Sonntag, 24. August 2025

bis 2035

dieses blog entstand vor über 20 jahren aus einer mischung aus liebeskummer und studentischer langeweile. den gegenstand besagten damaligen liebeskummers gibt es allerdings immer noch in meinem leben. wie durch ein wunder hat der kontakt auch ohne eine telefonnummer oder räumliche nähe dem klapprigen gebiss der zeit standgehalten. 

unsere wiedersehen sind immer selten und schwierig zu arrangieren. ich bin zwar ab und an in n, er nur selten in hh. bin ich in n, ist er meist beruflich unterwegs oder von seiner familie in beschlag genommen. so kam es, dass seit unserem letzten live-treffen ganze zehn jahre ins land zogen. aber diesmal ist uns das schicksal gewogen.

wir verabreden uns an meinem lieblingsort, einem fleckchen herrlichster natur und abgeschiedenheit. ich bin tatsächlich etwas aufgeregt: ob wir uns vielleicht doch fremd geworden sein könnten? 

als er kommt, bin ich überrascht, wie unverändert er ist. ein bisschen grauer, die haare noch etwas länger, aber sonst ist alles vertraut an ihm. es scheint ihm ähnlich zu gehen, er fragt: "wird du eigentlich jemals älter?" und fügt dann hinzu: "naja, innerlich wahrscheinlich", und ich muss grinsen und verkneife mir einen schlüpfrigen spruch über die straffheit weiblicher eingeweide. 

er weiß, warum ich diesmal in n bin und fragt danach. ich erzähle also von der aktuellen situation mit meinem vater, dann von der nicht enden wollenden arbeitslosigkeit und von meinem verrückten nachbarn. doch auch bei ihm hat die härte des lebens zugeschlagen - seine frau ist schwer erkrankt, der sohn psychisch beeinträchtigt, seine firma nach schwierigen jahren voller ups und downs nun doch am ende. aktuell kämpfe er um eine anständige abfindung für seine verbliebenen mitarbeiter, erzählt er, wofür er sich gegen mitinhaber durchsetzen muss, die keinen cent mehr an angestellte verschwenden wollen. "ich wundere mich die ganze zeit, dass ich nicht durchdrehe", sagt er über seine seelische gesamtlast. "aber irgendwie halte ich das aus."

anders als ich ist er in der glücklichen situation, nicht über armut klagen zu müssen. geld ist zwar nicht alles, doch in seiner lage eine große hilfe. seinem sohn ermöglicht er so alles - therapien, reisen, kulturelle erlebnisse. anders als die objekt-mama wird er sich nie vorwerfen müssen, etwas aus finanziellen gründen unversucht gelassen zu haben. 

was ihn vermutlich ebenfalls aufrecht hält, ist seine offenheit, die lust am sich-treiben-lassen und am abwegigen. nur so erkläre ich mir, dass treffen wie dieses möglich sind. hier sind wir uns sehr ähnlich. sogar räumlich ist dieser gemeinsame innere kompass greifbar: nach kurzer zeit wandern wir jenseits der schotterwege feldeinwärts durchs naturschutzgebiet und picknicken dann auf einer großen ebene. ich muss unwillkürlich an den luxus-mann denken, der an dieser stelle nicht nur naturschutzrechtliche bedenken geäußert, sondern auch über potenzielle mücken oder schafskot lamentiert und sich einer solchen aktion deshalb komplett verweigert hätte.

wir trinken sekt und reden oder schweigen dann und wann ein weilchen gemeinsam, um den blick frei schweifen zu lassen, während sich die sonne langsam dem horizont nähert. "es ist wirklich wahnsinnig schön hier", sagt er. auch ich fühle mich nah und wohl, wie auf einer sonnendurchfluteten kleinen insel, auf der ich mich kurz ausruhen darf, bevor ich wieder in ein kaltes, dunkles meer voller gefahren abtauchen und um mein leben schwimmen muss. 

irgendwann, bevor es ganz dunkel wird, machen wir uns auf den rückweg. wir laufen einmal am kleinen see entlang, dann querbeet durch wald und über mit hohem gras und wildblumen bedeckte hügel. im dickicht scheuchen wir ein reh auf, doch sonst sind wir vollkommen alleine.

als wir später an seinem auto stehen, um uns zu verabschieden, bettelt etwas in mir: noch mal, noch mal! 

"dann bis 2035", sage ich fürchtlich vernünftig. "in zehn jahren treffen wir uns hoffentlich wieder."
"vielleicht können wir das auf fünf begrenzen", sagt er, "sonst kann ich nicht für das gleichbleiben meines optischen zustands garantieren."
"ein jahr", sage ich. "ein jahr wäre das beste. das würde mich glücklich machen."

dann ziehen wir unserer wege, unseren umlaufbahnen und der schwerkraft der umstände treu bleibend. 

zuhause im bett will mein 24-jähriges ich wissen, warum ich eigentlich nie wirklich mit menschen zusammen komme, die mir entsprechen und die mir tatsächlich ähnlich sind - so wie er oder auch wie das objekt. in der tat wähle ich stets einen ähnlichen typus für beziehungen: streng, rigide, nüchtern bis zur fantasielosigkeit. bestimmend in eine richtung, die ich sehr oft NICHT bin. wozu mache ich das, frage ich mich, brauche ich dieses gegengewicht möglicherweise? habe ich das gefühl, so falsch zu sein, dass es besser ist, sich dem andersartigen anpassen? würde ich mich mit jemanden, der ähnlich offen und grenzüberschreitend veranlagt ist, tatsächlich verlieren oder doch eher finden? 

vielleicht habe ich doch eines tages den mut, es herauszufinden. man sollte ja nicht dumm sterben, oder?



Mittwoch, 20. August 2025

marathon laufen

donnerstagnacht fahre ich in die heimat, um alles zu organisieren, was jetzt organisiert werden muss. ich habe diverse termine zur besichtigung von pflegeheimen vereinbart, anwaltstermine, arzttermine sowie termine, um das auto meines vaters zu verticken. abgesehen davon wollen wir auch meinen vater in seiner reha am arsch der heide besuchen. 

mir graut ein wenig, aber es ist auch schön, weil sich mich meine nürnberger freunde auf mich freuen und auch anteil nehmen. endlich fühle ich mich mal nicht einsam und verlassen. anders als in hamburg besteht ehrliches interesse, es wird nachgefragt und beistand angeboten, ablenkung organisiert und viel umarmt. ich bin unendlich dankbar, dass es diese menschen gibt.

trotzdem wird es anstrengender als gedacht. das liegt nicht unbedingt an meinem vater, der spätestens alle drei stunden aus der reha anruft, um uns mitzuteilen, dass er gewaschen wurde oder einen apfel gegessen hat. sein größtes problem ist langeweile und dass er natürlich nachhause möchte. aber das ist handelbar.

meine mutter hingegen ist ein komplettes nervliches wrack. seit ich hier bin, redet sie ohne punkt und komma und erzählt mir stunde um stunde dieselben geschichten in sich steigernden dramatischen spiralen. ich höre zu und lasse sie quatschen, in der hoffnung, dass es ihr hilft, das erlebte besser zu verarbeiten. einfach mal alles von der seele reden tut bekanntlich gut.

zwischendurch allerdings macht sie mich wirklich irre mit irgendwelchen herbeifantasierten ängsten - beispielsweise, dass das telefon kaputt sein könnte, wenn mein vater mal 3 stunden lang nicht anruft, oder dass mit der waschmaschine was nicht stimmt, ihr fahrrad luft verliert oder ihr handy irgendwas falsch anzeigt. ich beruhige und beschwichtige, mache und tue, aber kaum habe ich mich um eine baustelle gekümmert, ploppen drei weitere auf. pausen, um mal ein buch zu lesen oder sich um bewerbungen zu kümmern, gibt es so nicht. manchmal muss ich leider auch laut werden, denn meine mutter steigert sich bis zur hysterie  in ihre fantasie-probleme hinein. das tut mir hinterher leid, aber ich bin eben auch nur ein mensch.

bei allem, was ich angehe, habe ich den eindruck, selbst schon dement zu werden. eigentlich bin ich strukturiert und planvoll, aber im endlosen wirrwarr und unter dem druck eines stetig und gefühlt ins unendliche wachsenden problembergs vergesse ich die hälfte. hinzu kommt fortgeschrittene töffeligkeit - ständig renne ich gegen irgendwelche kanten, stoße mich an oder stolpere wie eine 80-jährige auf der treppe. wahrscheinlich reagiert der körper so, wenn der kopf 24/7 auf hochtouren läuft.

am wochenende tuckern wir mit bussen und bahnen richtung reha. als eine der bahnen fünf minuten verspätung hat, dreht meine mutter fast durch. die anderen fahrgäste gucken vollkommen angenervt angesichts des gezeters - was mir so peinlich ist, dass ich meine mutter recht harsch zurechtweise. als sie dann anfängt zu lamentieren, dass es besser wäre, wenn sie tot wäre, weiß ich wieder, wo ich meine reaktionsmuster auf schwierige umstände gelernt habe. aber objekt sei dank kann ich darauf recht souverän reagieren. ich sage meiner mutter also ganz ruhig, falls sie suizidgedanken habe, nähme ich das sehr ernst und würde sie jetzt umgehend in ein krankenhaus bringen. es wirkt - in nur wenigen sekunden ist jegliche todessehnsucht verschwunden.

als wir bei meinem vater durch die tür kommen, bin ich positiv überrascht. mein vater sitzt zwar im rollstuhl, wirkt aber 1a gepflegt und keineswegs krank oder abgezehrt. er hat zwar acht kilo abgenommen, was aber auch dringend nötig war. da er gewaschen und geduscht wird, riecht er zu ersten mal seit jahren einigermaßen sauber.

mein vater freut sich auf jeden fall riesig über den mitgebrachten kuchen, den er in 30 sekunden verdrückt. meine mutter hat sich als wegzehrung außerdem zwei käsebrötchen eingepackt, welche er ebenfalls wegputzt - fast so, als habe er nicht eben schon zu mittag gegessen. der ungebrochene appetit scheint mir ein gutes zeichen zu sein.

es ist offenbar auch sonst ein einigermaßen guter tag, denn mein vater wirkt nicht allzu stark verwirrt. er kann sich sogar erinnern, wo sein fahrzeugbrief liegt, den ich dringend für den anstehenden autoverkauf benötige. er betont weiterhin noch einmal, dass er nach wie vor mit dem verkauf einverstanden ist, was mich ebenfalls sehr erleichtert. ich verspreche ihm im gegenzug, dass ich ihn über preisliche angebote informiere und ihn mitbestimmen lasse, an wen das auto zuletzt geht. 

montag haben wir eine führung durch das dritte infrage kommende pflegeheim - und zum ersten mal den eindruck, dass man dort einen geliebten menschen wohnen lassen kann. das heim ist relativ klein, ruhig mit blick ins grüne gelegen und nur vier bushaltestellen von zuhause entfernt. es gibt nur einzelzimmer und eine extra demenzstation. als die verwalterin die preisliste holt, bekomme ich etwas gänsehaut - aber zu meiner überraschung kostet das einzelzimmer weniger als ein doppelzimmer in einer der anderen gruseligen verwahranstalten, die wir zuvor gesehen hatten. wir sagen sofort zu - und müssen jetzt nur noch hoffen, dass ein zimmer in drei wochen frei wird. drücken sie uns gerne die daumen.

jetzt muss ich nur noch ein ganzes buch voller überweisungen, atteste und bescheinigungen einholen und 38472 anträge und verträge unterzeichnen. dann kann ich kommende woche vielleicht einigermaßen beruhigt zurück nach norden tuckern. 

Dienstag, 12. August 2025

jobchance deluxe

es ist ja nicht so, dass meine qualifikationen gar nicht gefragt wären. so kam man kürzlich auf mich zu, hurra, man habe ein tolles jobangebot - als freiberufliche deutschlehrerin in teilzeit. 

das klang zwar nicht zielführend, ich will schließlich angestellt arbeiten. aber vielleicht ist das ja eine tür, die man mal so mitnehmen könnte, dachte ich. wer weiß, was sich draus entwickelt! also take your chance, alte, du hast ja sowieso sonst keinerlei chancen!

das ach so renommierte institut hatte da natürlich so gewisse qualitätsstandards. ich müsse erst einmal 3.000 tacken in eine inhouse-ausbildung investieren. selbst das fand ich noch halbwegs ok, vielleicht würde mir hierbei sogar die anstalt für arbeit beistehen, die sich mir gegenüber bislang recht kooperativ gezeigt hatte.

der knüller war jedoch dann der verdient: 20 € wollte man mir für eine abgehaltene unterrichtsstunde von 60 minuten bezahlen. rechnen wir mal! als freiberuflerin bleibt da nach abzug von versicherungen (steuern dürften gar keine anfallen, weil das einkommen so mit sicherheit unter 10.000 € im jahr liegt) in etwa mindestlohn. 

das ist recht wenig, finden sie? dann haben sie aber noch nicht einkalkuliert, dass man unterricht auch vor- und nachbereiten, hausaufgaben kontrollieren und prüfungen korrigieren muss. bezahlt wurde ja nur die gehaltene unterrichtsstunde! summasumarum betrug der realistische stundenlohn so je nach aufwand um die 4 € netto. 

zum vergleich: neulich entdeckte ich einen stellenanzeige, die "vertriebstalente" anwarb. keinerlei vorkenntnisse nötig, nur die bereitschaft, leute in grund und boden zu labern und sie am ende mit einem knebelvertrag zu bescheißen. entlohnt werden sollte das mit 39.000 € p.a. zzgl. provisionen.

was ganz klar zeigt, warum wir durch den kapitalismus nicht nur ärmer, sondern auch immer dümmer werden: wir bezahlen korrupte drückerkolonnen wirklich gut dafür, damit sie uns belügen und betrügen. aber ein bildungsberuf, ausgeübt von einer person mit akademischer qualifikation, kommt gehaltstechnisch einem ehrenamt gleich.

diese welt ist so krank, dass ich sie durch meine theoretisch vorhandene arbeitskraft eigentlich gar nicht mehr unterstützen will. ich sollte lieber waffen abfeuern lernen, eine söldnertruppe aufbauen und dann die chefetagen von unternehmen stürmen. derzeit meine präferierte idee für eine umschulung. 

Freitag, 8. August 2025

schmerzkonstante

mein vater ist weiterhin im krankenhaus. bei einem schädel-ct wurde gestern eine fortgeschrittene vaskuläre demenz diagnostiziert, bei blutuntersuchungen außerdem zu hoher zucker und schlechte nierenwerte. letzteres kann einander bedingen und vorübergehend sein, aber die demenz aber ist tatsächlich voll ausgeprägt und vermutlich auch (mit)ursächlich für sämtliche körperliche störungen wie die gehbehinderung und die kaum mehr vorhandene motorik. geplant ist jetzt zunächst eine reha, danach muss man schauen. doch eine vollstationäre pflege ist mehr als wahrscheinlich.

die geistige leistung hat sich weiterhin drastisch verschlechtert, am telefon erzählt er in wirren fantasie-schleifen. die stimme ist stark verwaschen, man muss sich viel mühe geben, ihn zu verstehen. vermutlich ist auch das demenzbedingt. 

es ist unfassbar schwer, einen menschen, der einst zentraler ankerpunkt, sicherheit und orientierung war, der stets penibel bis in die bügelfalten seiner hosen war, in einem deratigen auflösungsprozess zu sehen. körperlich und geistig hilflos wie ein kleinkind, ansatzweise im zustand der verwahrlosung. meine mutter ruft mich abends weinend an, sie hatte meinen vater besucht und er wollte so gerne ihre hand halten. "ich konnte nicht, alles war wieder vollgepinkelt, es stinkt so schrecklich und er kann sich ja auch keine hände waschen. ich hab mich einfach zu sehr geekelt."

was diese grausame erkrankung in einer szene gerinnen lässt: sie ist stärker als liebe. tatsächlich hat sie es geschafft, in den vergangenen fünf jahren eine bis dato recht harmonische partnerschaft vollkommen zu zerrütten. sicherlich hätte ein minimum an engagement vonseiten meines vaters sehr geholfen und auch diesen desaströsen zustand noch eine ganze weile abgewendet. aber die fatale kombination aus starrsinn und demenzbedingt nachlassenden interesse an sämtlichen aspekten des daseins, haben abneigung, enttäuschung und streit gesät - und nun auch noch ekel.

wir sind uns beide einig, dass es gnade wäre, ginge es nun schnell. die meisten menschen mit vaskulärer demenz sterben an einem herzinfarkt oder schlaganfall. kurze, schmerzlose todesarten. ich würde es meinem vater wünschen, dass er auf diese weise gehen könnte. 

ein ex-freund aus der heimat leistet mir in diesen tagen wertvollen beistand. er musste seinen vater letztes jahr kurz vor weihnachten ebenfalls wegen demenz ins pflegeheim bringen. letzte woche ist der vater nun verstorben - am frühen morgen, friedlich in seinem bett. "es geht bei demenz oft schneller als man denkt", sagt mir der ex, und so paradox es klingen mag, das gibt mir hoffnung.

am abend finde ich in meinen e-mails die x-te absage für einen halbwegs vernünftigen job, den ich wirklich ganz gern gemacht hätte. 240 bewerber, eine mitbewerberin und ich nach mehreren gesprächen und probearbeit in der endausscheidung. silbermedaille, nichts anderes war zu erwarten.

unter mir lallt sich der gruselige schizo-nachbar lautstark in den schlaf. ich bete, dass er endlich müde wird und ihn auch keine nächtlichen randale- oder mordgelüste überfallen. ein bisschen muss ich ja noch durchhalten. nicht vor den eltern sterben, lautet das große ziel. also noch eine runde heulen und eine extra-dosis schlafmittel. dann herrscht endlich stille und ich kann dieser brutalen erschöpfung nachgeben. 

Samstag, 2. August 2025

alles vorbei

nun ist es soweit und mein vater kommt wohl in ein pflegeheim. samstagmorgen wurde er ins krankenhaus eingeliefert. passiert ist im grunde nichts dramatisches - also kein schlaganfall oder irgendetwas lebensbedrohliches. seit freitagnacht kann er nur einfach überhaupt nicht mehr gehen und schafft es auch nicht mehr aus eigener kraft aus dem bett. 

das alles kommt nicht unabsehbar und ist vermutlich ganz undramatisch eine folge seiner hartnäckigen weigerung, seine krankengymnastik zu machen und sich im alltag ein klitzeklein wenig zu bewegen. beständig hatten wir ihm prophezeit, dass er gehunfähig enden werde, und beständig hatte er es geleugnet, dass es so kommen könnte. die realität hat ihn nun eingeholt, aber noch immer leugnet er seinen zustand und behauptet sogar, es ginge ihm besser als vor ein paar monaten noch.

auch sonst ist schwer einschätzbar, was bei meinem vater geistig noch funktioniert oder nicht. so hat er in seiner letzten nacht zuhause das gesamte bett vollgepisst - und das nicht etwa aus versehen. als meine mutter ihn fragte, warum zur hölle er denn nicht gerufen oder seinen notfallknopf gedrückt habe, sagte er nur, er habe so ganz wunderbar geschlafen - und es dabei halt einfach laufen lassen. freiwillig in seiner eigenen pisse zu schlafen und das ganze auch noch schön zu finden, schafft man m.e. nur bei einer arg fortgeschrittenen geisteskrankheit. das hat mich komplett geschockt. 

aber auch bei meiner mutter finde ich so langsam keine intakte tasse mehr im oberstübchen. vorletzte woche musste nämlich meine tante (die ältere schwester meiner mutter) nach einem sturz ins krankenhaus und perspektivisch ebenfalls ins pflegeheim. meine mutter spielte sich in diesem kontext mordsmäßig auf, heulte wie ein schlosshund ins telefon und beschuldigte meinen cousin, er wolle ja nur seine mutter loswerden. meine tante würde "daran zerbrechen", ins heim zu müssen - und ganz bestimmt dort bald versterben, hieß es. sonnenklar, dass mein cousin dann schuld sein würde. für meinen cousin, der sowieso schon komplett fertig mit den nerven war, war das selbstredend eine sehr hilfreiche unterstützung.

als meine mutter nun meinen vater ins krankenhaus einliefern ließ, sagte sie mir wortwörtlich: "den will ich daheim nicht mehr haben!" natürlich kann ich verstehen, dass mein vater jetzt einen nicht mehr betreubaren zustand erreicht hat. aber dieser satz spiegelt die ganze brutale lieblosigkeit wieder, die in unserer familie herrscht. 

in den vergangenen jahren seiner zunehmenden pflegebdürftigkeit hatte mich mein vater mich desöftern angerufen und sich über die bösartigkeit meiner mutter beklagt. ich hatte ihm dann meist gesagt: "so ist sie, das ist für mich nichts neues. du erlebst jetzt das, was ich meine ganze kindheit lang hatte. früher war ich in der schusslinie, weil ich mich nicht wehren konnte, jetzt bist du es." nach anfänglichem großen mitleid für meinen vater habe ich bei diesen telefonaten irgendwann immer weniger empfunden. vielleicht, weil mir klar wurde, dass mein vater mich nur ein einziges mal in 18 jahren vor den ausbrüchen meiner mutter in schutz genommen hat. sonst hatte er sich immer vorsichtig auf ihre seite und damit klar gegen mich positioniert - egal wie irrational ihre beschuldigungen waren. 

da bei uns neben besagter lieblosigkeit aber auch ein hoher konkurrenzdruck vorherrscht, ist es nun natürlich wahnsinnig wichtig, dass mein vater in dasselbe neubau-luxus-pflegeheim kommt wie meine tante. der eigenanteil liegt dort bei lässigen 4.000 €. jut, pflegekosten sind allgemein unbezahlbar geworden. aber man hätte sich ja auch mal spaßeshalber eine alternative anschauen können.

im umkehrschluss ist klar, dass für meine mutter, die nur bis zu meiner geburt gearbeitet und somit eine mickrige rente hat, nun künftig nichts mehr zum leben bleibt. ergo muss das haus verkauft werden. das haus, das man mir natürlich auch längst hätte überschreiben können. das damit unantastbar gewesen wäre und meiner mutter ein sicherer und komfortabler wohnsitz bis zu ihrem tod hätte sein können. nun ist es weg - als folge geballter blödsinnigkeit und /oder schweren misstrauens.

aber wie meine mutter immer wieder betont, ist ihr das alles vollkommen egal. sie träumt davon, dass sie in eine schöne wohnung in der innenstadt ziehen wird und das geld währenddessen vom himmel regnet. sparsamheit kennt sie nicht. sie hat im leben noch keinen fuß in einen discounter gesetzt und kauft lebensmittel gewohnheitsmäßig in der feinkostabteilung von karstadt. versuche der einflussnahme als wenig vertrauenswürdige tochter dürften mir - wie auch bereits in der vergangenheit - allenfalls als unverschämte einmischung oder geldgier ausgelegt werden. 

im prinzip kann ich jetzt meine kümmerlichen ersparnisse aus dem fenster werfen und mir dann den strick nehmen. einen job bekomme ich in diesem leben sowieso nicht mehr - und mein traum vom ruhestand im elternhaus ist hiermit endgültig geplatzt. 

Freitag, 25. Juli 2025

es klopft bei morphine in der nacht

halb ein uhr nachts. ich liege längst im bett, als es klingelt. ich denke mir nichts - wahrscheinlich wieder irgendein besoffener assi oder jugendliche mit schlichtem humor, die so ihre sommerferien einläuten (haha). business as usual im großstadtidiotendschungel.

es klingelt noch einmal etwas eindringerlicher. ich rapple mich nun doch auf und linse durch den spalt der vorhänge. dank der vielen bäume und hecken vor dem haus erkennt man aber niemanden. dann geht unten im haus der summer und ich höre, wie jemand durch die haustür kommt. hatte da etwa einer seinen schlüssel vergessen?

die schritte kommen die treppe hoch. stimmen sind zu hören. dann hämmert jemand an meine tür. mein herzschlag beschleunigt auf maximum. ich schleiche auf zehenspitzen in den flur, da poltert es schon wieder gegen die tür. eine stimme ruft energisch: "aufmachen, polizei!"

das ist ja wie in einem schlechten krimi! aber kommt die polizei wirklich einfach so mitten in der nacht? was, wenn das gar keine polizisten sind? wäre ja eine schlaue masche, so als mordlustiger einbrecher-clan: man macht auf notfall und verschafft sich so zutritt zum späteren tatort! 

ich gucke vorsichtig durch den spion. da steht eine junge frau in uniform. also stimmt das mit der polizei wohl tatsächlich. ich habe zwar nur shirt und slip an, aber nun gut, erstens ist es eine frau, und zweitens, wer weiß, ob die hier sonst nicht gleich mit dem rammbock auflaufen. also dalli.

ich schließe auf und schaue durch den spalt: "ja, bitte?". 
blöd, dass ich als einzige mieterin keine türkette habe. vielleicht sollte ich da mal nachrüsten, überlege ich.
"kann ich bitte reinkommen?" fragt die polizistin.
ich beschließe, sie darf. 
 
ich bitte sie, in der küche platz zu nehmen, aber sie steht lieber:
"haben sie in letzter zeit eine auseinandersetzung hier im haus beobachtet?" schießt sie ihre erste frage ab.
"nein" sage ich wahrheitsgemäß. "wir haben eigentlich eine gute hausgemeinschaft." 
"sie haben also kein aggressives verhalten festgestellt? streit oder auch eine körperliche auseinandersetzung?"
ich verneine.
"ist ihnen sonst etwas aufgefallen? gibt es beipielsweise mieter, die drogen nehmen oder öfter betrunken sind?" 
ich überlege angestrengt, worauf sie wohl hinauswill. da fällt mir etwas ein:
"geht es etwa um den neuen nachbarn mit den psychischen problemen?" 
 
es stellt sich heraus, dass ich ins schwarze getroffen habe. offenbar ist dies auch schon der zweite polizeieinsatz in wenigen wochen. den ersten habe ich gar nicht mitbekommen. 
angeblich lägen hinweise vor, berichtet die polizistin.
"was denn für hinweise?" will ich wissen.
"dass er eventuell bereit ist, eine straftat zu verüben."
"oh. und was machen sie jetzt?"
"wir werden da gleich reingehen. es kommen noch zwei männliche kollegen dazu." 
"nehmen sie ihn dann mit?"
"nein, das ist nicht so einfach. aber wir fragen mal."
"was fragen sie denn?"
"ob alles ok ist."
"ob alles ok ist, soso. und was soll er da drauf antworten? ja, alles super, hier gucken sie mal, meine messersammlung, nachher gehe ich damit durch die straße und schlitze allen die kehle auf, die mir begegnen?"
"wir würden das im gespräch schon merken, wenn was nicht stimmt."
 
ich habe harte zweifel. denn wer nicht vollkommen doof ist, kann seine psychischen probleme gut maskieren. mit keepsmiling-schauspielerei habe ich selbst jahrzehntelange erfahrung. weil ich den nachbarn eher für intelligent halte, ist die wahrscheinlichkeit hoch, dass er die polizei mühelos um den finger wickeln wird. einmal scheint ihm das ja bereits gelungen zu sein. und wer weiß, was danach passiert - und ob so ein erneuter polizeieinsatz nicht dazu führt, dass er noch viel mehr paranoia und damit auch mehr lust auf "straftaten" bekommt?
 
ich grusle mich. 
"vielleicht sollte ich besser woanders schlafen", sage ich.
"nein, nein", findet die polizistin.
"warum nicht? wenn sie den jetzt mit der befragerei total triggern und er dann die nächsten stunden oder tage komplett durchdreht?"
"wir waren ja schon mal hier. danach ist doch auch nichts passiert."
"warum sind sie dann schon wieder hier - mitten in der nacht? da muss doch eine dringlichkeit vorliegen?"
darauf bekomme ich keine antwort. überhaupt ist die dame nicht besonders freundlich oder empathisch.
 
"wir sind verpflichtet, das so zu machen", sagt sie schließlich genervt.
so langsam werde ich stinkig. die ganze aktion ist ja wohl dümmer als die polizei erlaubt! 
"mit verlaub, aber das ist doch totaler blödsinn", sage ich. "sie könnten dadurch dritte gefährden. und wirklich sinnvoll scheint die aktion ohnehin nicht, da sie ja schon letztes mal erfolglos war. da muss man doch auch mal ein bisschen fingerspitzengefühl und gesunden menschenverstand walten lassen!"
 
ich bekomme einen weiteren sehr genervten blick. ok, nachtschicht und dann auch noch eine besserwisserin, das ist zu viel auf einmal. die junge dame will dienst nach vorschrift machen - der rest ist ihr egal, das merkt man deutlich. ich fackle also nicht mehr länger, packe schnell ein paar sachen und fahre richtung luxus-hausen.
  
der luxus-mann guckt verschlafen aus der wäsche, als ich ankomme, wie rumpelstilzchen durch den flur hüpfe und lauthals auf die dämlichen bullen schimpfe. 
"vielleicht macht es ja sinn, wenn du eine weile hier wohnst", meint er pragmatisch, als ich ihm die story erzähle. "obwohl ich finde, du solltest dein leben nicht von so einer type beeinflussen lassen. du hast auch so schon genug probleme."
"ich denke mal drüber nach. aber heute nacht wollte ich einfach nicht bleiben. wer weiß, was die mit ihrer dämlichen fragerei anrichten!"
 
da weder der mann noch ich so schnell wieder einschlafen können, beschließen wir, noch ein bisschen beavis & butthead zu gucken. danach pfeffere ich mir eine entspannungspille rein - und träume dann, dass ich auf der todesliste meines nachbarn stehe und durch einen dunklen wald um leben rennen muss. 
 
stay tuned für weitere brandheiße neuigkeiten aus dem irrenhaus. 

Sonntag, 20. Juli 2025

we(ni)ge(r) ins nichts

weniger ist der weg richtung nichts. und wenn nichts die ultimative freiheit bedeutet, ist weniger der weg zu mehr freiheit. 

mit 6 jahren habe ich begonnen, das weniger zu entdecken: ich bekam 70 pfennig taschengeld pro woche und legte möglichst 20 pfennig davon zurück. manchmal sogar 50. ich war irrsinnig stolz auf mich, wie sich die münzen in meiner kleinen zigarrenkiste stapelten. weniger auszugeben bedeutete: mehr zu haben - wann immer ich wollte. eine autonomie, die ich zutiefst genoss.

als studentin habe ich die sache perfektioniert. nur wenige dinge zu besitzen bedeutete nicht nur, weniger geld zu verbrauchen und unabhängiger von den eltern oder einem job zu sein. es hieß vor allem, kaum ballast und immer die möglichkeit zu haben, in kürzester zeit und ohne große umstände umziehen zu können.  

"du lebst immer noch wie eine studentin", sagen viele heute zu mir. aber ich kann es mir leisten: ich habe auf kinder verzichtet. ich brauche so nicht mehr als zwei zimmer - und habe außerdem mehr zeit, die ich nicht auf spielplätzen oder in eltern-whatsapp-gruppen verbringe. 

ich habe kein auto, ja, nicht einmal einen führerschein. solange ich laufen und radfahren kann oder in der nähe einer bushaltestelle lebe, ist ein auto überflüssig. ich bewege mich gerne. mein blutdruck ist im unteren normbereich, mein gewicht ebenfalls. theoretisch passe ich sogar noch in dieselben klamotten wie vor 25 jahren. 

ich sammle eindrücke und erlebnisse, allesamt an nichts gebunden, das man eine investition nennen dürfte. ich muss nicht viel erleben, um tief bewegt zu sein. mein bedürfnis zu reisen ist gering. ich brauche dabei keine sternehotels, kein festliches dinner, keine flüge in ferne länder. ich reise ständig in mir - und das ist mir genug. mein urlaub ist herzensurlaub und besteht darin, freundschaften, liebe und natur zu erleben, nachhause zu kommen, mich geborgen zu fühlen. 

materielles anzuhäufen vermeide ich. bücher oder kleidung gebe ich regelmäßig weg. meine achillesferse sind flohmärkte und verschenke-kisten an der straße. nicht immer kann ich mich davon abhalten, gar nichts mitzunehmen, denn dinge, die eine geschichte haben, erzählen geschichten. auch geschenke, selbst nutzlose, behalte ich tendenziell, weil sie mir als symbol einer persönlichen bindung dienen.

meine wohnung bleibt so aufgeräumt, übersichtlich und klar. kaum schnickschnack, aber doch genügend ästhetik, in geraden linien und fein abgestimmten farben. "du hast es aber schön", sagen andere, oft regelrecht überrascht - weil sie wenig erwartet haben.

behalten und bewahren will ich im leben vor allem das, was wirklich unbezahlbar ist und was mir keiner nehmen kann: schöne erinnerungen und beziehungen zu anderen menschen. mit meiner persönlichkeit ist letzteres ein schwieriges unterfangen. ich kann nicht alle halten, weil ich es ohne intensität nicht aushalte. manchmal muss ich bei allem auch die beziehung zu mir selbst voranstellen.

ich bin gespannt darauf, eines tages auch das wenige, das leben an sich noch loszulassen. ob mich dann das große, heilige nichts erwartet?

und falls es einen gott gibt, dann muss er genau das sein: nichts oder die unendliche freiheit. 

passend zu diesen gedanken hat ruben zimmermann ein buch geschrieben über das unpopuläre thema verzicht

Samstag, 12. Juli 2025

was ich mir nie hätte träumen lassen

der luxus-mann verhält sich in der letzten zeit äußerst rätselhaft und auffallend zurückhaltend. der letzte sex ist gefühlt monate her. und jedes mal, wenn ich anrufe und mich verabreden will, fallen dem luxus-mann tausend ausreden ein, warum er gerade keine zeit hat - weder für treffen noch für telefonate. das riecht verdächtig.

als ich nach ewigkeiten mal wieder in luxus-hausen aufschlage, fasse ich mir ein herz.
"du? jetzt mal butter bei die fische....warum hast du keinen bock mehr auf mich? du langweilst dich total mit mir, oder?"
"das stimmt doch gar nicht", wehrt der luxus-mann ab.
"doch. man könnte gerade meinen, du hast eine andere frau!"

der luxus-mann schaut ganz komisch und sagt nichts. 

"wie, hast du?" ich setze mich kerzengerade auf und nehme den mann genau ins visier. der dreht den kopf zur seite, will sich nicht anschauen lassen.
"hast du ne andere gefickt? jetzt sag schon!" fordere ich ihn noch nicht mal unfreundlich auf.
"ja, schon", meint der luxus-mann da.
"dann erzähl mir das doch, mensch. du weißt doch, ich bin da nicht so. aber das erklärt jetzt einiges für mich. wann war das denn?"
"so seit vier wochen."
"wie, seit? du meinst, vor vier wochen?"
"nö, ich treff die schon ne ganze weile", meint der luxus-mann so ruhig, als erzähle er mir, was er zu mittag gegessen hat. 
 
mir klappt die kinnlade auf die brust.
"moment mal! ich hab ja wirklich kein problem damit, wenn man mal... sagen wir... mit jemandem abstürzt, vielleicht im suff. so eine einmalige geschichte, die aber ohne bedeutung ist. aber du erzählst mir gerade, dass du seit einem monat eine andere frau datest? also so richtig zeit mit ihr verbringst? zeit, die du mir verweigerst?"
"ja", sagt der luxus-mann ganz gelassen. "ich mag die, die ist richtig toll."
"toll findeste die sogar?! wie alt ist die denn?"
"30."
 
ich schnappe empört nach luft: was für ein klischee! da wird man als ü40-frau von seinem deutlich älteren partner mal eben durch ein 14 jahre jüngeres exemplar ersetzt! damit macht der luxus-mann direkt hp baxxter konkurrenz: die schöne und der greisenhafte spacko oder so. und überhaupt, was für eine unfassbare frechheit, das nicht zu sagen. nicht einen tag länger werde ich mir das antun!
 
"das wars dann wohl mit uns", sage ich also sehr barsch - auch ein wenig in der hoffnung, den luxus-mann zu schocken. denn laut eigener aussage war ihm das mal furchtbar wichtig: mich im falle eines seitensprungs nicht zu verlieren.
"wenn du meinst", antwortet der aber nur ganz heiter und gelassen.
 
mit dieser coolness bringt er das emotionale fass final zum überlaufen. ich hole mit der rechten aus, um zuzuschlagen - und zwar mit schmackes. doch mein schlag landet nicht richtig: ich berühre die luxus-wange nur federleicht und zart wie ein windhauch. ich versuche es erneut, aber trotz richtig viel schwung und wütender energie streife ich wieder nur ein wenig seine haare. danach nehme ich die fäuste, will ihm regelrecht den schädel einschlagen - aber auch das funktioniert irgendwie nicht. 
 
der luxus-man lächelt derweil nur amüsiert. dann beginnt er zu lachen. mich auszulachen. 
 
und endlich, endlich werde ich wach.
 
what. the. fuck. ich bin noch den halben morgen lang vollkommen geschockt und kann mich gar nicht richtig auf meine 147. probearbeit für meine 3-millionste bewerbung konzentrieren. 
 
denn der ganze alptraum ist eigentlich überhaupt kein thema bei uns. der luxus-mann war laut eigener aussage nie untreu. außerdem ist er grundehrlich - und ich vermute, er würde mir es mir sogar sagen, wenn er nur den wunsch verspürt, eine andere frau zu daten. 
 
was ich hingegen besser verstehen kann: mein unbewusstes sagt mir mit dem traum, wie schwer der luxus-mann oftmals zu erreichen ist. wenn ich ein bedürfnis habe, werde ich damit nie automatisch gesehen so wie einst vom objekt. ich muss meinen wunsch vielmehr sehr laut und deutlich aussprechen und dabei am besten auch das warum und wieso erläutern. und das ganze dreimal in folge, weil beim luxus-mann das meiste links rein und rechts wieder rausgeht. ein umstand, der mich manchmal zur weißglut treibt - der aber in sehr vielen langen partnerschaften in ähnlicher form zu bestehen scheint, wenn man den erzählungen anderer glauben schenkt. das y-chromosom installiert wohl eine art sehr groben filter im männlichen gehirn, der für 90 % dessen, was frauen den lieben langen tag so erzählen, durchlässig ist. möglicherweise eine art überlebensmodus in den augen vieler männer.
 
als ich dem luxus-mann den traum erzähle, lacht er sich halbtot. 
"übrigens, neulich beim hausarzt, da war so eine junge arzthelferin mit total knackigem arsch, ich glaube, die hätte mich rangelassen", grinst er. "die war richtig verliebt in mich!" 
ich deute nur mit zeige- und mittelfinger erst in meine, dann in seine augen.
"ich bin jetzt gewappnet und gewarnt!", sage ich. 

Donnerstag, 26. Juni 2025

elf minuten

kurz nach mitternacht. bahnsteig richtung westen. in mir betäubende müdigkeit, mächtig wie ein neutronenstern, unter dessen schwerkraft sogar das mitgebrachte heimweh pfannkuchenflach gequetscht wird.

gegenüber donnert eine s-bahn vorbei, doch die bringt mich nicht ans ziel. ich muss warten: elf minuten noch oder eine kleine unendlichkeit. 

acht junkies und obdachlose haben sich mit mir am gleis versammelt: ein spektrum erodierter persönlichkeiten, zerschlissene plastiktüten voll diffuser habe. habe, die mit "haben" nichts tun hat.

auch ich habe nichts, oder zumindest nichts zu verschenken. ach, nein, doch: eine pfandflasche. die herren lehnen ab, wollen nur cash. eine magere frau in einer zerlöcherten jacke schließlich nimmt die flasche dankend an und widmet mir freundlich nickend ein zahnloses grinsen. 

demut ist ein survival skill, der den uneitlen vorbehalten ist.

ein graues menschlein von bahnmitarbeiter schleicht derweil sachte vorbei. leeres gesicht, blick richtung fliesen, eine aura der unsichtbarkeit wie eine phalanx um sich. vielleicht teilt es mein verschwinden-wollen, mein nicht wahrnehmbares schwer-nehmen und schwer-tragen, oder es denkt gerade an käsetoast oder einfach an nichts.

dieser bahnsteig ist ein prekärer kosmos, ein ort der traurigen flüchtigkeit. dunkle energie treibt seine besucher auseinander, inmitten von wolken aus uringeruch und subjektiver verlorenheit. und wie ein vektor schießt meine bahn aus dem tunnel, um mich hinter sich zischend schließenden türen mit in ein langes schwarzes loch zu nehmen.

 



Sonntag, 22. Juni 2025

world of wahnsinn

heimatbesuch. während meines aufenthalts findet das alljährliche stadtteilfest statt - mit dem üblichen brimborium wie trachten-aufmärschen und blaskapellen-musik. etwas, das meine generation in den 90ern noch mied wie die pest. spießig fanden wir das, das allerletzte, nur für alte leute und allerhöchstens noch kleine kinder geeignet. klar gingen auch wir manchmal nach der schule zum festplatz, um am autoscooter abhängen oder ein anderes fahrgeschäft zu besuchen - aber eher, um den gegenpol zu bilden, ein spießer-schreck zu sein.

heute ist das stadtteilfest magnet unzähliger junger menschen zwischen schätzungsweise 15 und 25. mit dirndl und lederbüx uniformiert ziehen sie in riesigen scharen zum festplatz, die mädchen mit zöpfen, die jungen mit ordentlichem seitenscheitel. der rest kommt in turnvereinsbekleidung, die sportliche art der uniform. 

nachmittags der festumzug und das aufstellen des kirchweihbaums. hier kommen lokalen politiker, die uns höchstens noch faules obst und alte eier wert waren. heute marschiert die unifomierte jugend und jubelt bratwustkönig söder zu. abends machen die angetrunkenen jungs den ochsenfrosch, brüllen herum, befehligen die mädchen wie ihren besitz. 

bedenklich finde ich das alles, sehr 1932-mäßig, aufgeladen mit einer unverholenen brutalität und erstarkendem machismus. ich fürchte mich vor dieser uniformierten, scheintraditionsverhafteten jugend, die in 20 oder 30 jahren unser land regieren wird. 

*** 

daheim dreht sich wie seit vier jahren alles um meinen vater. mehrfach müssen wir in nur einer woche die sanitäter rufen, weil er stürzt oder nicht mehr vom klo hochkommt. es ist kurz vor endstation. der sanitäter, der letzte nacht in unserem badezimmer steht, merkt an, wie gefährlich die wohnsituation für meinen vater sei, vor allem die treppen. ja, was soll man machen, wir können dieses haus ja nicht komplett umbauen, und verlassen will mein vater es nicht.

mein vater ist zunehmend depressiv, leugnet dies aber vehement, wenn darauf angesprochen. er verweigert fast alles. zum spazierengehen ihn kann ich noch gerade zwingen - und wir trippeln mit dem rollator eine strecke von rund 250 metern in 40 minuten. wenn ich nicht laut seine schritte zähle oder "links, rechts, links, rechts, große schritte!" rufe, bleibt mein vater stehen und schaut zerstreut in die luft oder einem auto hinterher. dabei ermüdet er natürlich. als ich das anspreche, sagt er mir, er könne sich selbst nicht konzentrieren. er wisse nicht, was er wolle und fühle sich verwirrt. auch das sind alles anzeichen der altersdepression, wie ich weiß. aber ohne jedes krankheitsbewusstsein und mit totalverweigerung kann ich nicht helfen.

als ich noch mal versuche, ihn zu einer reha zu bewegen - wenigstens versuchsweise, er könne ja jederzeit abbrechen, wird er richtig wütend. er gehe nicht "zu fremden leuten, die ihm alles mögliche antun wollten". ich erwidere, dass, wenn wir ihn in ein pflegeheim bringen müssten, sich dann den rest seines lebens fremde leute um ihn kümmerten. und dass eine reha doch nur eine vorübergehende maßnahme wäre, wieder einen gewissen stand zu erreichen, auf dem er sich vielleicht noch ein jahr oder so halten könne. das alles geht ungehört links rein und rechts wieder raus bei ihm.

da er noch auto fährt, kommt es neuerdings auch zu unfällen. nur blechschäden bislang. den führerschein will er aber nicht abgeben, meint sogar, dass er, wenn sie ihn den lappen wegnehmen würden, trotzdem noch fahren würde. und wenn du ein kind überfährst? frage ich. passiert ihm schon nicht, meint er. 

auch meine mutter hat inzwischen komplett resigniert. zwar schwingt sie weiterhin ihr zepter, aber konstruktive ansätze wagt sie keine mehr. ich habe den eindruck, dass sie nur noch auf den tag wartet, wenn mein vater endlich im heim ist. ich kann es ihr nicht verdenken. trotzdem zerreißt mir die lieblosigkeit das herz - und es ärgert mich maßlos, dass auch sie jede hilfe verweigert. eine putzfrau kommt ihr nicht ins haus, auch kein pfleger. in diesem fall kann ich also ebenso wenig unterstützen - obwohl ich maßgeblich dazu beigetragen habe, dass die neue pflegestufe erreicht und der schwerbehindertenausweis beantragt wurde. alles für den allerwertesten.

*** 

trotz allem fühle ich mich hier vollkommen zuhause. der gedanke, morgen wieder zurück nach kackstadt fahren zu müssen, ist eine fast unerträgliche qual für mich. es erwartet mich eine knallvolle woche mit drei bewerbungsgesprächen - allesamt für stellen, die höchstens so semi sind, mäßig interessant, schlecht bezahlt und mit - auf den ersten blick - nicht übermäßig freundlichen kollegen. es gruselt mich.

ach, wie ich dieses haus, diesen garten liebe! den frieden. keine psychotischen nachbarn, keine dauerlärmenden studenten, kein beständiger abgasnebel und keine nervenden ps-proleten im porsche vorm fenster. nur grün, ruhe und gute luft. für außenstehende sicherlich nicht nachvollziehbar - unser reihenhäuschen ist kein luxus, nichts besonderes und innen teils ziemlich heruntergekommen. aber es verkörpert das paradies für mich: es ist alles, was ich seit so vielen jahren entbehre.

und natürlich meine lieben freunde. menschen, auf die ich jederzeit zurückkommen kann. die mir echtes interesse entgegenbringen. bei denen ich mich nicht fühle wie ein lückenbüßer oder lästiger bittsteller. 

"es sind ihre wurzeln", sagt meine psychiaterin gerne, "und je näher das ende rückt, desto mehr spüren sie, wo sie stehen und wonach sie sich sehnen." sie selbst hat lange in der fremde gewohnt und sich nach 27 jahren entschieden, nach hamburg zurückzukehren und das haus ihrer mutter zu bewohnen. sie weiß, wovon sie spricht und kennt meinen kummer.

zum ersten mal zweifle ich, ob mich die beziehung zum luxus-mann noch in kackstadt halten kann. es gibt für uns keinen beziehungstechnischen trennungsgrund. aber das ausharren an einem ort, der mir inzwischen derart zuwider ist, ist ein großer kompromiss. einer, der mir vielleicht jetzt gerade über den kopf wächst.

ich fahre in diesen tagen stundenlang mit dem rad durch die satten, einladenden landschaften frankens, strecken ohne ampeln, endlose blechlawinen und erhöhte unfallgefahr. den alten kanal entlang, über weizenfelder, neben grasenden schafen her und durch den alten forst. ein beständiges entdecken und wieder-entdecken. ich fahre bis an den äußersten rand der stadt, wo meine großeltern einst lebten, mache ein foto von ihrem früheren haus, das ich später meinem vater zeige. er nimmt sogar ein wenig anteil, wirkt bewegt, ein zaghaftes lächeln. wunderschön ist dieser kurze moment. ich bin dankbar dafür, fast glücklich - inmitten all des wahnsinns und der hoffnungslosigkeit, die mich umgibt, politisch, wohnorttechnisch, beruflich und familiär.

Montag, 16. Juni 2025

aushalten

wieder mal bewerbungsgespräch, hoffnungsvoll, drei runden geschafft. termine, zeit, arbeit investiert. es aus hunderten unter die ersten drei geschafft.

aber dann doch wieder nix. silver-girl forever.

es ist wie ein böser fluch, der auf mir ruht. ich möchte einfach nur aufhören, aufgeben, sterben.

es stimmt nicht, dass jeder seines eigenen glückes schmied ist. das glück muss auch ein kleines stück zu dir kommen. so wie du auch keine freundschaft aufbauen kannst, wenn vom anderen nichts zurückkommt.

inzwischen fühle ich mich wie gesellschaftlicher müll. meide meine sorgen als gesprächsthema, weil ich mich so sehr für mich schäme. und weil ich merke, wie sich andere für mich schämen und sich fernhalten - oder aber mich als negativkopie sehen: gottseidank bin ich nicht so.

auch in anderen lebensbereichen nichts gutes. mein vater, dem es immer schlechter geht. meine wohnung, in der ich mehr nicht sein mag. meine gesundheit, die eher eine aneinanderreihung von krankheiten ist.

alles ist nur noch unter den mittelschweren geschützen der pharmazeutischen industrie auszuhalten. 

sollte leben aber nicht zumindest zeitweise ein wenig mehr als nur aushalten sein? 

 

Dienstag, 10. Juni 2025

der schizo-nachbar

ich habe offiziell einen an der marmel. womit ich mich m.e. durch wenig von anderen unterscheide, weil die meisten menschen anzeichen psychischer erkrankungen zeigen, aber nicht zum arzt gehen - insbesondere männer. kurzum, es gibt für mich keinen grund, andere für ihr irrsein zu beargwöhnen oder zu verurteilen. aber hin und wieder ergreift mich dann doch ein wenig panik.

zur zeit, beispielsweise. seit mai habe ich einen neuen direkten nachbarn. männlich, jung und auf den ersten blick ganz ok. beruflich macht der wohl irgendwas im homeoffice, dachte ich, weil er den ganzen tag zuhause ist und man ihn dauernd reden hört. vielleicht tele-marketing oder so. nervig, aber nunja.

irgendwann dachte ich: nee, der telefoniert gar nicht. weil beim telefonieren gibt es ja mal pausen. oder, im falle einer videokonferenz, auch mal andere stimmen. ich aber höre den nachbarn kontinuierlich über stunden, ohne jegliche unterbrechung. mal lauter, mal leiser. zwischendurch singt er ganz schauerlich, gerne auch mal nach mitternacht.  

einmal nahm ich ein paket für ihn an, das er erst eine geschlagene woche später abholte. er konnte sich dabei nicht klar artikulieren und schaute mich an wie hannibal lecter persönlich. irgendwas stimmt nicht mit dem, dachte ich mir spontan. seltsam bis gruselig ist der, gefühlt.

ich unterhielt mich darüber mit einer befreundeten nachbarin. diese erzählte mir, sie habe ihn neulich beim aldi-markt getroffen. da stand er ganz allein auf dem parkplatz und habe mit sich selbst geredet. er wirkte unansprechbar und völlig neben sich. ob der wohl psychotisch sei? 

wir googleten den namen des nachbarn, just for fun. und stießen dabei auf diverse social media-accounts. dort gibt er wirres zeug von sich. unter anderem auch, dass er mal in der klapse war wegen schizophrenie. dass das aber alles quatsch sei, alles nur böse ärzte, die ihm schlechtes wollten. in wirklichkeit sei er nur anders wegen seines bombastisch, unvollstellbar und alle dimensionen sprengend hohen iqs. weshalb auch das auge der welt auf ihm ruhe, so im übertragenen sinne. in den videos zeigt er deshalb getrackte kommentare und insights - zum beweis, dass ihn alle beobachten, bewundern oder beneiden.

auch wenn ich persönlich keine besonderen sympathien für die klapse hege, hatte ich nach einigen videos den eindruck: wenn einer da hingehört, dann der. denn manche der videos sind auch aggressiv und beleidigend, vor allem gegen ärzte, universitäten und frauen. 

es liegt also eine gewisse schwer einschätzbare bedrohungslage in der luft. es lässt sich erstens nicht sagen, ob der nachbar bei derart wenig krankheitsbewusstsein eventuell selbstgefährdet ist. was, wenn ihn irgendwelche stimmen einflüstern, er solle sich umbringen? oder aber, was wenn sie ihm sagen, dass er andere, die ihn ja verfolgen, töten müsse? wir gruselten uns sehr. der vorfall am hamburger hauptbahnhof liegt gerade wenige wochen zurück. zugleich läuft hier ein prozess wegen mordes - ein psychotischer mann hatte seiner mutter mit einer harpune in den kopf geschossen. die einzige frage lautet also: who will be next?!

im internet fanden wir unzählige hilferufe wegen psychotischer nachbarn, die nachts im treppenhaus herumschreien, wohnungstüren eintreten oder sonstige unangenehme zwischenfälle verursachen. dagegen machen kann man als mieter allerdings nichts - außer die polizei rufen. dann werden die personen unter umständen in die klapse eingewiesen - und nach ein paar tagen oder wochen meist wieder entlassen, weil dann die medikamente anschlagen. danach beginnt das ganze spiel von vorne. und da die betroffenen ja nicht doof sind, wissen sie in der regel auch, wem sie den klapsen-ausflug zu verdanken haben - was dann gerne mal gezielten terror nach sich zieht. scheiße deluxe also.

wir telefonierten zunächst mit dem vermieter und fragten um rat. der sagte, wir könnten ja ein lärmprotokoll anfertigen, dann würden sie den nachbarn wegen lärmbelästigung anschreiben. ich sagte, dass es uns nicht um den lärm ginge (der ist zwar nervig, aber nicht tödlich), sondern dass wir hier lediglich sicher und ohne amoklauf im treppenhaus wohnen möchten. der vermieter konnte und wollte aber nicht helfen.

rat von anderer, fachkundigerer stelle war also angesagt. ich rief beim sozialpsychiatrischen dienst an. dort referierte eine dame lang und breit über das selbstbestimmungsrecht psychotischer menschen. ich sagte, gut, aber ich hätte ja wohl auch ein selbstbestimmungsrecht und möchte nicht wegen einem potenziell gewalttätigen therapieverweigerer in angst und schrecken leben müssen. die dame meinte, ich könne ja mal die polizei anrufen und die sache erzählen. denn wenn dann "was passiert", hätten die wenigstens schon mal den namen gehört. 

ich fragte, ob das bedeute, dass sie nicht ausschließen würde, dass was passiert. sie meinte, nein, das könne sie mir natürlich nicht garantieren. nur wenige psychotiker würden gewalttätig, aber in manchen fällen halt doch. wie ich mich denn dann verhalten solle, fragte ich. da meinte die dame, ich könne den nachbarn ja mal ansprechen und mich mit ihm unterhalten, wie es ihm so ginge. ich sagte, was für eine spitzenidee, dann fühlt der sich durch mich vielleicht getriggert und weiß ganz genau, dass ich denke, dass er nicht alle tassen im schrank hat! ob sie noch andere, sinnvollere ratschläge parat habe? die dame antwortete, wir sollten halt alle etwas vorsichtiger sein. vor allem im treppenhaus, weil es da ja nur einen fluchtweg gebe. 

unendlich beruhigt legte ich schließlich auf. 

auch dieser fall zeigt wieder einmal: psychiatrische versorgung in deutschland ist derart hochschwellig, dass man sie als quasi nicht zugänglich bezeichnen kann. weder betroffene noch potenzielle künftige opfer von psychisch assoziierter gewalt werden geschützt. warum gibt es keine aufsuchenden hilfen für solche fälle? ich halte auch nichts von zwangseinweisung oder gar zwangsmedikation. aber man sollte patienten mit bestimmten erkrankungen einfach auf dem schirm haben. ihnen eine regelmäßige psychotherapeutische anbindung bieten und sie ggf. auch dazu verpflichten, sich in regelmäßigen abständen bei einer beratungsstelle zu melden, damit man ein gespräch führen und sehen kann, ob es demjenigen auch gut geht. 

für mich hat die geschichte folgen - auch gesundheitlich. ich schlafe wahnsinnig schlecht, fühle mich in meiner wohnung zutiefst unwohl und vermeide jeden unnötigen gang zum briefkasten oder zur mülltonne. da ich den schizo-nachbarn tag und nacht höre, kann ich mich in diesem haus überhaupt nicht mehr entspannen. ich habe ständig magenschmerzen, die ich zunächst für nachwirkungen des norovirus hielt. aber sie bessern sich, wenn ich nicht zuhause bin.  

wer gibt mir meine lebensqualität zurück?  ja, genau: nur ich selbst kann das. niemand wird mir helfen - keine ärzte, keine polizei, kein vermieter, keine staatliche institution. ich überlege auszuziehen, habe aber dank meiner beruflichen situation derzeit keine finanziellen mittel dazu. aber ich fürchte, das wird der der nächste schritt werden, sobald ich wieder im job bin. 

Mittwoch, 4. Juni 2025

how to lose a week and 3 pounds

der luxus-mann und ich treffen uns am vergangenen montagabend, um gemeinsam das relegationsspiel zu schauen. ich trinke dabei eine cola, die mir überraschenderweise übelkeit verursacht.

"du samma, wie lange stand diese cola schon offen im kühlschrank?" frage ich den luxus-mann.
"weiß nicht, warum?"
"irgendwie ist mir jetzt schlecht. gib´s zu, du hast da schon die komplette woche draus getrunken und dabei in die flasche gesabbert."
"quatsch. die ist vielleicht zwei tage alt. aber kipp die ruhig mal vorsichtshalber weg, wenn du meinst!" 

kurz vor mitternacht legen wir uns schlafen. die cola rumort noch immer in meinem magen, aber ich schlafe relativ schnell ein.

gegen halb zwei werde ich wieder wach, denn jetzt habe ich richtig heftigen brechreiz. als ich mich aus den kissen hochrapple, bekomme ich außerdem massive kreislaufprobleme. eiskalter schweiß schießt mir aus allen poren, bis mir das schlafshirt nass am rücken klebt. ich wecke den mann.

"mit mir stimmt was nicht", sage ich.
"das ist ja nix neues, dass mit dir was nicht stimmt", frotzelt der mann noch. doch da bin ich schon richtung bad unterwegs, um die kloschüssel zu umarmen.
 
der luxus-mann steht unter der tür und beobachtet mich kritisch.
"na, is besser jetzt, wo alles raus ist?"
"bisschen."
"das war ja heftig, kam das alles von der cola?"
"weiß nicht. cola ist jedenfalls nun keine mehr im magen."
 
ich putze zähne, wechsle noch das nassgeschwitze shirt und tappe dann taumelig ins bett zurück. rund eine halbe stunde später muss ich aber schon wieder erbrechen - und zwar noch heftiger als zuvor. insgesamt achtmal scheuchen mich üble kotzkrämpfe in den folgenden sechs stunden richtung schüssel. zwischendurch bekomme ich auch noch durchfall. am ende liege ich erschöpft auf dem vorleger und bin theoretisch bereit zu sterben - wenn nur mein magen endlich aufhört, in lichtgeschwindigkeit zu routieren und dabei schmerzhaft zu kontrahieren.

mit letzter kraft schaffe ich es, ins bett zu krabbeln. dann bin ich weg und wache erst am späten nachmittag wieder auf. zu meiner überraschung steckt der luxus-mann den kopf durch die tür und fragt, ob ich etwas trinken will. er habe kamillentee gekauft.

"ich dachte, du musst heute ins büro", sage ich schwach.
"nee, ich dachte, ich bleib mal besser hier, so mies wie es dir ging."
"süß von dir. ja, ich hab voll durst, ich nehm nen tee."

die meiste zeit döse ich vor mich hin und bekomme nicht viel mit. ab und an muss ich noch mal kotzen, aber es wird weniger. am dritten tag dann fühle mich dann ein wenig besser. weil ich nach schweiß und krankheit stinke und kotzflecken auf dem shirt habe, beschließe ich, eine dusche zu nehmen. danach habe ich wackelbeine, krieche zurück in die federn und verschlafe wieder den größten teil des rests des tages.
 
gestern schrieben wir tag sechs. zum ersten mal seit der großen kotzeritis war ich unterbrechungsfrei wach und fühlte mich auch nicht mehr die ganze zeit einer ohnmacht nahe. ich habe e-mails beantwortet, mich um einen friseurtermin bemüht und sogar einen text für einen kunden verfasst. ich glaube, es geht aufwärts. das darf es dann auch gern auf die waage, die noch immer drei minuspfunde anzeigt.
 

Sonntag, 25. Mai 2025

entlassen und verlassen

eine psychisch kranke frau sticht wahllos mehrere menschen am hauptbahnhof in hamburg nieder. inzwischen ist bekannt, dass die messerstecherin am tag vor ihrer tat aus der geschlossenen psychiatrie entlassen wurde - und keinen festen wohnsitz hatte. man nehme also eine labile person ohne schützenden rückzugsort, die in die öffentlichkeit gespült wird und dort - mit vermutlich psychotischem hintergrund - auf eine vielzahl von triggern trifft. vor allem beim unterlassen der medikamenteneinnahme (was bei aktuten psychosen gerne mal passiert) sind die folgen fast vorhersehbar.

ich erinnere mich noch gut an meinen eigenen kleinen fünftägigen psychiatrieausflug vor gut 11 jahren, den man alles in allem als unterlassene hilfeleistung zusammenfassen könnte: aggressive, unfreundliche und des deutschen nicht mächtige pflegekräfte, bis auf eine einzige stunde kunst keinerlei therapie - und lediglich zwei etwa 10-minütige gespräche mit ärzten, denen man überdeutlich anmerkte, dass sie null bock hatten und froh waren, dass ich sie belog und behauptete, ich hätte nach drei tagen überhaupt keine suizidabsichten mehr.

bei meiner entlassung hatte ich nichts an der hand - keinen medikamentenplan, keine ambulante therapeutische weiterbetreuung, keine adresse einer selbsthilfegruppe, keine tipps für den fall weiterer potenzieller krisen. ich war zwar froh, dem wahnsinn entkommen zu sein, aber auch komplett orientierungslos und alleine. alles, was ich damals wusste: im falle suizidaler absichten würde ich mich in keinem fall ein zweites mal auf ein stationäres psychiatrisches angebot einlassen. horror statt hilfe, das hatte ich schon in meinem eigenen kopf. dann lieber gleich schluss machen.

in meinen augen ist es kein wunder, dass dinge wie die messerstecherei am hamburger hauptbahnhof passieren. 

es ist jedoch nicht das problem fehlender polizeipräsenz oder lückenhafter sicherheit im öffentlichen raum. ursache ist der profunde mangel eines zielführenden, durchdachten und engmaschig ausgerichteten psychiatrischen angebots in diesem land. es ist das problem einer konstanten, sich verschlimmernden unterversorgung psychisch erkrankter - bei gleichzeitig zunehmender stigmatisierung durch den leistungsimpetus in einer kapitalistischen gesellschaft. ich könnte an dieser stelle die zwangssterilisierungsfantasien meiner ex-chefin wiedergeben, aber das kennen sie sowieso schon alles aus dem dritten reich.

für mich steht derweil fest: auch wenn wir künftig ganze hundertschaften an polizisten in unserem engen, stinkenden, verwarzten bahnhof positionieren: solche vorfälle können damit nicht ansatzweise verhindert werden. dieses ganze polizei- und sicherheitsaufgebot hat in wirklichkeit nur eine einzige funktion: die täuschung der bevölkerung, dass sich von staatlicher seite gekümmert würde. in wirklichkeit ist es das eingeständnis vollumfänglichen versagens unseres gesundheitssystems in psychiatrischen angelegenheiten. 


Donnerstag, 15. Mai 2025

leben und sterben mit adhs: nadja abd el farrag

vielleicht haben sie es mitbekommen, auch wenn sie so nicht promi-geil sind: vor kurzem verstarb hier nadja abd el farrag mit nur 60 jahren. was zu diesem frühen tod beitrug? vielleicht nicht nur leberzirrhose und organversagen, sondern auch toxische beziehungen, alkohol, armut - sowie eine disposition, die wahnsinnig empfindlich und gleichzeitig wahnsinnig empfänglich für alles mögliche (leider eben auch schlechtes) macht: adhs.

vieles, was nadja abd el farrag erlebt hat, kenne auch ich. zum beispiel die neigung, sich mit seinem adhs-bedingt kleinem selbstwertgefühl vermeintlich "starken" und "erfolgreichen" männern an den hals zu werfen und brav zu ihrem geschwafel zu nicken, weil man gerne geliebt werden würde. 

schwierigkeiten im beruf kenne ich ebenfalls zu genüge, und das meine ich nicht auf meine aktuelle situation bezogen. ich lasse mich zu gern in allenfalls mittelmäßigen jobs von miesen chefs kleinmachen und ausnutzen, immer in der hoffnung, irgendwie zu gefallen und endlich nicht mehr außenseiterin sein zu müssen - sondern geschätzt oder wenigstens ebenbürtig. nadja abd el farrag hat sich lange zeit in fragwürdigen shows von fragwürdigen leuten verheizen lassen, die ihrem image eher schadeten als nutzten - vermutlich aus einem ähnlich dringlichen wunsch nach anerkennung. sicherlich hat sie so zeitweise gut geld verdient, aber eben nur temporär und nicht in einem strukturierten, sicherheits- und sinnstiftendem arbeitsverhältnis. hinzu kam ihr schlechtes finanzmanagement. auch das ist nicht ungewöhnlich bei adhs. da hilft nicht immer ein schuldnerberater, weil es bei adhs auch viel um impulskontrolle geht. (dieser kelch ging glücklicherweise an mir vorbei.)

davon abgesehen habe auch ich ein nach wie vor riskantes konsumverhalten. manchmal erschrecke mich am ende eines tages, wenn mir auffällt, dass ich versehentlich psychopharmaka und schmerzmittel kombiniert und darauf vielleicht noch einen feierabenddrink gegossen habe. ob ich so bei meiner insgesamt eher schwachen gesundheit sehr viel länger als bis 60 lebe, ist fraglich.

ich erinnere mich noch gut, als mein chef im vorletzten job in den raum warf, die naddel sei ja so abgebrannt, ob man der nicht einen billo-job bei uns anbieten solle. telefonistin oder so, auf mindestlohn-basis. weil das ja irgendwie lustig wäre, wenn leute anrufen - und dann wäre da die alte suff-nudel vom bohlen an der strippe. mangels des bekannten fehlenden durchhaltevermögens der frau abd el farrag haben wir das nie näher in erwägung gezogen. dabei weiß ich heute, dass menschen mit adhs einfach nur die chance brauchen, etwas zu machen, was sie wirklich interessiert, damit sie am ball bleiben - und das ganze möglichst störungsfrei (wenig lärm, wenig ablenkung, wenig übertriebenes multitasking) und unter halbwegs menschenwürdigen bedingungen (ein bisschen wertschätzung, ein bisschen struktur und kein psychopathisches chef-verhalten). 

skurril finde ich, wie die medien jetzt über nadja abd el farrag berichten. plötzlich alle ganz seriös. nicht mehr nur auf skandal-hurerei und billiges clickbaiting aus. im gegenteil, man überbietet sich fast in ernsthaftigkeit und würdigkeit: eine feierliche mediale beerdigungszeremonie.

es wird nie mehr gelogen als auf beerdigungen. 

fakt ist, die versorgung neurodiverser und/oder psychisch kranker menschen ist bis heute unterirdisch - mit weiter absteigender tendenz. einen therapieplatz zu ergattern ist für kassenpatienten nahezu unmöglich. stattdessen wird man mit tabletten vollgestopft, teils ohne viel ahnung und rücksicht auf komorbiditäten - wie im fall meiner herzerkrankung. und ich frage mich, welcher arzt nadja abd el farrag allen ernstes ahds-medikamente verschrieb, wenn sie bekennenderweise ein alkoholproblem hatte? falls dem tatsächlich so war, müsste man so jemanden eigentlich wegen fahrlässigkeit verklagen.

fakt weiterhin ist, dass die gesellschaft nach wie vor stigmatisiert - nicht nur wegen der diagnose, die psychisch kranke haben, sondern auch wegen ihres wesens, das manchmal nicht ins enge gesellschaftliche korsett vermeintlicher normalität passt. man muss dafür mal nicht lallend oder schwankend aus dem rahmen fallen, es genügt schon, schnell und viel zu reden, zu still zu sein, zu zappelig zu wirken oder zu zurückhaltend - oder in der aufregung den faden zu verlieren. durchgefallen, unsouverän! oder bei frauen: hysterisch!

fakt ist ebenso, dass neurodiverse und/oder psychisch kranke überdurchschnittlich oft im beruf scheitern, nicht weil sie dumm oder unwillig wären, sondern weil die arbeitsbedingungen meist unflexibel und wenig erquicklich sind - sodass selbst "normale" sie nur ertragen, indem sie sich jeden tag total zusammenreißen und zwingen. und sich abends dann einen hinter die binde kippen (was ok ist, weil sie ja "normal" sind, dann ist das nur "genuss").

zwar gibt es neuerdings mehr aufmerksamkeit für neurodiverse menschen mit beispielsweise adhs oder autismus. also menschen, die als nicht ganz so schlimm gestört gelten. aber das ist allenfalls ein anfang. der im augenblick leider auch wieder zurückgedreht wird durch die aktuelle politik, die nichts anderes gelten lassen will als den total konformen leistungsmenschen. und die jeden, der ein wenig abseits dieser norm tickt, als lästigen kostenfaktor wertet - anstatt sich durch die aktive gestaltung einer neuen, modernen und digitalen arbeitswelt endlich dessen vorhandenes potenzial zunutze zu machen.

manchmal frage ich mich, wie leute über mich sprechen werden, wenn ich mal tot bin. so ganz ohne aufgesetzt-würdiges beerdigungssprech, weil ich ja kein promi bin. achja, die komische blogger-tante. ganz nett schreiben konnte die, aber hat auch nix geschafft im leben. ein psycho-wrack, hat alles mögliche in sich hineingestopft, gesoffen und rumgehurt, und dann ist ihr noch dieser kerl verunglückt, an dem sie so hing. tragisch, ja. natürlich war sie aber auch an allem selber schuld - wer studiert schon germanistik! die war vielleicht nicht total dumm, aber einfach nicht leistungsfähig - und schon gar nicht leistungswillig. so eine querulantin eben, die immer dachte, die gebratenen tauben fliegen ihr in den hals, wenn sie lange genug einen auf linksgrün-versifften gutmenschen macht.

whatever, ein glück, dass ich nicht in die zukunft schauen kann. und welch ein glück für nadja abd el farrag, dass sie sich um eine irdische zukunft in dieser verkorksten gesellschaft keinerlei sorgen mehr machen muss. ich wünsche ihr, dass es im jenseits kein musik von dieter bohlen gibt.

r.i.p.

Montag, 12. Mai 2025

auf tauchgang im haifischbecken

mein daily business besteht seit wenigen wochen wieder darin, mich auf stellenausschreibungen zu bewerben, die auf linkedin nach weniger als 24 stunden über 100 bewerbungen erhalten.

heute ist es sonntag, 10 uhr. ich sitze beim luxus-mann am küchentisch und starre angewidert in die linkedin-joblisten. eine für mich prinzipiell infrage kommende stellenanzeige wurde vor 7 stunden veröffentlicht. erst 57 bewerber haben darauf geantwortet. bewerber, die sich dafür wohl extra den wecker so auf nachts um 3 uhr gestellt haben - was schon bände spricht, mit welcher sorte mensch wir es da zu tun haben: diese spezifische kreuzung aus narzisst und masochist, die es nur im marketing gibt. arschlöcher, aber eben sehr streberhafte arschlöcher, mit denen du nicht mal zusammen tot überm zaun hängen willst. (die haben nämlich selbst in totenstarrre noch den reflex, nach dir zu treten.)

trotzdem, 57 bewerber bedeutet, dass ich vielleicht eine winzigkleine chance habe, wenn ich mich jetzt sofort innerhalb der nächsten 30 minuten ebenfalls bewerbe. meine bewerbungsunterlagen habe ich immer in meiner cloud bei mir, darüber hinaus ein formatiertes anschreiben, das ich eben noch etwas individualisieren muss. was man aber in 30 minuten locker schafft, notfalls mit ki, harhar.

aber so einfach ist es mal wieder nicht. denn als ich die bewerbungsmaske des arbeitgebers nach unten scrolle, sehe ich: der arschloch-, äh arbeitgeber möchte nicht nur anschreiben, lebenslauf und zeugnisse sowie zertifikate. er hätte darüber hinaus gerne eine "überzeugende mappe" mit "relevanten" arbeitsproben. das ganze ist auch noch ein pflichtfeld, heißt, ohne bombastische hochglanz-mappe geht die bewerbung gar nicht raus.

ich kenne das spiel und habe schon einige male versucht, es mitzuspielen, indem ich solche "mappen" in form von präsentationen erstellt habe. für die auswahl der belege und das mühselige zusammenbasteln in ppt habe ich jedes mal fast einen halben tag gebraucht. entsprechend macht es gar keinen sinn, mich auf diese stelle zu bewerben. denn bis ich zuhause bei meinen uralten arbeitsproben bin und eine versendungswürdige ansprechende "mappe" zusammengestellt habe, haben sich längt 500 leute beworben. klar sind da bestimmt auch 490 vollpfosten dabei. aber wenn unter den ersten 100 nur 2-3 volllprofis sind, bin ich schon weg vom fenster.

abgesehen davon und ist es mit einer solchen mappe ja nie getan. nach dem erstgespräch, sofern die hochglanz-mappe ausreichend durch die blindfisch-bewerbungen durchschimmern konnte, wollen arbeitgeber heutzutage immer eine probearbeit. die ist dann die eintrittskarte in die zweite runde. und die hat es erfahrungsgemäß in sich. briefings für probearbeiten sehen in etwa so aus: "entwerfen sie eine marketing-strategie für dieses jahr unter berücksichtigung unserer social media-kanäle. verfassen sie dann für die social media und den unternehmensblog einen redaktionsplan für die kommenden 6 monate sowie einen exemplarischen blog-text von 500 wörtern zum thema xyz. zuletzt sehen sie sich bitte unsere website an und analysieren sie stärken und schwächen. machen sie dann einen strategieplan, was wir unter berücksichtigung von seo und ux verbessern können! belegen sie ihre vorschläge mit den aktuellen entwicklungen im webdesign!" 

unter den probearbeit-aufgabenstellungen stehen manchmal noch lustige zeitangaben. so soll man bspw. den 500-wörter-text (zu einem wohlgemerkt in der regel vollkommen fremden thema) in 20 minuten verfasst haben. jut, eine erste grundlage liefert ki. aber das ergebnis kann man so ja nicht abschicken, angesichts der scheiße, die ki fachlich betrachtet oft liefert. alle fakten müssen immer geprüft werden. suchmaschinenoptimierung kriegt ki auch noch nicht ordentlich hin, hier muss man mühsam nachhelfen. summasummarum sitze ich an so einem probetext am ende so schnell 2 stunden. in das gesamtkonzept und all den anderen mist kann man dann noch mal locker 2-3 tage hineininvestieren.  

dazwischen versuche ich krampfhaft, mich auf eventuelle gespräche vorzubereiten. der arbeitgeber erwartet 2025, dass man perfekte kenntnisse seiner unternehmensgeschichte, seiner produktpalette, der website mitsamt allen unterseiten sowie den social media-inhalten der letzten 24 monate in all ihren details hat. 

schon im erstgespräch finde ich die meisten unternehmen derart unsympathisch rückständig, pathologisch überheblich und asozial unfreundlich, dass es mir bei dem gedanken an eine festanstellung sämtliche zehennägel hochrollt. in den marketing-chefpositionen sitzen zudem häufig die schon anderweitig beschriebenen widerlichen mannweiber, die ihr fehlendes selbstwertgefühl durch herrschsucht und soziale kälte wettzumachen versuchen und besonders auf weiblichen kolleginnen herumhacken. 

also habe ich mal was ganz verrücktes versucht: arbeiten mit verrückten, also quasi mit mir selbst. tatsächlich habe ich eine - unfassbar nette - einladung zum erstgespräch ergattert. nicht, dass ich mir davon viel erwarte. ich kann das ja alles überhaupt nicht und hab dem unfassbar netten vorstand gegenüber nur unfassbar weit die klappe aufgerissen. trotzdem freue ich mich gerade nen keks. es ist eine ultrazarte, hauchdünne chance auf nie wieder marketing.

Mittwoch, 30. April 2025

wir müssen sehen

entscheidende ministerien wurden an personen wie den menschgewordenen bahn-unfall alexander dobrindt, twitter-trampel digi-doro und einen namenlosen schlächter-opa aus dem vorletzten jahrhundert verteilt. schon jetzt wirkt diese regierung wie eine art reha-maßnahme für groko-gescheiterte bzw. eine macho-männliche bratwurst-benzin-brüderschaft. bier statt cannabis, yeah, die nächsten jahre kann man sich vermutlich leider nicht mehr schönkiffen.

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ob mr. maskendeal, wenn er mit der afd einen normalen umgang pflegen möchte, wohl auch daran denkt, dass er mit seiner sexuellen orientierung in deren augen als "volksschädling" und potenzieller remigrationskandidat gelten dürfte? 

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bis 2030, so die prognose, werden sich über 50 % aller frauen ganz bewusst fürs alleineleben entschieden haben - alleinerziehende eingeschlossen. die zeit ist also reif, dass die produktion von service-robotern mit brüsten anläuft. ich sehe ihn schon vor mir - den prototyp "charlotte": handlich, robust und vor allem: folgsam auf knopfdruck. tradwifes können sich warm anziehen.

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im moment träume ich in endlosen wiederholungen von flugzeug-abstürzen, was meinen mentalen zustand recht grafisch widerspiegelt. die argh-entur hat den für mich vorgesehenen kunden nun doch nicht bekommen, mich kurzerhand wieder abgesägt und mein letztes gehalt gleich auch noch einkassiert. guter rat ist derzeit unerschwinglich.

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neuerdings versucht sich der luxus-mann in unbeholfenen annäherungen an sein frostiges fräulein tochter. was auf keine große gegenliebe stößt, denn 15-jährige shopping-queens mit glitzer-make-up über der akne haben verständlicherweise null bock auf brettspiele mit papi. nun darf ich exklusive, aufregende und teure vergnügungstouren mit dem verwöhnten pubertier planen. dinge, von denen ich schon immer geträumt habe: mit dem sonntagspapi und seinem fresseziehenden teenager stumm und freudlos durch ein neues grauenvoll langweiliges shopping-mekka zu stapfen.

ja, verhütung ist so wichtig.

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sich immer mehr sehkrank fühlen. nicht nur, weil die altersweitsichtigkeit so rasant voranschreitet. sich die augen ausgucken und doch schwarzsehen. das große ichwillnichtmehr, ohne dass es suizidal gemeint wäre. nur allgemeine müdigkeit und totale perspektivlosigkeit. 

wir müssen sehen, so weh es auch tut.

Freitag, 4. April 2025

kontrollverlust

der luxus-mann ruft mich an, um seinen alptraum der letzten nacht zum besten zu geben:

"mein schwager und meine schwester hatten uns eingeladen. wir waren beide gerade noch in meiner wohnung, zogen jacken und schuhe an und wollten los. aber aus irgendwelchen gründen musste ich noch schnell zum arzt. wahrscheinlich, weil ich in letzter zeit ja ständig zu ärzten renne. 

also machte ich mich auf den weg. und da fing es an - eine art rapider geistiger verfall. ich wusste erst nicht mehr, wo mein fahrrad steht und wo lang es zum arzt geht. dann wusste ich nicht mehr, wo ich selbst gerade bin. irgendwann war ich scheinbar in lübeck, hatte aber keine ahnung, wie ich da hingekommen war. ich hätte wirklich nicht sagen können, bin ich gelaufen, oder mit dem auto oder der bahn gefahren?

ich hatte das überwältigende gefühl, keinerlei kontrolle mehr zu haben. über nichts - auch über meine eigenen gedanken nicht. ich rannte wirr durch die gegend und konnte mich weder orientieren noch irgendeinen vernünftigen plan fassen - wie beispielsweise jemanden nach dem weg zu fragen. es wurde immer später und ich wusste nicht ein noch aus. als es schon dämmerte, lief ich endlos eine art landstraße entlang. irgendwann kam ich dann zu einem getreidefeld oder sowas. weil es zu dem zeitpunkt stockfinster war, habe ich mich da einfach hineingelegt und angefangen, vor verzweiflung ganz laut zu schreien."

"krass", sage ich. "ich träume immer nur, dass ich mit dem rad auf ganz gefährlichen straßen unterwegs bin, dass es dann plötzlich nacht wird und meine bremse und die beleuchtung ausfallen. dann muss ich immer ganz vorsichtig durchs stockfinstere weiterradeln. und höllisch aufpassen, nicht komplett die orientierung zu verlieren oder einen unfall zu bauen."

"jedenfalls war das ein furchtbarer traum", findet der luxus-mann. "als ich aufwachte, war ich völlig fertig. ich musste erstmal eine halbe stunde musik hören, bevor ich aufstehen konnte." 

"jetzt weißt du vielleicht, wie sich dein dementer vater so fühlt, wenn er nachts aufwacht und der ansicht ist, er muss ganz dringend in den garten, weil die güllegrube überläuft, die es seit 35 jahren nicht mehr gibt."

"ich frage mich, ob sich alzheimer wirklich so anfühlt", überlegt der luxus-mann. "wie so ein endloser horrortrip mit ein paar lichten momenten, wo man checkt, wie schlimm es um einen steht." 

"weiß nicht. für manche vielleicht."

"wenn das bei mir mal soweit ist, dann schubs mich bitte vom balkon oder so. das würde ich nicht ertragen."

 "mach das am besten zu einem offiziellen teil deiner patientenverfügung. und regle bitte auch, welches deiner kinder danach die flecken auf der straße wegmachen soll." 

"das ist alles gruselig, dieses älterwerden und sterben."

"tröste dich. viele menschen befinden sich ein leben lang in geistiger umnachtung - und merken das zu keinem zeitpunkt."

Freitag, 28. März 2025

ideen des merz

für das, was das hier über die jahre jeden einzelnen anleger aus der mittelschicht an vermögen kosten wird, könnte man sich vermutlich zehn mal just for fun die heizung rausreißen und wärmepumpen einbauen lassen.

ja, das ist die sagenhafte "wirtschaftskompetenz" der gro(ß)ko(tzerten) und ihrem sauerländer frettchen. da macht man erst mal milliarden schulden - und danach überlegt man sich, wie das überhaupt gehen soll. 

wahrscheinlich packt das frettchen demnächst einen flieger voller asylanten - und dann fällt ihm, dass er gar nicht weiß, wohin. und ob der sprit dafür reicht. 

man sollte frettchen grundsätzlich besser in ihrer natürlichen umgebung belassen: weit unter der erde, in dunklen höhlen und gängen.


Samstag, 22. März 2025

gandalf oder das glück der langeweile

sonntag gehen wir am see spazieren. sonne satt, die erde staubt vor trockenheit, geregnet hat gefühlt vor äonen. da kommt eine plüschige, schneeweiße katze mauzend auf uns zugelaufen. ich gehe in die hocke - und die mieze springt mir unerwartet direkt in den schoß. sie steckt das köpfchen in meinen schal und beginnt zu schnurren, während ihre kühlen pfötchen meine schenkel kneten. 

der luxus-mann steht derweil daneben, begrinst das flauschige überraschungsintermezzo und lässt mich ein weilchen genießen, anstatt wie sonst ungeduldig zum weitergehen zu drängen.

"wenn wir ein haus hätten, würde ich auf jeden fall auch katzen haben wollen", sagt er selig, während er mich beim kuscheln betrachtet.
"aber die haaren und kacken, behauptest du immer", erwidere ich.
"wenn die in den garten kacken könnten, wäre das ja nicht so schlimm", findet der luxus-mann. "und was das haaren betrifft - wir müssen ja nicht so einen gandalf nehmen wie den da."
"dann würde ich mir das mit dem zusammenziehen vielleicht noch mal überlegen", sage ich. "wenn du vertraglich zustimmst, dass wir zwei katzen haben."
"von mir aus auch fünf, hauptsache, du kümmerst dich drum", grinst der mann.
 "nee, keine fünf", sage ich, "drei unselbstständige, verfressene und eigensinnige biester reichen mir."
"wieso denn drei", fragt der luxus-mann verblüfft.
ich grinse: "na, zwei vierbeiner und ein zweibeiner. zwei plus einer macht drei."

"kann das sein, dass es dir gerade ganz gut geht, so frech wie du bist?" fragt der luxus-mann auf der rückfahrt und kneift mich in den oberschenkel.
"heute ist ein guter tag, ja."
"hat dich gandalf so beglückt?"
"klar. aber es ist auch, weil du da bist. und weil ich es immer noch mag, mit dir zusammen zu sein, nach all den jahren."
"du langweilst dich also nicht mit mir?"
"doch, manchmal schon. aber echte liebe ist wahrscheinlich immer ziemlich langweilig." 
"ist das ein kompliment oder eine beleidigung?"
"nur eine tatsache." 



Montag, 17. März 2025

die ziege zur gärtnerin machen

julia, rektumbewohnerin namhafter lobbyisten und paradebeispiel beispielloser nichtsnutzigkeit, soll bundespräsidentin werden.

warum nicht gleich andi b.scheuer.t?

satiriker haben in der tat den dankbarsten job in dieser legislaturperiode. mehr popcorn, bitte!

time to remember:



Dienstag, 11. März 2025

nachwort zum weltfrauentag 2025

prolog: bevor sie jetzt als mann angst haben, zu kurz zu kommen: ja, es gibt einen weltmännertag, aber dafür müssen sie sich noch bis 3.11. gedulden. da schreibe ich ihnen auch gern was zu.

einer der vielen gründe, warum ich nicht mit einem mann zusammenlebe, ist, dass ich ihm nicht zutraue, mich als ebenbürtigen partner zu sehen und zu behandeln. das ist wahrscheinlich ein ziemlich dummes vorurteil, das ich mittlerweile erfahrungsbedingt leider gegen männer hege. ich müsste mir ja einfach nur mal einen mann suchen, der keine chauvinistische und/oder narzisstische grundhaltung pflegt. nur sind die leider nicht so leicht zu finden - vor allem, wenn man auf seniorigere semester steht und davon abgesehen selbst so ein paar bindungsbaustellen hat.

vielleicht aber spielt auch etwas penisneid in mein empfinden hinein. in der tat wäre ich manchmal gerne ein mann. nicht unbedingt nur, weil ich dann wahrscheinlich besser verdienen würde und einen chefposten innehätte. nein, ich hätte hin und wieder gerne einen männlichen körper. so wegen der muckis, verstehen sie? mit einer derartigen maschine von body würde ich kampfsportarten trainieren und mich bei langweile oder schlechter laune öfter mal mit anderen mackers kloppen. oder omis die getränkekisten nachhause tragen, nur so, zum spaß, weil ich es könnte und mich dann geil fände.

und ich hätte sehr gerne hin und wieder einen penis. denn penisse sind einfach irrsinnig praktisch. mann kann damit in der gegend herumstrullern, wie er lustig ist. einfach so, jederzeit! und dann erst der männliche orgasmus. abspritzen stelle ich mir schlichtweg als den oberhammer vor. (ich kann nicht mal squirten, aller supergeheimer geheimtipps in der "brigitte" zum trotz.)

aber mal weg vom penisneid hin zu wirklichen problemen des frauseins: den frauen nämlich.

problem nummer eins: sehr viele frauen sind nicht solidarisch mit frauen, sondern betrachten sie als konkurrenz. ich habe extrem viele schlechte erfahrungen mit frauen gemacht - mehr als mit männern. frauenfreundschaften schließe ich nur noch nach langer zeit des kennens und mit sehr großer vorsicht. manipulieren, anschwärzen, denunzieren, ausbooten - die liste weiblicher list ist lang, wenn es darum geht, konkurrentinnen aus dem weg zu räumen. wahrscheinlich ist hinterhältigkeit bei manchen so eine art erfolgsrezept, um weibliche bedürfnisse durchzudrücken, während männer einfach plump aggressiv sind und mithilfe von herumblöken und affiger drohgebährden bekommen, was sie wollen. (ich bin mir nicht sicher, was ich widerlicher finde.)

viele frauen haben zudem leider nicht verstanden, dass frau konflikte mit anderen frauen ohne einbeziehung von männern regeln kann. oft erlebe ich, dass frauen sich bei einem mann über eine andere frau beschweren - und dann erwarten, dass der mann die kritisierte frau entsprechend richtet - und sei es einfach nur durch zustimmung und heimliche missachtung. nee, mädels, das kann ich absolut nicht leiden, das gibt minus 10 von 100 punkten.

im arbeitsleben gibt es laut einer umfrage nur wenige frauen, die eine weibliche chefin einem männlichen chef vorziehen würden  (nur jede zehnte frau möchte lieber unter eine frau arbeiten). das könnte daran liegen, dass viele weibliche chefs glauben, dass sie als chefin unbedingt auch alle negativen männlichen eigenschaften zelebrieren müssen: subtiler druck, beleidigende unterwerfung, gewaltvolle kommunikation. sorry, dann habe ich lieber einen sexistischen, seibenden volldepp mit viel zu langer leitung in leitungsfunktion über mir.

trotzdem glaube ich, die welt wäre insgesamt ein wenig besser, wären mehr frauen an der macht. frauen sind:

- insgesamt gesünder und werden älter (stabiles produkt also)
- begehen seltener selbstmord (weil ihnen nicht der penis abfällt, wenn sie eine therapie machen)
- bauen weniger verkehrsunfälle als männer (soviel zu "argh, bestimmt eine frau am steuer!")
- werden deutlich seltener gewalttätig, straffällig oder obdachlos
- und erreichen in deutschland inzwischen häufiger einen hochschulabschluss als männer.

es gibt also statistisch betrachtet viel, was für frauen spricht. aber es gibt auch sehr viel, was emanzipation eben leider noch dringend aufholen muss. besagte echte solidarität. oder autonome weibliche werte statt dieses billigen kopierens männlichen gebarens. 

und nein, wir sollten auf keinen fall eine reine weiberwirtschaft aufziehen. man muss männer nämlich immer schön integrieren und beschäftigt halten. sonst fahren sie ständig mit autos in menschenmengen, und davon werden dann die gefängnisse zu voll. und die schrottplätze auch.

kurzum, muschis are still far from perfect. aber wir arbeiten dran.

Donnerstag, 6. März 2025

märzimpressionen

der cholerajob ist bislang ganz ok, der wohlfühlfaktor im moment sogar überdurchschnittlich. zwar muss ich jetzt erst mal ins büro kommen, um mich einzuarbeiten. dafür muss ich um 5:30 uhr aufstehen und eine kleine weltreise machen. aber ich kann mittags im wald spazieren gehen. tiefe ruhe, duftende luft. das hat was.

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da ich meist erst gegen 20 uhr wieder nachhause komme, muss ich zwecks einkaufen auf rewe ausweichen, der immer bis 23 uhr geöffnet hat. dort sind an der bake-off-station auch spät noch brot und brötchen übrig. was vermutlich daran liegt, dass es bei rewe einfach das schlechteste brot im gesamten universum gibt: geschmacksfrei wie ein schuhkarton, innen staubig-trocken und außen ekelhaft pappig, weil komplett in luftlochfreies plastik gewickelt. wtf?!

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500 milliarden sondervermögen. die börse ist schon steil gegangen, die milliardäre - frettchen inklusive - freuen sich und schaufeln sich die taschen voll. der kleine mann darf sich derweil mit anstehenden mehrwertsteuererhöhungen und vielleicht auch wieder steigender inflation arrangieren. effektiver kann man eine gesellschaft jedenfalls nicht weiter spalten.

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wir schreiben den dritten monat des jahres und ich bin zum dritten mal fett erkältet und habe eine fast durchgängige bronchitis. 2024 hat mich offenbar geschafft und mein immunsystem gleich mit. oder die luftverschmutzung. (jeden tag warnmeldungen, feinstaubwerte gen unendlich, lieber kein sport im freien, aber keiner schreit: meine freiheit!!!)

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enttäuschung auch in sachen mannheim. kein migrant, das heißt, kein billiges clickbaiting, keine große mediale aufmerksamkeit und auch kein söder, der irgendwo zwecks selfiemachen beim kondolieren im weg steht. aber wieder ein mann. gibt´s da nicht sowas wie bei tieren? wo männchen dann friedlich und entspannt sind und nicht überall mehr markieren müssen? 

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trotz allem ist mir nach tanzen. die hirnchemie ist auf frühling eingestellt. oder es sind inzwischen genug psychopharmaka im trinkwasser, who knows.


Samstag, 1. März 2025

mixed feelings

montag startet der neue job in der argh-entur. einerseits freue ich mich auf die kollegen, die wirklich ok sind. das problem aus dem letzten job werde ich wahrscheinlich nicht haben. anderseits fürchte ich das bekannte chaos. darüber hinaus steinige ich mich immer noch innerlich dafür, dass ich mein eigenes versprechen an mich ("nie wieder argh-entur!") gebrochen habe. auch schwer zu verknusen ist das winzigkleine gehalt, das ich jetzt sieben monate lang akzeptieren muss, wo mich doch bereits die arbeitslosigkeit finanziell ziemlich ausgehöhlt hat. nun gut, sieben monate. sieben verfickte monate muss das jetzt irgendwie mal gehen mit arschbacken-zusammenkneifen und wertschätzen, was eben geht. vielleicht entdecke ich ja auch noch das gute darin.

gemischte gefühle auch in der beziehung. ich war im februar lange bei meinen eltern und hatte zu dieser zeit schon recht wenig und eher oberflächlichen kontakt zum luxus-mann, so auf den niveau "sachliche romanze". wieder zurück in meinem ungeliebten wirtschaftsasyl gab dann zoff. der auslöser war vollkommen belanglos, aber ich verbrachte den restlichen tag wieder einmal mit einer beleidigten luxus-leberwurst. 

das habe ich zum anlass genommen, um bilanz zu ziehen. und habe gemerkt: ich habe mich innerlich einen ganzen schritt aus der beziehung entfernt. grund dafür sind genau solche merkmale charakterlicher unreife und die weigerung, als obercooler boomer-macker mal fehler einzusehen und sich selbst kritisch zu reflektieren. ich habe dem luxus-mann einen langen brief geschrieben, wie ich die beziehung sehe (derzeit höchstens mittel) und dass mich eben ein paar dinge ganz gehörig stören. die erste reaktion war enttäuschend und recht vertraut aus meiner letzten längeren beziehung vor 15 jahren: er sei ja nur so, weil ich so (schrecklich) bin. victimblaming, da verliere ich fast noch meinen rest-respekt. gerade kommunikativ habe ich unsere beziehung ja immer sehr hoch aufgehängt. die große aussprache steht bevor. mal schauen, was mich da erwartet. 

 


Sonntag, 23. Februar 2025

frettchen fotzenkopp is king

etwa 70.000 menschen starben 2024 in deutschland an luftverschmutzung, rund 3.000 an hitze und 199 todesopfer forderte der verkehr. doch am meisten angst müssen wir davor haben, wenn zu viele dunkelhäutige menschen in der u-bahn sitzen. (oder wahlweise auch vor windrädern.)

deshalb regiert uns nun frettchen fotzenkopp. ja, sie erinnern sich: der typ, der für vergewaltigung in der ehe ist. der mit seinem privatjet rumdüst, bislang politisch null und nada gebacken bekommen hat - und anderen gerne vorwirft, faul zu sein. derjenige, der aussieht wie eine krüppelige essiggurke und der panische angst hat, dass zu viele frauen grün wählen könnten, weil der evil heizungs-robääärt so ein heißer feger ist - kurzum, weil frauen nun mal zu dumm für politik sind, nicht lesen können und sich zur meinungsbildung deshalb nur an großformatigen gesichtsbildern orientieren. 

das frettchen fotzenkopp-programm gefällt vielen, die gerne dicht sind und es gern dicht haben (inklusive der deutschen grenzen), starke frauen hassen und alles aus-merzen wollen, was nach 1950 an echten fortschritten kam. leider fehlen frettchen fotzenkopp für die umsetzung von maßnahmen, die seinen großspurigen wahlkampf-worten nun folgen müssen, aktuell sowohl die kohle (wir müssen jetzt die kohle-kraftwerke wieder hochfahren!) als auch die connections. vielleicht findet er die aber bald in ein paar buddies von der hamas. die sind ja bekanntlich sehr gastfreundlich und arbeiten noch an einem diplomatisch-weltoffenem image. wenn die hamas-brothers frettchen fotzenkopp sehen, müssen sie sich auch keine sorgen mehr machen, dass sie dabei irgendwie schlecht abschneiden könnten. 

eine weitere sehr gute nachricht gibt es noch: künftig ist es noch egaler, ob sie nun tagesschau oder "die simpsons" gucken. letztere gehen - ab heute ergänzt durch the real montgomery burns - als weltpolitik-sendung durch. 

und jede wette: es gibt noch eine lustige koalition mit alice im plunderland. montgomery burns würde das nämlich auch ganz genau so entscheiden.

und falls ihnen dieser text jetzt sauer aufstößt, empfehle ich ein essiggürkchen. und ein anderes blog.

Donnerstag, 20. Februar 2025

wenn eltern lästern

bis heute kann ich schwer einschätzen, wie meine eltern wirklich zu mir stehen und ob man das so wirklich liebe nennen sollte. auf den ersten blick darf mich nicht beschweren: mir gegenüber treten sie meist warmherzig, wohlwollend und großzügig auf - so haben sie sich auch immer nach außen hin gezeigt: liberal und generös, ein nahezu perfektes vorbild von elterlichkeit.

im stillen kämmerlein, wenn ich nicht dabei bin, sieht das etwas anders aus. von meinem cousin erfuhr ich vor einiger zeit, dass massiv über mich gelästert wurde und wird. "deine eltern sagen echt manchmal sachen, die sind derart verletzend, dass ich sie vor dir nicht wiederholen mag", gesteht er mir. 

als ich das zum ersten mal hörte, neigte ich dazu, das nicht zu glauben. mein cousin musste da was falsch verstanden haben! aber dann erinnerte ich mich: auch als ich klein war, haben meine eltern oft über mich getratscht, wenn ich nicht im zimmer war. da uns nur eine dünne wand trennte, bekam ich das häufig mit. meist ging um schulisches versagen (eine zwei in religion! was für eine tragödie!) oder irgendwelche kleinigkeiten, die ich nicht beachtet hatte (die türe zum wohnzimmer nicht richtig geschlossen, obwohl geheizt wurde!). ich war jedesmal furchtbar beschämt und sehr traurig - und hatte noch mehr angst als zuvor, fehler zu machen.

auch ohne diese verletzende art von feedback war die liebe meiner eltern ja schon schwer zu erringen. sie war stets an ganze komplexe von bedingungen geknüpft, die für ein kind begrenzt verständlich waren und die sich auch jederzeit mal ändern konnten. bis heute habe ich manchmal das gefühl, in einem nicht enden wollenden wettrennen um anerkennung festzustecken, dessen regeln ich nicht genau kenne und das ich letzten endes schlichtweg nicht gewinnen kann.

als ich vor ein paar tagen aus n zurück nach hh reise, erlebte ich wieder so eine situation. mein vater sagte mir zum abschied netterweise, dass es schön war, dass ich da war. mir wurde ganz warm ums herz und ich freute mich. dann merkte er an, dass er für meine mutter nicht sprechen könne, sie habe sich nämlich beschwert, ich mache ihr immer so viel arbeit. 

ich erschrak: war dem so? in der tat holt meine mutter morgens oft meine lieblingsbrötchen vom bäcker - was ich aber nie verlangt hatte. aus dem supermarkt bringt sie außerdem immer ein paar lebensmittel mit, die ich mag und die sie sonst wahrscheinlich nicht kaufen würde. kurz bevor ich ankomme, bezieht sie mir außerdem einmal das bett. aber sie kocht nicht für mich, sie muss keine wäsche waschen und auch nicht putzen, weil ich das bei bedarf alles selber mache. darüber hinaus bringe ich ihr auch sachen mit oder kümmere mich um die dinge, die meine eltern eben selber nicht mehr so gut können, insbesondere am computer. ich hielt das bislang für einigermaßen ausgeglichen. aber ich wusste, ich konnte mich auch irren, da meine mutter seltsam muster hatte, mit denen dinge "aufgerechnet" werden.

was mir bleibt, ist eine sprachlose enttäschung: mir gegenüber tut meine mutter, als freue sie sich immens, wenn ich zu besuch komme. meinem vater gegenüber stellt sie es als belastung dar. möglicherweise liegt die wahrheit irgendwo dazwischen und es ist beides für sie. aber dann würde es mich freuen, wenn sie mit mir redet anstatt sich bei meinem vater über mich zu beklagen. mir beispielsweise sagt: wenn du brötchen willst, geh bitte selber zum bäcker, das ist mir zu viel. ich habe ihr ohnehin schon x-fach gesagt, sie müsse nicht extra irgendwas für mich einkaufen. sie könne mir gern etwas mitbringen, wenn sie sowieso in den laden geht, aber ich möchte ihr absolut keine zusätzlichen shopping-touren zumuten. das wurde bislang immer vehement abgelehnt: nein, nein, das sei doch keine mühe und selbstverständlich! entsprechend empfinde ich es als unfair, wenn es im nachhinein klingt, als stelle ich unverschämte ansprüche. und vor allem, wenn ich das auf diese weise erfahren muss - über die flüsterpost, als kritik, zu der ich mich nicht äußern konnte. im nachhinein kann ich das nämlich auch nicht tun, denn es würde bedeuten, preiszugeben, dass mein vater mir das gesagt hat. damit hätte er gepetzt und bekäme seinerseits ärger mit meiner mutter, die sehr eifersüchtig reagieren kann.

kennen sie solche dämlichen konflikte? vielleicht ist das auch normal und ich bin einfach zu empfindlich? ich bin gespannt auf ihre erfahrungen.

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o.t.: immer wieder wieder wunderbar und erhellend: der philosoph alain de botton über liebe, die erfahrungen in unserer kindheit, partnerwahl und den umgang mit konflikten und selbstwahrnehmung.