Dienstag, 23. Dezember 2025

a little self love

meine jahresbilanzen sind traditionell tiefschwarz. mit blick auf gesellschaft, umwelt und geopolitische zukunft hat sich das auch 2025 nicht verändert: eine regierungsunfähige regierung aus korrupten maulhelden, eine ethisch verwahrlosende gesellschaft, ständig irgendwo krieg wegen ungebumsten weißen alten männern, und dazu co2-emissionen auf neuem rekordhoch (und falls hier gleich der anklage-zeigefinder richtung asien kommt: china und indien sind die länder, die ihre emissionen am stärksten senken konnten).

nach außen schauen kann man also nicht, ohne mit 100%iger sicherheit zu wissen: alles ist lost, und es wird noch unvollstellbar viel schlimmer werden.

also lassen wir das einfach sein. es führt sowieso zu nichts.

was mich selbst betrifft, muss ich diesmal allerdings anerkennend nicken: dieses jahr hat mich über die maßen gefordert mit schwerwiegendsten problemen - beruflich, familiär, gesundheitlich - und das alles auf einmal. aber ich habe bestanden. 

ich mache - stand jetzt - offenbar einen guten job. mein chef ist zufrieden mit mir, mein team findet mich in ordnung und meine direkte vorgesetzte mag mich sogar richtig gerne. mein vater ist in seinem heim nicht glücklich, aber best- und nächstmöglich aufgehoben, was auch meiner mutter dankbarkeit abringt.

ich bin tatsächlich ein bisschen stolz, das gewuppt zu haben. hab ich gut gemacht, doch. das alles hätte nicht jeder geschafft - vor allem nicht so komplett im alleingang, ohne vitamin b, gutes zureden oder eine helfende hand von freunden und bekannten. natürlich ist da stets die kleine, fiese mecker-stimme im hinterkopf, die beispielsweise nöhlt: warum warst du so dämlich und hast dich mit diesem kleinen gehalt abspeisen lassen! aber diese stimme hat ja immer das maul auf.

als ich kürzlich beim quartals-check bei meiner psychiaterin war, sagte diese grinsend zur begrüßung: "na, die stimmung ist aber gut! sie sitzen schon ganz anders als sonst!" später zuhause horchte ich dann in mich hinein und stellte fest, dass ich mich in der tat innerlich ruhiger fühlte als die monate zuvor, dass ich abends ohne den angstvollen gedankenkreisel einschlafe. was auch immer, wie auch immer: vielleicht habe ich etwas dazugelernt, und das meine ich nicht kognitiv, sondern emotional.

und noch etwas emotional kurioses geht gerade in mir vor: ich freue mich auf weihnachten! vorfreude ist ein gefühl, das ich schon seit ewigkeiten nicht mehr hatte - erst recht nicht wegen so eines banalen fress- und konsumereignisses. das ist ein echtes kleines wunder. 

mir ist bewusst, dass ich derzeit in einer blase sitze, die ich als problempause bezeichnen würde. ab januar droht ein deutliches plus an beruflichem stress, niemand weiß zudem, wie schnell es mit meinem vater weiter bergab geht, oder ob als nächstes meiner mutter etwas schlimmes passiert. ich weiß auch nicht, wie sich meine herzerkrankung entwickeln oder ob die luxus-beziehung weiter bestehen wird. auch ist ungewiss, ob und wann mein schizo-nachbar wieder mordpläne ausheckt oder vielleicht das haus abfackelt.

aber ich habe gerade ausnahmsweise mal keine angst. ich glaube, nein, ich habe das naive gefühl, ich packe das irgendwie, auch ganz alleine - und werde es noch nicht mal total schlecht machen. das ist recht neu für mich. aber durchaus sehr schön und beruhigend.

haben sie das bestmögliche weihnachtsfest. am besten mit einer portion selbstliebe, notfalls auch im alleingang.

am besten geht´s mit etwas gemütlicher weihnachtsmusik.


 

Dienstag, 16. Dezember 2025

skandalös und ungehemmt: medien schreiben uns und sich in grund und boden

schlagzeilen mit negativem wording erhalten erwiesenermaßen mehr klicks als neutrale oder positiv formulierte überschriften. besonders perfide: sie wirken sogar, wenn wir es eigentlich besser wissen

das ist eine medienpsychologische tatsache, die hemmungslos zur vermarktung ausgeschlachtet wird. stichwort: clickbaiting. (wer soeben auf diesen artikel geklickt hat: q.e.d.)

ob snobistisch-seriöse tageszeitung oder schmierblatt für unbumsbare klappspaten: fast alle medien machen mit - mehr oder weniger dezent. 

  • "deutschland in gefahr" (stern.de, 8.12.2025)
  • "kinder sehen auf social media schlimmste gewalt und pornografie" (spiegel.de, 10.12.2025)
  • "verletzt, gefallen - betrogen: putins dreister verrat an seinen kriegshelden" (bild.de, 10.12.2025)

besonders liebe ich artikel, die mit einer negativ-schlagzeile wie "militärexperte sicher: putin plant 2026 militärischen überfall auf deutschland" beginnnen - und dann erst im verlauf des textes ganz langsam aufrollen, dass 92 andere militärexperten ganz andere thesen vertreten und ein krieg 2026 in deutschland doch nicht besonders wahrscheinlich ist. ich kenne genügend menschen, die keine ganzen artikel lesen, sondern nur headlines und teaser scannen. für diese hat ein solcher beitrag eine ähnliche wirkung wie fake news.

schon seit jahren lese ich aktiv weg, wenn mir angsteinflösende und deprimierende headlines ins gesicht springen. ich merke jedes mal, wie sie meine gefühlswelt manipulieren - und die maus kurz klickgeil über dem link schwebt. dann muss ich erst mal blockatmen und ganz bewusst das browserfenster schließen.

allgemein klagen traditionelle medien gerne über den verlust der eigenen bedeutsamkeit. fakt jedoch ist: wenn diese medien ihr niveau und ihre glaubwürdigkeit dank clickbaiting auf social-media-kellertiefe herunterfahren, wird es irgendwann schwierig. der erkenntnisgewinn durch einen zeitungsartikel liegt dann gleichauf mit dem privaten meINungsFrEiheit!111!!!-schwurbler-kampf-post von karl-heinz9863_forever_ungeimpft auf facebook. manchmal sogar inklusive der fehlerhaften orthografie.

neben der generierung besagter negativer emotionen und einstellungen beim individu(u)m(m) sägen medien dadurch gleichzeitig am stuhlbein der demokratie - denn sie sind das vermutlich wichtigste sprachrohr für politische akteure und entscheider. durch das evozieren eines unverhältnismäßig negativen stimmungsbildes tragen sie indirekt zu politikverdrossenheit bei - und möglicherweise sogar dazu, dass bürger ihre stimme eher an extreme parteien geben. so scheint es mir zumindest - und auch dem einen oder anderen aus meinem sozialen umfeld.

das bedeutet nicht, dass ich möchte, dass in der presse beschönigt und gelogen wird. aber clickbaiting mit negativ-schlagzeilen halte ich nicht nur für unethisch und psychologisch bedenklich, sondern für politisch brandgefährlich. es wirkt gesellschaftlich und politisch destabilisierend, indem man insbesondere weniger differenziert denkenden menschen einen vollkommen verqueren eindruck der realität vermittelt.

und weil sie hier jetzt wieder so viel negativen scheiß lesen mussten, können sie zum ausgleich einen kleinen pinguin ärgern.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

weihnachtsurlaub für vaddi

am telefon erzählt vaddi von seiner weihnachtsfeier im heim - und dem grusligen kinderchor, der dort für die senioren zur unterhaltung aufgefahren wurde.
"gab´s wenigstens glühwein", will ich wissen. "so zum schöntrinken."
"jaja" sagt vaddi teilnahmslos.
"richtig, mit umdrehungen, oder nur kinderpunsch?"
"nee nee, schon richtigen..."
 
"was ist denn, du klingst so komisch", sage ich.
"also weihnachten will ich schon gern zuhause sein", äußert vaddi seinen immerwährenden wunsch.
"und wie haste dir das so praktisch vorgestellt?" frage ich.
"ich nehme mir einfach urlaub für ein paar tage", sagt vaddi - so, als arbeite er noch. "und dann schreiben die uns die kosten für das zimmer gut", führt er weiter aus.
 
"naja, ich meinte eher so praktisch", setze ich noch mal an. "du kannst im haus nicht im rollstuhl fahren und es sind 16 treppen bis ins schlafzimmer."
"das trau ich mir schon zu", behauptet vaddi.
"zutrauen ist nett, aber das muss vor allem in der realität funktionieren", sage ich. "und du brauchst dann ja auch bspw. einen ambulanten pflegedienst. ich glaube kaum, dass wir das in den paar tagen noch organisiert bekämen."
"das macht nichts. ich kann mich auch mal allein anziehen", findet vaddi.
"es muss dich ja aber jemand wickeln und waschen", gebe ich zu bedenken. 
"das kann ja deine mutter machen", ist vaddi flott beim aufgabenverteilen. 
"da wird sie sich aber bedanken."
 "ja, und wenn das alles klappt, dann können wir das ja auch in zukunft so machen: dass ich immer ein paar tage zuhause bin und dann mal wieder eine nacht im heim schlafe", plant vaddi fröhlich weiter. 
 
in der tat sehe ich weihnachten und silvester aktuell als emotional kritischen punkt. meine mutter erwägt selbst, meinen vater für einen tag nachhause zu holen: zusammen essen und kaffee trinken, und danach mit dem taxi zurück zum heim.
"und was machen wir, wenn er sich weigert?" will ich wissen. "man kann ja schwer sagen, was so ein ausflug nachhause bei ihm auslöst. er ist zwar dement, aber noch nicht entmündigt oder so. ich glaube kaum, dass wir dann die polizei rufen können - und die ihn zurückbringen."
"stimmt, da könntest du recht haben!"
"vielleicht sollten wir lieber an einem neutralen ort was zusammen machen... wo wir dann gemeinsam aufstehen und gehen? ihr seid doch oft in diesem einen restaurant gewesen... die erhöhte toilettensitze haben... das ging doch bis zuletzt, hast du immer gesagt?"
"du kannst mit deinem vater in kein restaurant mehr, der saut alles voll und schmeißt das halbe essen unter den tisch. da müsste man schon eine plastikplane um ihn herum drapieren!" 
 
nicht weniger schwierig als weihnachten stelle ich mir silvester vor. letztes jahr dachte ich noch, schlimmer kann der jahreswechsel nicht werden - aber so mit vaddi im heim wird dieses jahr sicherlich  eine ähnlich harte herausforderung. 
 
hat jemand tipps oder erfahrungen, wie man solche kritischen tage mit einem pflegefall ohne größere kollateralschäden übersteht?

Mittwoch, 3. Dezember 2025

anti-kuss-theorie

7 uhr morgens. ich stehe neben dem luxus-mann im bad und habe gerade zähne geputzt. der luxus-mann posiert anregend nackt vor dem spiegel und versucht, seine frise zu bändigen.

ich beuge mich zu ihm und küsse seine schulter. dann ein bisschen tiefer. dann die andere schulter. und schließlich noch die wange.

"ey, nicht so vollbaddeln", wehrt sich der luxus-mann. 

"du bist echt der einzige mann, den ich kenne, der küsse hasst", sage ich lachend.

"das stimmt doch gar nicht!" behauptet der luxus-mann.

nein? denke ich kurz. findet er küsschen inzwischen etwa doch ok? 

"kein mann mag das! die meisten lassen das so über sich ergehen, damit die frau zufrieden ist", schließt der luxus-mann seine anti-kuss-argumentation. "aber wirklich gut finden männer das nicht!"

hm. wie gut, dass ich auch andere kerle kenne... 

Freitag, 28. November 2025

über alle dimensionen

neben dem luxus-mann wohnt eine junge familie. der sohn ist ein renitenter bengel von etwa drei jahren und brüllt sich 24/7 die seele aus dem leib. der vaddi ist ebenfalls mit sehr durchdringender stimme gesegnet und fungiert klassisch als versorger. man hört ihn den halben tag lauthals krakeelend im homeoffice telefonieren. und dann ist da noch mutti, eine dünne, freundliche und recht überfordert wirkende frau, die seit geburt ihres nervtötenden balgs ein eher unscheinbares hausfrauen-dasein fristet.

in der regel klingelt es mehrmals am tag bei besagten nachbarn. flink oder wolt bringen einkäufe, das abendessen lieferando oder uber. darüber hinaus kommen täglich dhl, dpd, hermes und gls und liefern pakete. die papiertonne befüllt die nachbars-famlie quasi komplett im alleingang.

drückt einer der boten die klingel, plärrt vaddi durch treppenhaus: "dritter stoooo-hock!!" so, als wären die lieferanten ein bisschen plemplem und verliefen sich in einem 7-parteien-haus. vermutlich meint er es nett, effizienzsteigend und / oder orientierungsweisend. "vertriebler halt" grunzt der luxus-mann jedesmal abfällig, der das ganze komplett übergriffig findet. "ständig müssen die sich wichtig machen, sogar bei einem paketboten!"

diese woche begab es sich, dass amazon bei uns klingelte. ich drückte den summer und linste in den flur. nebenan öffnete gleichzeitig die nachbars-mutti die tür. 

"na, bekommst du auch ein päckchen", fragte sie mich so freundlich wie immer.
"ja", antwortete ich wahnsinnig konversationsstark.
"ich weiß gar nicht, was ich da wieder bestellt habe", sagte die mutti und schaute verwirrt, während es auf der treppe laut polterte - gerade so, als käme der weihnachtsmann mit kutsche und rentieren angetrabt. 
 
und tatsächlich eröffnete sich mir eine absurde szene: zwei amazon-boten wuchteten eine art faltbaren container die treppen hoch. so etwas hatte ich noch nie gesehen. der container war so riesig, dass er nicht in unseren kleinen gläsernen aufzug gepasst hatte. 
 
in dem container befanden sich sieben pakete und mehrere tüten, die die boten allesamt der mutti vor die füße warfen. ich hingegen bekam ein winzig kleines päckchen überreicht - eine tintenpatrone.
 
"bis morgen", sagte der amazon-bote zu mutti, die hilflos und konsterniert auf den pakethaufen starrte. ja, was hatte sie da bloß wieder alles bestellt?
 
"tschüß", sagte ich höflich und schloss die behutsam die tür, während ich dachte: bis morgen, wenn die paketboten drüben wahrscheinlich wieder fünfmal klingeln.
 
dann holte ich ganz schnell unsere kleine altpapiertüte und rannte hinunter zur papiertonne - denn die würde spätestens am abend wieder total überquellen.