Freitag, 1. Dezember 2023

komm näher und bleib mir fern

im zuge der adhs-diagnose habe ich viel über mein näheproblem nachgedacht, das nun plötzlich irgendwo eine erklärung bekommen hat.

wenn ich in die erinnerungen hinabsteige, zeigte sich mein spezielles muster schon in der allerersten langen beziehung mit meiner großen jugendliebe. diese immerhin 2,5-jährige partnerschaft war von großen, romantischen gefühlen und sexueller attraktion geprägt. dennoch hielt ich mir immer zwei, drei andere vertreter männlichen geschlechts warm, für den fall der fälle. ich ging nicht fremd, aber ich traf mich mit diesen kerlen und flirtete ein wenig. das berühmte hintertürchen - hätte, wäre, könnte, und das alles in sehr spannend.

auch in späteren beziehungen trat das hintertürchen-verhalten zutage. frisch in hamburg hatte ich natürlich noch keinen großen verehrerkreis in petto. zumal lebte ich nicht mehr alleine. aber in der heimat wartete ein grüppchen nicht ganz uninteressierter kerle auf mich. die zeit zwischen den heimaturlauben vertrieb ich mir mit träumen - je schlechter die beziehung lief, desto intensiver. als es schließlich zu ende ging, war ich - trotz allgemeiner einsamkeit in der fremden, wenig freundlichen stadt und einer äußerst prekären finanziellen situation - unglaublich froh, meine freiheit wiederzuhaben.

das gegenteil passierte mir mit dem objekt. hier war ein mensch, der wollte, dass ich ihm auf intensive weise nahe kam - aber nicht, dass ich bei ihm blieb. was bei mir paradoxerweise sowas wie vertrauen auslöste. das objekt und ich sahen uns phasenweise sehr regelmäßig etwa zwei- bis dreimal pro woche wie ein normales paar, aber wir hielten besagte distanz in einer art unausgesprochenem gegenseitigen einverständnis. dazu gehörte regelmäßiges fremdvögeln und bisweilen mehrere wochen funkstille. ich könnte mir mit dem heutigen wissen vorstellen, dass auch das objekt ein schwerer fall von adhs war. (man könnte es natürlich einfach zum arschloch stempeln, aber dann bin ich eben auch eines.)

der schlüssel, warum ich an diesem liebeskonstrukt über fünf jahre hinweg festhielt: ich kenne ambivalente, schwankende liebe aus dem elternhaus.

die liebe meiner eltern war einerseits an knallharte bedingungen geknüpft (leistungleistungleistung), andererseits an launenhaftigkeit (= psychische tagesverfassung meiner mutter). damit war sie zum einen theoretisch grundsätzlich nicht unerreichbar, ich musste nur möglichst perfekt sein. aber dann war sie auch häufig plötzlich wieder weg - meist ohne dass ich so genau wusste, warum. an rätselhafter verstimmtheit, außergewöhhlicher kälte und manchmal auch wutausbrüchen mit physischen sowie psychischen bestrafungsaktionen merkte ich: ich hatte offenbar einen fehler gemacht. dann musste ich tage- und wochenlang raten, welchen und wie ich ihn wieder gutmachen konnte. 

auch wenn es so grundsätzlich nie langweilig wurde, weil man täglich sowohl in sachen gut-sein als auch in hinblick auf hellsichtigkeit bis ans limit gefordert wurde, war es gefährlich. es impliziert -  aufgrund der naturgegebenen abhängigkeit des kindes von seinen eltern - beständige gefahr, hilflosigkeit und ausgeliefertsein. also habe ich mir das einzig logisch richtige angewöhnt, wenn es um liebe geht: ich liefere mich nicht mehr aus, sondern gehe beziehungen nur bis zu dem grad ein, an dem ich mich ohne große emotionale oder materielle verluste noch einfach zurückziehen und das ganze beenden kann. somit kam mir das objektive nicht-beziehungsmuster - obwohl ich es in seinen rückzugsphasen teils stark vermisste (die sehnsucht nach erfüllender liebe ist ja dennoch da) - irgendwo sehr gelegen. es war anstrengend, aber prinzipiell ungefährlich und erlaubte vertrauen in einem vergleichsweise hohen ausmaß.

im augenblick führe ich die längste beziehung meines lebens. bald sind es acht jahre. ich kann mir derzeit nicht vorstellen, wie es wäre, würde es den luxus-mann nicht mehr geben. da sind gewachsenes vertrauen, eine nach wie vor insgesamt erfüllende sexualität und eine tolle kommunikation. ich habe selbst wahnsinnig viel dazugelernt. unter anderem, dass man beim streiten nicht einschnappen und sich zurückziehen sollte wie meine mutter, sondern die dinge besprechen kann und - sehr wichtig - dabei frieden einkehrt. und dass es punkte gibt, an denen man zwar uneinig bleibt, aber trotzdem weitermachen kann - weil der andere herrlich entwaffnend ist, humor hat und sich selbst nicht zu wichtig nimmt, sondern sich seiner marotten ebenfalls größtenteils bewusst ist.

gleichzeitig habe ich ein arsenal an plänen, was ich ohne den luxus-mann machen würde. passend dazu führe ich mir regelmäßig vor augen, was alles gegen eine gemeinsame zukunft spricht. besonders gruselig: mein inneres gedankenbild von luxus-mann ist hässlicher als die realität. manchmal bin ich regelrecht überrascht, wie attraktiv der luxus-mann aussieht, wenn ich ihn ansehe. das ging mir auch in früheren beziehungen manchmal so. es funktioniert m.e. ähnlich wie eine körperschemastörung, nur auf andere bezogen.

obwohl der luxus-mann ein distanzierter und kühler mensch ist, schmiedet er bisweilen bezaubernde pläne, wo und wie wir zusammen leben könnten. manchmal spinne ich mit ihm diese ideen mit. aber in mir ist ein ja und ein nein. ich weiß, dass das nein am ende wahrscheinlich gewinnen wird. egal, wie sehr ich gerne ja sagen würde.

2 Kommentare:

  1. Du hast das, was sich jeder Mensch wünscht und es ist dir immer noch nicht gut genug? 🤔
    Ich verstehe dich nicht.

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    1. keine ahnung, ob sich jeder mensch eine konventionelle beziehung wünscht. da gibt es ja eine vielzahl an formen von liebe.
      ich habe nicht, was ich mir wünsche, da ich es mir verweigere. das ist der knackpunkt. und selbst wenn ich es mir erlauben könnte, wüsste ich nicht, ob ich es ertrage.

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