Montag, 3. Juni 2019

ausflug in die seuchenzentrale

als ich das objekt besuche, sitzt es nicht wie sonst aufrecht im bett, sondern liegt blass und in seiner schlafstellung auf der seite.
"oh! wolltest du gerade ein nickerchen machen?" frage ich überrascht.
"jaa...", das objekt arbeitet sich mühsam aus den kissen empor. "ich... bin... krank!"
"oh", sage ich wieder. "was hast du denn?"
"magen-darm... grippe."
"auweiha! wie lange geht das denn schon?"
"die ganze... woche..."

schön, dass mich die gespielin nicht vorgewarnt hat. vermutlich hofft sie, dass ich mich anstecke oder dass das objekt krankheitsbedingt so schlecht gelaunt ist, dass ich danach nicht wiederkommen will.
aber ich will ja für das objekt da sein, also muss ich wie so oft meine wut auf die gespielin hinunterschlucken.
ich frage das objekt:
"willst du denn, dass ich hierbleibe? oder soll ich lieber wieder gehen, wenn du schlafen möchtest?"
"hier... bleiben", sagt das objekt und breitet die arme aus.
ein mann, ein wort.

wir kuscheln ein wenig und ich erzähle die neusten news.
dann packe ich die filme aus, die ich dem objekt mitgebracht habe.
"mein mann hat dir auch was beigesteuert", sage ich.
"der... ist.... gut", sagt das objekt sichtlich gerührt. "danke."

ich schaue das objekt genau an. es wirkt insgesamt  nicht besonders gesund und jemand hat ihm obendrein eine merkwürdige topffrisur geschnitten.
"sag mal, deine haare sind ja wieder ab", stelle ich fest.
"ja", kichert das objekt.
"aber du wolltest die doch wachsen lassen!"
"ja."
 ich streiche durch die haare, die inzwischen ziemlich grau durchzogen sind und schlage dann vor:
"soll ich das nächste mal ein bisschen haargel mitbringen? dann machen wir dich hübsch."
"jaaaa...."
"weil du musst dich doch auch wohlfühlen, mensch."
"jaaaa...."
"besonders, wenn wir wieder rausgehen wollen."
"jaaa... nächstes mal... bin... ich... wieder... fit", verspricht das objekt.

die sonde beginnt zu piepen, weil die nahrung alle ist.
eine pflegerin, die ich noch nicht kenne, stürmt ins zimmer und bleibt dann abrupt stehen:
"oh, du hast ja doch besuch!" ruft sie erstaunt. "ein neues gesicht... zumindest ich kenne dich noch nicht", fährt sie zu mir gewandt fort.
ich sage meinen namen und gebe der jungen frau die hand.
"und wer bist du?"
"sowas ähnliches wie eine exfreundin."
"ah", sie nickt.
"ich wusste gar nicht, dass das objekt krank ist", sage ich dann.
"hat dir das keiner gesagt?"
"nein, seine freundin redet nur das allernötigste mit mir."
die pflegekraft nickt und lächelt wissend, wahrscheinlich kommt ihr sowas bekannt vor.
"ich wechsle nur eben die nahrung, dann seid ihr gleich wieder ungestört."

nach einer stunde ist das objekt allerdings so müde, dass es schlafen muss.
"dann komm ich lieber wannanders noch mal wieder", sage ich. "sofern mich die gespielin lässt."
"du... sollst... immer... zu mir... kommen... dürfen", sagt das objekt angestrengt und hält meine hände ganz fest.
"das solltest du am besten der gespielin sagen. an mir wird das bestimmt nicht scheitern, das kann ich dir versprechen. ich bin sehr froh, wenn ich dich sehen kann."
"danke", sagt das objekt und lächelt über beide wangen.

draußen bin ich kurzzeitig wahnsinnig aufgewühlt, weil mir einfällt, dass ein magen-darm-infekt für eine quasi bettlägrige person vielleicht viel gefährlicher ist als für eine gesunde, und dass das objekt möglicherweise daran sterben könnte. aber ich habe kein netz, also kann ich google nicht befragen. nach der einstündigen wanderung zum bahnhof bei 31 grad dann bin ich so erschöpft und so durchgeschwitzt, dass der gedanke an eine flasche wasser vorübergehend alle sorgen überlagert.

Kommentare:

  1. Mutig. Ich wäre direkt abgehauen, nach der Magen-Darm Information.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. hab ich auch kurz dran gedacht. ;-) aber ich vermute inzwischen , es war kein virus. habe gelesen, sonden-patienten haben öfter infektionen v.a. durch keime, die am schlauch anhaften.

      Löschen
  2. oh je, gute besserung an das objekt, und hoffentlich haben Sie sich nicht angesteckt!

    AntwortenLöschen
  3. Was bitte ist das für eine Einrichtung, in der der arme Mann untergebracht ist? Bei Magen Darm ist normal in Einrichtungen strengste kittelpflege angesagt. Das steht dann groß an der Tür zum Zimmer dran. Bevor man das Zimmer betritt, zieht man Kittel, Häubchen, schuhschützer, einmalhandschuhe und Mundschutz an. Ich bin etwas fassungslos.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ich nehme mal an, das wird nicht nötig gewesen sein. ich gehe davon aus, dass es kein gängiger magen-darm-infekt war. auch die pfleger hatten keine kittel o.ä. an. nur handschuhe.

      Löschen

danke für deinen kommentar! er wird nach freischaltung aktiviert.