Samstag, 26. Januar 2019

the visit

gegen mittag mache ich mich auf, um das objekt erstmals zu besuchen.
in der bahn ist mir schon wieder übel vor anspannung, meine hände schwitzen ekelhaft. gleichzeitig sagt eine stimme in mir: vertraue ihm. vertraue dir. vertraue auf eure basis, die ihr immer hattet.
beruhigend im ohr habe ich auch die stimme der objekt-mama, mit der ich am vortag noch telefoniert habe: "du wirst sehen, er freut sich so sehr über jeden besuch, er genießt die anwesenheit der anderen person wirklich."

zwei stunden später bin ich mit meinem gefühlsmischmasch an ort und stelle. ein gottverlassener landstrich, in nebel und nieselregen gehüllt. glücklich ist hier, wer - anders als ich - ein auto hat.

ich gehe, wie mir die objekt-mama geheißen hat, die straße zu ende, bis ich vor einem gebäude mit glastür stehe. dahinter befindet die - ebenfalls gottverlassene - anmeldung. ich stehe eine weile doof herum, bis ich einen pfleger sehe. er ist ungefähr 2 meter groß und mit einem mächtigen kolkrabenschwarzen bart ausgestattet.
ich frage ihn nach dem objekt und habe glück: der pfleger ist unter anderem sowieso auch für das objekt zuständig und nimmt mich mit.
"er weiß, dass er besuch bekommt", sagt er mir auf dem weg.
"echt? haben sie ihm das gesagt?"
"ja, aber wir wussten nicht, wann genau sie kommen."

nachdem wir mehrere flure entlang gehastet sind, kommen wir zum objekt-zimmer. die tür ist ein stückweit geöffnet, der pfleger klopft trotzdem höflich an.
"hallo, ich hab da eine junge dame für dich. der besuch, der sich angekündigt hatte."

das objekt liegt in einer art gitterbett und guckt wie ein auto.
aber es wirkt wach, klar, aufmerksam.
"hallo", sage ich erstaunlich fest, und "warte, ich hol mir mal schnell den stuhl da aus der ecke."
stuhl holen, raus aus der jacke, fummelkram, hinsetzen.
konzentration.

"so, jetzt aber", sage ich.
das objekt starrt mich an.
"kannst du dich an mich erinnern?" frage ich es.
"nee", sagt es.
der moment, an dem mir eigentlich das herz in die hose rutschen hätte müssen, doch wider erwarten bin ich gefestigt.
"das ist nicht schlimm", höre ich mich sagen, "dann erzähl ich dir einfach ein bisschen von uns... wie wir uns kennen gelernt haben und so. ok?"
das objekt guckt immer noch sehr groß, greift dann völlig überraschend nach meinen händen und zieht mich näher heran. soviel scheint also doch wieder zu funktionieren.
"du... bist süß", sagt es unvermittelt.

ich muss schallend lachen.
"na, wir fanden uns auch mal ganz attraktiv", kichere ich.
das objekt schmunzelt mit.
"schöööön" sagt es indifferent und hält immer noch meine hände fest.
ich folge meinem nächsten impuls:
"magst du dich mal drücken lassen?" frage ich.
"jaaaaaa", nuschelt das objekt.
verdammtes gitterbett.
so gut es geht, krabble ich darüber und nehme das objekt richtig in die arme.
"schöööööön", sagt es wieder. und "gut gut".
ich weiß nicht, ob "gut gut" heißt, dass es so gut ist, oder dass ich jetzt besser mal aufhören soll, also löse ich mich kurz darauf wieder aus der haltung und krabble auf meinen stuhl.

meine hände kriege ich nicht zurück.
"kalt", sagt das objekt und meint damit meine finger.
"ist ja auch ein scheißwetter da draußen", sage ich. "es regnet."
"ja."
"aber manchmal finde ich regen auch ganz schön. ich mag das geräusch, wenns pladdert, das ist beruhigend."
"gut gut", sagt das objekt wieder, und dann: "mag ich nicht."
"den regen?"
"ja."
"hm. soll ich mal dein fenster zumachen? oder ist dir zu warm?"
"ja."
"was ja? fenster zu?"
"ja."
ich mache also das fenster zu.
"danke", sagt das objekt.
"jetzt hört mans nicht mehr pladdern. regen ausgesperrt!"
"regen.... ausgesperrt", wiederholt das objekt. "gut gut."

wir sitzen da, ich streichle die objekthände, nehme eine handfläche, lege meine wange hinein. das objekt grinst selig.
"erzählen", sagt es dann. "ich will mich... erinnern."
hm, womit fängt man da an? ich entscheide mich für den chronologischen weg, erzähle von der ersten begegnung im club, gerate dann irgendwann ins erinnerungsstolpern. aber ich war so schlau, blogartikel mitzunehmen. die zahllosen begegnungen, alle für die ewigkeit, wenn kleinbloggersdorf so will. endlich, endlich kann ich behaupten, dass bloggen keine zeitverschwendung ist.

"ich habe viel von uns aufgeschrieben", sage ich dann zum objekt. "soll ich dir das vorlesen?"
"jaaaaa. erzählen. vorlesen. danke."
und dann lese ich ein paar bloggeschichten, während das objekt meine hände hält und streichelt und mich unablässig konzentriert anstarrt.
ein paar mal sagt es zwischendurch "gut gut", "ok" und "danke", aber ich begreife irgendwann, dass es das sagt, um mir zu signalisieren, dass es zuhört.
"soll ich weiterlesen?" frage ich zwischendurch, weil ich angst habe, es überzustrapazieren, aber das objekt nickt wild:
"weiter!"

und irgendwann drückt es meine hände sehr fest und sagt recht unvermittelt:
"ich... erinner mich."
mein herz beginnt wie ein presslufthammer zu klopfen.
"du erinnerst dich? an mich?" quieke ich aufgeregt.
"ja."
ich habe das gefühl, gleich ohnmächtig werden zu müssen.
"weißt du, wie sehr mich das freut? ich hatte solche angst, dass ich dir ganz fremd bin und du dich die ganze zeit fragst, was die komische frau da von dir will... und was die dir für seltsame geschichten erzählt" platze ich heraus.
"nee nee", sagt das objekt. "du... ich... sind vertraut."
ich bekomme tränen in den augen und muss wegschauen.
"du... bist... ein guter mensch", nuschelt das objekt angestrengt.

ich kann eine weile nichts sagen, weil ich nicht rumheulen will. da kommen mir die reste der objektiven lungenentzündung zur hilfe, es hustet, dass das bett wackelt. ich bin erfolgreich abgelenkt, in sorge, überlege, den pfleger zu rufen, anderseits: heilung dauert eben nunmal und wer gerade eine lungenentzündung hatte, darf auch rumhusten.

"gehts wieder?" frage ich, als der hustenanfall abklingt.
"ja. gut gut. weiter. vorlesen."
"ok, aber du sagst, wenn du pause machen willst oder ich gehen soll, ja?"
"du... sollst nich... gehen."
"ich gehe nicht, aber wenn du ne pause brauchst, sagst du bescheid."
"gut... zu wissen!" lächelt das objekt.
"du kannst auch einfach zwischendurch mal die augen zumachen. ich geh nicht weg, ich guck dir dann beim schlummern zu und weck dich spätestens, wenn ich los muss."
"ok. aber... wecken... bevor du gehst. ich.... du... will in den arm."
"ich geh doch nicht einfach, ohne dich in den arm zu nehmen!"
"ok. gut gut. danke."

irgendwann bin ich mit vorlesen durch, fühle mich selbst angestrengt und müde. da will das objekt musik hören, die ich ihm mitgebracht habe. also schnappe ich mir den mp3-player, schiebe dem objekt einen kopfhörer ins ohr und mir den anderen in meines und spiele ihm ein paar lieder vor, die uns viel bedeutet haben.
das objekt murmelt noch ein paar mal "gut gut" "ok" und "danke", wird dann aber ganz ruhig und macht, als ich die meinen schließe, auch mal die augen zu.
"schöööööön", sagt es, als wir durch sind und ich uns abstöpsle.
ich lächle nur und fühle mich wohl. rundherum pudelwohl. alles ist so tausendmal besser als befürchtet.

"erzählen", verlangt das objekt wieder.
"nee, warte mal ne minute. ich brauch nen moment. außerdem konnten wir auch immer super zusammen schweigen. das hat doch auch qualität."
da löst das objekt eine hand aus meiner und streckt sie aus, um mein gesicht zu berühren. langsam streicht es mir über stirn und wangen, vergräbt die finger dann in meinen haaren und streichelt weiter. das ist so wunderbar, dass ich schon wieder fast heulen muss, weil ich es so vermisst habe und nicht für möglich gehalten hätte, dass es passiert.
"ich hab dich vermisst", sage ich schließlich doch unter tränen. "ich hab dich so verdammt vermisst. und ich bin so froh, dass ich hier bin."
"ich... bin... auch... froh", stammelt das objekt.

über zwei stunden sind wie im nu verstrichen und ich muss langsam los in richtung bus.
"wenn du willst, komme ich wieder", sage ich zum abschied.
"ja. bald."
"wenn deine freundin das erlaubt."
"ok."
"du weißt ja vielleicht noch, die mag mich nicht."
"ok. und... was... machen wir... bis dahin?"
"so in der zwischenzeit?"
gute frage, jetzt bin ich blank.
"du hast kein handy mehr, oder?"
"nee."
ein blick auf meines offenbart mir zudem, dass dieser tote ort zugleich eines der berühmten funklöcher ist. kein netz, nicht mal e.
"soll ich... ich könnte dir höchstens nen brief schreiben", sage ich etwas hilflos.
"brief. bitte."
"kannst du denn schon wieder lesen?"
"nee."
hmpf.
"habt ihr hier internet?"
"ja! wlan."
"aber du hast kein tablet oder so."
"nee."
"weil sonst hätte ich dir ein video machen können. wlan reicht ja für whatsapp in der regel."
"brief. video. wlan." sagt das objekt begeistert.

infrastrukturell sieht es in der einrichtung eher düster aus. ich beschließe, mich dazu lieber noch mal mit der gespielin oder t. oder der mama kurzzuschließen, bevor ich in aktionismus ausbreche, ein ipad kaufe und es dann doch kein wlan gibt, weil das objekt was verwechselt.
aber zuerst muss ich erfahren, ob ich das objekt nun öfter mal besuchen darf.  was ein harter kampf werden könnte, da ich mich hier mit der gespielin, aber auch mit dem luxus-mann arrangieren muss.

als ich gehe, bin ich nichtsdestoweniger überglücklich.


Kommentare:

  1. Dss klingt um Welten besser als die letzten Posts über ihn denken lassen haben.
    Es freut mich so für Dich, wirklich!!

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    1. ich war wirklich überrascht. nach den erzählungen der anderen hatte ich mir auch was anderes vorgestellt.

      jut, das erscheinungsbild war natürlich ein schock. von dem sommersprossigen 1,90 m-testosteronbrocken sind geschätzte sehr bleiche 50 kg übrig. der hat beinchen wie ich oberarme. alle muckis weg. der hat so wenig kraft, der konnte kaum husten.
      auch das sprechen ist super mühselig und ich musste mich mega anstrengen, um auch nur die hälfte zu verstehen.

      trotzdem war ich enorm positiv überrascht, dass er arme und hände so gut steuern kann. ich hatte ja doku schon sht-patienten gesehen, die da mit verzerrtem gesichtsausdruck und total verkrampften fingern im rolli saßen. das ist nicht der fall.

      das erstaunlichste war aber sein vertrauen. er hat ja schon immer gern und viel berührt und umarmt, aber das ist sogar noch stärker geworden. und es war eigentlich wie immer, ich hab mich hinterher wie mit zuneigung aufgeladen gefühlt. ich hoffe, er sich auch.

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  2. Gut gemacht - richtig richtig gut gemacht.
    Freut mich sehr für dich :)

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    1. oh ja. :) jetzt muss ich es nur schaffen, dass ich wieder hin darf...

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  3. Auch das wird werden - ich drück dir die Daumen
    Schön zu lesen, dass das was zwischen euch war immer noch da ist

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    1. ja. nicht mal ein schweres schädel-hirn-trauma kann das anscheinend killen.
      obwohl ich mir gerade ein bisschen vorkomme wie joel in "eternal sunshine of a spotless mind", als er clementine in der buchhandlung trifft.

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  4. Ich freu mich so sehr für dich, für euch und wünsche ihm Fortschritte auf seinem Genesungsweg.
    Und ich bin unheimlich gerührt vom Lesen und habe einen ganz dicken Kloss im Hals

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    1. danke. ich bin auch 48 stunden immer noch emotional voll von dem erlebnis.

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  5. Sehr schön. Weißt du ob er sich alles merken kann? Oder müsstest du beim nächsten Besuch wieder von vorne anfangen?

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    1. das ist natürlich auch meine sorge. seine mama, mit der ich gestern wieder telefoniert habe, weil sie wissen wollte, wie der besuch war, meinte, "dann wollen wir mal schauen, ob von deinem besuch was hängengeblieben ist oder ob er bloß wieder das ereignis genossen hat." das ist auch gewissermaßen das maß, an dem ich gemessen werde - zeigt mein besuch erfolg (=erinnerung), bin ich weiterhin erwünscht. einen gefallen tun wird mir keiner.

      ich weiß also nicht, ob er sich beim nächsten mal noch an mich und meinen besuch erinnern kann, insbesondere, wenn der abstand zum nächsten mal (sofern ich das überhaupt machen darf!) sehr groß ist. sein kurzgedächtnis ist ja gewissermaßen tot. ich hab somit natürlich ungleich schwerere bedingungen als die gespielin, die einfach jeden tag um ihn rum sein darf. ich kann mich nicht einprägen. wiederholung ist ja der schlüssel zum langzeitgedächtnis.

      ich habe die frage auch t. im vorfeld gestellt, der meinte, es sei NICHT so wie bei täglich grüßt das murmeltier. aber genaues konnte er mir auch nicht sagen, er kann nur von sich ausgehen und an ihn konnte sich das objekt sofort erinnern, weil sie sich schon von kindheit an kennen.

      ich war leider auch ein bisschen blöd. ich hätte ihm ein bild oder sowas von mir mitbringen sollen. ich hatte nur unsere musik und ein hörbuch, das ihm mal viel bedeutet hat, dabei. das muss ihm dann aber erst wieder ein pfleger vorspielen. ein bild hätte er vor augen gehabt und es am nächsten tag auch wieder gesehen, falls die gespielin es nicht entsorgt.

      ich habe mir gedacht, ich werde ihm mal eine dvd mit videos machen (er hat da einen dvd-player auf dem zimmer). er wollte z.b. meine wohnung noch mal sehen, ob er sich daran erinnern kann, dass er da mal war.

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  6. uff.

    zum glueck habe ich heute homeoffice, sonst wuerde ich gerade heulend im buero sitzen.

    Eure geschichte ist wirklich wie ein roman.

    es ist toll, dass Ihr exklusivzeit miteinander haben konntet.

    das hoert sich wirklich alles viel optimistischer an, als befuerchtet.

    hoffentlich findet Ihr alle einen weg, Euch miteinander zu arrangieren. ich wuensche es Euch sehr.

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  7. Ich finde es sehr mutig von dir, dass du dir ein Herz gefasst hast sofort, nachdem du von seinem Unglück erfahren hast alles in die Wege zu leiten, damit du ihn sehen kannst, trotz Funkstille und der Gespielin.

    Ich hoffe das es dir Besser geht, nachdem du ihn gesehen hast.

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    1. ich bin tatsächlich kein mensch, der sich leicht damit tut, auf fremde zuzugehen, und der auch ziemlich viel angst vor ablehnung hat. dass ich da über meine schatten gesprungen bin, darauf bin ich auch durchaus ein bisschen stolz.

      ich bin sehr froh, dass ich ihn sehen konnte.

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  8. UFF! Da fällt mir ein Riesenstein vom Herzen. Das klingt doch sehr warm, sehr persönlich, sehr verbunden, sehr … hoffnungsvoll, so schlimm alles auch ist. Ich hatte nach Deinen Schilderungen viel, viel Schlimmeres erwartet. Wobei, ehrlich, "gut, gut" natürlich auch schlimm ist, wenn man den Menschen vorher ganz anders gekannt hat. Und das ist schrecklich und schrecklich traurig. Aber wenn es jetzt so ist, wie es ist, und es dem Objekt gut tut, und Dir irgendwie auch … <3.
    LGC

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    1. das mit dem sprechen klappt leider nicht so gut. durch die schluckstörung und die künstliche ernährung hat er kein gesichtsmuskulatur mehr, die beim sprechen unterstützt. das isoliert ihn auch - mit den anderen patienten spricht er nie, weil er weiß, die verstehen ihn eh nicht. ich persönlich finde, es geht so, man muss sich aber sehr stark konzentieren. es ist für den gesprächspartner ähnlich anstrengend wie für ihn. ich musste ein paar mal was nachfragen, weil ich es nicht verstanden hatte, was mir sehr unangenehm war, weil ich wusste, dass er sich dafür schämt. aber wir haben uns insgesamt ganz wacker geschlagen. es war ein richtig schöner und guter nachmittag.

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  9. offenbar war mein besuch erfolgreich - ich darf wiederkommen!!! :) :) :)

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    1. Schreibe hier fast nie, aber das freut mich sehr für dich. Und für das Objekt, denn der kann ganz bestimmt jedes Quentchen Zuwendung gebrauchen. Der arme Mann!

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  10. Super!!!!!
    Freut mich sehr für dich - fühl dich bitte mal fest umarmt :)

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    1. ich bin so ultra erleichtert.
      und ja, umarmungen werden immer gern genommen. in rauen mengen. ;)

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