenken."

ich grinse den luxus-mann an:
"willst du nicht diktator von deutschland werden? ich würde dich wählen."
der luxus-mann grinst zurück:
"um diktator zu werden, brauch ich deine stimme nicht. ich ermächtige mich einfach selbst. und als erstes verfüge ich dann, dass du mir täglich einen blasen musst."
"ich sehe schon, die grundfähigkeiten zum diktator-sein hast du..."





Freitag, 7. Dezember 2018

murphy´s zoo

da es nun bald weihnachten wird, wollte ich mich selbst ein wenig beschenken für das brave ertragen von job, alltag und normalität. weil ich nach 7,5 jahren armut immer noch dabei bin, auseinanderfallenden, hässlichen schrott gegen neues geht-so-zeug solider mittelklasse auszutauschen, beschloss ich, mir einen kühlschrank oder aber eine neue waschmaschine zu kaufen.

mein alter kühlschrank ist ein nicht totzukriegender liebherr von schätzungsweise 1975. ich hatte ihn vor etwa 6 jahren für 40 tacken mit überdeutlichen gebrauchsspuren aus ominöser arabischer quelle bezogen. nachdem mich der luxus-mann nun mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass dieser wenig dekorative uralt-kühlschrank aus 4. oder 5. hand vermutlich massenweise energie kostet und ohnehin eine nur noch sehr begrenzte lebensdauer hat, fiel die entscheidung zugunsten eines neuen kühlschranks aus.

gedacht, getan. eine woche später klingelten zwei knackige spediteure an meiner haustür und rollten den neuen a plusplus-kühlschrank in die vorgesehene ecke. dann packten sie den guten alten liebherr ein und nahmen ihn mit.

nach der vorgesehenen ruhezeit nahm ich den sehr schicken neuen kühlschrank in betrieb. es rumpelte, das licht ging an und kurz darauf begann der kühlschrank zu kühlen. allerdings tat er dies unter einem sehr lauten und fortwährendem schrillen pfeifen. ich schob dies zunächst auf den transport und das mühsame runterkühlen auf 8 grad, musste aber dann bald einsehen, dass das unangenehme geräusch auch 24 stunden später noch bei jedem kühlvorgang auftrat.

ich telefonierte den luxus-mann herbei. als mann mit zwei linken, technikunaffinen händen konnte er das pfeifen weder abstellen noch sagen, ob dies auf einen defekt hindeutete. er bestätigte allerdings, dass das geräusch definitiv sehr laut und nervtötend sei und damit im grunde nicht zumutbar.
also telefonierte ich mit dem lieferanten des kühlschranks, der auch nichts wusste und meinte, er müsse dazu den hersteller befragen. don´t call us, we call you.

zu dem regelmäßig auftretenden schrillen pfeifen gesellte sich vor wenigen tagen ein weiteres geräusch hinzu. es kam aus der heiztherme und klang, als hätte sich oben, wo es richtung kamin ging, ein kleiner schwarm zikaden eingenistet. immer dann, wenn die therme aktiv wurde, um warmes wasser oder heizungswärme zu produzieren, erwachten diese zikaden zum leben, was ein lautes zirpendes geräusch erzeugte.

ich rief die verwaltung an, schilderte den krach und drängte auf eine reparatur, die wieder stille beim heizen einkehren ließ. der installateur sei leider gerade sehr beschäftigt, lautete die antwort, das könne dauern. außerdem sei die therme ja funktionsfähig. ich müsse mich ein wenig gedulden.

das heißt, wenn nicht gerade der kühlschrank pfeift, zirpt die therme. und da soll man konzentriert arbeiten.

gestern dann warf ich eine ladung kochwäsche in meine alte waschmaschine. das war zunächst sehr entspannend, da die beruhigend gleichmäßigen und dumpfen trommeldrehgeräusche das schrille pfeifen im kühlschrank und das zikadenzirpen in der therme übertönten. dann machte es beim schleudern auf einmal sehr laut "krchkrchkrch".

das fauchende schleifgeräusch war mir nicht ganz neu. schon zweimal hatten sich feste gegenstände aus der kleidung gelöst und waren aus der trommel in richtung abfluss gewandert, wobei sie jedesmal furchterregenden krach machten. doch ebenso jedesmal war es mir gelungen, durch dilettanisches fischen im fusselsieb die gegenstände zu erhaschen und aus der maschine zu ziehen.

diesmal nicht. der gegenstand schien zu groß zu sein und nicht bis ins fusselsieb wandern zu wollen. ich leuchtete daraufhin die trommel aus, ob ich etwas entdecken konnte, was dort noch feststeckte. leider nein. ich befragte youtube, wo mir hobbyhandwerker zeigten, wie man das rückenteil der maschine entfernt, den heizstab ausbaut und dann durch das loch nach eventuellen blindgängern im system sucht. während ich mir das aufschrauben theoretisch noch zutraute, war ich jedoch unsicher, ob ich das wieder-zusammenbasteln erfolgreich hinbekommen würde, sodass es hernach nicht zu kurzschlüssen oder größeren katastrophen kommt.

es machte also alles wenig sinn. wenn dann brauchte ich fachmännische unterstützung, welche dann aber vermutlich sehr viel teurer als der restwert der uralten maschine sein würde. kurzum, es blieb mir nichts anderes übrig, als auch noch eine neue waschmaschine zu kaufen.

bis dahin lebe ich nun also in meinem kleinen zoo mit dem zikadenschwarm in der therme, dem schrillen vogel im kühlschrank und einem fauchenden ungeheuer in der waschmaschine.


Sonntag, 2. Dezember 2018

familienfest

als ich zum luxus-mann komme, sitzt da der luxus-sohnemann auf der couch.im gegensatz zu sonst scheinen beide entspannt und streiten ausnahmsweise mal nicht.

"wir waren noch zusammen essen", begrüßt mich der luxus-mann.
"cool, was gabs denn?"
"burger", sagt der sohnemann.
"er hat natürlich nur wieder salat gegessen, um seinen sixpack zu halten", ergänzt der luxus-mann.
"solltest du auch mal machen", empfiehlt ihm sein sohn.
"danke", sagt der luxus-mann. "ich halte lieber meinen one-pack, wie die frau meine plautze nennt."

wir sitzen noch eine weile zusammen und diskutieren über dies und das. wieder einmal stelle ich fest, wie angenehm und wohlerzogen der luxus-sohn ist. irgendwann bricht er dann auf und geht zu seiner freundin.

später, als wir im bett liegen, sagt der luxus-mann verlegen:
"ich muss dich noch was fragen.
"was denn? willste wen poppen?"
"nee. aber mein sohn hat vorhin so angedeutet, dass er weihnachten vielleicht gern mit uns verbringen würde."
"und das wäre schlimm?"
"nee, aber ich wollte es dir sagen, vielleicht hast du ja was dagegen."
"nö, überhaupt nicht. ficken können wir auch später. aber ist nicht langweilig für einen 20-jährigen?"
"er hat da sowas angedeutet, dass er gerne mehr kontakt zu mir hätte."
"och! was für ein tolles kompliment! und das, wo du doch immer an deinen papafähigkeiten zweifelst! oder willst du das etwa nicht?"
"doch schon."
"dann freu dich doch mal."
"mach ich ja."
"klang jetzt halt nicht so."
"kennst mich doch."

ich denke nach.
"blöd ist das ja das dann nur für einen."
"wen denn?"
"seine mutter. was macht die denn weihnachten?"
"weiß nicht."
"von mir aus kann die ja auch kommen."
"boah, nee, das wird mir zu stressig. die ist zur zeit so anstrengend."
"na gut, dann halt nicht. finds halt nur traurig, wenn sie alleine zuhause sitzen muss."
"glaube nicht, dass das so sein wird, die unternimmt bestimmt was."

als der luxus-mann schon schnarcht, weide ich mich noch eine weile am gedanken, dass weihnachten 2018 dann tatsächlich ein famlienfest wäre. das kenne ich bislang nur in der rolle als kind. stellt sich dann nur eine frage: was schenkt man einem 20-jährigen?

Freitag, 30. November 2018

altmännerliebe

alles tiptop, sagt der frauenarzt heute bei der vorsorge. ich freue mich.

der luxus-mann hat weniger glück. sein hausarzt hat ihm ins gewissen geredet und ihn zu blutdruckpillen sowie einem 24-stunden-ekg verdonnert und ihm außerdem eine überweisung zum kardiologen aufs auge gedrückt.

"ich habs doch gesagt, ich bin quasi schon tot", sagt der luxus-mann.
"dann steht einer heirat ja nichts mehr im wege", scherze ich.
"du kriegst deine witwenrente schon früh genug", erwidert der mann. "ich kenn dich. beim ficken schreist du dann wieder nach nach schneller und härter, und wenn ich sage, aber der arzt meint, ich soll auf meinen blutdruck achten und mich nicht übernehmen, nennst du mich solange ein weichei, bis ich mich totgevögelt habe."
"so ähnlich", grinse ich.

grundsätzlich bin ich aber erleichtert. die vorstellung, eines morgens neben einem toten luxus-mann aufzuwachen, hat mich mehr verfolgt als ich vor mir selbst zugeben wollte.

nichtsdestotrotz muss ich beizeiten mal wieder einen erste-hilfe-kurs machen. erst neulich hätte ich eine stabile seitenlage bei einer ohnmächtigen person hinkriegen müssen, konnte mich dann aber nicht erinnern. eigentlich müsste ein erste-hilfe-kurs alle paar jahre verpflichtend für jeden sein. herr spahn, könnten sie da nicht mal was anordnen?

Dienstag, 13. November 2018

der bärmann und die totenfamily

der luxus-mann kommt ins kinderzimmer, das mir als schnarchasyl dient. ich wache auf.

"gehst du schon? wie spät issn das?" murmle ich schlaftrunken.
"kurz nach sieben. wieso, sollen wir noch kaffee trinken? ich dachte, du schläfst lieber aus."
"nö, ich mach schnell kaffee."
"dann aber zackzack."

zehn minuten später sitzen wir am küchentisch. der luxus-mann ist ganz augenringe und tränensäcke.
"du siehst heute aus wie 64", sage ich.
"danke", erwidert der luxus-mann. "so fühl ich mich auch."
"schlecht geschlafen?"
"anstrengend geträumt."
"erzähl doch mal."

"also..." der luxus-mann setzt die kaffeetasse ab. "das war so: ich war irgendwie bei meiner familie, aber ich war schon tot. und ein anderer auch. ich habe das aber erst gar nicht so verstanden. ich war überall dabei und habe mich gewundert, dass niemand mit mir spricht und beim essen kein teller für mich auf dem tisch steht."
"krass."
"das krasse kommt noch. in der familie gabs es so einen typ, der war halb mann, halb bär. den nannten alle bärmann. der bestimmte über alles. und dann gab es aber noch den ober-bärmann, das war so ein typ wie der bärmann, aber etwa fünf meter groß. und in seiner mitte war so ein loch, da baumelten aufgehängte tote kinder drin."
"wo kamen die denn her?"
"das waren wohl so eine art opfergaben. der ober-bärmann hatte jedenfalls die totale macht über alles und alle und bestimmte auch, wann einer sterben musste."

ich rühre honig in meinen kaffee und lächle den luxus-mann an.
"du guckst zu viele horrorfilme."
"ich hab in letzter zeit gar keinen geguckt. und auch sonst nix, was in die richtung geht."
"auf jeden fall ein bemerkenswerter traum."

"nächste woche hab ich check-up in der firma", erzäht der luxus-mann. "vielleicht stellen die da fest, dass ich in wirklichkeit schon tot bin. nur noch so ein wandelnder körper, von dir ausgesaugt."
"sprechen die mit dir eigentlich auch über deinen bluthochdruck?"
"klar. die wollen immer, dass ich pillen fresse. aber ich bin ja nicht irre, ich will ja weiterhin so viel ficken können."
"ich weiß ja nicht. klar ist das alles bekackt, aber ich brauch dich schon noch n bisschen. und deine kinder auch."
"ich weiß, ich weiß. irgendwann gehts mir wahrscheinlich wie meinem vater, der jeden tag 40 verschiedene pillen nehmen muss."
"immerhin ist dein vater 80."
"aber der fickt nicht mehr."

der luxus-mann steht auf und schlüpft in seine jacke.
"tschüß", sagt er und gibt mir einen kuss.
"tschüß", sage ich. "und beware of the bärmann."


Sonntag, 11. November 2018

komm ins abenteuerland der deutschen bahn

ärztekongress. trotz zahn-op, leichter hamsterbacke und kauproblemen reise ich übers wochenende in die hauptstadt, halte meine vorträge und seminare, fresse mich - soweit kaubar - durch 4-gänge-menüs in 5-sterne-hotels und finde mich dann sonntagmittag zwecks rückreise am hbf in berlin ein.

in der s-bahn zum hbf fällt mir auf, dass ich noch gar keine sitzplatzreservierung für die heimreise habe. also buche ich noch schnell eine am handy.

beim blick in meine handyticketsammlung fällt mir dann auf, dass laut reiseplan der von mir schon vor monaten gebuchte ice xyz um 13:47 uhr von gleis 8 abfahren soll, meine sitzplatzreservierung sich aber auf einen gleichnamigen ice um 13:29 bezieht. da die zugnummer identisch ist, hoffe ich, dass das so passt und sich alles weitere irgendwie vor ort klärt. falls nicht, würde ich eben noch eine weitere reservierung nachbuchen oder aber einfach auf dem boden sitzend fahren. anderthalb stunden sind schließlich keine weltreise.

als ich am hbf berlin eintreffe (wer hat eigentlich bitteschön dieses monster von bahnhof mit seinen gefühlt 500 ebenen konstruiert?!), hoffe ich, am gleis 8 den ice xyz anzutreffen, unabhängig davon, ob er nun 13:47 oder 13:29 abfährt.

doch surprise, surprise: laut anzeigentafel an gleis 8 fährt hier in den nächsten stunden kein ice xzy und auch kein anderer zug nach hh. verwirrt irre ich von gleis zu gleis, bis ich durch zufall den ice xyz an der anzeigentafel von gleis 1 entdecke. er soll um 13:29 uhr abfahren, hat aber angeblich 35 minuten verspätung.

ich bin nun vollends verwirrt und verunsichert. da ich durch mein sparticket zugbindung habe, mache ich mich vorsichtshalber auf den weg ins db reisezentrum. nach 10 minuten irrfahrten über unzählige rolltreppen und geschosse sowie gefühlt 35 anfragen durch die rumänische bettlermafia habe ich selbiges sogar gefunden und interviewe eine db-mitarbeiterin zum chaos um ice xyz.

"der fährt ein bisschen früher wegen ner baustelle", klärt sie mich über die zeitdifferenz auf.
"das wäre ja schon schön, wenn das meine db app auch anzeigen würde", motze ich.
"ich kann ihnen hier keinen kurs zur db app geben", schiebt die mitarbeiterin die verantwortung von sich.
"aber ticket und sitzplatzreservierung sind gültig, oder? weil ich hab zugbindung!"
"ja, sicher."

 dann eruiere ich das gleis-chaos.
"und der ice xyz fährt jetzt also auf gleis 1?!
"wie kommen sie denn da drauf", fragt die db-mitarbeiterin, "der fährt von gleis 8! das steht doch überall auf ihren tickets und auch im aushang!"
"nee. tut er nicht."
"also! ich habe hier die aktuellsten daten! und hier steht, gleis 8. dann fährt der auch von gleis 8!"
die db-mitarbeiterin dreht ihren bildschirm zu mir.

tatsächlich steht da mein ice xyz um 13:29 + 35 minuten auf gleis 8 verzeichnet.
"an gleis 8 vor ort steht aber nix vom ice xyz. da gibts überhaupt keinen zug, der nach hh fährt", berichte ich von meiner erkundungstour.
"jetzt gehen sie mal schön auf gleis 8 und warten da! und wenn sich was ändert, erfahren sie das schon rechtzeitig!", behauptet die db-mitarbeiterin.

misstrauisch trotte ich zurück zu gleis 8, das völlig verlassen ist. nur ein spatz und zwei tauben tummeln sich zu meinen füßen.
mir ist zunehmend mulmig zumute. da kann doch was zutiefst nicht stimmen!
nach einigen minuten beschließe ich daher, doch noch mal rüber zu gleis 1 zu gucken.

an gleis 1 stehen inzwischen einige bekofferte menschen und schauen ähnlich dumm wie ich aus der wäsche. ich frage drei junge herren:
"warten sie hier auf den ice xyz nach hh?"
"ja, also wir hoffen, dass der das ist. der sollte ja eigentlich auf gleis 8 abfahren."
zumindest scheine ich hier mit meiner totalen verwirrung nicht alleine und vielleicht sogar gar nicht mal so falsch zu sein.

nach einer halben stunde dummen herumstehens ertönt plötzlich eine lautsprecherdurchsage. wie an allen größeren bahnhöfen versteht man nur ab und an ein wort. aber mit viel fantasie und vereintem lauschen können wir uns eine information daraus basteln, die irgendwas mit gleis 8 und gleis 1 zu tun hat. hoffnungsvoll wähnen wir uns möglicherweise am richtigen gleis.

ungefähr 3 minuten vor einfahrt des ice xyz beschließt die deutsche bahn, spontan noch einmal für spannung zu sorgen, denn der ice xyz verschwindet nun komplett von der anzeige an gleis 1. stattdessen rauscht ein ice auf dem weg nach münchen an.

panik am bahnsteig der titanic. im hintergrund wieder eine lautsprecherdurchsage, die aber im lärm der ankommenden reisenden vollkommen untergeht. dann zieht mich einer der drei typen auf gleis 2 direkt nebenan. ein blick auf die anzeigentafel dort verrät uns, dass der ice xyz nun also hier abfahren soll.

die letzten minuten banger hoffnung verstreichen, dann fährt tatsächlich ein ice auf gleis 2 ein und oh wunder, es ist der stark verspätete ice xyz nach hh. ich steige ein, finde sogar trotz vertauschter wagenreihung meinen sitzplatz und mache es mir bequem.

so kommt es, dass ich zwar verspätet, aber glücklich in hh lande.

und die moral von der geschicht: traue keinem db-mitarbeiter nicht!

Dienstag, 6. November 2018

zahntans finale austreibung

heute war ich bei einem sehr coolen kieferpriester, der zahntan zwecks finaler austreibung in die zange nehmen soll.

als ich die praxis betrat, war ich angenehm überrascht. eine sehr freundliche arzthelferin nahm mich empfang. kaum hatte ich meinen arsch auf das unfassbar bequeme sofa im wartebereich gewuchtet - es lagen zu meiner entzückung ausgaben der "art" aus anstelle der üblichen "gala" und anderen hausmuttimagazinen - wurde ich auch schon zum röntgen gebeten.

fünf minuten später stürmte dann der kieferpriester ins wartezimmer. er war in etwa in meinem alter und bewegte sich mit dem ungelenken überschwang des jungen jim morrison. er hieß mich zweifach herzlich willkommen und bat mich, mich im zahnarztstuhl niederzulassen. dann brachte er sein bärtiges gesicht mit der eckigen intellektuellenbrille ganz nah an meins und inspizierte die lage.

nach längerem stochern und klopfen und schmerzhaftem abtasten des von zahntan dämonisch ausgebeulten zahnfleischs machte er ein geheimnisvolles priestergesicht und teilte mir mit, dass ein zexorzismus per wurzelspitzenresektion nicht anzuraten sei. warum und wieso erläuterte er mir, indem er ein papier nahm und darauf einen kreis und einen strich malte.
"also... wenn ich eine resektion mache, muss ich erst einen riesigen krater in die seite des unterkiefers bohren..." er malte einen mehrfachkringel um den strich. "dann muss ich das entzündete gewebe ausschälen" - es folgten spitzen, die in den kreis piekten - "und dann..." - er malte noch drei blitze in den kreis - "muss ich hier von unten drei wurzelkanäle säubern und neu füllen."
"klingt scheußlich."
"ist es auch. es dauert mindestens eine stunde, und ich hatte noch keinen patienten, dem ich den zahn nach 10 jahren nicht doch ziehen musste. was dann problematisch ist, weil sie von der resektion besagten krater im kiefer haben, in den man kein implantat mehr setzen kann, ohne vorher aufwändig den knochen aufzubauen."
"ich will sowieso, dass sie den zahn ziehen."
"ja? prima, dann sind wir ja einer meinung."

nach dieser frohen botschaft hätte ich den kieferpriester am liebsten umarmen mögen.
doch es kam es noch besser.

er rückte die brille zurecht, schaut kurz in den rechner und sagte dann:
"morgen um 9?"
"was ist da?"
"da führe ich den zexorzismus durch."

die erlösung vom bösen zahntan wird mich damit früher als erhofft ereilen. allerdings muss alles gut gehen - schließlich soll ich am wochenende vor 50 ärzten stehen, meine vorträge halten und dabei entzückend und nicht hamsterbackig-verbläut aussehen.
der kieferpriester versprach, alles dranzusetzen und auch noch drei ave marias hinterherzusingen, damit das möglich wird, idealerweise ohne allzu viele weitere verdauungsbeschleunigend hohe dosen von antibiotikum.

glaube, hoffnung und kieferpriesterkunst. das muss mich jetzt retten.
beten sie gern weiter mit.
danke.

Sonntag, 4. November 2018

ausflug in die hölle oder die geschichte vom bösen zahntan

wie immer, wenn es eigentlich rund läuft, wagt mr. murphy eine erneute attacke auf mein fragiles ich.

normalerweise muss ich mir um meine zähne keine sorgen machen. die sind in der regel sehr gesund, darüber hinaus werden sie exzellent gepflegt. nur ein backenzahn stellt sich an. nennen wir ihn mal das sorgenkind.

das sorgenkind hatte bereits vor etwa 6 jahren eine wurzelbehandlung einschließlich krone bekommen und schien sich danach in stabiler seitenlage zu befinden. am ende der sich über viele wochen ziehenden behandlung war jedenfalls gefühlt alles gut.

bis letzte woche.

alles fing ganz harmlos an: ich bekam schnupfen. am zweiten schnupfentag begann meine rechte untere kieferhälfte zu ziepen, doch das schrieb ich der erkältung zu. ungefähr 12 stunden lang. dann, in der nacht von freitag auf samstag öffnete die hölle in meinem unterkiefer ihre pforten: zahntan war erwacht.

als chronische schmerzpatientin bin ich ja um eine pharmazeutische antwort nicht verlegen. da dr. google sagte, ibu + zahnschmerz = supi, warf ich eine ein. 10 minuten, 15 minuten, auch eine halbe stunde später: keine wirkung. also noch eine ibu. gewartet, nix. ich war perplex und nahm noch diclofenac hinterher, weil das stärker antiinflammatorisch wirkt. der schmerz ging nun zwar nicht weg, war aber nicht mehr so intensiv und ich konnte etwas schlummern.

samstagmorgen war alles noch schlimmer. die ganze wange puckerte und jemand schien mir permanent glühende nadeln zwischen rechte schulter und hinterkopf zu treiben. egal ob sitzend, stehend, liegend oder gehend, zahntan ließ sich in keiner lage dazu überreden, ruhe zu geben. ich zögerte nicht lange und rannte zum notdiensthabenden zexorzisten.

der war eine ganz coole ärztin, die mir dann freundlich, aber unmissverständlich klar machte, dass es keine hilfe für mich gab, weil man bei einem bereits wurzelgefüllten zahn wie dem sorgenkind keine weitere wurzelbehandlung so einfach machen kann.
ich wand mich vor schmerzen und flehte und bettelte, während zahntan meine rechte gesichtshälfte gefühlt dämonenwaberartig ausstülpte.
eine wochen penicillin, sagte die ärztin.
"un wann wia das bessa?" nuschelte ich verzweifelt.
"morgen sollte sie schon etwas linderung spüren."

großartige aussichten. aber was solls.

ich fuhr richtung luxus-mann, weil dort eine apotheke war, die samstagabend noch geöffnet hat, besorgte das medikament und warf die erste pille ein.

"kannst du denn überhaupt nachher mit auf party?" fragte der luxus-mann angesichts meiner sehr geknickten wenigkeit.
"weiß nich", sagte ich."vielleicht, wenn ich noch ganz viel voltaren nehme?"
"wie viel darf man denn davon nehmen?" argwöhnte der luxus-mann. "du schmeißt doch hier gefühlt alle stunde was ein."

gute frage. das wusste ich gar nicht so genau. also schaute ich im internet nach und stellte entsetzt fest, dass ich bereits mehr als die tageshöchstdosis eingenommen hatte. dabei war es erst 19 uhr. mehr, so hieß es bei meiner quelle, könne zu einer vergiftung führen.

zahntan war das wuscht. der wütete und steigerte sich von stunde zu stunde in seiner macht. reden, schlucken und sogar atmen (wie fies kann bitte ein nasenloch wehtun?!) fielen mir immer schwerer. irgendwann legte ich mich wimmernd zu bett und machte dem luxus-mann klar, dass ich zuhause bleiben und sterben würde.

die nacht war ohne eine sekunde schlaf. wann hilft das bekackte antibiotikum endlich, fragte ich mich immer wieder. das netz gab unterschiedliche informationen dazu. ganz egal, ich brauchte dringend noch ein schmerzmittel, und zwar was starkes.

als der luxus-mann von der party nachhause kam, fragte ich ihn:
"haschu noch ne tramaaa von mia?"
da der luxus-mann selber ab und an rücken hat, hatte ich ihm mal ein paar tramal von mir mitgebracht. als pillenskeptiker hatte der luxus-mann die garantiert nicht geschluckt, sondern irgendwo gebunkert.
tatsächlich hatte er noch zwei tabletten in seiner badetasche. allerdings waren die seit letztem jahr abgelaufen.
"ejaaaaa, ich nehm di jez", beschloss ich.
"nee, komm, am ende bringst du dich aus versehen um", nahm mir der luxus-mann die pillen wieder weg. "du hast eh schon so viel zeug intus."
ich war zu schwach für langes kämpfen und ging wieder zu bett.

am nächsten morgen war ich in aller hergottsfrühe auf den beinen, weil ich nachhause zu meinen tramalvorräten wollte. meine knie wackelten, der kopf dröhnte. zahntan hatte noch mal ordentlich feuerholz ins fegefeuer nachgelegt, um meine seele besser grillen zu können.

in der bahn wurde mir schwindelig und schlecht. ich hatte angst, in ohnmacht zu fallen, gleichzeitig wäre ich für eine ohnmacht sehr dankbar gewesen. zittrig und schwach wie eine alte omma schleppte ich mich die letzten meter nachhause, wo mein tramal auf mich wartete.

ich nahm eine tablette und wartete auf die göttliche erleichterung.
sie blieb aus. die schmerzen wurden etwas weniger intensiv, mehr nicht.
noch mehr tramal.
irgendwann befand ich mich in einem schwebenden zustand, recht entspannt. die schmerzen waren dennoch da, traten aber aufgrund der allgemeinen totalen relaxtheit etwas in den hintergrund.

abgesehen von den momenten, in denen ich aufstehen musste, um mein penicillin einzunehmen, tramal nachzulegen oder auf klo zu gehen, verließ ich das bett in den nächsten 72 stunden kaum. ich fragte mich ab und an, ob ich nicht etwas essen sollte, aber kaum war der gedanken zu ende gedacht, verschwand er in einer neuen schmerzwelle und dem alles überragenden bedürfnis, einfach weiter vor sich hinzudämmern.

an tag 4 war es soweit. ich stand für eine stunde auf und versuchte, etwas fernzusehen. spaßeshalber stieg ich auf die waage. ich hatte 3 kilo verloren.

seit gestern bin ich der hoffnungsvollen meinung, dass zahntan eventuell ausgetrieben werden könnte. mein allgemeinzustand ist gut (bis auf schreckliche müdigkeit, kopfschmerz und antibiotikumbedingten durchmarsch), der zahn kann ganz vorsichtig wieder kauen (wissen sie, wie umwerfend toastbrot nach einer woche flüssignahrung schmeckt?!) und die backe ist kaum mehr geschwollen. nur die nerven im gesicht prickeln und pieken noch.

der zexorzist hatte mir allerdings klargemacht, dass zahntan nur dann weichen würde, wenn er eine wurzelspitzenresektion durchführt oder den zahn ganz zieht. die wurzelspitzenresektion ist der favorit meines zexorzisten, allerdings hat die nur 70-80% erfolgschancen. da mir klar war, dass zahntan mich beim nächstbesten mal wieder ganz tief in den unterkiefer ficken würde, beharre ich auf einer zahnentfernung. scheiß aufs geld.

wie der zufall es so will, muss ich nun aber erstmal noch mit meinem desolaten zahn auf ärztekongress fahren. entweder ohne antibiotikum (die therapie läuft offiziell morgen aus), was mir ersparen würde, dass ich mich auf offener bühne einscheiße, oder aber mit, falls der zexorzist meint, dass das nötig sei.

wie auch immer, drücken sie mir die daumen. und zehen. und zahnwurzeln.
danke.





Montag, 22. Oktober 2018

männer, die mir zu füßen liegen

heute stehe ich an einer roten ampel.
kommt ein alter mann mit dem rad angefahren, hält neben mir.
und kippt dann zur seite runter.

ich kann das also auch bei anderen!

p.s.: zum glück ist nix passiert.

Freitag, 19. Oktober 2018

mein leben ohne facebook

seit knapp zwei wochen ist mein puls deutlich ruhiger. ich gehe pünktlicher und entspannter zu bett, weil ich abends nicht mehr vor dem rechner versumpfe und mir das bla von leuten reinziehe, mit denen ich überwiegend persönlich kaum mehr etwas zu tun habe.

keine wichtigtuerisch vorgetragenen belanglosigkeiten mehr.
keine kurzsichtigen politdebatten mehr, in denen jeder den anderen in sachen politisch-interessiert-tun zu übertrumpfen versucht, indem er streberhaft die flut der angeblich täglich gewälzten medien aufzählt.
keine unwitzigen witze mehr.
keine dem aktuellen trend nacheifernd eingefärbten profilbilder mehr.
keine #metoo-debatten mehr mit frauen, die sich sexuell belästigt fühlen, wenn ein mann am anderen ende der stadt atmet.

ich hielt es zunächst für eine polariserende aussage mediengeiler wissenschafter, aber es stimmt: facebook hat meine depression verstärkt. und ich glaube inzwischen, dass facebook in der lage ist, psychische krisen auszulösen. je weiter meine freundesliste gewachsen ist, desto einsamer fühlte ich mich. mir wurde klar, dass facebook-freunde keine freunde sind. facebook stellt keine beziehung zwischen menschen her, sondern erlaubt einen beziehungslosen, oberflächlichen voyeurismus, der uns durch momentaufnahmen aus dem leben anderer, die nicht einmal authentisch sein müssen, vorgaukelt, diese personen zu kennen. doch ohne regelmäßige oder unregelmäßige besuche - oder zumindest telefonate und persönliche nachrichten - ist für mich eine freundschaft keine richtige freundschaft.

anfangs ist das ja alles nett. ein like, ein herzchen hier, ein kommentar da. 30 leute, die sonst nie anrufen, gratulieren auf einmal zum geburtstag? ach wie schön. aufmerksamkeit tut ja durchaus gut.
bei gesprächen wird es dann aber schon schwierig. diskussionen auf facebook sind anders als im leben. hemmschwellen fallen, das aggressionspotenzial ist höher, missverständnisse lauern. manchmal wusste ich nicht mehr, schreibe ich da mit der person, die ich so viele jahre tatsächlich persönlich gekannt habe und immer noch zu kennen glaube? enttäuschung um enttäuschung häufte sich an zum gefühl totaler entfremdung, bis ich schon allein beim anblick eines neuen posts bestimmter user die krätze bekam.

facebook hat mich in der tat reale freundschaften gekostet. wenn jemand facebook beispielsweise als pranger nutzt, um lügen über dich zu verbreiten, dann lässt sich das irgendwie nicht mehr zurückdrehen. eine aussprache von angesicht zu angesicht wird in so einem fall zum ding der unmöglichkeit, zumindest für mich. da ist dann eine grenze überschritten.

ich bin überzeugt, dass facebook und andere social media-plattformen das schlechteste aus uns herauslocken. ich nehme da auch blogs nicht aus. trotzdem bin ich lieber auf blogs unterwegs oder auf twitter. denn hier ist eine deutlich bessere selektion dessen, was ich mir zumuten möchte, möglich.

es gibt ein paar facebook-freunde, die ich vermissen werde. einige wenige. ganz wenige. ein leben ohne facebook ist nichtdestotrotz dringend empfehlenswert für alle, die schlecht schlafen, schnell wütend werden, eine sehr fürgsorgliche ader haben oder gerne ihr herz an andere verschenken. und natürlich für alle, die zu depressionen neigen.

das echte leben hat so unendlich viel mehr zu bieten.
geht einfach raus und guckt in die sterne. oder jemandem direkt in die augen.

Montag, 15. Oktober 2018

die geschichte vom stolper-mann

am wochenende wollen der luxus-mann und ich eine radtour machen.

ich stehe schon bereit, der luxus-mann holt seinen schicken drahtesel gerade aus dem keller. als er aufsitzt, gerät er plötzlich ins wanken und kippt seitlich ins rosenbeet vor dem haus. da liegt er nun wie ein auf den rücken, pardon die seite, gefallener käfer, das radl über ihm, die rosa röschen unter ihm, und schaut überrascht und konsterniert aus der wäsche.
ich kann erstmal nicht anders und beginne zu lachen.
"brauchst du hilfe?" kichere ich. "alles ok?"
"nee, geht schon!"

der stolper-mann wühlt sich aus den büschen. er ist verdreckt und zerkratzt, am arm blutet er ein wenig.
"hast du dir wehgetan? brauchst du ein taschentuch?"
"geht schon. nur ein paar kratzer. aber boah, ich kam mir ja eben voll alt vor, als ich da so doof lag, wie so n opi, der nicht mehr hochkommt", berichtet er zerknirscht.
"sah eher aus, als wolltest du einen auf dornröschen machen", finde ich."hundertjähriger schlaf im rosenbeet!"
"lach du nur!"

nachdem wir die wunden versorgt und die dornen aus den luxus-extremitäten gepflückt haben, machen wir uns auf den weg. abends dann setze ich den luxus-mann bei seiner tochter ab.

einige stunden später ruft er mich an.
"ich glaube, du hexe hast mich verflucht oder sowas!"
"hä?"
"ich wollte vorhin mit meiner tochter fußball spielen. da trete ich aus versehen auf den ball drauf und falle noch mal volles rohr auf die fresse! auf den asphalt!"
"herrjeh. hast du dir schlimm weh getan?"
"geht so. konnte mich zum glück mit den händen abfangen. stell dir mal vor, ich wär dabei auf den kopf gefallen... dann wär ich jetzt so ein sabberndes bündel und du könntest mich die nächsten jahre mit so einem dings füttern!"
"dings?"
"womit man so demente alte leute füttert... oder behinderte."
"schnabeltasse?"
"genau. darauf arbeitest du wahrscheinlich hin!"
"bestimmt", sage ich. "und darauf, dich zu wickeln und zu windeln!"

mein stolper-mann seufzt tief:
 "jedenfalls hat mich der tag voll an früher erinnert."
"was war früher?"
"als ich noch so extrem komasaufen war. so mit anfang, mitte 20. da wusste ich oft ja nicht mehr, wie ich nachhause gekommen bin. einmal bin ich morgens aufgewacht, weil meine linke seite so wehgetan hat. guck ich in den spiegel, war alles grün und blau. und ich hatte keine ahnung, wie das passiert war! erst später hab ich dann vor der tür mein rad gefunden. so wie das aussah, bin ich wohl vollkommen besoffen durch den wald gefahren und dabei runtergekracht."
"aber heute warst du nicht besoffen."
"nee, das mach ich nicht mehr. so ein totaler kontrollverlust, das finde ich inzwischen gruselig. ich finde es aber auch gruselig, dass ich so ein töffel bin."
"mach dir nix draus. gibt so tage. hätte mir auch passieren können."
dann wünsche ich meinem stolper-mann eine gute nacht und lege auf.

als ich schon im bett liege, schickt mir mein mann noch ein whatapp-foto.
es zeigt einen total zermetzelten finger. drunter steht:
"wollte mir eben noch ein brot machen. und was passiert? schneide ich mir die fingerkuppe ab."
ich schicke ein paar trostworte, dann dirigiere ich den stolper-mann ins bett.

hoffentlich fällt er da heute nacht nicht raus und bricht sich was.





Montag, 8. Oktober 2018

das schlafzimmer, ort des grauens

ich leide unter schlafparalysen. das kommt bei mittelalten, depressiven menschen wohl öfter vor, laut statistik bei 6% aller menschen. klar, dass mal wieder ich die ehre habe.

die letzte nacht ist es wieder mal passiert.
ich war am einschlafen, als ich merkte, wie sich etwas auf meine brust legte. ich konnte mich weder bewegen noch atmen. etwas unheimliches unsichtbares schien zu versuchen, mich zu ersticken.

irgendwann wachte ich auf, panisch. ich mache immer licht, weil ich dann nur noch bei licht weiterschlafen kann. außerdem darf ich nicht gleich wieder einschlafen, sonst kommt es zurück. ich muss einige zeit wach bleiben.

irgendwann war ich wieder kurz vor dem einschlafen bzw. in diesem übergang zwischen wach und schlaf. mir war klar, dass das böse etwas noch da war, es stand nun hinter meinem bett an meiner rechten seite. ich wagte nicht, den kopf zu drehen und es anzusehen. plötzlich pustete es mich an. ein eiskalter hauch traf mein gesicht. er war so kräftig, dass er die bettdecke zur seite und vom bett wehte.

diesmal wachte ich mit herzrasen auf und hatte atemnot vor lauter panik. mein körper war total zusammengekrümmt und schmerzte. die bettdecke lag tatsächlich auf der seite am boden - so, als wäre alles total real gewesen. ich hatte immer noch das gefühl, dass das wesen rechts von mir stand und mich beobachtete. ich wagte nicht, mich umzudrehen, sondern packte decke und kissen und wanderte ins arbeitszimmer zur katze aus.

mit katze im arm versuchte ich, mich soweit zu beruhigen, dass ich wieder schlafen konnte. die dämmerung würde mir helfen, hoffte ich, da war alles weniger gruselig.

leider überkam mich nun die dritte schlafparalyse. wieder war das unsichtbare unheimliche da, während ich keinerlei kontrolle mehr über meinen körper hatte. das wesen nahm meine hände unter der bettdecke und bog meine finger nach oben. irgendwann konnte ich mich losreißen, aber es wiederholte sich noch mehrmals.

die schlafparalysen kosten mich in der regel zwischen vier und fünf stunden in einer nacht. obwohl ich weiß, dass es in meinem kopf ist, sind sie so realistisch wie ein paranormales ereignis im film. es folgen nächte, in denen sich das ganze wiederholt und wiederholt, in den unterschiedlichsten gruseligen ausführungen. wahrscheinlich schon allein, weil ich so große angst davor habe. stress fördert schlafparalysen.

obwohl ich schlafparalysen immer wieder erlebe und viel darüber gelesen habe, kann ich mich nicht daran gewöhnen. ich habe todesangst, panik, herzrasen, atemnot. und übelste nackenverspannungen, wahrscheinlich, weil man beim aufwachenwollen den kopf unkontrolliert herumschleudert.

der luxus-mann lacht mich aus und sagt, ich solle nicht so viele horror-filme gucken. aber kein horrorfilm ist so gruselig wie meine schlafparalysen.

kennt das jemand? was erlebt ihr, was tut ihr dagegen?

Samstag, 6. Oktober 2018

gute, geile gewalt

auch als frau in festen händen gehe ich immer noch rasend gerne alleine aus. dass ich dabei mit dem rad durch den nacht und über den kiez gurke, ist meinem mann nicht angenehm, wird aber inzwischen toleriert.

im partykeller tanze ich ein wenig, dann werde ich tatsächlich vom einzigen interessanten mann des abends angesprochen. ich habe lust zu flirten, wie so oft neuerdings, halte mich aber zurück, bin ehrlich, sage, dass ich eine beziehung habe. trotzdem unterhalten wir uns gut, was mich bestätigt, dass im zweifelsfall doch noch das ein oder andere filetstück auf dem markt ist.

dann tippt mich jemand auf die schulter. es ist die krankenschwester, eine bekannte von früher.
"dich hab ich ja ewig nicht mehr gesehen", sage ich freudig überrascht. "wie gehts dir denn?"
"ich bin überfallen worden vor sechs wochen", haut die krankenschwester raus.
"du bist WAS?!"
und dann erzählt sie ihre geschichte. wie sie mit einer freundin auf dem kiez unterwegs war und dann recht unvermittelt von zwei typen niedergeschlagen wurde. vier wochen musste sie im krankenhaus verbringen.
"wo ist das denn passiert?" will ich wissen. "so in einer dunklen ecke?"
"nee, an ner bushaltestelle. waren lauter leute drum rum. aber das ging so schnell..."
"krass!"

"jedenfalls respekt, dass du dich jetzt schon wieder raustraust. ich glaube, ich hätte das nicht so fix verkraftet", sage ich dann.
"man kann sich von so arschlöchern einschüchtern und das leben kaputt machen lassen oder nicht", findet sie. "und auch wenn ich mich noch unsicher fühle, ich hatte einfach bock auf leute und musik."
"finde ich super stark. und du hast echt keine panik auf der straße jetzt? was, wenn die dir wieder begegenen?"
"könnte schon passieren, aber ich hatte ne amnesie, weiß gar nicht mehr, wie die genau aussahen, nur dass sie so dunkle typen waren, türken oder araber. von daher... würde ich die eh nicht mehr erkennen. die sehen ja alle gleich aus. ich konnte ja nicht mal der polizei eine beschreibung geben."
"hast du mal dran gedacht, dir pfefferspray zu kaufen? ich hab ja meist welches dabei."
"ja, aber das ging so schnell, das hätte mir nichts genutzt. die hatten mich garantiert beobachtet und dann blitzschnell den überfall gemacht. weiß gar nicht, was die wollten, ob es da um ficken oder kohle ging. da ging es eher darum, eine frau fertigmachen. die waren einfach geil auf gewalt. sonst hätten die mich ja vielleicht auch noch vergewaltigt, als ich erstmal ohmächtig war."
"stimmt schon. das funktioniert nur, wenn man merkt, da geht mir jemand hinterher, oder ups, da ist schon wieder der unangenehme stalkertyp vom letzten mal."

später, als ich nachhause radle, denke ich noch mal über das erlebnis der krankenschwester nach. seit 20 jahre ziehe ich alleine durchs nachtleben unterschiedlicher großstädte und habe dabei nur in seltenen momenten angst empfunden.

vermutlich hat die krankenschwester recht: es ist reine glücksfrage, ob man einen überfall abwenden kann oder nicht. das pfefferspray in meiner tasche, angeschafft auf anregung eines kumpels, gibt mir ein eher subjektives sicherheitsgefühl, das ich trotzdem nicht missen möchte. doch echte sicherheit gibt es eben nie - als frau schon dreimal nicht.


Freitag, 28. September 2018

liebe bundesregierung,

es ist für selbst für einen durchschnittlich intelligenten bürger nicht mitanzusehen, wie dieses land in grund und boden gewirtschaftet wird, indem nur noch konzerninteressen bedient und die bedürfnisse des volks ignoriert werden.

die stattgegebene abholzung des hambacher forsts und das rwe-in-den-arsch-kriechen war mal wieder ein paradebeispiel für das totalversagen des gruselkabinetts, das da in berlin sitzt und auf kosten der steuerzahler ein komfortables leben führt. wozu bezahlen wir euch eigentlich?
 
damit ihr korrupten konzernen wie vw den arsch pudert und automobilbesitzern keine nachrüstung ermöglicht?
dafür, dass ein jens spahn seine offensichtliche unqualifiziertheit für den posten des gesundheitsministers in immer neuen peinlichen statesments verlautbaren lässt?
indem man den untragbar gewordenen heiko maaßen in einem dilettantischen verhandlungsprozess erst befördert, dann ohne nachteile versetzt?
oder vielleicht, wenn man bei globalen zusammenkünften einem donald trump so rein gar nichts entgegenzusetzen hat, weil man es nicht mal schafft, innereuropäisch mit einigen anderen regierungen effizient zusammenzuarbeiten?
indem man nullkommanull ideen entwickelt, wie man langfristig eine sich ausbreitende alterarmut und wohnungsnot in städten verhindern soll?

ich müsste keine angst haben vor einem leben in deutschland. ich bin akademikerin, habe arbeit und eine wohnung. ich habe keine angst vor flüchtlingen, islamisierung oder terror. ich habe aber angst vor euch. denn was da in berlin passiert, ist das schamlos offene ausleben einer oligakratie zugunsten persönlicher bereicherung oder profilierung. politik als champagner-orgie mit großkonzernen.

jeden tag, wenn ich ins internet gehe oder irgendwo eine nachrichtenübertragung mitbekomme, bete ich, dass ihr nicht schon wieder irgendwelchen mist gebaut habt, über den ich mich dann so sehr ärgere, dass ich nachts nicht schlafen kann.

ich bin keine radikale. ich verabscheue gewalt. aber man möchte euch gerne mal so richtig den arsch versohlen, damit ihr aus euren elfenbeinturm-dämmerschlaf ein bisschen aufwacht.damit ihr aufhört, euch zu wundern, warum euch kaum einer mehr ernst nehmen kann und woher der ganze hass kommt, der sich jetzt in der flüchtlingsangelegenheit manifestiert.

diese jahre mit euch werden uns noch teuer zu stehen kommen - politisch, wirtschaftlich, bildungstechnisch, intrastrukturell.
aber dann seid ihr in rente. denn eure rente ist sicher.

Montag, 24. September 2018

demenz für fortgeschrittene

"himmelherrgott, wo ist denn der schlüssel?"
wie ungefähr 25 mal pro tag hat der luxus-mann etwas verlegt. in diesem fall den ersatzschlüssel für die wohnungstür.

er nimmt mich streng ins visier:
"hast du den mitgenommen?"
"nö, warum denn?"
"echt nicht?"
"nei-hein."
"du musst mir das echt sagen, weil das wäre nicht lustig."
"nein! wirklich nicht! meinst du, ich nehm den mit, schleiche dann nachts in deine wohnung und vergewaltige dich mit der klobürste?!"
"bei hexen wie dir kann man nie wissen!"

der luxus-mann wühlt konsterniert durch klamottenhaufen, schaut in alle jacken- und hosentaschen, schüttelt schuhe aus und sucht sogar in der waschmaschine. dann ruft er seinen sohn an und seine ex, um beide des schlüsselraubs zu verdächtigen.
alles negativ. der schlüssel ist unauffindbar.
"das kann alles nicht sein! der schlüssel liegt doch sonst immer griffbereit auf dem flurtisch!"

also ich schaue einfach mal auf den flurtisch. 
"könnte er vielleicht hier drin sein?"
ich halte einen umschlag hoch, auf dem steht groß und mächtig "wohnungsschlüssel für handwerker". darin ist deutlich tastbar ein einzelner schlüssel.
der luxus-mann ist so verblüfft wie erleichtert:
"ach! ja! stimmt! ich hab ja morgen die elektriker da..."

dann stürmt er in die küche.
"fuck! ich hab die elektriker vergessen! im kalender steht, ich muss morgen meine tochter von der schule holen!"
der luxus-mann ist aufgeregt.
"dann muss ich ja den termin verschieben, so ein mist!"

ich stehe unter der tür und schüttle den kopf.
"quatsch. du wirst vermutlich deswegen einen schlüssel für die handwerker in diesen umschlag gepackt haben. um ihn morgen früh bei der verwaltung zu hinterlegen. damit du in ruhe deine tochter abholen kannst. wärst du hier, müsstest du ja keinen schlüssel in einen umschlag packen."

der luxus-mann schaut mich verblüfft an.
"stimmt. ja klar."
ich gebe ihm einen leichten schlag auf den hinterkopf.
"wenn du demnächst zur vorsorge gehst, lass doch mal die gehirnzellen checken."



Sonntag, 23. September 2018

die vermessung des glücks

„ich bin eine unglückliche frau von 42 jahren und heiße romy schneider."
einen solchen satz in 5 jahren nicht selbst sagen zu müssen. und im jahr darauf nicht tot zu sein, weil man sich doch vergiften muss, um das gift der welt zu überleben. 
alles daraufhin ausrichten, das steht ganz oben auf der liste.

einen tag im park und ein sehr offenes gespräch später ist man einander wieder ein stück näher.
der moment, in dem man versteht, dass das, was einen in die distanz schleudert, die ähnlichkeit ist. stolz. verletzlichkeit. die unwissenheit, wie man die welt, den alltag aushalten kann. die suche, die sucht nach intensität. die verfickte, permanente vermessung des glücks.

dem eichhörnchen eine erdnuss geben, dem kruspeln lauschen mit zweimündergrinsen.
ein moment, dessen schönheit man ausnahmsweise einmal nicht infrage stellt.
ja.
doch.

Mittwoch, 19. September 2018

links ist da, wo der daumen rechts ist

der luxus-mann und ich machen urlaub in italien. das heißt, wir gurken mit dem mietwagen durch das halbe land und sehen uns strände an, die in reiseführern mit paradisischen umschreibungen und gephotohoppten bildern über den grünen klee gelobt werden. letztlich sind es jedoch nichts weiter als mehr oder minder kleine sandstreifen mit massenhaft sonnenschirmen und liegen, auf die sich unmengen touristen quetschen. ein trister anblick, untermalt von kindergeschrei und dem gestank von scheiße und totem fisch.

spätestens am vormittag ist es schwülheiß und drückend. man könnte in seinem eigenen schweiß ersaufen.
"das ist echt nicht mein ding hier", sage ich ein ums andere mal zum luxus-mann.
"immer musst du nörgeln", entgegnet der. "geh doch mal ins schöne wasser."
"da sind eklige viecher drin", beharre ich. "und müll. da bade ich nicht!"

noch schlimmer als die italienischen strände und die von touris vollgemüllte natur ist das autofahren mit dem luxus-mann.
ich navigiere, denn der luxus-mann kann beim fahren angeblich nicht auf das navi gucken.
"jetzt gleich links", sage ich. und an der kreuzung noch mal: "links!", während ich mit dem zeigefinger auf die ausgewiesene abfahrt zeige.
der luxus-mann fährt rechts.
das navi hängt sich auf und sucht eine wendemöglichkeit.
"scheiße", flucht der luxus-mann. und schnauzt mich dann an: "wieso sagst du nix?!"
"ich habe links gesagt. mehrfach. ich habe sogar nach links gedeutet dabei."
"echt?"
"ja!"
"hm. ich hatte aber das gefühl, dass das so nicht richtig war."

 das luxus-gefühl geht bei 90% aller orientierungsfragen irr.
"wir müssen jetzt doch nach norden", sagt er, als wir gerade auf dem weg nach osten sind.
"du meinst osten."
"nee, norden. da rechts."
"das ist nicht norden. auch nicht osten. das ist falsch da."
"dann gib doch mal norden ein. irgendeine stadt im norden, damit wir wieder richtig fahren."
"osten."
"nee, ich will nicht nach osten. ich will die nächste stadt nördlich umfahren!"
ich verstehe nur bahnhof, aber da ich keinen führerschein habe und dem luxus-mann vertrauen muss, gebe ich also eine stadt im norden ein, sodass uns das navi um den ort herum nach norden ableitet.

"das ist komplett falsch", beschwert sich der luxus-mann zwei minuten später.
"du wolltest nach norden."
"das ist doch nicht norden!"
"doch, hier guck, die karte..."
"ich kann nicht gucken, ich muss mich auf die straße konzentrieren! das ist alles quatsch, was du da erzählst!"
"also eigentlich müssen wir nach osten, aber ich hab jetzt norden eingegeben, weil du nicht nach osten, sondern ausdrücklich nach norden weiterfahren wolltest."
"aber das ist falsch!"
"sag ich doch die ganze zeit!"
"bist du jetzt zu doof, ne karte zu lesen?!" faucht mich der luxus-mann an.
"ich lass mich doch nicht von dir für blöd darstellen, nur weil du eichhörnchen links und rechts nicht unterscheiden kannst!", keife ich zurück.

beim abendessen schweigen wir uns an.
"ich trenn mich übrigens manchmal auch im affekt", sagt der luxus-mann in die stille hinein.
"das ist keine drohung, falls es so gemeint war", spotte ich trocken.

als wir am einzigen regentag eine alte kirche besichtigen, landet eine riesige flauschige motte auf meiner hand. ihr fell ist voller regentropfen. mit letzter kraft schleppt sie sich meinen zeigefinger entlang, bevor sie zu boden fällt und regungslos liegenbleibt.

 italien gibt uns den rest.

Dienstag, 4. September 2018

testing steinzeit

ich lebe derzeit ohne mein iphone. steinzeit also.

kein whatsapp.
keine nachrichten.
keine anrufe unterwegs.
ohne gmaps durch die dreckige stadt irren wie durch einen grauen dschungel.
stein, asphalt und ich.

es ist herrlich.
es ist besser als urlaub.

steinzeit rules.

nur den sozialen medien kann ich nicht entfliehen.
der fluch des jobs.
ich täte es aber gerne.
allein wegen der bräsigen csu-wähler, die sich jetzt mit #wirsindmehr wichtig tun und aus gesinnung einen trend machen. genau wie all diejenigen, die 2015 lichterketten für flüchtlinge gebildet haben und jetzt doch ihr kreuzchen bei der afd machen.

auch politisch steuern wir also auf eine steinzeit zu, und es wird sich noch manch einer weit weg wünschen.

ich bin nicht enttäuscht. ich bin, was menschen an sich und was dieses land betrifft, weit über den zustand der enttäuschung hinaus.



Montag, 27. August 2018

karussell

und dann gibt es wochen, in denen sich alles rasend schnell dreht.
im leben.
im kopf.

und in den wenigen stillen momenten rauscht es in den ohren wie ein aufgewühltes meer.

Samstag, 11. August 2018

hungrig

ich bin mit dem luxus-mann und dem luxus-freund im club. erst ist es recht langweilig, dann beginnt der barkeeper, seine schnapsvorräte unter den wenigen gästen zu verjubeln. die stimmung steigt raketenartig.

eine frau in einem glitzertop, das ich etwas billig finde, schwingt sich auf den tresen und beginnt eine art poledance ohne stange. als sie bei uns steht, macht sie sich auf dem tresen lang und guckt uns herausfordernd an. ich offiere ihr meinen schnaps. weniger später habe ich ihre zunge im hals.

der luxus-freund feixt und findet es ultrascharf, dass wir da vor ihm rumknutschen. der luxus-mann schaut abwechselnd amüsiert und skeptisch.
"ist das ok so für dich", frage ich ihn, als die frau kurz auf dem klo verschwindet.
"ja schon", sagt er.
"begeistert wirkst du aber nicht."
"meinen kumpel macht das scharf, mich nicht."
"generell nicht oder weil wir optisch nicht dein fall sind?"
"ich steh nicht so auf lesbensex."
"es ist ja kein sex."
"auch das noch. geknutsche ist noch langweiliger. da müsste ich schon involviert sein."
 klare ansage.

die frau kommt wieder und schwingt sich neben mir auf den barhocker. wir machen dort weiter, wo wir aufgehört haben. der luxus-freund mischt sich ein, gibt einen aus. die frau zieht blank und präsentiert ihm ihre titten. ich finde das ein bisschen nuttig, aber die stimmung ist ausgelassen und frivol, es passt also irgendwie in den kontext.

"interessiert dich einer von den beiden kerlen", fragt mich die frau irgendwann.
"der blonde ist mein mann", sage ich.
"merkt man gar nicht."
"nee. der ist nicht so... extrovertiert."
"aber sexy."
"ja. das stimmt."
"warum knutscht ihr nicht?"
"das mag der nicht."
"krass... merkwürdiger typ."

viel konversation ist mit der lady, die offenbar nicht die hellste kerze auf der torte ist, nicht zu machen. aber ich genieße es, mal wieder zu knutschen, geküsst und gehalten zu werden. sanfte berührungen statt gerammel. ich bin hungrig, merke ich.

später wanken der luxus-mann und ich nachhause.
"ficken wird heute nichts mehr, was", grinse ich angesichts unseres seemannsgangs.
"wenn dann hätt ich sowieso eher bock auf mal was anderes", haut der luxus-mann raus.
"was oder wen anderes?"
"wen anderes."
"woher kommt der wunsch auf einmal?"
"hab ich derzeit verstärkt."
"bist du deswegen zur zeit so lethargisch und lustlos?"
"ich bin wie immer, ein feuerwerk", sagt der luxus-mann furztrocken.

"und bist du jetzt enttäuscht", will er dann wissen.
"warum?"
"weil die muschi nicht mit uns mitgekommen ist."
"stand nie zur debatte. dazu wär die mir auch zu beschränkt gewesen."
"soso."
"war aber trotzdem schön, mal wieder zu küssen. du machst das ja nie."
"stimmt doch gar nicht."
"kann mich nicht erinnern, wann das mal gewesen sein sollte."
"neulich, beim sex!"
"neulich, so vor drei monaten, meinst du."
"interessiert mich halt nicht so, weißte doch."
"mich schon. könntest ja auch mal fragen, wies mir so geht."
"warum denn?"
"weil man normalerweise in einer partnerschaft irgendwie am leben des anderen teilhat."
"hab ich doch."
"du weißt doch nicht mal, welche musik ich höre oder was ich gerne esse."

ich bin genervt, merke ich. genervt kommt von hungrig. ich habe appetit bekommen. auf  sanfte verführung. auf küssen und zärtlichkeiten. auf aufmerksamkeit und emotion. auf das, was es im luxus-leben selten und zur zeit so gar nicht gibt.

zuhause fällt der luxus-mann ins bett und schnarcht, während ich lange wachliege. die gedankenmühle rattert, lässt den abend revue passieren und spult dann sogar auf den leidenschaftlichen objekt-sex von früher zurück. irgendwann bekomme ich kopfschmerzen, die sonne brennt ins zimmer und jemand im haus hantiert mit einer bohrmaschine. gegen halb acht stehe ich auf und fahre kurzerhand nachhause.

hungrig.

Donnerstag, 9. August 2018

beziehung, mhd-bedroht

der luxus-mann hat traumhafte arbeitsbedingungen. er verdient für extrem wenig arbeit übermäßig gut, bezieht umfangreiche goodies und sozialleistungen und hat urlaub ohne ende. ich verdiene mäßig, habe extrem viel stress und verantwortung und muss um jeden urlaubstag kämpfen.

"du bist halt ne typische werberin. ihr seid alle total blöd und lasst euch verarschen", sagt der luxus-mann regelmäßig. so viel zum grundtenor. verständnis dafür, dass ich sogar manchmal spaß bei der arbeit habe und so etwas wie ehrgeiz besitze, hat er nicht. er selber lässt sich treiben, schiebt seine aufgaben seinen zahlreichen kollegen zu und liest während der arbeitszeit fußballnachrichten.

wenn es um urlaub geht, nimmt er sich frei, wann er will und setzt mich dann vor vollendete tatsachen. "nimm dir da auch mal frei, dann fahren wir da und da hin", heißt es dann. und wenn ich sage, geht nicht, da hab ich dies oder jenes projekt, ist die stimmung schlecht. ich rede mir den mund fusslig, um ihm die strukturen, unter denen ich arbeite, klar zu machen, und dass ich ohnehin ungern urlaub nehme, weil das nur bedeutet, dass ich dafür unter hochdruck wochenlang vor- und anschließend noch mal nacharbeiten muss. dass es niemandem gibt, dem ich etwas übertragen kann oder der mich unterstützt. und dass es zeiten gibt, in denen ich nicht einen nachmittag frei nehmen kann, um meine gesundheitsvorsorge zu machen. er stellt sich dämlich. oder ist es in dieser hinsicht vielleicht auch.

als ich mal leichtsinnigerweise erwähne, dass ich lust auf einen sprachkurs in verbindung mit einem bildungsurlaub hätte, reagiert er sauer. "du verdödelst nur deine zeit, und wenn wir wohin fahren wollen, geht das dann nicht." dass mein arbeitsleben voraussichtlich erst endet, wenn ich tot bin, und dasss ich angesichts dieses beschissenen umstands wenigstens ein bisschen aufsteigen möchte, um irgendwann mal sowas wie schmerzensgeld zu verdienen, versteht er nicht. er will in wenigen jahren in altersteilzeit - zu einem zeitpunkt, zu dem dies nicht einmal meinem von allen seiten gepamperten beamten-vater möglich gewesen wäre.

zwei faktoren werden unsere beziehung - sollten keine emotionalen trennungsgründe dem zuvorkommen - voraussichtlich in den nächsten zwei bis sieben jahren zum scheitern bringen: dass ich nicht in hamburg bleiben möchte und dass ich mich jobtechnisch weiterentwickeln will und muss. und dass der luxus-mann keine meiner bewegungen mitmachen, mir aber zugleich weder einen roten teppich ausbreiten noch einen ring an den finger stecken wird. innige phasen wie in den letzten wochen legen einen rosa schleier über all das. doch dann sehe ich wieder klarer. rational betrachtet hat diese beziehung eine stark begrenzte haltbarkeit.

den schussstrich jetzt schon zu ziehen, scheint mir indes unmöglich. da sind zu viele positive emotionen. ich habe mich schrecklich an den luxus-mann gewöhnt. ich habe angst vor den untiefen der depression und leere, die mich anschließend wieder überkommen werden. und ich bin bequem, habe angst vor meiner eigenen courage, genieße das kleine glück, das ich habe und das mich und meine permanente innere suche fast eingeschläfert hätte.
aber eben nur fast.



Dienstag, 31. Juli 2018

fliegen mit eurowings, dem tommy hilficker und seiner perlen-uschi

ich will in die heimat und stehe schon eine stunde am gate, denn eurowings hat verspätung. der gesamte flughafenabschnitt ist brechend voll. an vier gates warten gefühlt eine million menschen. kreischende kinder flitzen zwischen genervten erwachsenen herum. sitzplätze sind aus. schlechte luft und schlechte laune machen sich zunehmend breit.

nichtsdestotrotz ist die fluggesellschaft bemüht, das beste aus der situation zu machen. unter anderem fordert sie mehrfach dazu auf, dass fluggäste mit handgepäck ihre koffer bitte aufgeben sollen - kostenlos und direkt hier am gate. so soll ein zügigeres einsteigen gewährleistet werden. einige nehmen die aufforderung wahr, dennoch sehe ich beim einsteigen immer noch unzählige handgepäckskoffer an mir vorbeirollen. entsprechend sind die gepäckfächer ruckzuck voll.

auch meine sitznachbarn - eine perlen-uschi und ihr in einem tommy-hilfiger-shirt bekleideter, hipsterknödeliger spacko - gehören zu denen, die das nachsehen haben. tommy hilficker ist deswegen grantig. er sieht es ÜBERHAUPT nicht ein, dass er als billofluggast nun ganze 50 minuten mit koffer an den klöten ausharren soll. das könne man ihm nicht zumuten. schließlich ist er ein tommy hilficker und hat eine perlen-uschi-freundin.

der hilficker beschwert sich also beim steward. der freundliche und hilfsbereite steward sichert ihm zu, dass er, falls er keinen platz mehr für seinen koffer findet, er ihn nachträglich in den gepäckraum bringen lassen würde. dann geht der steward die reihen durch und beginnt, gepäckstück um gepäckstück umzuschlichten, damit der hilficker-koffer vielleicht doch noch platz findet.

nach zehn minuten steht der steward wieder schweißüberströmt und etwas außer atem neben uns. es sei ihm gelungen, platz zu machen. der hilficker könne seinen und auch perlen-uschis koffer ganz vorn im flieger noch unterbringen und entsprechend mit beinfreiheit fliegen.

der hilficker ist jedoch keineswegs erfreut oder dankbar.
"soll ich jetzt etwa selber meinen koffer bis ganz nach vorne schleppen?" fragt er wie ein fünfjähriger, dem man gesagt hat, er solle bitte sein zimmer aufräumen.
der steward nickt.

der verwöhnte hilfiger-schnösel bewegt sich immer noch nicht.
ich halte den atem an.
der steward steht da und guckt nicht mehr ganz so nett.
"bitte, wenn sie jetzt ihren koffer nach vorne bringen und ins gepäckfach legen würden!" sagt er etwas strenger.

endlich erhebt sich der hilficker und nimmt seinen koffer in die hand.
"ich hoffe, es taucht jetzt dann auch eurowings auf meinen nächsten gehaltscheck auf!" giftet er den steward an.
der macht nur eine generös-auffordernde handbewegung und lächelt.
schimpfend entfernt sich der hilficker richtung vordere gepäckreihen, während ihm seine perlen-uschi mit debilem gesichtsausdruck nachglubscht.

"sie auch", sagt der steward zu perlen-uschi, denn der charmante, zuvorkommende hilficker-gentleman hat natürlich nur seinen koffer mitgenommen. also muss nun auch perlen-uschi ihren breiten hintern aus dem sitz wuchten und ihren koffer nach vorne rollen.

als hilficker und perlen-uschi wieder neben mir sitzen, echauffiert sich hilficker weiter. einen beschwerdebrief werde er schreiben über "ineffizientes personal" und auch die reinigung des flugzeugs scheint ihm nicht gründlich genug erfolgt zu sein.

mir hingegen scheint die reinigung des hilfickers nicht ganz gründlich erfolgt zu sein, denn in der kabine macht sich eine penetrante schweißnote breit. ich habe aufgrund der unmittelbaren intensität erst perlen-uschi, die direkt neben mir sitzt, im verdacht, doch nach und nach wird mir klar, dass die moschus-wolken aus den achseln des aufgeregt fuchtelnden hilfickers empordampfen.

ich bin überglücklich, als ich 50 minuten später wieder boden unter dem flugzeugkörper habe und dem schweißgeruch und der meckerei des hilfickers sowie dem anblick seiner dämlichen perlen-uschi entfliehen kann.

mein dank geht trotz verspätung ausdrücklich an eurowings. es war mir ein großes vergnügen zu erleben, mit welch freundlicher professionalität mit renitenten fluggästen wie dem stinkenden hilficker umgegangen wird. ich hätte vollstes verständnis dafür, wenn menschen, die entgegen ausdrücklicher aufforderung ihr sperriges handgepäck nicht abgeben wollen, oder aber nicht in der lage sind, ein deo zu benutzen, vom flug ausgeschlossen werden. vielleicht könnt ihr das mal bei der nächsten gesellschafterversammlung als vorschlag einbringen. danke!




die letzte verbindung

du kommst nachhause und mir stockt der atem.
so überraschend, dich nach der langen zeit wiederzusehen.
und doch so unfassbar vertraut.

du bist erschöpft von der arbeit, ziehst dir den helm vom kopf.
breitest die arme aus.
ich schlüpfe hinein.

"ich hab auf dich gewartet", sage ich.
du hälst mich fest und fester.
"ich hab auf dich gewartet", wiederhole ich.
als antwort schmiegst du deine wange an meine.

es ist nichts weiter als traum.
ein hirngespinst.
aber für mich ist es eine gewissheit.
die verbindung des herzens ist die letzte, wenn es keinen kontakt mehr im leben gibt.
mit der letzten herzfaser hälst du mich.
ganz fest.




Montag, 30. Juli 2018

elbschönheiten

sonntag, hitze und langweile treiben den luxus-mann und mich nach draußen.
da der luxus-mann schulter hat und wir daher nicht badminton im park spielen können, müssen wir uns was überlegen.

"ich will an den elbstrand. da war ich nämlich noch nie", sage ich.
"du warst noch nie am elbstrand??" der luxus-mann kann das gar nicht glauben.
"naja, nur so da an der promenade zum spazieren. aber nicht richtig im sand oder im wasser."
"dann komm. das müssen wir ändern."
und wir schwingen uns auf die räder.

"aber versprich dir jetzt da nicht so viel davon", warnt mich der luxus-mann, der meine naturromantischen vorstellungen kennt und weiß, wie schnell diese immer wieder an der hamburger großstadtrealität zerschellen.
"warum?"
"das ist da kein schöner strand. nix malediven, auch nicht ostsee. das hat halt eher industrie-charm."
"industrie-charm klingt doch gut."

als wir ankommen, schlüpfe ich begeistert aus den schuhen.
"warte", sagt der luxus-mann. "das ist dunkler sa..."
"aua!" rufe ich schon und mache zwei sätze richtung beton.
"dunkler sand ist heißer", sagt der luxus-mann belustigt. "zieh mal lieber die schuhe wieder an."

schuhe am strand reduzieren das gesamtstrandfeeling natürlich beträchtlich, aber selbst mit sandalen kann ich die hitze unter meinen füßen spüren.
"ich komme mir vor, als würde ich über lava laufen", seufze ich.
"dann lass uns doch zum wasser gehen."

also schlendern wir westwärts am wasser entlang.
"jetzt sind wir gleich an diesem strandkiosk. das sind die ganzen schickis. und die weiber, die auf schicki machen, weil sie hoffen, dass sie dann so von so einem elbchaussee-spießer gefickt werden", klärt mich der luxus-mann auf.
"du scheinst dich auszukennen", kichere ich.
"naja, früher war ich da auch manchmal und hab geguckt, ob ich was zum vögeln finde. aber ich mit meinem look hatte ich natürlich keine chance bei schicki-weibern."
"wenn die gewusst hätten, dass der blonde punk mit der verwarzten lederjacke eigentlich ein ganz abgewichster börsenspekulant ist..."
"tja. deswegen sag ich ja immer zu meinem sohn, er soll sich nicht so sehr auf äußerlichkeiten verlassen."

"und, hast du dann doch mal eine von den elbschönheiten geknallt?" will ich wissen.
"ach, die ein oder andere im ein der anderen sommer schon. aber es ist jetzt hier halt nie so mein revier geworden. dazu waren die mir auch zu doof. und eben zu offensichtlich auf kohle aus."
"kann man hier überhaupt ficken, so überbevölkert wie das ist?"
"doch. damals sowieso. und nachts sieht das ja keiner."

wir machen pause und setzen uns auf ein mäuerchen. unter uns liegt eine runzelige dürre frau im bikini, mit dickem lidschatten und lippenstift, fetter klunkerkette, tausend goldfunkelnden armreifen, riesigen ohrringen und der obligatorischen ray-ban-sonnenbrille.
der luxus-mann schaut erst sie, dann mich nachdenklich an.
"soll ich mir mal die haare abschneiden?"
"nein! auf gar keinen fall! ich liebe deine langen haare! du hast voll den curt-cobain-look!"
"manchmal nerven die halt. und mein sohn findet mich peinlich."
"dein sohn lebt ja auch in einer instagram-welt."
"aber du sagst mir, wenns peinlich wird, ja? nicht dass es mir mal wie der da geht und ich nicht mehr schnalle, wenns richtig scheiße aussieht?"
"ja. ich sags dir auch, falls du mal eine fettabsaugung brauchst", lache ich.
der luxus-mann zwinkert und kneift mich.

später stehen wir am steg in övelgönne und gucken schiffe.
"mit so einem musste ich auch mal fahren", sagt der luxus-mann und zeigt nach unten auf ein großes antikes segelschiff. "das war so ein dämlicher betriebsausflug."
"kannst du segeln?"
"kein bisschen. ich hatte keinen plan und hab einfach gemacht, was die anderen gesagt haben. und dann sind wir in nen sturm gekommen und das scheiß schiff hat geschwankt wie blöde und mir war die ganze zeit über schlecht. war eine total beschissene aktion und mega anstrengend."
"also kein segeln mit dem luxus-mann."
"nee, besser nich. mir wird zu schnell schwindelig und übel."

ich nehme den luxus-mann in den arm, küsse seine dreitagebärtige wange und blicke in sein markantes, schönes profil.
"was starrst du auf mein olle gummel?" sagt der luxus-mann unsicher.
"ich mag deine nase. ich mag alles an dir, glaube ich."
"auch wenn ich nachts pupse?"
"naja, das vielleicht ein bisschen weniger!"
und der luxus-mann grinst selig und küsst mich ausnahmsweise zurück.



Samstag, 21. Juli 2018

fuck all therapists

"gehst du eigentlich noch zur therapie?" fragt der luxus-mann und guckt mich streng an.
"nö", sage ich schnöde.
"rum?"
"nee, ich hätte noch stunden gehabt, aber das war wieder zunehmend so eine luschige veranstaltung, ich hab eh nur wieder durchgekaut, was ich schon weiß. wozu soll ich da weiter hinlatschen? kaffeekränzchen kann ich auch anders haben."

"aber du nimmst doch noch medikamente!"
"das eine hat ja nicht direkt was mit dem anderen zu tun."
"doch klar."
"nein. das wäre so, wie wenn du einem diabetiker vorwirfst, dass er nicht mehr in den sportverein geht. klar beeinflusst sport den blutzuckerspiegel, aber nicht nur."
"du machst es dir einfach!"
"danke für deine unterstützung. es bringt mich echt weiter, wenn du arschig wirst!"
"ich mein ja nur."
"lass mich mal machen. das muss jetzt so, denke ich."

es gibt den punkt, an dem man einfach leben muss. in therapie zu bleiben, bedeutet, im nest zu bleiben. nie fliegen zu lernen. immer angewiesen sein auf die hand, die einen hält, solange die krankenkasse diese bezahlt.

irgendwann kommt aber der punkt, an dem man einsehen muss: ich werde nie zufrieden sein. ich werde immer suchen. aber verdammte axt, ich werde einfach das beste draus machen.
irgendwie.
irgendwo.
und vielleicht mit jemandem an meiner seite, der das alles so aushält wie der luxus-mann.




Samstag, 14. Juli 2018

sternschnuppen

"is voll schön hier", sagt der luxus-mann selig am telefon. er ist mal wieder auf festival unterwegs und liegt vor seinem zelt, während seine kumpels schon schnarchen.
"der mann ist auch schon ganz schön voll", analysiere ich.
"ja, isser. aber das magsss du ja."
"du bist besoffen halt so schön zärtlich und anhänglich."

"ichab... mein kumpel heute erzählt, wie entspannt wir miteinander sinn... und dass es im bett so gut klappt", erzählt der luxus-mann. "da warnse alle neidisch. die hamm alle kein sex mehr, irgendwie. die könnten auch nich 'ficken' zu ihren frauen sagen."
"versteh ich ja immer nicht, warum man dann zusammen bleibt."
"kinner..."
"die haben auch nix davon, wenn ihre eltern sexuell frustriert sind."

"oh.... oh! da war eine sternschnuppe!" ruft der luxus-mann entzückt.
"dann wünsch dir mal schnell was."
"oh! da is noch eine..."
"zwei wünsche."
"mussich die jetz sagn?"
"warum nicht?"
"nee, das geht nich... das hätte dann nämlich was mit dir zu tun..."
und so, wie der luxus-mann das sagt, geht es mal nicht um sexuelle sonderwünsche.
und ich kann spüren, wie mein herz einen impuls bekommt und schneller zu pochen beginnt.

"ich finds schön, dass wir jetzt wieder so innig sind", sage ich warm.
"warn wir das mal nich?"
"naja... so die wochen vor berlin.... und dann hatten wir ja auch krach, die eine nacht."
"wir hatten krach?!"
"die nacht, in der du so schlimm besoffen warst. weißt du wahrscheinlich nicht mehr."
"doch, doch, ganz dunkel.... erinnerich mich. aber das war doch nich schlimm."
vielleicht ist es gut, dass sich der luxus-mann nicht mehr so ganz erinnern kann.

"jedenfalls muss ich ja zugeben, dass ich dich manchmal hin und wieder so ein klitzeklein bisschen ganz ok finde", gebe ich im luxus-oton zu.
"ich hab die frau auch sehr gern."

und meine kleine welt ist mal wieder so sehr ok, wie sie nur sein kann.

Dienstag, 10. Juli 2018

männer- und weiberwirtschaft

seit ich denken kann, gibt es diesen ruf nach weiblichen führungskräften. man braucht sie, weil sie anders sind als männer. männer setzen auch schlechte ideen hemdsärmelig durch, protzen mit erfolgen, die keine sind, und gehen hinterher auf firmenkreditkarte in den puff, um sich zu feiern. deswegen brauchen wir frauen. die sind kommunikativ, denken 360-grad-mäßig und können teams ganz toll leiten, weil sie so sozial denken.

soweit die theorie. in der praxis habe ich anderes erlebt. die pr-welt ist recht frauendominiert. in agenturen hatte ich ausschließlich weibliche chefs - und ich kann es mit einem satz sagen: keine einzige war eine gute chefin.

chefin nummer eins verabschiedete sich täglich auf einen "wichtigen geschäftstermin" und kam dann vier stunden später mit neuen extensions und frisch gebotoxt wieder. wahlweise mit ihrem freund, dann war die bluse oft falsch geknöpft und der lippenstift verwischt. ich war damals praktikantin und habe nichts gelernt, was ich mir nicht selber beigebracht habe. auf den hund aufgepasst habe ich viel.

chefin nummer zwei war es wichtig, dass man zwischen 8 und 8:30 uhr im büro war, damit das meeting schon stattgefunden hatte und man dann um 9 uhr "regulär" zu arbeiten beginnen konnte. mittagspausen entfielen regelmäßig, feierabend war frühestens  ab 19 uhr möglich, gearbeitet wurde oft bis 22:30 uhr. und wehe, es passierte ein fehler. dann wurde gebrüllt, gemobbt, mit türen geknallt und mit kündigung gedroht.

chefin nummer drei war vordergründig freundlich, zumindest, solange es gut lief (= dinge wurden ohne zu hinterfragen so gemacht, wie sie es wünschte). hinterrum lästerte sie gerne über unsere leicht übergewichtige volontärin ("fette sind immer faul!"), unterstellte einem trotz gelben schein, nur zu simulieren, und machte ihr gesamtes team vor geschäftspartnern schlecht, um ihre eigenen fehler zu kaschieren. unsere guten ideen waren natürlich immer ihre.

ein grund, warum ich agenturen den rücken gekehrt habe, war in der tat auch, dass ich diese weiberwirtschaft nicht mehr ertragen konnte. die hinterfotzigkeiten, die oberflächlichkeit, das ausspielen des teams, das offene auffordern zur denunziation, die zickigkeiten und die hysterische aggressivität, mit der persönliche launen an den mitarbeitern ausgelassen wurden. wären diese weiber wenigstens gute ökonome gewesen. aber mitnichten: zwei der drei agenturen waren permanent von der pleite bedroht. bei chefin nummer eins zahlten sogar die eltern die miete fürs büro.

ich arbeite lieber mit männern, oder sagen wir so: in einem gemischten team. männer neutralisieren die zickigkeit der frauen, sabotieren das intrigenspiel mit ihrer manchmal plumpen direktheit und haben - zumindest meiner erfahrung nach - das bedürfnis, der frau gegenüber irgendwie gentleman zu bleiben. ich persönliche ziehe sogar anzügliche sprüche der verschlagenheit und der falschen freundlichkeit vieler frauen vor: lieber ein sexistischer schleimscheißer als eine hinterfotzige hexe.

das ist nur meine meinung. scheinbar. in der tat wünschen sich laut einer forsa-umfrage unter deutschen fach- und führungskräften  nur 3 prozent der frauen eine weibliche vorgesetzte.

das soll jetzt kein plädoyer für einen seehoferschen hofstaat sein. ich denke, die mischung machts. und es wäre außerdem schön, wenn es irgendwann eine demokratie in teams gäbe, die es angestellten ermöglicht, einen chef oder chefin schlichtweg zu feuern, wenn er oder sie dem unternehmen schadet. als teamverantwortliche hatte ich oft wirklich geniale teams, die sich aber nicht entfalten konnten, weil die geschäftsführung so kontraproduktive vorgaben machte. seit jahren rede ich mir den mund fusselig, werde dann aber mit sprüchen abgebügelt wie "ich bin der chef/die chefin, deswegen wird das so gemacht!" rationale argumente und erfahrung zählen dann nicht.
das einzige tröstliche in diesem kontext: was diese grundsätzliche stumpfheit betrifft, gibt es keine geschlechtsspezifischen unterschiede.


Dienstag, 3. Juli 2018

prinzessin auf der erbse

mein luxus-geburtstagsgeschenk sind drei tage berlin.
reiner stadturlaub, kein eventurlaub.
das habe ich noch nie gemacht. denn berlin ist hässlich, ohne event sogar langweilig.
trotzdem freue ich mich drauf.  denn berlin war immer irgendwie geil.
immer mit begegnungen. immer mit irgendeiner guten überraschung.

die erste überraschung erleben wir gleich bei der ankunft, als wir in unserem hotelzimmer stehen.
"boah, ist das scheußlich", sage ich, als ich in dem hotelzimmer stehe, das uns der luxus-mann spendiert hat.
"und das erst bett! da kommen ja schon die federn aus der matratze!" maule ich.
der luxus-mann schaut konsterniert.
ich sehe ihn enttäuscht an.
"das sieht hier aus wie in nem billigen motel!"
"das war nicht billig!" rechtfertigt sich der luxus-mann. "auf den bildern sah das ganz anders aus!"

ich nehme mein handy und google die website des hotels.
"da! guck! die zimmer sehen im netz genauso scheiße aus wie live!"
"ich war auf einer anderen seite. da sah das besser aus."
"und warum guckst du nicht auf die homepage?"
der luxus-mann zuckt die schultern.
"du weißt doch auch, wie wichtig es für mich mit meinem kaputten rücken ist, dass ich zumindest ein ordentliches bett habe! wie soll ich da schlafen? das bett ist hart wie ein brett und die matratze bestimmt 20 jahre alt!"
"was hätte ich denn machen sollen? das konnte ich doch nicht wissen!"

ich bin pissed für drei mann und stehe mit überkreuzten armen unter der tür.
"jedenfalls, tolles geburtstagsgeschenk! und guck mal, direkt nebenan ist die küche, deswegen stinkt es hier auch so ekelhaft nach bratenfett!"
"dann lüften wir halt."
"der gestank sitzt doch in den wänden!"

ich gehe runter zur rezeption. will ein anderes zimmer.
ich bekomme ein anderes zimmer gezeigt.
"das ist ein einzelzimmer", stelle ich fest. "und die matratze ist genauso durch."
die empfangsdame zuckt die schultern wie der luxus-mann zuvor. sie hat keinen kaputten rücken, ihr ist das wurscht.
"können sie unser bett aufbetten?" frage ich, und es ist keine frage, denn ich bin in not. eine nacht in diesem bett und die kommenden wochen werden entweder in schmerzen oder in einem fluffigen mantel von schmerzmitteln verschwinden. beides hinderlich, ich muss ja arbeiten.
aufbetten geht aber nicht. dafür bekomme ich ein paar decken zum unterlegen.

der luxus-mann findet, ich übertreibe, nennt mich prinzessin auf der erbse und fängt wieder mit meinen angeblich falschen vorstellungen von urlaub an. ich sage nichts mehr, aber in mir arbeitet es. was denkt sich der luxus-mann eigentlich, mir so ein grottiges geschenk zu machen? selbst wenn er NICHT nachgedacht hat, müsste ich ihn dieses nichtnachdenken ankreiden.

ich merke, wie sich die borderline-glasglocke über mich senkt, meine verbindung zur welt und mir selbst kappt. die glasglocke schützt mich, wenn ich schutzlos bin, aber sie isoliert mich auch. ich bin sehr weit weg, was dem luxus-mann natürlich nicht entgeht und für die angeknackste stimmung nicht unbedingt förderlich ist.

kurze zeit später will der luxus-mann essen. willenlos trotte ich durch die gegend. mir ist jeder appetit vergangen. der luxus-mann geht drüber hinweg und bestellt mir einen salat, weil er der meinung ist, dass ich essen muss, wenn er isst. während er seine pizza in sich reinschaufelt, sitze ich vor meinem unerwünschten salat und beschwere mich über zu viel öligen thunfisch, den ich mit der gabel hin und herschiebe, bis alles ein braungrauer matsch ist.

ich treibe es jetzt auf die spitze. ganz bewusst. der luxus-mann lässt sich davon nicht irritieren und futtert meinen salat einfach mit weg. am ende esse ich doch ein paar tomaten, weil ich plötzlich angst habe, dass mich der luxus-mann verlassen könnte, weil ich so zickig bin und weil ich mich zickig selber nicht leiden kann.

danach ziehen wir durch ein paar kneipen, die der luxus-mann allesamt doof findet. ich trinke zwei mittelmäßige erdbeer-daiquiris und entspanne mich alkoholbedingt langsam wieder etwas, was ich auch bitter nötig habe, denn die erste nacht wird schlaflos. der luxus-mann schnarcht komplett durch. ich finde nicht eine sekunde ruhe, während ich mich auf der ollen matratze hin- und herwälze.

am nächsten morgen bin ich in todesstimmung, muss aber hellwach sein und dirigieren, denn der luxus-mann war das letzte mal vor 15 jahren in berlin und hat davon abgesehen den orientierungssinn eines eichhörnchens. wir traben touridoof zum reichstag, dann zum dom und danach zum alex. es ist nicht scheiße, aber auch nicht schön, sondern vor allem anstrengend, weil ich völlig übermüdet bin und mich das heiße wetter schafft.

am abend treffen wir eine freundin von mir und sitzen mit ihr in einer skurrilen bar in den hackeschen höfen. ich bin noch immer disconnected, fühle mich der szenerie enthoben, eine weitgehend stumme beobachterin.  meine freundin und der luxus-mann unterhalten sich, als wenn sie sich schon zehn jahre kennen, und ich bin ganz erleichtert, weil der luxus-mann menschen, die wie meine freundin im naturschutz oder in sozialen berufen arbeiten, meist dämlich findet und das dann auch noch deutlich zeigt.

auf dem rückweg fragt mich der luxus-mann nach weiteren ausgeh- und partymöglichkeiten.
"in der nähe gibt es nix. da müssen wir richtung warschauer straße."
"schon wieder u-bahn-fahren? nee!"
ich zucke die schultern.
"los ist eh nix spezielles. morgen wäre aber eine coole party mit konzert im urban spree."
"dann gehen wir lieber da hin."
"ok. aber die machen erst um eins auf. nicht, dass du wieder um halb elf losrennen willst."
"wie, um eins?"
"um ein uhr nachts. um zwei ist dann das konzert."
"sind die irre?! was kostet das denn?"
"zehner."
"das geht ja. aber um eins! also echt."
"also ich würde da echt gern hin, aber du musst ja am sonntag fahren. das heißt, wir sind dann vielleicht um fünf im hotel, müssen aber um zehn aus dem zimmer sein. und du fährst dann drei stunden autobahn."
"stimmt! da ist ja schon sonntag! dann geht das nicht."
"deswegen sag ich ja, hotel in berlin ist echt witzlos, vor allem auf der toten ecke da."

auf dem nachhauseweg ist der luxus-mann eingeschnappt, beschuldigt mich, nicht ordentlich geplant zu haben, während ich ihn anklage, blind irgendein hotel in einem uninteressanten viertel gebucht zu haben, und das an einem wochenende, am dem total tote hose ist. dann gehen wir schlafen, jeder auf seine art unzufrieden und motzig.

samstagmorgen rennen wir noch mal durch den prenzlauer berg, weil der luxus-mann glaubt, dass es dort irgendwie besonders alternativ und linksökologisch sei, doch das gegenteil ist der fall. trotz warnungen meinerseits ist die luxus-enttäuschung groß.
"das ist ja so spießig wie in eppendorf! da gibt es sogar die gleichen langweiligen schicki-läden!"
"sag ich doch die ganze zeit. da ist kreuzberg schon interessanter."

ich bin es zwischenzeitlich ohnehin leid, herumzulatschen. ich habe ein blase am fuß und rückenschmerzen deluxe. zum glück sind wir für den nachmittag wieder verabredet. grillen im garten und ein bisschen fussi gucken. es wird herrlich entspannt und sogar lecker, obwohl ich grillzeug eigentlich nicht mag. langsam, ganz langsam
beginne ich mich wohlzufühlen, kehre wieder in die welt zurück.

die letzte nacht naht. ich merke, dass ich mich auf zuhause und mein kuschliges bett freue. ich quatsche recht viel und habe auch lust zu ficken. wieder erwarten schnarcht der luxus-mann kaum, nur die matratze foltert mich, sodass ich um acht uhr morgens schon aufstehe, um koffer zu packen.

"und wie fandest du berlin", frage ich auf der heimfahrt.
"naja, ok so", sagt der luxus-mann. "aber irgendwie eben auch langweilig."
"sag ich ja. architektonisch ist die stadt vollkommen reizlos. kulturell inzwischen auch größtenteils und konsumtechnisch gibts da nichts, was du nicht auch in hamburg kriegst."
"ich dachte halt, das nachtleben wäre ganz spannend."
"war es mal, so vor 15-20 jahren. da konntest du theoretisch an jedem tag der woche auf einschlägige veranstaltungen gehen. aber wenn du heute was erleben willst, musst du echt lange voraus planen. coole partys sind da nur noch so einmal im monat, ansonsten gibts halt ein paar konzerte oder festivals, für die es sich zu kommen lohnt."
"ich glaube, ich muss da nicht noch mal hin. ich dachte, berlin ist wie in dem film 'tod den hippis'."
"der spielt in den 80ern, das ist 35 jahre vorbei. außerdem isses bloß ein film."
"trotzdem."
"vielleicht hast du ja die falschen vorstellungen von urlaub", grinse ich.
der luxus-mann blinzelt und kneift mich.

dann sind wir zuhause und zum ersten mal nach vier tagen überkommt mich der hunger.