Mittwoch, 22. Mai 2019

schuld und sühne

übermorgen wird mein vater 71. wie so oft hatten wir gestern eines dieses langwierigen telefonate zum thema "mysteriöse vorgänge am pc", bei dem ich irgendwann den geduldsfaden verloren habe. ja, ich bin keine mary poppins und mein kopf ist voll mit arbeit, umzug, objekt- und beziehungspflege. ich werde dann gern mal pampig.

so wenig, wie ich pamigkeit bei anderen mag (ich reagiere auf pampigkeit bisweilen sogar sehr ungehalten), mag auch ich mich pampig überhaupt nicht. dennoch scheint es bei mir eine automatische reaktion auf das gefühl der überforderung zu sein. da ich nicht die resilienteste bin, dauert es auch nicht extrem lange, bis dieses gefühl eintritt - wenn nicht geistig mit einer erkenntnis wie "boah, bin ich gerade gestresst!", dann eben körperlich in form von schlaflosigkeit, schlafparalysen, depression und rückenschmerzen.

während der luxus-mann meine pampigkeiten in der regel humorvoll kontert, was es mir leicht macht, mich zu entspannen und bei bedarf auch zu entschuldigen, geht das bei meinem vater nicht. mein vater reagiert nicht humorvoll, wenn ich eskaliere. er nimmt es sich zu herzen.

"ich weiß, dass du mich für blöd hälst", klagt er dann ins telefon.
"nein, papa, mit blöd hat das nichts zu tun", beschwichtige ich ihn dann. "du bist nur einfach nicht... lösungsorientiert. anstatt einfach mal das zu machen, was ich sage, und dir das am besten einmal aufzuschreiben, damit du nicht dauernd wieder fragen musst, stellst du noch 5000 fragen drum herum und steigerst dich dabei in absurdeste überlegungen hinein!"

wenn wir auflegen, habe ich schuldgefühle. wie kann ich nur. da hat mein 71-jähriger vater, bei dem ich nicht mal weiß, ob ich ihn beim nächsten besuch noch lebend sehe, das gefühl bekommen, er sei blöd! naja, ok, das gefühl gibt er sich ja selbst, muss man ehrlicherweise sagen.  aber ich hätte auch nett bleiben können. so nett wie mein ex-chef, der auch bei den schwierigsten kunden immer locker blieb und sogar auf ausgemachte frechheiten mit einem lässigen spruch reagierte. mir fehlt diese grundentspanntheit. ich explodiere dann.

und wie auch ich, wenn mich jemand anfährt, ist mein vater jedesmal geknickt:
"ich trau mich halt nicht so mit dem pc wie du, ich denk dann immer, ich mache was falsch."
(wieder einmal erklärt sich, woher mein schwaches selbstwertgefühl kommt: ich habe gleich zwei elternteile, die sich nichts zutrauen und lieber nichts ausprobieren, wenn es auch nur die leiseste gefahr gibt, dass man dabei auf die fresse fallen könnte.)
wie schon hunderte mal zuvor antworte ich:
"papa, was soll denn passieren? ok, was wäre denn das allerallerschlimmste, was passieren könnte? dann sagen wir mal, der pc geht irreparabel kaputt. aber dann kaufst du dir einen neuen und schmeißt die alte rumpel endlich mal weg. das wäre noch nicht mal wirklich schlimm, sondern was gutes."
"ja, aber schon blöd", findet mein vater.
"erstmal ist es blöd, aber du hast selber gesagt, euer betriebssystem ist inzwischen so alt, dass nicht mal mehr updates dafür auf den markt kommen. und der pc war von aldi, der war doch nicht mal teuer."
"aber wenn ich jedesmal den pc kaputt mache..."
ich seufze schwer beherrscht:
"du WIRST ihn nicht kaputt machen. es sei denn, du schmeißt ihn versehentlich aus dem fenster."
"meinst du."
"ganz sicher. was glaubst du, was ich schon alles dämliches mit meinen notebooks angegestellt hab."
"du hast auch ständig neue!"
"ja, aber weil ich gern aktuelle technik habe. und so nach vier jahren gibts halt immer was besseres und schnelleres. ich habe noch nie ein notebook kaputt gemacht durch irgendwelche dummheiten."

wie sehr mich das gespräch mitgenommen hat, erfahre in der nacht. ich träume, dass meine mutter schwerkrank ist und nur noch zwei wochen zu leben hat.
dass meine mutter vor meinem vater stirbt, erscheint mir im realen leben nicht sehr wahrscheinlich, weshalb ich darüber so gut wie nie nachdenke. im traum allerdings bin ich plötzlich konfrontiert damit, dass ich dann mit meinem komplizierten, unselbstständigen und altersstarrsinnigen vater alleine bin. die gefühlrange ist beeindruckend: wut, überforderung, ablehnung. denn neben meiner eigenen trauer muss ich im traum:

- die trauer meines vaters auffangen
- meinen vater voll versorgen und aufpassen, dass er nicht verwahrlost (mein vater kann sich alleine kein spiegelei braten)
- das haus auflösen
- mich um die beerdigung kümmern und alle ämtergänge alleine erledigen

als ich wach werde, bin ich vollkommen aufgelöst. ich schaffe das nicht alleine, spüre ich. gleichzeitig weiß ich, dass ich in diesem fall nicht drum herum kommen werde. meine mutter wäre, falls mein vater als erstes stirbt, sicherlich sehr traurig, aber sie ist selbstständiger und hat ein gewisses gespür für meine grenzen. mein vater würde sich an mich klammern, sich mit seinem vollen gewicht an mich hängen und mir für alles die volle verantwortung übertragen, wobei es extrem unwahrscheinlich wäre, dass ich ihm auch nur eine sache recht machen kann.

falls es zu dieser situation kommt, werde ich also einen heiklen balanceakt zwischen fürsorge und abgrenzung absolvieren und dabei irgendwie mit meinen dämlichen schuldgefühlen klarkommen müssen. woher ich die kraft dafür nehmen soll, weiß ich allerdings noch nicht.

Kommentare:

  1. Von dem Traum jetzt mal abgesehen: Bin überzeugt, dass auch im Alter noch einiges geht (Lernvermögen ist ja nicht plötzlich bei null); hast du mal versucht, ihm den PC zu erklären, während du dabei bist? Also, ihn machen zu lassen während du wirklich daneben sitzt, oder alternativ: selbst am PC sitzen, in Zeitlupe immer wieder Prozesse wiederholen, ihn daneben haben, und er soll sich Notizen machen?

    Ich kenne das "Eltern trauen sich nichts am Computer" Problem, und habe selbst auch noch keine Lösung gefunden. Aber wenn irgendwas bisher ein winziges Bisschen geholfen hat, dann das.

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  2. klar hab ich das mal versucht, wobei es dazu wenig gelegenheiten gibt, da ich ja nur ca. 3x im jahr für ein paar tage bei meinen eltern bin.

    schlage ich sowas vor, hat mein vater schon mal prinzipiell keine lust. auch wenn ich ihm immer wieder erkläre, dass lernen spaß machen kann, er schiebt das auf den letzten möglichen zeitpunkt vor meiner abreise hinaus. dann ist es oftmals mit hektik verbunden.

    sitzen wir dann da und hab ich etwas erklärt, will er auch nicht üben. er behauptet, er habe das verstanden, wenn er es einmal theoretisch gehört hat - was aber nicht der fall ist, wie sich dann eine woche drauf am telefon zeigt. ich bitte ihn immer wieder, sich dinge aufzuschreiben. tut er nicht. wie ein bockiges kind, das auf seiner faktisch nicht vorhandenen überlegenheit behaart.

    er will nicht lernen. er will die dinge abschieben, habe ich den eindruck. ich soll das machen. so, wie meine mutter ihm auch alles abnimmt. er ist nicht dumm, aber er begegnet solchen dingen mit einer merkwürdigen mischung aus vermeintlicher überlegenheit, faulheit und tiefsitzender angst vorm versagen. und diese haltung sabotiert alles. hinzu kommt dann eine art paranoia, die dazu führt, dass er sich in absurde, nicht mal auf das problem bezogene theorien hineinsteigert. und da steige ich dann komplett aus.

    ich hab z.b. auch meinen eltern mal notfall-listen geschrieben, wie man bei jemand anderes einen schlaganfall oder herzinfarkt erkennt und wie man sich dann korrekt verhält. haben die sich nicht mal angeschaut. das liegt jetzt irgendwo in einer schublade, wo sie es im fall des falles in ihrer panik garantiert nicht finden.

    das habe ich mal meinem freund, dem wahnsinnigen doc, erzählt. der ist allgemeinmediziner und hat selber einen vater, der noch mal ein paar jahre älter ist als meiner. der kennt das. der erzählte mir, er habe seinem vater zur erläuterung eines computerproblems einen video-link geschickt. dann hat er ihn angerufen und gefragt, ob er das video verstanden habe oder ob es fragen gäbe. sagt sein vater jaja, er habe es verstanden. wochen später kommt raus, der vater hat das video nicht mal angeguckt, sondern die e-mail mit dem link einfach gelöscht, weils ihm zu kompliziert war, das anzugucken.

    das ist wie bei grundschulkindern.
    und kinder kann ich bis heute nicht wirklich leiden. ;-)

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