Samstag, 27. Juni 2026

hauptsache!

als kleines strohblondes mädchen von drei oder vier jahren hatte ich einen spezial-ausdruck für orte, dinge und momente, die mir im besondere maße richtig, schön oder aufregend erschienen. 

zum beispiel der geruch von nassem waschbeton nach einem regenguss. das kribbeln im bauch, wenn es beim radfahren steil bergab ging - und wie unglaublich sicher sich das trotzdem anfühlte, so im kindersitz, eingeklemmt zwischen den starken armen meines vaters. oder der kleine wald-spielplatz nahe des freibads: dort gab es ein rotes karussell, welches ich irrsinnig toll fand, auch wenn ich mich als kleiner angsthase lange nicht damit fahren traute.

das waren für mich sogenannte "hauptsachen". 

ich habe anderen nie von diesen hauptsachen erzählt, weil ich ahnte: das sind in wirklichkeit eher nebensächlichkeiten. wenn mir andere kinder von dingen oder momenten berichteten, die einen bleibenden eindruck bei ihnen hinterlassen hatten, waren das häufig urlaubsreisen, geburtstagsfeiern oder - etwas später im leben - besondere schulische leistungen. dinge, die mir vollkommen unbedeutend erschienen.  

also behielt ich meine hauptsachen strikt für mich - denn mir war klar, man würde mich dafür auslachen. auch meine eltern würden wieder die augen verdrehen und finden, dass ich mir meine spinnereien endlich mal abgewöhnen und ein normales kind werden müsse. eines, das mit gleichaltrigen spielt, anstatt sich hinter büchern und zeichenpapier zu vergraben. 

heute kann ich meine hauptsachen gar nicht genug würdigen. es waren immer augenblicke, in denen ich ganz da und mit der welt eins sein konnte. augenblicke, die frei von problemen und bedrohungen waren, in denen ich zu einhundert prozent sicher war. als kind habe ich solche hauptsachen tatsächlich immer wieder erlebt - auch wenn ich mit mobbing, gewalt und missbrauch großgeworden bin. immer wieder hauptsachen zu finden und für eine kurze zeit vollkommen in ihnen aufzugehen, das war eine art training, das mich zu dem menschen gemacht hat, der ich bis heute bin: jemand, der schönheit, atmosphäre und verbundenheit ungeheuer intensiv erleben kann.

einige frühere hauptsachen habe ich in die gegenwart hinübergerettet - wie beispielsweise ein bestimmtes kinderbuch. es ist eine art seismograf meines wohlbefindens: ich erlaube es mir nur dann zu lesen, wenn alles, wirklich alles, für einen moment in ordnung ist und ich mich vollkommen sicher fühle. 

ich habe dieses buch seit rund drei jahren nicht mehr angefasst - ganz bewusst. hauptsachen werden offenbar weniger, je älter man wird, je stärker sich probleme häufen, je weniger man verbundenheit erlebt und je seltener sich räume für echte, wahrhaftige beziehungen öffnen. 

ich versuche deshalb, mich wenigstens an meine hauptsachen zu erinnern, ihnen nachzuspüren, und aus ihnen eine tröstliche bedeutung für die lasten von gegenwart und zukunft abzuleiten. und ich werde es nicht leid zu hoffen, doch noch menschen zu begegnen, die ebenfalls so etwas wie hauptsachen kennen und erleben können.

12 Kommentare:

  1. Das kann man sehr gut nachfühlen und finde ich eine wunderbare Beschreibung und hilfreiche Strategie. Ich verbinde ganz viel mit Geruch und bewahre mir ebenfalls solche kleinen Erinnerungsinseln. Ich habe nie aufgegeben, diese Art von Menschen zu finden, sie sind wie ein Zuhause und leider extrem rar. Deine Worte berühren mich sehr. <3

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    1. danke. :-) dafür ist dieses blog da - es ist eine kleine flaschenpost für ähnlich gesinnte. früher hatten wir ja auch bloggertreffen und bloglesungen, da konnte man sich dann sogar persönlich kennenlernen, was ich immer sehr schön fand. irgendwann hatte sich das dann zerschlagen, social media wurde immer wichtiger, die leute gerieten in konflikte, es ging nur noch um selbstdarstellung und getrolle.
      trotzdem, der anfang der bloggerei und diese treffen war eine schöne phase. ich würde jederzeit wieder eines besuchen oder selbst veranstalten, wenn ich den eindruck hätte, es gäbe interessenten.

      gerüche sind mir übrigens auch sehr wichtig, und ich verknüpfe sie auch gern mit "guten" menschen.

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    2. "und für eine kurze zeit vollkommen in ihnen aufzugehen".
      .... mannomann — ja — da gibts Momente, an die ich mich erinnere — genau wie du es beschreibst. Momente, die fest eingebrannt sind.
      Manchmal träume ich nachts davon und bin beim Auwachen sehr enttäuscht — weil es war ja in der Vergangenheit und ist nicht mehr da — und kommt auch nie wieder. (wie der Tag, als ich die Prüfung für die Kollegschule bestand, obwohl ich nach den Prüfungen überzeugt war, zu schlecht zu sein und den Rest meines Lebens als Schildermaler zu verbringen.
      Gruß, Joe

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    3. schön. :-) und schön, dass du dich dran erinnerst.
      p.s: und ja, dieses gefühl nach prüfungen und anderen wettbewerbssituationen ist mir ebenfalls sehr vertraut.

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  2. Das kann ich sehr nachfühlen. Und ist tatsächlich auch heute noch eine Insel im Stress: die kleinen großen bedeutsamen Dinge. Inzwischen fotografiere ich, eigentlich konsequent.
    Und habe mir in den letzten Jahren auch mehrere Herzensbücher und Filme meiner Kindheit teilweise lange gesucht und voller Freude und auch ein bisschen aufgeregt ob sie noch so zu mir sprechen, gekauft. Darunter „Im Kopf brennt noch Licht“ von Peter Lustig - sehr zu empfehlen - und „Die Märchenbraut“ - immer noch zauberhaft und „In den Wäldern am kalten Fluss“, ein sehr schlimmer Roman über ein Geschwisterpaar welches in den kanadischen Wäldern ihren Vater verliert und sich verirrt. Die Verfilmung habe ich mir auch gekauft aber aus Respekt und Bammel vor Enttäuschung noch nicht angefasst.

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    1. "im kopf brennt noch licht" kannte ich noch gar nicht, dabei habe ich peter lustig geliebt und auch immer "löwenzahn" geschaut. (und davon geträumt, irgendwann auch in so einem bauwagen in der natur zu leben. ;-))

      verfilmungen und neuverfilmungen finde ich auch manchmal schwierig. als kind habe ich bspw. mal die verfilmung von "ronja räubertochter" von lindgren gesehen, eine offenbarung für mich - und einer der wenigen fälle, in denen ich das buch erst hinterher gelesen habe. beides fand ich ganz, ganz großartig.
      inzwischen gibt es ronja räubertochter auch als serie, und ich hatte überlegt, ob ich mir das antun sollte. ich habe ungefähr zwei minuten reingeschaut und es dann ruckzuck verworfen - denn das hätte mein ganzes gutes gefühl für diese geschichte zerstört. ich mag es überhaupt nicht, wenn literatur zur serie aufgeblasen und dabei lauter nebenschauplätze eröffnet werden. das fühlt sich komplett falsch an. und meistens ist auch strunzenlangweilig, weil die nebenschauplätze dann komplett unspektakulär und nur unzureichend mit der grundgeschichte verwoben sind.

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  3. omg ja, ich habe auch solche "Hauptsachen" <3

    Aus der Kindheit heruebergerettet Gerueche hauptsaechlich, z.B. unser Garten nach Regen oder das Reetdachbauernhaus von Freunden meiner Eltern, was mich immer sofort in die Kindheit flasht, aber auch Kettenkarussell, auf dem Dach unseres Hauses sitzen und in die Gegend gucken, im Laubwald unterwegs sein oder im Ruderboot sitzen und die Hand ins Wasser zu halten ... absoluter innerer Frieden. Deswegen habe ich mir den langgehegten Wunsch eines eigenen Paddelbootes erfuellt und es funktioniert genau wie frueher :)

    Bei einem Bloggertreffen waere ich dabei.

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  4. p.s.: absolut suesses Foto :)

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    1. ich mag das auch. vor allem, weil es kein typisches foto ist - diese natürliche grinse-gesichtchen. als ich es entdeckte, wusste ich erst nicht mehr, wie es entstanden war. zum glück stand es drunter: mein erster kindergarten-tag. aufgenommen wurde wohl am morgen vor dem start in den kindergarten, denn nachmittags bei meiner rückkehr war ich wohl vollkommen desillusioniert und frustriert vom kindergartenkonzept und meiner kindergärtnerin, wie meine mutter mir mal erzählte. ;-)
      auf meinen kinderfotos gucke ich sonst sehr oft nachdenklich und schüchtern und wirke mit 4 wie andere kinder mit 8. oder ich lächle so ganz komisch, weil meine mutter mir mich aufforderte, komm lach doch mal.
      es gibt sogar ein absolut gruseliges foto von meinem 5. geburtstag, da hatte ich übel krach mit meiner mutter, weil ich keinen bock auf fotografiert-werden hatte und nicht motiviert genug in die kamera geguckt hatte. meine mutter hat mich dafür total angeblafft und ich habe geheult. meine mutter richtete derweil die kamera auf mich und wartete. entstanden ist daraus ein bild, auf dem ich einfach krass die zähne fletsche (man sieht alle meine milchzahn-lücken, was ganz lustig aussieht und dem foto doch etwas charme verleiht) und die mundwinkel verziehe.

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  5. "gucke ich sonst sehr oft nachdenklich und schüchtern und wirke mit 4 wie andere kinder mit 8. oder ich lächle so ganz komisch, weil meine mutter mir mich aufforderte, komm lach doch mal."
    yepp, damals wie heute — der Erwartungsdruck. Dei Eltern können nicht loslassen — oder — es endet in der Waldorfschule ... ich werde dann demnächst auf der Schanze drauf achten, ob jemand den Namen "sehkrankimmatrosenpulli" tanzt.
    Gruß, Joe

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    1. da muss ich enttäuschen - ich war auf keiner walddorfschule und meine eltern waren auch keine anhänger der reformpädagogik. im gegenteil. ich wurde eher streng erzogen.
      ich verlange auch nicht von eltern, dass sie ein vierjähriges kind "loslassen". ich denke, es bereitet eltern große sorgen, wenn sie bemerken, das kind "funktioniert" nicht wie andere kinder, bleibt außen vor, integriert sich allenfalls in einer vergleichsweise "erwachsenen" rolle, indem es andere kinder anleitet oder unterstützt und ansonsten gezielt den kontakt zu erwachsenen sucht. natürlich ist der elterliche wunsch da, das kind möge spielen wie andere kinder, mit gleichaltrigen, und sich nicht in eine welt zwischen büchern und papier zurückziehen. vielleicht hätten mir reformpädagogik-orientierte eltern sogar gut getan, wer weiß. oder einfach etwas gebildetere eltern, die mehr versucht hätten, meine eigenart besser zu verstehen und behutsam zu lenken, anstatt mir das gefühl zu geben, seltsam und falsch zu sein. das ist es eigentlich, was ich kinder wünsche - reflektierte eltern, die zu ihnen passen.
      trotz allem waren meine eltern nicht schlecht. sie sind menschen, die ihre elternrolle mittelgut ausgefüllt haben. sie haben fehler gemacht, aber auch einiges richtig. ich verurteile sie nicht, ich bin sogar dankbar, dass sie mich insgesamt zu einem liebe- und rücksichtsvollen menschen erzogen haben.

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