Mittwoch, 21. Juni 2023

daily frustration

die nachrichten sehen und wissen, dass nichts mehr zu retten ist. das klima nicht. der sozialstaat nicht. und der verstand der meisten menschen ohnehin nicht.

im job keine ideen mehr einbringen. den sinnlosen kackscheiß nur noch stumpf abarbeiten. es lohnt nicht, wenn du dich einbringst, aber permanent übergangen wirst. weil alles so gemacht werden soll wie es garantiert wirkungslos bis schädlich ist.

täglich job- und weiterbildungsangebote durchsuchen. ein wenig über den von geizigen und rückständigen arbeitgebern inszenierten "fachkräftemangel" lachen. wenig ist da, was brauchbar wäre, noch weniger, was mich auch nur ansatzweise interessiert. vermutlich würde ich mich als langzeitarbeitslose nicht einmal mehr langweilen als ich dies 8 stunden täglich im job tue.

zu stumpf für tränen oder ausuferndes selbstmitleid. bei 28 grad und maximaler luftfeuchtigkeit einfach dahindämmern. der geist schlafend, die seele in tiefer ohnmacht, der körper in maximaler lethargie.

Samstag, 17. Juni 2023

ungefiltert

meine neue psychiaterin ist kein burner. sehr nett, aber auch sehr uninformiert und vollkommen leichtfertig. im mai verordnete sie mir ein medikament und vergaß, mich darauf hinzuweisen, dass es sich überhaupt nicht mit alkohol verträgt - auch nicht mit einem klitzekleinen schluck bier. nach einem krassen horror-abend deswegen habe ich die chemische keule wieder abgesetzt und beim nächsten termin darauf hingewiesen, dass ein kleine vorwarnung nett gewesen wäre, weil nicht jeder patient automatisch in drogen-foren nach solchen infos sucht.

daraufhin bekam ich ein anderes medikament, welches sich aber nicht mit meinem glaukom verträgt und auch nicht mit meinen rückenschmerzen (es MACHT rückenschmerzen und außerdem bauchschmerzen). muss man besser einschätzen können als psychiaterin, finde ich. dafür habe ich schließlich einen endlosen anamnesebogen ausgefüllt, und sie hat den ganzen mist außerdem studiert.

im juli starte ich dann einen letzten versuch und zugleich einen weiteren bei einem anderem psychiater.

ich kann grundsätzlich schwer entscheiden, ob psychopharmaka mich voranbringen oder nicht. nehme ich sie, ist die realität auf jeden fall sehr viel einfacher. ich bin halbwegs relaxt, schlafe ganz gut, finde meinen job ganz ok, muss mich nicht permanent über diese kackstadt und ihre menschen ärgern, und ich denke nicht pausenlos nach über hätte-könnte-sollte-wäre usw.

ohne medikamente ist das vollkommen anders. mein hirn entwirft in jeder minute fluchtpläne: wie entkomme ich endlich diesem job? reicht es, sich zu bewerben? oder muss ich mich weiterbilden? komplett umschulen? ist ein englisch-konversationskurs genug? sollte ich nicht noch eine weitere neue sprache erlernen oder eine der erlernten noch perfektionieren? 

das käme wiederum darauf an, in welches land ich im falle einer erneuten ns-regierung in deutschland flüchten würde. kommen schließlich nicht so viele infrage außer den skandinavischen ländern, denn da ist ja auch noch der klimawandel! welches land dort ist am wenigsten rechts? und am billigsten natürlich? oder sollte ich vielleicht doch erstmal innerhalb von deutschland den ort wechseln und versuchen, in einer ländlicheren gegend etwas zu ruhe zu kommen? 

was mache ich dann mit meiner beziehung? auch wenn der luxus-mann in kürze in ultrafrührente geht und damit theoretisch völlig ortsunabhängig sein wird, klebt er an der kackstadt wegen der kinder. die zwar inzwischen schon super ohne ihn klarkommen, aber ich vermute, er braucht eine familie in reichweite, um nicht den eindruck zu haben, als vater gescheitert zu sein. also beziehung beenden? oder weiter diskutieren?

die realität bremst derweil die umsturzpläne des kopfes aus. der bewerbungsmarathon ist derzeit ausgesprochen frustrierend, die beziehung viel zu harmonisch für einen kurz- oder mittelfristigen abbruch, und dann gibts da ja auch noch ein paar beackernswerte alltagsprobleme wie panikattacken in menschenansammlungen, schlaflosigkeit wegen des verkehrs- und nachbarschaftslärms, ständige rückenschmerzen (definitiv psychisch bedingt, seit absetzen der medikamente sind sie wieder stark im vordergrund) und last but not least natürlich das ewige rekurrieren auf das gefühl kompletter sinnlosigkeit, das verlässlich suizidgedanken abruft - was dann weiteres anstrengendes geistiges intervenieren nötig macht.

ich frage mich immerzu: wiegen mich meine medikamente in falscher sicherheit, indem sie mir zufriedenheit und seelenruhe vorgaukeln, die mich dann in einen fatalen stillstand treiben? bin ich dann wirklich noch weit entfernt von selbstzufriedenen dummdeppen im konsum-koma? ist es nicht besser, dass ich so extrem merke, was mich stört - und dass ich dann alles daran setze, dies zu verändern? damit ich am ende vielleicht zu einer art wahrhaftigkeit und sinn durchbreche? oder ist meine ganze nüchtern inszenierte rödelei zum scheitern verurteilt, weil ich bei meinem aktionismus derart von angst und verzweiflung getrieben bin, dass ich sowieso nichts auf die kette bekomme (am allerwenigsten bewerbungsgespräche)?

kierkegaards antwort würde lauten: es ist egal, wie du dich entscheidest - du wirst es auf jeden fall bereuen. vielleicht eine ganz befreiende einstellung. am ende hilft sowieso nur galgenhumor. oder eben der galgen selbst.

Mittwoch, 14. Juni 2023

southern gothic

eine nervenheilanstalt voll zärtlicher mathematik.

geometrische betrachtungen des absurden.

aufrecht stehend am rande dessen, was wir ertragen oder verstehen können.

das eintauchen in eine tiefe bedeutet stets, den verstand verlieren zu müssen.

stella maris, empfehlung zum tod von cormac mccarthy.

 


Freitag, 2. Juni 2023

deutsches land ist abgebrannt

stand heute haben wir eine ähnliche politische situation wie vor rund 90 jahren. konservative und nationalistische kräfte führen in den umfragen und haben sich in ihren ideen, ihrer populistischen rethorik und ihrer argumentationsfreien hetze perfekt aneinander angepasst. sie sind ein echtes dreamteam und werden uns ab den kommenden bundestagswahlen aller voraussicht nach wieder auf 1931 zurückwerfen. gestern hitler und von papen, heute merz und irgendein afd-führer. bewährte koalitionsmodelle für den untergang.

die gesellschaftliche situation ist allerdings anders. wir haben keine massenarbeitslosigkeit, keine unkontrollierte hyperinflation. es gibt also historisch betrachtet vergleichsweise wenig, weshalb die bevölkerung frustriert sein müsste. gut, sie leidet unter dem kapitalismus. dieser hat einen haufen reicher boomer hervorgebracht, die sich an ihre verbrenner und gasheizungen klammern, und panik schieben, dass sie einen bruchteil ihres perversen wohlstand den gemeinwohl opfern müssen. auf der anderen seite gibt es die verlierer des kapitalismus, die von der daraus resultierenden sozialen ungerechtigkeit betroffen sind. beide parteien funktionieren ironischerweise identisch: sie haben den begriff der freiheit pervertiert und interpretieren ihn rein ich-bezogen. und diese grundeinstellung erklärt, warum die deutsche gesellschaft als gemeinschaft gescheitert ist.

wie irrsinnig es doch ist, dass die einst aus afrika eingewanderte menschheit (wir sind in der tat alle flüchtlinge, denken sie auch mal an die völkerwanderungen) irgendwann territoriale ansprüche erfand und begann, die schwächeren für ihre zwecke zu missbrauchen und zu versklaven. dass sie trotz ihres großen gehirns und bewusstseins und ihrer fähigkeit zu bildung nicht in der lage ist, diesen brutalen darwinismus zu überwinden und eine wahrhaftige und vielfältige gemeinschaft zu bilden, die niemanden ausgrenzt, weil er nicht der verordneten norm entspricht. dass auch noch irgendwer glauben kann, dies könne der wille gottes oder einer anderen kraft sein, ist schlichtweg absurd.

vielleicht sind menschen tatsächlich nicht in der lage zu lernen. vielleicht wiederholt sich geschichte wirklich nur nach einem traurigen modell. wir werden es in kürze herausfinden.

Montag, 29. Mai 2023

wgt-special

nein, nicht was sie denken. meine wenigkeit meidet festivals wie der teufel das weihwasser - vor allem, seit sie alt ist. zu laut, zu viele menschen, zu viel alkohol und tägliche ausufernde partys - das habe ich schon jeden tag in hamburg vor der haustür.

aber der mann ist ein traditioneller wgt-geher. und er hat trotz seines sehr fortgeschrittenen alters diese ich-verpass-was-angst. die er nun vielleicht ablegen wird. sein wgt-besuch 2024 ist jedenfalls in ernsthafter kein-bock-mehr-auf-diesen-kack-gefahr.

und das kam so:

freitagmorgen sollte wie jedes jahr die reise losgehen. wir frühstückten noch gemütlich zusammen. zwischen zwei happs brötchen sagte ich: "bin ich froh, dass ich jetzt nicht gleich 5 oder 6 stunden im auto sitzen muss!"

der mann grummelte in seinen bart: "und das bei diesem scheiß-lineup dieses jahr! da sind echt nur 3 bands, die ich sehen will. deshalb hab ich eigentlich gar keine lust. aber die karte ist ja gekauft und das hotel gebucht. und vielleicht wird es ja ganz nett."

ich verkniff mir den kommentar, dass mir für vielleicht-ganz-nett sowohl der monetäre als auch der logistische aufwand zu viel wären. "ich wünsche euch viel spaß",  sagte ich stattdessen und küsste den mann zum abschied. dann stieg der mann mit seinem kumpel ins auto und machte sich auf den weg.

ich spülte ab, machte die wohnung klar schiff, ging einkaufen und fuhr dann zu mir. inzwischen war es 15 uhr und ich linste auf mein handy. eigentlich müsste der mann jetzt angekommen sein und ein lebenszeichen von sich geben. zu diesem ist er seit dem objektiven unfall verpflichtet.

das erlösende ping kam erst gegen 18 uhr. es stellte sich heraus, dass der mann in eine vollsperrung geraten war und fast 8 stunden für den weg gebraucht hatte. dadurch hatte er eines der drei konzerte verpasst, das er gerne sehen wollte. 

trotz dieser umstände war der mann noch guter hoffnung, denn um 21 uhr sollte sein highlight-konzert stattfinden. diese band hatte kurzfristig noch zugesagt und die laune des mannes in den letzten tagen erheblich verbessert: "die wollte ich schon immer mal sehen. da habe ich so lange darauf gehofft", sagte er selig, als er sie im programm entdeckte. "allein dafür lohnt sich das wgt dann vielleicht doch."

da er das highlight nicht verpassen wollte, war der mann in eile und hatte auch keine zeit zu telefonieren. duschen, essen, umziehen und los. das highlight-konzert sollte am anderen ende der stadt stattfinden, und der öpnv-unaffine mann musste dafür über eine halbe stunde straßenbahn fahren. 

um 21:30 uhr plingte mein handy erneut: das highlight-konzert war kurzfristig ausgefallen. der mann war so enttäuscht, dass er mich anrief, um eine weile entrüstet ins telefon schnaufen zu können. "jetzt spielt da so eine gruselige dark-schlager-band, ich fahre jetzt zurück ins hotel und lass mich vollaufen."

"habt ihr wenigstens ein schönes zimmer?" fragte ich. 

"nein", sagte der mann.  

"aber warum denn, ihr steigt doch immer im selben hotel ab?" wollte ich wissen. 

"ich wollte ein zimmer mit zwei einzelbetten!"

"ja und?"

"wir haben eines mit einem 1,40m-bett bekommen."

"hast du das denn nicht gesagt, das mit den einzelbetten?"

"ich dachte schon. vielleicht aber auch nicht."

nun musste der mann also vier nächte mit seinem ebenfalls 1,90m großen kumpel kuscheln. wenn man bedenkt, dass der mann zuhause ein 1,80m breites bett hat und es regelmäßig schlafend schafft, mich dort hinauszuschubsen, lässt sich das ausmaß der katastrophe in etwa abschätzen: voraussichtlich sehr wenig schlaf für zwei.

nun blieb dem mann noch ein konzert, auf das er sich freuen konnte. dieses sollte am sonntag stattfinden. aber weil es dem mann meist so geht wie mir - konsequentes pech auf allen ebenen - musste er auch auf dieses vergnügen verzichten. wie es dazu kam, erzählte er mir abends am telefon:

"ich hatte ein band-shirt an, weißt du, das von dieser russischen metal-band, die ich ganz gerne mag. an der tür der location war dann eine frau, die offenbar lesen konnte, was da in russischen hieroglyphen auf meinem t-shirt stand. wohl irgendwas heimatverbundenes, was weiß ich, ich kann ja kein russisch. auf alle fälle regte sich die tante total auf und sorgte dafür, dass ich nicht reingelassen wurde."

"das erinnert mich an einen früheren kumpel, der hat mal in der straßenbahn von einem nazi aufs maul bekommen, weil er so ein kommunistisches zeichen auf der jacke trug", kicherte ich.

"jedenfalls hab ich nun keines der konzerte gesehen, wegen denen ich eigentlich hingefahren bin. und ich dachte so, naja, treffe ich vielleicht ein paar bekannte und trink ein bierchen mit denen. aber weißt du was? mir geht´s inzwischen wie dir - diese ganzen verkleideten feier-leute gehen mir sowas von auf den senkel. aber zu solchen oberflächlichen gestalten passt dann auch so ein beschissenes mainstream-lineup  mit ein bisschen bummbumm und ein paar naiven texten."

"sag ich doch immer."

"irgendwie glaube ich nicht, dass ich nächstes jahr da noch mal hin muss. da finde ich so einen öden und sinnlosen tag im büro ja fast noch erquicklicher."

wer den mann und seine einstellung zu seinem beruf kennt, weiß nun: es ist ihm todernst. ich werde sehr gespannt sein, wenn nächstes jahr die ersten bands bekannt gegeben werden, ob er noch mal loszieht oder nicht.