Sonntag, 22. März 2020

warum ich corona schätze

morgens, wenn ich aufwache, öffne ich alle fenster.
draußen: stille. kein gehupe, kein rauschender verkehr.
ich falle in diese kostbare stille mit allen sinnen.

draußen ist raum. freiraum. kein gedrängel auf den wegen wie sonst.
kein gegröhle jugendlicher, kein geschrei von kinderpulks, kein geschnatter von muttis.
keine aggressivität.
vereinzelte stimmen, fast kleinstadtfeeling, und das in einer der dicht besiedeltsten ecken einer großstadt. wunderbarst.

ich fahre mit dem rad.
die luft ist fast jungfräulich, das zeigen auch die messwerte.
sonst kann man den dunst kaum atmen und der bittere geschmack der autoabgase klebt mir im rachen, bis ich etwas esse oder trinke.
nichts davon in diesen tagen.

ich fahre mit dem rad und habe kaum angst, denn die straßen sind leerer.
angst ist sonst mein ständiger begleiter, denn der verkehr ist in der regel unübersichtlich dicht. wenn ich auf den neuen radwegen mitten auf der straße bin, ein lkw links neben mir, ein fetter suv rechts, nimmt mir das jedesmal den atem. bestimmt sinken die zahlen von unfällen und verkehrstoten in diesen tagen immens.

corona hat definitiv auch gute seiten. 
corona zeigt, dass wir mit weniger können.
dass man autos nicht ständig braucht.
dass man nicht mit dem flieger verreisen oder zu dämlichen meetings jetten muss, um sich wichtig zu fühlen.
dass wir einschränkungen hinzunehmen in der lage sind, wenn es um unser leben geht. vielleicht hilft dieses learning künftig beim klimaschutz.
dass unsere arbeitswelt anders denkbar ist, dass homeoffice funktioniert und einen festen und normalen bestandteil im arbeitsalltag bilden sollte.
dass unsere gehälter pervertiert sind und ein krankenpfleger deutlich mehr wert ist als ein vorstandssesselfurzer.

wenn jemand das mit einem klopapier-vorrat von 98724827612 rollen kompensieren muss, ist mir das prinzipiell herzlich egal.

natürlich wird all dies in wenigen wochen wieder vergessen sein, wenn der grenzenlosen gier nach komfort, statussymbolen und materie wieder stattgegeben wird.

aber bis dahin genieße ich diesen utopie-nahen zustand, allem infektionsrisiko zum trotz.

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beeindruckend: wie die luftverschmutzung aus dem weltall betrachtet zurückgeht


Kommentare:

  1. hier (dorf neben B) herrscht noch keine ausgangsbeschraenkung, aber die leute bleiben von sich aus zu hause.

    es ist gleichermassen wunderschoen und total beaengstigend (weil zu viele zombiefilme gesehen...)

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