Dienstag, 6. Oktober 2020

(k)eine abrissbirne für die depression

der 1. oktober war "tag der depression" in europa. lustig, dachte ich mir, was es nicht alles gibt. beleuchten wir das ganze doch mal aus ganz interner sicht.

1. depression erlebt keinen gesellschaftlichen mauerfall

niemand kann etwas nachvollziehen, was er nicht kennt oder nicht klar visuell ausmachen kann wie ein fehlendes bein oder ein geschwür auf der nase. niemand interessiert sich zudem für etwas, was ihn nicht direkt, gegenwärtig und unmittelbar bedroht. ergo: für ein tiefgehendes gesellschaftliches verständnis für depressionen zu werben ist ähnlich naiv wie zu glauben, dass alte weiße männer mit klimaanlage im eigenheim die wende in der klimakrise bringen werden.

hinzu kommt, dass der großteil der menschheit autonome moral während ihrer individuellen persönlichkeitsentwicklung nicht erreicht, sondern in den meisten facetten des lebens in der konventionellen moral, also der orientierung an werten einer gruppe, verhaftet bleibt. 

das bedürfnis, einer gruppe zuzugehören, erfordert in der regel die abwertung aller werte, die von dieser gruppe nicht getragen werden. stichwort: ausgrenzung. das bedürfnis auszugrenzen ist nahezu allmächtig und bezieht sich neben hautfarbe, alter, geschlecht, politischer haltung oder ernährungsformen auch gerne auf vorstellungen von gesund und krank.

2. depression ist klarheit und verblendung

die eigenwahrnehmung der depression hat mehrere phasen und ist progredient. es beginnt mit der gewissheit, dass etwas nicht stimmt und dem verlangen, dies möglichst zu verbergen. daran schließt - nach erkenntnis der eigenen hilfsbedürftigkeit - die phase des falls und des blinden vertrauens an. es zeigt sich, wer deine freunde sind und wie weit freundschaft generell gehen kann. 

die dritte phase lässt meist etwas auf sich warten. darin tritt die erkenntnis ein, dass kein therapeut oder sonstwer dir essentiell helfen kann. alle rettung liegt in dir selbst. hier trennen sich die wege derer, die die depression als legitimation für ewige unmündigkeit wählen, und derer, die irgendwann bereit sind, die haltende hand eines tages loszulassen.

es gibt außerdem menschen, die sich als depressiv einstufen und dies nicht sind. sie folgen einem trend und möchten lediglich einer - irgendwie vielleicht auch interessanten - gruppe zugehören. das ist selbstverständlich nicht die mehrheit.

3. depression ist eine chronische erkrankung mit dauerhaft beschränkter lebenskraft

depression ist eine chronische erkrankung wie asthma oder diabetes oder ms. sie hat (auch) körperliche ursachen. die therapie dauert ein leben lang und ist nie abgeschlossen. stabile phasen und großes chaos wechseln einander ab. 

man verfügt dabei zu absolut jeder zeit über lediglich begrenzte kraft und energie, die sehr gut rationiert werden will. als depressiver wirkt man daher manchmal schnell übervorsichtig oder faul, was wiederum das stigma befeuert. 

4. depression ist ein segen und eine begabung

in einer anders ausgerichteten gesellschaft könnte man depressionen auch als spezielle begabung bezeichnen, denn depressive mit ihren feinen antennen sind oftmals und in vielerlei hinsicht ausgezeichnete seismografen und analysten und darin anderen häufig überlegen. als humane ressource in der arbeitswelt sind sie ergo nicht zu unterschätzen. 

im gegensatz zur landläufigen meinung sind depressive oftmals sogar besonders hartnäckig und ausdauernd und setzen ihre kräfte dabei clever und rationiert ein. sie haben gelernt zu kämpfen - und das äußerst ökonomisch.

5. depressive können einander selten helfen

prinzipiell sind andere betroffene die einzigen, die die depression tatsächlich nachempfinden können. daraus erwächst die hoffnung, dass man einander ideal helfen können müsste. es ist jedoch ein irrtum zu glauben, dass jemand, der selbst nicht stabil ist, in dieser besonderen hinsicht stabilität vermitteln könnte. im gegenteil: es kann unter umständen schnell zur überlastung für den einen und zur enttäuschung für den anderen werden. 

langfristig profitieren depressive daher vielleicht eher von menschen, die ihnen nicht ähnlich sind und sie leider oftmals nicht verstehen, aber dafür über kraft verfügen, die sie teilen können. das entspricht zumindest meiner erfahrung.

6. depression gibt es nicht

depression ist eine bezeichnung für seelische zustände und prozesse mit sehr vielen gesichtern. der begriff bietet eine schublade, die vor allem den nichtbetroffenen /ärzten zum verständnis und ggf. zum therapieren verhilft. 

ich selbst handhabe den begriff rein nominalistisch. die eine depression existiert nicht. sie ist ein zauberhut, aus dem fortwährend neue karnickel hoppeln. sie allesamt einzufangen und zu klassifizieren ist unmöglich.

Kommentare:

  1. Na ja. Aus medizinischer Sicht ist Depression sehr wohl existent und auch klar diagnostizierbar. Auch wenn das der betreffende Mensch grad nicht hören will.
    Depression ist auch therapierbar, ziemlich gut sogar. Natürlich braucht es dazu - wie bei jeder anderen Krankheit auch - den Willen des Patienten, etwas gegen die Krankheit zu tun. Wahrscheinlich braucht es hier den Willen eben noch mehr als bei körperlichen Erkrankungen.
    Sicher ist Depression nicht selten chronisch bzw. es bleibt eine große Neigung zum Rückfall. So wie der Mensch mit einer schwachen Lunge sich eben immer wieder eine Bronchitis einfängt, wenn er nicht aufpasst.
    -
    "das bedürfnis, einer gruppe zuzugehören, erfordert in der regel die abwertung aller werte, die von dieser gruppe nicht getragen werden. stichwort: ausgrenzung. das bedürfnis auszugrenzen ist nahezu allmächtig": eine sehr pessimistische Einschätzung. Ja, dieses hässliche Bedürfnis hat wohl jeder manchmal - schwache Menschen vermutlich oft, stärkere seltener. Aber ganz frei davon ist niemand, niemand ist zu 100% gut - aber "die Regel" ist mieses Verhalten nun auch wieder nicht.
    So, nun ist für heute genug gemeckert ...

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    1. ich sagte ja, als begriff für ärzte ist die depression existent und auch wichtig für die therapie. gerade medikamente lassen sich ohne diagnose nicht verschreiben. aber wenn man depressive menschen näher kennenlernt - z.b. in der psychiatrie - ist das eine unglaubliche symptomvielfalt.

      das zeigt sich auch darin, dass ärzte immer wieder falsch mit ihren diagnosen liegen.
      ich habe vier diagnosen - ich kanns mir quasi aussuchen. ;-) und ich bin damit absolut nicht alleine!

      ich hab das beste draus gemacht, indem ich mir sage, ich bin halt ein komplexer charakter. ob man den nun aber als krank bezeichnen muss, ist etwas anderes. als krank gilt ja nur das, was nicht gesellschaftskonform ist. klar könnte man sagen: der patient selbst leidet doch auch unter sich! aber letztlich leidet er unter dem vergleich mit dem "gesunden". hier spürt er, dass er anders ist und keinen platz in der welt hat. das ist auch das, was mich damals zum suizidalen entschluss gebracht hat. das war keine laune, sondern eine ganz rationale überlegung. wofür lohnt es sich zu leben? ich konnte keinen einzigen grund mehr finden, außer dass es meinen eltern großen schmerz bereiten würde, wenn ich vor ihnen sterbe. aber sonst? liebe, freundschaft, gesundheit, selbstverwirklichung - ich war ein kompletter totalausfall. absolute ausschussware. ich hatte mir sieben jahren im feuereifer den arsch abgerackert und nichts erreicht. und irgendwann ist das feuer dann alle.

      ausgrenzung ist nicht per se hässlich. es ist eine absolut notwendige funktion zum überleben. angst vor dem anderen, potenziell gefährlichen, schützt evolutionsbiologisch gesehen erstmal.

      gefährlich wird ausgrenzung erst dann, wenn sie irrational ist oder eben im gruppendruck geschieht. ich wurde meine gesamte schulzeit über gemobbt - in der grundschule, weil ich groß war, im gymnasium, weil ich irgendwie schlau war, und natürlich, weil ich akne hatte und eine zeitlang brille trug. ich bin den kindern nicht mehr böse. es ist ein instinkt, der richtig angewendet viel schlimmes verhindern kann. aber für die ausgegrenzten ist es furchtbar.

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