zunächst denke ich, ich träume. aber nein, das festnetz-telefon in luxus-hausen klingelt tatsächlich. bis ich meine schlaftrunkenheit abschüttle und klarer werde, hat sich der luxus-mann schon aufgesetzt und linst richtung uhr: es ist 5:05 uhr.
"da hat sich sicherlich jemand verwählt", sagt der mann.
ich habe plötzlich ein ganz komisches gefühl.
"sollen wir nicht schauen, wer das war?" frage ich.
doch da klingelt das telefon erneut und der luxus-mann hechtet zum hörer.
"ja", sagt er, hört dann ein weilchen zu, und meint schließlich "nein, das macht keinen sinn, außerdem hab ich gerade gar kein auto. ich komm morgen, mit der bahn."
danach legt er auf, schaut in mein fragendes gesicht und sagt: "das war meine mutter. papa ist tot."
"oh", sage ich furchtbar kommunikationsstark. "das tut mir leid."
"naja, ist besser so. war nur noch quälerei, so die letzten wochen und monate. eigentlich hat er nur noch geschlafen."
"und wie geht´s deiner mutter jetzt damit?"
"sie war ganz gefasst. so beim erzählen hat sie ein bisschen gestockt, da kamen ihr wohl die tränen, aber dann war sie wieder normal."
"und jetzt?" frage ich.
"die fahren gleich alle ins krankenhaus, um meinen vater noch mal zu sehen und sich zu verabschieden."
"möchtest du da nicht mit?"
"hat mich meine mutter auch gefragt. aber was hab ich davon? ich will meinen vater lieber lebend in erinnerung behalten."
"naja, vielleicht geht´s gerade gar nicht so sehr darum, was dir das bringt. sondern darum, dass deine familie dich gerne dabei hätte."
"hm. aber das auto ist in der werkstatt, und mit öffis... ich glaub, sonntags fahren da nicht mal busse raus."
das luxus-handy klingelt.
"oh nein, mein bruder", sagt er. "der muss sich jetzt wieder aufspielen."
die unterhaltung ist barsch und schnell beendet.
"wasn los?" will ich wissen, als der luxus-mann aufgelegt hat.
"der spinner meint, er muss mir moralisch kommen", regt sich der mann auf. "er hat die ganze kohle meiner eltern bekommen, und er hatte dafür die aufgabe, sich um meinen vater zu kümmern - und jetzt behauptet er, ich müsse mitkommen und die beerdigung und den ganzen scheiß regeln!"
"das ist jetzt ein eher ungünstiger zeitpunkt, um dinge aufzurechnen", finde ich. "und vielleicht ist dein bruder ja der joker. ruf den noch mal an und frag, ob er dich mit dem auto an der bahn abholt. dann brauchst du keinen bus - und dein bruder hat einen grund weniger, sich weiter aufzuregen."
fünf minuten später haben sich die wogen geglättet - und der luxus-mann hat einen abholservice am bahnhof.
"na los", sage ich. "in 16 minuten fährt eine s-bahn, die schaffst du, wenn du dich beeilst."
"willst du mit?" fragt der luxus-mann.
"wenn du möchtest, begleite ich dich. aber ich denke, so ein abschiednehmen im krankenhaus ist nichts für den großen kreis. das ist meiner erfahrung nach so für die engsten angehörigen. da wäre ich vermutlich eher deplatziert."
"ja, stimmt, das ist wahrscheinlich so. fährst du dann zu dir?"
"ja. ich muss noch einiges für morgen organisieren."
"ok."
dann springt der mann in seine stiefel und eilt richtung s-bahn von dannen.
ich selbst bleibe noch eine weile im bett, kuschle mich in die kissen und beobachte, wie sich die morgensonne durch die schwarzen schweren vorhänge zwängt. wieder ist mir bewusst, dass ein solcher anruf bald auch für mich kommen wird - und dass er mich tief treffen wird. doch ich weiß, ich kann dieses schmerzvolle ereignis nicht vermeiden, ich kann nur versuchen, elegant zu fallen.
irgendwann schüttle ich die trüben gedanken ab, stehe auf und putze zähne. dann schwinge mich aufs rad und mache mich auf den weg in den anbrechenden tag.
"er hat die ganze kohle meiner eltern bekommen, und er hatte dafür die aufgabe, sich um meinen vater zu kümmern - und jetzt behauptet er, ich müsse mitkommen und die beerdigung und den ganzen scheiß regeln!""
AntwortenLöschen... das fängt schonmal nicht gut an.
Gruß Jens
nein, leider nicht. es ist sehr schwierig in dieser familie. insbesondere die beiden brüder haben sehr unter der emotionalen vernachlässigung ihrer eltern und vor allem dem vater gelitten, sodass sie sich jetzt stark an dem messen, was sie materiell erhalten oder nicht erhalten haben. das gefühl, zu kurz gekommen zu sein, ist extrem ausgeprägt bei beiden. die gönnen dem anderen nichts. und auch in der beziehung ist der luxus-mann super empfindlich, wenn es beispielsweise darum geht, einkäufe finanziell zu teilen. ich bezahle meist mehr als er, nur, damit er keinen streit vom zaun bricht - obwohl er vergleichsweise reich ist.
Löschen"das gefühl, zu kurz gekommen zu sein" .... ist recht anstrengend für das gesamte Umfeld. Evtl. hilft Humor, leichter Spott, so im Sinne von Zitaten aus dem Kosakenzipfel-Sketch:
AntwortenLöschenHerr Pröhl: (essend) Vorzüglich! Genau die Hälfte ... (schiebt den mehr als halbgegessenen Kosakenzipfel zu Hoppenstedt)
Herr Hoppenstedt: (leicht indigniert) Na ja...genau die Hälfte...?
Herr Pröhl: (heiter) Also abgewogen habe ich es nicht!
(Alle lachen, außer Hoppenstedt)
Herr Hoppenstedt: Die Hälfte war ausgemacht!
Herr Pröhl: Willst du damit sagen, daß ich dich übervorteilt habe. (Alle lachen, außer Hoppenstedt)
Herr Hoppenstedt: (zieht sich den Teller heran) Neinnein.
Herr Pröhl: Es klang aber so!
Frau Hoppenstedt: Mit seinem Kosakenzipfel versteht Walter keinen Spaß. (Die Damen lachen)
Herr Hoppenstedt: Und wo ist das Zitronencreme-Bällchen?
Herr Pröhl: Vielleicht habe ich es versehentlich verschluckt, mein Gott.
Frau Pröhl: Du hast aber auch wirklich zugelangt, Erich
Herr Hoppenstedt: (entrüstet) Versehentlich!! Es gab nur noch einen Kosakenzipfel, und den wollten wir teilen.
Herr Pröhl: Ja doch.
Frau Hoppenstedt: Nu laß doch, Walter!
Herr Hoppenstedt: ...also auch das Zitronencrcme-Bällchen!
Herr Pröhl: (verunsichert) Dafür habe ich weniger von den Mokka- Trüffeln genommen.
Herr Hoppenstedt: Weniger? Haha! (zeigt drauf) Hier wäre die Hälfte gewesen... wäre!
Herr Pröhl: Wo?
Herr Hoppenstedt: Hier.
Herr Pröhl: Aber diese Hälfte ist dicker sie ist dicker als die, die ich gegessen habe.
Frau Pröhl: Erich!
Herr Hoppenstedt: Du kannst ja gar nicht beurteilen, wie dick die Hälfte war, die nicht mehr da ist!
etc. etc.
Gruß Jens
hehe, ja, loriot hat diese kleinkariertheiten, die aus subjektiv empfundener benachteiligung entstehen, sehr klar erfasst.
Löschenwobei das ja auch den erfolgreichen und nicht benachteiligten passiern kann - dieses gefühl, auch ohne objektive niederlage benachteiligt zu sein und unbedingt macht ausüben zu müssen. peter sloterdijk hat das ja mal schön am beispiel der "selbstbefreiuungsherrscher" im vergleich von mussolini und hitler erfasst - also wie italien den gefühlt "verlorenen sieg" an der seite der alliierten machtpolitisch verarbeitet hat, während deutschland als echter verlierer eine schmach kompensieren musste.
Vor dem Tag graust es mir auch schon... wobei ich ja hier live dabei sein werde.
AntwortenLöschenMan kann sich auch nicht wirklich drauf vorbereiten.
ich weiß immer nicht, was einfacher ist. wenn ichs über einen anruf erfahre, würde ich mich dafür geiseln, nicht dagewesen zu sein. bin ich dabei, würde ich mich vielleicht doch die distanz wünschen.
Löschenman kann emotionen der zukunft nicht wirklich präventiv einordnen und beruhigen, leider. vermutlich wird es uns in jedem erlebniskontext schocken und bewegen.
Es geht mir seit einiger Zeit auch so, obwohl hier eher Alter als Krankheiten eine Rolle spielen und es (noch) keinen Grund zur Besorgnis gibt. Es beschäftigt mich dennoch mehr, als es gut für mich ist.
AntwortenLöschenBei der Story zum Einkaufen habe ich mich heute früh schwer ertappt gefühlt und kurz geschämt. Da war ich auch mal wie der Luxusmann drauf. Das Gefühl ist manchmal noch da, aber ich kann jetzt besser teilen.
in der tat wars beim luxus-vater auch eher altersschwäche. er hatte zwar angina pectoris, das aber schon seit seinen 40ern. damals hatten ihm die ärzte noch zehn jahre gegeben, aber da hat der vater mit seiner rossnatur alle lügen gestraft und ist ganz locker 87 geworden.
Löschenzum ende hin hatte er auch alzheimer, hat mehr oder minder so in seiner welt gelebt und nicht mehr viel gesagt. aber gestorben ist er tatsächlich, weil der körper einfach durch war. die letzten wochen hat er nicht mehr gegessen, sich nicht mehr vom fleck bewegt und kein wort mehr gesprochen. da war einfach ein ganzheitliches, altesbedingtes aufgeben der irdischen hülle. und beileibe, in seinem fall war das reine erlösung.
ich finde es prinzipiell richtig, einkäufe zu teilen, wenn man nicht gleich viel oder gleich hochwertige dinge verzehrt. ich hätte beispielsweise keine lust, jemanden ständig den wein zum essen zu finanzieren, wenn ich selbst keinen trinke. oder: ich trinke bspw. sehr viel kaffee, drei tassen am morgen, der luxus-mann nur eine. da ist es absolut in ordnung, wenn ich dann öfter mal kaffee kaufe. was ich aber nicht mag, ist, wenn wir an der kasse stehen und der luxus-mann schiebt mir was hin und sagt: "das bezahlst du!" so, als ob ich mich sonst permanent drücken würde. das finde ich komplett übergriffig und ist eine indirekte unterstellung.
Das ist doch ein stolzes Alter. Da kann man auch davon ausgehen, dass die Menschen gelebt haben und ich frage mich immer, wie alt möchte man denn am Ende werden. Bei meinen Großeltern habe ich da Distanz gelernt und dann war Tod auch ok, weil sie ebenfalls Ende 80 bzw. über 90 geworden sind.
LöschenSehe ich auch so mit dem Einkaufen. Es ist für ein gemeinsames Essen und was darüber hinausgeht, ist jedem sein eigenes Ding. Bei uns ist es nur unausgewogen, weil ich Alleinverdienerin bin. Das im Kopf hinzukriegen wg. altmodischer Rollenverteilung, war schwierig und dass der andere eben nicht viel hat und ich den Großteil bezahle.
87 ist auf jeden fall gelebt. klar ist das leben als bauer sehr anstrengend und nicht ohne unternehmerische risiken. aber die luxus-familie ist tatsächlich recht reich geworden, sie besitzt einiges an land. es waren also nicht nur entbehrung und arbeit, die konnten die letzten 30 jahre komplett von vermietung und verpachtung leben und trotzdem auch mal ne kreuzfahrt machen.
Löschenfür den anderen mitbezahlen heißt ja bei vielen paaren auch: nicht selbst verzichten zu müssen - auf schön essen gehen oder auf eine teure reise. wir hatten das thema heute beim frühstück. da meinte der luxus-mann doch tatsächlich im brustton der überzeugung, bei paaren, bei denen die frau weniger verdient als der mann, müsse der mann halt mehr bezahlen, damit beide gemeinsam was schönes erleben könnten. ich hab mich fast an meinem brötchen verschluckt. :-D wir hatten nämlich letztes jahr eine lange diskussion, weil wir beide ganz gern noch mal nach amiland reisen würden. dem luxus-mann schwebt dabei jedoch so ein vierwöchiger roadtrip durch den halben kontinent vor - kostenpunkt etwa 6-7 mille. ich hatte am ende abgelehnt, weil mir das zu teuer ist. damit war das thema dann aber komplett auch vom tisch. nix von wegen: dann machen wir halt ein bisschen kürzer, oder nicht so eine weite strecke, oder wir nehmen günstigere hotels. oder am ende gar: wir machen es uns richtig schön und dann streck ich dir halt was vor. nee nee! ;-)
Tatsächlich verzichte ich eher auf was und gebe mein Geld weiter für die Ausgaben, die nötig sind. Bei Urlaub oder Ausflug tue ich mich schon schwer, weil es eben die doppelte Ausgabe wäre und für mich selbst alleine finanziere ich das so gut wie nie.
LöschenAber schon schade, wenn es bei Euch theoretisch funktionieren würde und der Kompromiss fehlt, es vielleicht nur eine Nummer kleiner zu gestalten.
verständlich. man will ja auch nicht "ernährerin" spielen. nur wenn ich was richtig gern machen würde, und der partner auch, dann würde ich ganz genau schauen, was mich mehr beschneidet: verzichten oder in vorleistung zu gehen.
Löschenbeim thema reisen sind wir leider komplett inkompatibel, auch wenn wir gemeinsame ziele hätten. wir haben auch sehr unterschiedliche vorstellungen, was man an diesem ziel dann macht. der luxus-mann will hotel, dickes frühstücksbuffet und gerne wellness, ich finde es viel spannender, in ein air bnb abzusteigen und ganz nah an den menschen zu sein, ihre sprache zu sprechen und authentische dinge wie bspw. kultur dort mitzubekommen. meine art zu reisen ist natürlich auch viel billiger als pauschi-tourismus.