Dienstag, 18. April 2017

adrenalin

ich setze den helm auf und nehme hinter ihm auf dem motorrad platz. ich bin ewigkeiten nicht mehr auf dem bock gesessen. der beifahrer stirbt statistisch betrachtet zuerst, habe ich mal gehört. aber ohne ein bisschen tod im leben ist das leben einfach nur tödlich langweilig.

wir brausen durch die stadt und schließlich aus der stadt heraus ins offene gelände.
"halt dich gut fest", sagt er, und ich schlinge die arme noch fester um seinen brustkorb.
dann geht es steile, kurvige wege bergauf. der schlamm spritzt, als wir durch die schlaglöcher gurken.

er fährt viel zu schnell. ich presse meine schenkel an seine, um nicht aus dem sitz geschleudert zu werden. ich merke, wie heftig mein atem geht. das visier beschlägt. bleib locker, sage ich mich. wenn du locker bleibst, brichst du dir beim fallen weniger knochen. das prinzip katze.

dann sind wir endlich oben.
er schiebt das visier hoch und klopft gegen meines, damit ich es ihm gleichtue.
"30 prozent", sagt er. "das ist die wahrscheinlichkeit, dass wir gleich im dreck landen, wenn wir die abfahrt nehmen."

ich puffe ihn in die seite, was er durch die dicke jacke kaum spüren dürfte.
"das wollte ich gar nicht wissen, du arschloch!"
er grinst nur. er hat sein ziel erreicht. er weiß, dass ich ihm jetzt vertrauen muss, absolut. weil die 30 prozent und der rest eigentlich auch in seinen händen liegen.
"ist doch geil", sagt er nur. "wir haben fast 300 kilo auf der achse und ich kann spüren, wie das hinterrad hüpft. abwärts gehts so richtig rund, pass auf."

bei der abfahrt springt mir der puls fast aus der stirn. immer wieder glitschen wir mit dem hinterrad weg. mit lockerbleiben ist es aus. stürzten wir, dann zusammen, aneinander geklammert.
ich spüre seine belederte linke auf meinen verkrampften händen. eine nanosekunde lang ist das angenehm.
"halt den lenker fest, du idiot!" brülle ich dann.
er tut mir den gefallen, grinst dabei in sich hinein.

eine knappe stunde später halten wir an einem see. ich bin schweißgebadet, aber glücklich. adrenalin macht so verdammt high.
er tippt gegen mein bein, heißt mich absteigen.
als ich stehe, merke ich, wie mir die knie zittern.
"na?" fragt er zärtlich. "gehts?"
ich nicke.
er löst die sicherung und streift mir den helm vom kopf, wuschelt mir durch die haare.
"hattest du angst?"
"ja", sage ich.
"hat man dir aber nicht angemerkt", meint er mit anerkennung in der stimme. "auf jeden fall bist du keine pussy."

wir gehen ein stück durch den wald.
"das ist ja sand hier, wie am meer", sage ich.
er nickt.
"schnupper mal", hält er mir einen blühenden zweig ins gesicht.
"hmmmmm", mache ich.
"was ist das für ein baum?" fragt er mich.
"weiß nich. irgendein moor-baum."
"ein moor-baum?"
"naja, das ist doch fast so moor hier. da drüben stehen birken, also wird das auch sowas sein, was in sauerem boden wächst."

vor einem riesigen, borkigen baum verschränkt er die hände und geht in die knie.
"gib mir deinen fuß, ich heb dich hoch."
ich stemme mich in seine hände, ziehe mich dann in die erste astgabel.
"geh da rüber, auf den ast, der über den see hängt", ordnet er an.
ich robbe vorsichtig auf allen vieren den ast lang und lausche auf jedes knacken. er folgt mir, relaxed aufrecht gehend, fröhlich wippend.
"du und deine körperbeherrschung, das ist wirklich ein phänomen", sage ich.
 er grinst nur geschmeichelt.

dann sitzen wir auf dem ast direkt über dem wasser.
der wind bläst uns eine frische brise ins gesicht. wasservögel flattern herum. unter uns kleine wellen, auf denen blütenblätter schwimmen.

wir trinken jägermeister aus einem flachmann.
mit dem zeigefinger tauche ich in die löcher seiner motorradjacke.
"brauchst mal ne neue, was", sage ich.
"die ist jetzt fast 20 jahre alt. wenns regnet, hab ich so zehn minuten, dann bin ich komplett nass."

wir warten bis zum sonnenuntergang mit dem abstieg.
"willst du langsam oder schnell zurück?" fragt er.
"hauptsache köhlbrandbrücke."
"dann langsam."

die stadt mit ihren lichtern liegt vor uns. es riecht nach hafen und motoröl.
erst kurz nachdem wir die ausfahrt nehmen, beginnt zu es zu regnen.

"war echt cool", sage ich, als ich absteige und den helm in die box lege.
"im sommer machen wir eine ausfahrt in der nacht."
"machs bitte nicht kaputt, indem du jetzt was versprichst, was dann nicht stattfindet."
"ok. dann ist es eben ein wunsch."
"von mir aus."

abends im bett fühle ich mich immer noch schwindelig und aufgedreht. es dauert lange, bis ich eingeschlafen bin.

(aus der erinnerung, 2014)

Sonntag, 16. April 2017

messer, klinge, dope und licht

"du sag mal, die weißen muffins waren ohne, oder?" schreibt der luxus-mann am donnerstagabend.
"nee, umgekehrt, warum?" schreibe ich zurück.
"meine tochter hat gerade einen von den weißen gegessen."

ich bekomme einen riesenschreck.
"warum fragst du nicht vorher, wenn du dir nicht mehr sicher bist?"
"ich war mir ja sicher. wir fahren jetzt am besten in die notaufnahme."
meine gedanken überschlagen sich.
"merkt sie denn irgendwas?" frage ich zurück.
"bislang nicht."
"steck ihr doch den finger in den hals", schlage ich vor.
"nee, wir gehen lieber zum arzt."
dann bricht die konversation ab.

ich fühle mich maximal unbehaglich. warum war der luxus-mann auch so doof und verfüttert meine muffins an kleine kinder?
eine stunde später schreibt er immer noch nichts, also rufe ich an.
"seid ihr im krankenhaus? wie gehts ihr denn?"
am anderen ende der leitung lacht der luxus-mann:
"ich hab dich doch bloß ein bisschen verarscht."

ich bin erleichtert, aber auch sauer:
"weißt du, was für sorgen ich mir gemacht habe???"
"ich wusste, dass du da voll drauf einsteigst", kichert der luxus-mann. "ich hätte eigentlich noch mit wilden beschimpfungen gerechnet."
"ich hoffe auf karmischen ausgleich!" grolle ich.
"jetzt sei mal nicht so eine grummelfrau", besänftigt mich der luxus-mann, "wann kommst du morgen vorbei?"
"abends. 20 uhr. und ich werde dich zum joggen zwingen."
"uuahh!"
"da musst du jetzt durch. und glaub mir, das wird diesmal keine kurze anfängerstrecke!"
"du quälst mich!"
"das ist nur ausgleichende gerechtigkeit."

am nächsten tag öffnet mir der luxus-mann zerknirscht die tür.
"was ist denn?" frage ich beunruhigt.
"es gibt heute keinen sex", sagt er.
"warum?"
"ich hab mich beim rasieren in den schwanz geschnitten."
ich lache laut.
"das ist nicht komisch, das hat voll geblutet!" beschwert sich der luxus-mann.
"das ist karma. das ist die revanche, weil du mich so verarscht hast."
"aber das schadet ja auch dir."
"nö. du hast du auch noch zwei gesunde hände. und eine zunge."
"oh nein."
"oh doch!"

auch wenn der luxus-mann nicht begeistert ist, wird es dennoch ein guter abend. zuerst gibt es ein herausforderndes sportprogramm, bis der luxus-mann nur noch hechelt, anschließend verwöhnprogramm für mich.
"ist halt karfreitag"; sage ich, als der luxus-mann jammert. "jesus hat mit dornenkrone aufm kopf sein eigenes kreuz durch den ort geschleppt, bevor sie ihn genagelt haben. da kannst du doch mal ein bisschen einsatz zeigen!"

der luxus-mann ist zu schwach, um sich zu beschweren. am nächsten tag hat er nicht nur einen kaputten schwanz, sondern auch muskelkater - und zwar nicht nur in den beinen.
"irgendwann tötest du mich, da bin ich sicher", sagt er zum wiederholten mal.
"aber noch nicht gleich", verspreche ich. "am sonntag wollen wir schließlich eier suchen."
"aber nur vorsichtig!"
"das kommt ganz auf dich an" erwidere ich.

Mittwoch, 12. April 2017

fly with me

da der luxus-mann nur eine woche nach mir seinen geburtstag hat, feiern wir also schon wieder. diesmal nicht im rahmen eines urlaubs, sondern etwas weniger groß am abend eines arbeitstages.

als ich in der luxus-wohnung aufschlage, ist mein mann schon ordentlich angetrunken. er hat für seine patchwork-familie gekocht, zusammen mit den kindern und muttis gegessen und dabei schon anderthalb flaschen wein gebechert. entsprechend ist er bereits leicht am lallen.

"warum hast du gestern nicht mehr angerufen", will er wissen.
"hatte zu tun", sage ich geheimnisvoll.
"warum?"
"alles für dich."
"wegen meim geburtstach?"
"ich hab was für dich gemacht, was ich in meinem leben erst einmal für einen mann gemacht habe!"

der luxus-mann schaut mich verwirrt an. ich stelle eine papiertüte auf den tisch.
"wasn das?"
"guck halt rein."
der luxus-mann macht die tüte auf.
"dasis ja kuchen."
"muffins."
der luxus-mann schaut mich anklagend an.
"und ich soll die jetzt essen?"
"naja, nicht alle. sind ja neun stück, könnte bisschen viel werden."
"aber ich bin fett!"
"jetzt stell dich mal nicht so an. sonst stopfst du doch auch permanent schoki und eis in dich rein. dann isst du halt mal kuchen zur abwechslung."
"dasssis n argument."

der luxus-mann schaut mich erleichtert an.
"dann dank ich dir."
"war auch ne scheißarbeit."
"und warum sehn die so unterschiedlich aus?"
"die einen sind normal, die anderen, also die weißen, haben eine spezielle extrazutat."
 "oooohhh... und knallt das dann so richtig?"
"weiß nicht. ich hab das das erste mal gemacht."
"hexenküche, was?" grinst der luxus-mann. "ich glaub, ich nehm die morgen mit in die firma und stell dem neuen vorstand einen auf den tisch. der soll das mal vorkosten, bevor ich dabei draufgehe!"
"gute idee. und wenn er dann breit ist, bewegst du ihn zu einer gehaltserhöhung."
"so mach ich das."

der luxus-mann schenkt mir wein ein.
"nicht so viel. ich hab morgen zwei meetings."
"aber ich hab geburtstag!"
"na gut."
"und schnaps musst du auch mittrinken!"
"boah! ich muss morgen zwei neue untergebene einweisen, die kann ich nicht mit so ner fahne anhauchen!"
"dein problem. du musst heute mit mir trinken."
ich gebe mich geschlagen und trinke erst wein, dann kokosschnaps, dann holt der luxus-mann einen space-muffin.
"testen?"
ich nicke.

nach einer halben stunde etwa macht sich die wirkung bemerkbar. wir liegen eingekuschelt auf der couch, lassen die finger auf wanderschaft gehen und hören musik. erst gegen halb zwei sehen wir wieder auf die uhr.
"fuck, wir müssen in fünf stunden schon wieder aufstehen..."
"dann sollten wir jetzt mal rüber ins bett, oder?"

im bett ist natürlich so schnell nichts mit schlafen. der luxus-mann ist aufgedreht und angefixt und drückt seine latte an meinen po. ich bin müde, kann mich dann aber meiner aufkeimenden lust auch nicht widersetzen. anschließend fällt der luxus-mann in tiefen schlaf und beginnt, herzhaft zu schnarchen. nach einiger zeit beschließe ich, ins kinderzimmer zu wechseln, wo es ruhig ist und mir niemand alkoholdunst ins gesicht bläst.

ich erwache um viertel nach acht. den wecker hab ich gar nicht gehört. ich wecke schnell den luxus-mann. wir ziehen uns in windeseile an und schlürfen fix einen kaffee.
"eigentlich kann ich noch gar nicht autofahren", sagt der luxus-mann und schaut waschbärig aus dem weißen hemd. "bei einer verkehrskontrolle wäre ich wahrscheinlich echt am arsch. aber auf bahnfahren hab ich auch keinen bock."
"ich fühl mich auch komplett benebelt."
"der muffin hatte es ganz schön in sich, oder?"
"irgendwie schon. und wirkt sehr nachhaltig, offenbar", grinse ich.
"das schlimmste ist, ich bin schon wieder total angesext. das wird nicht leicht, jetzt gleich im büro zu sitzen", meint der luxus-mann.
"willst du noch mal kurz ficken?"
"bist du irre? willst du mich töten?"
"ich frag ja nur!"
"naja, er würde ja schon wollen", sagt der luxus-mann und macht die hose auf.
und wir ficken doch noch eine runde auf dem küchentisch, zwischen gläsern, tellern und leeren flaschen.

"fünf vor neun, ich muss schnell los", sage ich nach dem akt, ziehe höschen und strümpfe wieder hoch und schlüpfe rasch in meine stiefel.
"ich bin jetzt noch viel fertiger als vorhin", jammert der luxus-mann. "und heiß ist mir. irgendwann verpasst du mir einen herzinfarkt, ich seh das kommen."
"ist doch ne schöne art zu sterben."
"damit hast du sicher recht."

der luxus-mann holt den aufzug, dann düsen wir nach unten. vor der tür ein letzter kuss. dann wartet der graue büroalltag auf uns.




Samstag, 8. April 2017

heuchler und konsorten

"weißte, was ich so heuchlerisch finde? mit jedem neuen anschlag in europa gehen die leute schneller zur tagesordnung über", sagt der luxus-mann.
"normal", sage ich. "man gewöhnt sich dran. da müssten jetzt schon mal ein paar tausend auf einmal weggebombt werden, dass das noch mal eine größere welle schlägt. eigentlich ist das aber sogar was gutes. je weniger panik und aufruhr, desto weniger triumpf auf seiten der täter."

"aber wie schnell da sowas wie mitgefühl abnimmt!"
"welches mitgefühl?"
"so auf facebook und so zum beispiel."
"auf facebook und so findet kein mitgefühl statt, sondern selbstdarstellung. narzissmus in reinform. die inszenierung als gruppe der guten und so. irgendwann wird das auch langweilig und ist nicht mehr so schick und trendy, "je suis paris" oder anderes gedöns zu posten.ich denke sogar, dass menschen generell kein mitgefühl besitzen. das sind nur instinktive verhaltensweisen, die durch temporäre positive oder negative identifizierung entstehen - und die auch fix wieder verpuffen. obwohl... so zwischen eltern und kindern beispielsweise verpufft das vielleicht nicht so schnell. da stehen noch ein paar hormone im weg."

der luxus-mann geht schweigend neben mir her.
"glaubst du, du könntest jemanden töten?"
"denk schon. das ist übungssache."
"du meinst, dass man also beim morden abstumpft?"
"gewissermaßen. das erste mal kostet bestimmt eine riesenüberwindung, vor allem, wenn der zu ermordende kein echter bösewitsch ist, sondern vielleicht sogar jemand, den du kennst. aber irgendwann geht das mit dem töten bestimmt so automatisch, so, wie sich morgens vor der arbeit ein paar schuhe anzuziehen. vielleicht kann morden sogar spaß machen, ich weiß es nicht."

"hätte ja nicht geglaubt, dass ich mal jemanden treffe, der noch schlechter von den menschen denkt als ich."
"ich denke nicht schlecht, ich erkenne bloß funktionsweisen. das hat nichts mit gut oder schlecht zu tun, auch wenn ich zugebe, dass mich das persönlich enttäuscht. aber ich nehme mich da nicht aus, ich bin auch nur ein arschloch."
"aber keine heuchlerin, wenigstens."
"ich geb mir zumindest mühe."

Mittwoch, 5. April 2017

im schnitzelparadies

dann war es also soweit und wir flogen nach wien. monsieur war noch nie dort, ich schon viermal, aber ich hatte nichts dagegen, denn der außereuropäische rest der welt, den der luxus-mann sonst so bereist - thailand, kuba, südamerika - interessiert mich herzlich wenig. dazu fehlt mir das lebhafte interesse an verständigungsproblemen, giftigen viechern und dem unabsichtlichen involviertwerden in drogenbandenkriege. überhaupt bin ich der meinung, dass menschen an allen stellen der erde gleichsam irgendwie arschlöcher sind, also ist es mir theoretisch egal, wo genau ich mich befinde. wichtig allein sind mp3-player, sonnenbrille und immer ausreichend psychopharmaka und kiffe. dann klappts auch mit dem gechillt-gucken und dinge-schön-finden.

wir hatten ein angebliches fünf-sterne-hotel gebucht, das sich bei ankunft als gefühlter 2 bis 3-sterne-schuppen entpuppte, was an der unästhetischen zimmereinrichtung, dem merkwürdigen geruch der bettwäsche und der extrem harten matratze lag. dafür gab es einen fitness- und wellnessbereich, den wir nicht nutzen, da wir lieber fickten, und ein restaurant, in das wir ebenfalls nicht gingen, weil piefig und überteuert und für madame viel zu fleischlastig.

tag 1. ich hatte zunächst das problem, dass ich die falschen schuhe dabei hatte. denn am ersten abend meinte der luxus-mann: "wir werden den GANZEN tag laufen! ich will ALLES sehen! ich muss ALLES fotografieren!" darauf war ich bei einem städteurlaub an orten, wo es auch öffis gab, nicht ganz eingestellt. doch ich war ja flexibel. da wir uns in einem zivilisierten land mit deichmann-filialen befanden, war das schuhproblem alsbald gelöst: schnurstrackses anstreben der zuvor ergoogelten filialadresse, 10 minuten anprobieren, kaufen, fertig, und das um halb elf uhr vormittags, wo ich in urlaubenden zeiten normalerweise noch schlief. der luxus-mann war dennoch not amused ("den halben urlaub in schuhläden verbracht" "IMMER NUR einkaufen müssen"). danach hühnerten wir immerhin fast sieben stunden durch die innenstadt.

am abend kehrten wir ins hotel zurück und waren lalli. da ich als vierfach bandscheibengeschädigte auf der viel zu harten matratze nur zwei bis drei stunden unter schmerzmitteln ausharren konnte, war ich ohnehin stark übernächtigt und wartete nur darauf, dass erkältungen und fieser herpes ausbrechen würden, was aber nicht passierte. offenbar hatte der herpes vor den den-ganzen-tag-herumlaufen-plänen des luxus-mannes respekt.

um den unerträglich werdenden hunger zu stillen, gingen wir am abend sushi essen, was den luxus-mann aber nicht befriedigte. außerdem wünschte er sich so sehr typische wiener kulinarik, dass wir noch eine stunde durch die straßen rannten, bis der luxus-mann sich in ein münchner hofbräu-haus verliebte und dort weißwürschte und brezen bestellte. ich wartete, bis er den letzten weißen fleischabfälle-matsch aus den labberigen häuten gezutzelt hatte, um darauf hinzuweisen, dass dies bestimmt keine typische wiener spezialität gewesen sei. die enttäuschung hielt sich dennoch in grenzen, da der luxus-mann mit seinem 18 euro teuren fastfood-essen sehr zufrieden war und kräftig mit bier nachspülte.

an tag 2, dem tag nach dem ersten alles-sehen-müssen-marathon begann der luxus-mann über knieschmerz zu klagen und legte fest, dass wir ab sofort möglichst überhaupt nicht mehr herumlaufen würden. außerdem musste er fußball schauen, wofür er sich extra ein ipad gekauft hatte, da das hotel nicht über sky sport verfügte. das führte dazu, dass ich tatsächlich einen halben tag allein für mich hatte. ich ging auf einen flohmarkt und chillte dann bei sommerlichen temperaturen im park belvedere, was ich als ungeheuer entspannend empfand.

abends begann die essensproblematik erneut, da wiener gaststätten offenbar kaum fleischlose gerichte servieren wollten. ich entschied mich für einen salat, sogar mit fleisch in form einiger gegrillter putenschnipsel. der luxus-mann orderte eine platte mit dreierlei gebackenenen schnitzeln und einen topf voller erdäpfel-vogerlsalat, wobei wir beide nicht herausfinden konnten, um welche vogerln (wellensittiche? stadttauben? kolibris?) es sich dabei handeln sollte. mitlesende wiener dürfen an dieser stelle gern aufklären.

bei all dem, was der luxus-mann so in sich hineinstopfte, blieb es natürlich nicht aus, dass auch etwas aus ihm herauswollte. wobei wir dann wieder beim thema alltag wären, der sich in unserem fall unter anderem in einem winzigen badezimmer ohne fenster und ohne funktionierende belüftung abspielte. um nicht vergast zu werden, bat ich den luxus-mann zu sprühen, was er zunächst ablehnte, sich dann aber unter androhung ausbleibender sexueller aktivitäten doch noch mal überlegte. bei sprühen hatte ich eigentlich an ein deodorant gedacht, doch die wahl des luxus-mannes fiel auf mein 80-euro-parfum. was mich ebenso wenig begeisterte wie der geruch von scheiße im schlafzimmer. also kaufte ich bei einem billa ein billomat-deo, woraufhin sich auch dieses problem in wohlgeruch auflöste.

tag 3. das knie des luxus-mannes hatte sich etwas erholt und wollte gern in schönbrunn herumhumpeln, was ich in ordnung fand. schönbrunn sollte man als piefke-touri ja mal gesehen haben. wir schlossen uns den enormen menschenmassen, die da bei brüllender sonne gen mariatheresiahausen strömten, an und absolvierten eine schloss-tour, die etwas kürzer dauerte als das anstehen an der kassa für tickets dafür. dann sanken wir barfuß in den rasen des schlossparks und schauten auf die stadt. der luxus-mann krümelte gras und gänseblümchen auf mich und fotografierte, während ich versuchte, mich unter der kurzen hose richtung luxus-gemächt vorzutasten und ihn an den schamhaaren zu ziehen, was dem luxus-mann lustige kleine quieker entlockte.

am nachmittag traf ich mich dann mit der werten frau kelef, die ich nun schon seit blogurzeiten kannte, aber noch nie live und in farbe erlebt hatte. sie kam in begleitung der entzückenden kleinen frau pixy, die dem luxus-mann in sachen humpeln in nichts nachstand. wir schmausten zunächst zu dritt in einem café, dann begab sich der luxus-mann auf die angeordnete singletingel-tour, damit die damen auch mal ungestört lästern konnten. im nachgang meinte frau kelef übrigens, dass sie sich mich genauso vorgestellt hatte wie ich dann auch wirklich war, was schon eine reife leistung ist, da ich mich beim bloggen gern hinterm literarisieren verschanze und leser mit wohlmeinenden ratschlägen des öfteren darauf hinweise, dass es ganz reale unterschiede zwischen der autorin und der figur der morphine gibt. also blogge ich vielleicht tatsächlich authentischer als ich sein möchte. hm.

da der luxus-mann in wien trotz zahlreicher schnitzel- und kuchenförmiger snacks konstant knapp am hungertod vorbeischrammte, währte der zweisame teil des bloggertreffens nicht allzu lange. dennoch hat es mich extrem gefreut, die hochgeschätzte frau kelef samt anhang endlich mal persönlich zu treffen.

um mitternacht schlug dann die schicksalsstunde und ich alterte um ein weiteres jahr, begleitet von wodka aus der flasche, einem ganzen luxus-geschenkeprogramm sowie einem brief, in dem der luxus-mann mir ganz luxus-untypisch schriftlich seine sexuelle und intellektuelle zuneigung bekundete. ich hatte ein sehr warmes gefühl in der brust, als mir in diesem moment nach so vielen jahren endlich mal wieder die drei kitschigsten worte der welt über die lippen sprangen.

am montag hatte ich wunschprogramm, denn der luxus-mann wollte, dass es mein tag würde. wir fuhren also zum zentralfriedhof, wo ich dem luxus-mann den alten jüdischen friedhof zeigte, der wie ein dschungel voller tanzender schmetterlinge und mümmelnder rehe war. zuerst hatte der luxus-mann gemault, was ich dort wolle, wenn man in hamburg doch direkt ohlsdorf vor der nase hat, aber dann war er doch beeindruckt, wie die natur hier innerhalb weniger jahrzehnte alles überwuchert und in einen kleinen urwald mit umgestürzten grabsteinen verwandelt hatte.

den rest des tages verbrachten wir in der stadt in einem café, wo es mal wieder nicht so tollen kuchen gab, sowie später auf dem hotelzimmer, weil wir keine lust mehr auf gelatsche, sondern vielmehr auf ficken hatten. am abend schleifte ich den müden mann in eine bar, wo wir uns cocktails für 14 euro hinter die binde gossen, danach gings auf die piste. am ort des geschehens war für einen montag unheimlich viel los. viele drinks später erst sahen wir auf die uhr, da war es dann schon nach drei.
"fuck, wir müssen ja um elf aussem zimmer raus", lallte der luxus-mann. also brachen wir in windeseile auf, verliefen uns aber, hacke wie wir beide waren.
"nehmwa doch n taxi", sagte ich ein ums andere mal.
"nee, dasssss... hotelisss gleich um die ecke", behauptete der luxus-mann jedesmal daraufhin steif und fest.
erst unzählige falsche ecken später standen wir tatsächlich vor unserer elitären herberge mit den schlechten betten und schwankten auf unser zimmer.

tag 5, abreisetag. auf dem weg zum flughafen wollte uns wien noch mal kurz schocken und ließ die s-bahn sperren. dank meines unglaublichen instinktes fürs praktische gelang es mir jedoch, durch das bequatschen von polizei, straßenbahnfahrern und dem studieren unzähliger karten eine alternative wegstrecke zum ziel herauszufinden.
in hamburg freute ich mich dann sehr auf mein bett und der luxus-mann sich auf fußball und eine große portion nudeln, da er schnitzel inzwischen nicht mehr sehen konnte.
"kommst du nachher noch mal rum?" fragte er mich, als ich an meiner station aus der bahn stieg.
"du kriegst mich nicht über, was?" grinste ich.
"nicht so schnell, irgendwie", erwiderte der luxus-mann. "manchmal vermiss ich das sogar, wenn ich alleine im bett liege und mich deine haare nicht im gesicht kitzeln."
ich kicherte geschmeichelt.
"jetzt ist aber auch wieder gut mit romantik", sagte der luxus-mann schnell und zwinkerte.

so endete eine insgesamt sehr schöne zeit, in denen wir uns nicht mal ansatzweise gestritten, sondern vielmehr noch ein plus an nähe und intensität entwickeln konnten. bei drübernachdenken kann ich ein ums andre mal mein glück kaum fassen.