Sonntag, 8. Januar 2017

verlangen und vermissen

"ich glaube, wenn wir uns mal trennen, werden wir keinen kontakt mehr haben", sagt der luxus-mann gestern.
"hä? warum? du hast doch immer gesagt, wir verstehen uns so gut, dass wir es vielleicht sogar schaffen, nach unserer trennung immer noch was zusammen zu machen."
"ich glaube inzwischen, dass du dein rumgeficke vermisst und dass du nach einer trennung sofort ständig mit anderen poppen würdest, weil dir das hier sowieso nicht genügt."
ich bin perplex.
"wie kommst du drauf, dass mir zwei- bis dreimal täglich sex zu wenig ist?"
"weil du trotzdem was vermisst."

ich fühle mich ein wenig ertappt, weil ich derzeit tatsächlich wieder ab und an an das objekt denke und mir manchmal seine zärtlichkeit und intuition wünsche. also frage ich:
"woran machst du das fest, dass mir was fehlen könnte?"
"ich weiß nicht... ich finde es unheimlich komplex, welche zusammenhänge sex bei dir hat", grübelt der luxus-mann. "du fickst ja nicht nur aus dem körperlichen bedürfnis heraus."
"stimmt. ich ficke auch, um zu kommunizieren, um mich zu entspannen, wenn mir langweilig ist oder ich wütend bin... und weil ich es genieße, dich so nah bei mir beziehungsweise in mir zu haben. aber das ist doch recht normal."
"das ist so ein weiber-ding. ficken als austausch für nähe."
"warum hast du denn dann sex?"
"na weil ich geil bin."
"aber die geilheit kann sich doch durch unterschiedliche kontexte aufbauen. das ist doch häufig viel mehr als ein spontan stehender schwanz."
"naja, nur der schwanz ist es nicht. der kopf will dann ja auch eine frau anfassen. titten, muschi, arsch."
"du fasst aber nicht viel an. also die muschi schon, aber nicht viel anderes."
"das ist unterschiedlich."
"also liegt es an mir. weil du mich nicht hübsch genug findest."
"neeeeiiiiin."

wir schweigen, ich, weil ich mich wieder mal hässlich und deplatziert fühle, der luxus-mann, weil das gespräch offenbar in eine falsche richtung geht.
"ich denke, das hat halt mit deinem missbrauch zu tun", sagt er dann.
"wie meinst du das?"
"dass du so leicht zu haben bist."
"nein, das alleine ist es nicht. ich hab zwar als siebenjährige damit gelernt, worauf es bei männern ankommt - zumindest habe ich das lange geglaubt und es diente mir oft als erklärung für die mangelnde liebe, die mir männer entgegenbringen. aber dass ich sex als wertfreie spielerei empfinde und von dem menschen, mit dem ich ihn habe, vollkommen entkoppeln kann, hat eher was mit geringer selbstachtung zu tun. und die hat was mit meiner erziehung zu tun. wenn du vorwiegend von einer person beeinflusst wirst, die sich selbst nicht achtet und sich deshalb höchst launisch und irrational verhält, kannst du kein selbstvertrauen und auch kein vertrauen aufbauen. zusammen mit dem trauma... hat es mich zu dem gemacht, was ich bin oder zumindest lange zeit war, also in deinen augen eine schlampe."

"jedenfalls glaube ich nicht, dass du mit einem stino eine beziehung haben könntest."
"warum? hatte ich schon."
"die kommen damit aber nicht klar."
"manche nicht, andere schon, ich denke, das kann man nicht mit der bezeichung stino über einen kamm scheren. ich habe mit meiner lebensart und denkweise bei stinos sowohl eifersucht als auch begeisterung ausgelöst."
"also bin ich auch ein stino?"
"ein bisschen vielleicht. jedenfalls bejahst du bis zu einem gewissen grad konventionelle lebensformen, die ich ablehne."
"naja, da ist wohl was dran."

wir sitzen da und ich fühle mich sehr weit weg, fast schon getrennt, und frage mich, ob das alles dann sinn macht, und wohin ich mich dann noch wenden kann mit meiner sehnsucht, die sich durchaus auf den luxus-mann projiziert, aber eben auch mit dem langanhaltenden mangel in der vergangenheit gelernt hat, sich alternativen quellen potenzieller zuneigung zuzuwenden.

"ich habe so eine sehnsucht in mir, die aber immer noch hoffnung ist", sage ich. "ich hoffe immer noch drauf, dass ich eines tages wirklich geliebt werde und selbst so lieben darf, wie ich mir das wünsche."
"kann ich mir nicht vorstellen", sagt der luxus-mann nüchtern.
"ja, wahrscheinlich eine illusion", sage ich. "aber in meiner traumwelt gibt es das. und solange ich diese traumwelt im kopf habe, brauche ich die realität auch nicht zwingend."
"jetzt bist du wieder unlogisch."
"nein. ich brauche nur einen gegenstand, auf den sich meine hoffnung konzentrieren kann, auch wenn die hoffnung illusorisch ist. ich kann dann ganz tief abtauchen, so tief, dass ich überhaupt nicht mehr merke, was um mich herum ist."
"das kenne ich sogar, das geht mir ähnlich", erwidert der luxus-mann. "so in deinem alter hat es mir auch oftmals genügt, auf dem bett zu liegen und mich mithilfe meiner musik so aus der realität zu verabschieden. oder dann mit drogen. und jeden freitag habe ich mich in einer kneipe komplett weggeschossen."
"wenn du besoffen bist, bist du auch ganz süß."
"ja, ich weiß, da lieben mich die frauen, weil ich dann so aufmache."
"ist in der tat so."
"du bist besoffen genauso verschlossen wie sonst."
"weil ich dann in der regel noch mehr abtauche."
"deswegen finde ich es auch nicht gut, dass du tabletten nimmst."
"die helfen mir ja, mit der realität besser klarzukommen und nicht mehr so viel abtauchen zu müssen."
der luxus-mann guckt wieder sehr skeptisch und ich fühle mich hilflos und einsam.

später liegen wir nebeneinander im bett und sehen einen film, und obwohl ich meine nase in die achsel den luxus-mannes presse, spüre ich die kluft, die das gespräch zwischen uns gerissen hat.



Kommentare:

  1. Hmmmm, so schwer die "richtigen" Worte zu finden.

    Ich kenne diese Sehnsucht aus wohl ähnlichen Gründen und Vorgeschichte und weiß, wie sehr diese "Suche", die Hoffnung unterstützen kann. Und doch bleibt sie erfolglos, bis, bis man sie sich selbst geben kann (lernend und dürfend). Damit ist bei mir der ständige Drang nach Suche verblasst.

    Immer dann, wenn es mir schlecht geht kommt er wieder- alte Verhaltensmuster die durchbrochen werden wollen...

    Die gefühlte Kluft ist gefühlt und vielleicht auch von der Kritikerin, die immer alles zerredet und auf hoffnungslos setzt, schau/horch genau hin ;) und fühl Dich feste umarmt.

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    1. wir zerreden ja beide. und hoffnungslos bin ich nicht. der luxus-mann redet immer von trennung. ich nicht.

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    1. witch house ist sehr interessantes genre. vieles davon mag ich nicht, ist mir zu verschwurbelt, aber einiges ist echt gut. black ceiling mag ich auch recht gern.

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  3. ich wuerde ja vermuten, dass sich das weit weg nur so anfuehlt... und es das auch ab und an getan haette, wenn mit dem objekt da mal mehr alltag gewesen waere. aber das ist natuerlich vermutung.

    ich frage mich ja auch oft, was eigentlich gewesen waere wenn, oder wenn nicht ...

    (sich jemandem jederzeit sehr nah zu fuehlen, finde ich ganz spontan aber auch eher schraeg)

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    1. klar wäre das mit dem objekt ganz ähnlich gewesen. ich hatte ja auch schon emotionalere männer, da war teils viel abstand drin. man will halt nur immer das, was man nicht hat. mit dem objekt hätte ich mir jemand beständiges und zuverlässiges gewünscht. das hab ich jetzt, allerdings im format gefühlslegastheniker, weshalb ich mir dann wieder das wild-anarchisch-gefühlvolle wünsche, was die zufällig die objektive kernkompetenz war.

      die entfernung kommt gar nicht mal unbedingt so sehr daher, das es keine starke fortwährend emotionale verbindung gibt. sondern eher aus verschiedenheiten und entzweiungen im weltanschaulichen. dazu gehört für den luxus-mann auch meine vögelfreudige vergangenheit.

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