Donnerstag, 14. Februar 2019

valentinstag

ich starte meinen zweiten objekt-besuch. bestes wetter, pünktliche busse und bahnen und überall irgendwas in herzchenform - es ist krass, aber ich habe gute laune.
es soll allerdings noch viel krasser kommen.

als ich das zimmer betrete, weiß das objekt sofort, wer ich bin und dass ich schon mal da war.
ich kann es kaum glauben und freue mich tierisch.
„ich... hatte... erinnerungen... an dich. viele... gute erinnerungen“, strahlt das objekt.

wie beim letzten mal lese ich irgendwann geschichten aus unserer gemeinsamen zeit vor. es sind natürlich auch frivole darunter. als ich eine story vorlese, in der ich dem objekt einen blowjob verpasse, drückt es meine hände:
„ich kann... den blowjob... gerade... richtig spüren.“
ich kichere doof. bestimmt vermisst es das objekt zu ficken. war ich zu offensiv, indem ich auch diese dinge erzähle? auch, wenn sie uns mit ausgemacht haben?
ich frage das objekt.
„nein. das ist... schön. gut gut.“
aber es ist angetriggert, das kann ich spüren.

"ich... habe... eine frage", nuschelt es, als ich fertiggelesen habe.
"alles, was du wissen willst."
"ich... frage... mich... ob das bett... hier... groß genug... für uns beide... ist."
"willst du etwa kuscheln?"
"jaaaaa..."
kann ich dem objekt diesen wunsch abschlagen? nein.

da ich mir auf der anderen seite des gitterbetts selber vorkomme wie ein dämlicher touri beim besuch bei hagenbecks, ziehe ich also die schuhe aus, klettere auf den stuhl und steige über die stäbe.
"guck bitte mal, ob da irgendwelche schläuche sind", sage ich und hebe die decken. "nicht, dass ich dir versehentlich den katheder oder die peg rausfetze."
doch alles geht gut und nach der kurzen klettertour sitze ich neben dem objekt im bett.
es kuschelt sich an mich und hält mich fest.
"hoffentlich kommt jetzt kein pfleger rein", sage ich. "ich weiß nicht, ob das so erlaubt ist in diesem kleinen wackelbettchen."

doch niemand stört und so sitzen wir eine ganze weile einfach da. ab und an murmelt das objekt sein stereotypes "ok. gut gut." und "danke", weil sonst keiner mehr was sagt.
ich mache die augen zu und fühle mich sehr geborgen.
doch ich merke, wie mich das objekt anstarrt. der kopf rattert sichtbar.
„stimmt was nicht“, frage ich beunruhigt.
da schaut mich das objekt aus seinen tiefgrünen augen an.
„ich... liebe... dich“, sagt es.

ich bin völlig perplex. meint es das so oder meint es eher liebhaben?
„du hast mich lieb?“ stelle ich mich erstmal dumm.
das objekt schüttelt den kopf:
„ich... LIEBE... dich!“

ich kriege herzrasen. auf solche geständnisse hatte ich jahrelang gehofft, aber zum jetzigen zeitpunkt trifft es mich aus heiterem himmel.
aber mal langsam.
vielleicht verdreht das objekt ja was.
„ich bin nicht die gespielin“, lasse ich den nächsten testballon steigen.
„du... bist... die morphine“, kann mich das objekt völlig richtig zuordnen.

ok, an der adressatin gibt es also keine zweifel.
aber ich will den satz nicht zu hoch aufhängen. schließlich habe ich gelesen, dass die emotionale kontrolle nach einem sht ziemlich niedrig ist - positiv wie negativ. daher auch die neigung zu wutausbrüchen.
was sage ich jetzt also? irgendwas ehrliches, warmherziges aber auch unverfängliches.
„ich hatte und habe auch ganz viele positive empfindungen für dich“, antworte ich. „auch als du nicht da warst und ich gar nicht wusste, was passiert ist und dass du hier liegst, hat mich immer die gewissheit begleitet, dass du mich irgendwie mit dem herzen festhältst.“

das objekt grinst selig, wird dann aber gleich wieder ernst. "ich... habe... ambi.. valenzen", stottert es.
"ich glaube, ich sollte mal besser wieder raus hier."
"nein."
"ich will dich aber nicht traurig machen."
"du machst... mich... nicht traurig... aber du... verwirrst mich."
es schaut mich mit großen grünen augen an. dann haut es den valentins-burner raus:
"ich... will... mit dir... zusammen sein."

ich kann erstmal nur dumm schauen, da ich einfach sprachlos bin.
ich merke, dass ich jetzt verdammt vorsichtig sein muss.
„ich... habe...“, das objekt ist angestrengt, worte zu finden, „habe... eine... wahl.“
„du musst etwas entscheiden?“
"mit dir... oder... ohne."

das läuft jetzt richtig aus dem ruder hier. ich setze mich energisch auf.
"warte mal! und was ist mit der gespielin? du bist doch glücklich mit ihr."
"ja."
"und du hast mir mal gesagt, du würdest sie nie verlassen, weil du sie nicht verletzen willst."
"ja."
"und ich habe auch einen freund. den ich liebe."
"und... du... liebst den... so... wie mich?"
"man liebt niemanden gleich. du liebst die gespielin auch anders als mich. wir beide sind eben... eher intensive menschen. intensive gefühle haben uns ausgemacht, aber das hat all die jahre nie für eine beziehung gereicht. entweder ich hab einen schritt auf dich zugemacht und du hast dichtgemacht, oder du warst bereit und ich gerade nicht."

"ich... habe... diese erinnerungen... mit dir", sagt das objekt betrübt. "die... sind... so schön."
"aber die tun auch weh, hm?"
"ja."
"das ist normal. das geht mir nicht anders. trotzdem würde ich dir nicht raten, jetzt mit der gespielin schluss zu machen. sie pflegt dich mit und tut und macht und ist dein wichtigster mensch hier. du würdest das bestimmt bereuen."
"ja. ok. gut gut." das objekt guckt mich an wie ein schulkind seine lehrerin und ich hoffe, meine worte sind angekommen.
"du machst dir jetzt gerade einfach zu viele gedanken", fahre ich fort. "es gibt eigentlich gar keine entscheidung zu treffen. du bist mit der gespielin zusammen, ich bin mit meinem freund zusammen, und wir beide sind eben mit dem herzen zusammen. so wird keiner verletzt."

das ist die halbe wahrheit. denn das objekt ist definitiv verletzt, das sehe ich.
"ich... habe... noch eine frage", sagt es.
ich greife seine hände und halte sie fest.
"was denn?"
"wie... komme ich.... hier weg?"

ich wäre jetzt gerne eine psychologin, die auf solche fragen eine ganze kiste voller unverfänglicher und doch beruhigender blabla-antworten hat.
"indem du gesund wirst und wieder laufen lernst", sage ich schließlich banal. "dann kannst du gehen, wohin du willst."
"wie... komme ich... hier weg?" fragt das objekt wieder eindringlich.
message nummer eins war also schon mal nicht zielführend.
"du kannst wie ich den bus nehmen, aber dafür müsstest du es erstmal bis zu haltestelle schaffen und das kannst du ja noch gar nicht", sage ich etwas forscher, frei nach dem motto: hoffnungen mit dem betonpfeiler zerschmettern.
"wo... ist... der bus?" fragt das objekt unbeirrt weiter.
falsche fährte. das mit dem bus war offensichtlich eine noch blödere idee.

ich nehme das objekt-gesicht in beide hände und streichle seine wangen.
"weißt du, was ich immer mache, wenn ich wo bin und nicht wegkann?"
"was.... denn?"
"ich träume von besseren zeiten. ich nehme all die schönen erinnerungen als vorlage und stelle mir vor, dass könnte wieder so sein. das ist wie ein bollwerk gegen die realität."

fast vier stunden hat mein besuch am ende gedauert, aber ich gehe ungern. das objekt ist aufgekratzt, aber nicht im positiven sinne. ich mag es so nicht zurücklassen, aber ich muss, wenn ich den letzten bus zurück in die stadt bekommen will.

"bitte mach keinen scheiß", sage ich zum abschied.
das objekt guckt nur sehnsuchtsvoll und es gibt wenig, was ich besser nachfühlen könnte.

ob und wie wir uns so wiedersehen können, ist ungewiss.

und so bricht mein herz zum x-ten male an einem valentinstag, in einer kühlen klaren nacht voller sterne.



11 Kommentare:

  1. Antworten
    1. ich hoffe so, dass er jetzt keine kurzschlussreaktionen hat. so super ideen, wie der gespielin zu erzählen, das er mich liebt und mit mir zusammen sein will.

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  2. uff... das ist... mir fehlen die worte, weil einfach alles voellig banal klingen wuerde. das gefuehlschaos muss ja furchtbar sein.

    ich wuensche einfach mal viel kraft. die ganze situation ist ja doch zunehmend zehrend, wie es sich liest ...

    doofe frage: geht es denn mit dem objekt tendenziell bergauf, oder bleibt der zustand eher so?

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    1. der allgemeingesundheitliche zustand ist besser als beim letzten mal. die lunge ist freier, er muss nicht mehr so husten, und er war, obwohl er eine stunde zuvor noch therapien hatte, nicht müde. das werte ich als positive entwicklung.
      geistig wirkte er auch reger, ich war beeindruckt, dass er sich sofort an mich und meinen letzten besuch erinnern konnte. das ist ja laut der mama keine selbstverständlichkeit.
      was die behinderungen betrifft, ist das alles wesentlich zäher. die aussprache hat sich leicht verbessert, weil er jetzt eine neue logopädin hat. essen und trinken ist nach wie vor nicht.
      er ist auch noch mega schwach. so lag er beispielsweise als ich kam, zusammengekrümmt und verdreht wie eine katze am fußende seines bettchens. die stellen ja immer das kopfteil hoch, damit er sitzt. dabei ist er wohl runtergerutscht, weil jemand vergessen hatte, auch das fußteil hochzustellen, sodass der po gewissermaßen in der mulde liegt und er die position leichter halten kann.
      er hat mich dann gebeten, dass ich ihn aufrichte, weil er das alleine nicht konnte. ich hatte natürlich auch keinen plan, wie ich einen 1,90m-menschen in einem bett hochkriege, in das ich wegen des gitters noch nicht mal richtig mit den armen reinkomme. also hab ich eine schwester geholt. die hat dann das bett flach gestellt und ihn aufgefordert, die beine anzustellen und sich selbst hochzurobben. das war echt ein akt für ihn. klappte am ende zwar, aber hat eben auch gezeigt, da ist null power in diesen beinchen, die fast so dünn wie meine oberarme sind.
      ich denke, da ist noch ein weiter weg zu gehen...

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  3. Antworten
    1. ich habe mit der mama geredet und ihr von diesen fluchtplänen erzählt, weil ich finde, das sollte noch jemand anderes wissen, der mit den pflegern in kontakt steht.
      sie hat sich fast gefreut, weil sie das als positives zeichen wertet, sprich, dass er sich so kräftig fühlt, mitzugehen. allerdings meinte sie auch, er hätte vor der langen zeit der lungenentzündungen schon mal versucht, mit dem rollstuhl abzuhauen. wenn das wieder passiert, würden ihn die pfleger mit medikamenten ruhigstellen. davor habe sie angst.
      naja, ich jetzt auch.

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  4. Der unvernüftige Teil von mir wünscht so sehr, dass Sie mit dem Objekt wieder zusammen sind. Wie ich aber auch sehe, ist Ihre Bindung eher ambivalenter Art. Ich würde solch eine Beziehung (auch) nicht mehr eingehen wollen.

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    1. ich möchte das auch gar nicht. ich fühle mich beim luxus-mann sicherer. das objekt hat sich jahrelang nicht getraut, eine engere verbindung mit mir einzugehen. da ihm jetzt die emotionale kontrolle fehlt, ist der wunsch plötzlich da. ich halte das für zu spät und mir fehlt das vertrauen.

      abgesehen davon könnte ich gar nicht leisten, was die gespielin leistet. zum einen hat sie das fachliche knowhow, zum anderen schichtdienst, der ihr ermöglicht, nachmittags öfter zum objekt rauszufahren. das könnte ich mit meinem job gar nicht leisten. ich wäre eine art wochenendbeziehung und könnte ihn dadurch gar nicht so fördern, wie er das braucht.

      ich hoffe, das alles einfach so bleibt, wie es ist und er sich da jetzt nicht weiter reinsteigert. es würde nur dazu führen, dass die gespielin mir den umgang verbietet.

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    2. Es ist bestimmt gut, dass Sie das so rational sehen können – obwohl es Ihnen jedes Mal das Herz bricht.

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  5. Ich bin. Berührt. Zutiefst. Traurig. Und Hoffnungsvoll. (Und: es ist nicht das Ende der Geschichte. Bin ich sicher.) Ich wünsche viel Kraft. ... ja, mit Ambivalenzen umgehen - ich glaube, das macht einen Großteil des Lebens aus.

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