Samstag, 14. Mai 2022

fünf bis sechs himmelsrichtungen

ich bin mit dem luxus-mann verabredet, weil er mir netterweise in meinem elend beim einkaufen helfen will. 

viertel nach zwei. ich bin sehr pünktlich, da der mann unpünktlichkeit auf den tod nicht ausstehen kann. (das zieht sich übrigens durch alle meinen längeren beziehungen: männer mit pünktlichkeitswahn, oft auch mit putzfimmel. fast immer erwische ich die mit der schlechten analen phase!)

doch diesmal kommt der luxus-mann zu spät. eine ganze viertelstunde. als er endlich um die ecke kurvt, beschließe ich, ihn zu parodieren: ich fuchtle wild mit den armen, hämmere mit dem zeigefinger auf ein imaginäres ziffernblatt am handgelenk und führe einen rumpelstilzchentanz auf - sehr zur belustigung der umstehenden.

der luxus-mann ist zerknirscht, muss aber angesichts meiner performance grinsen: "ja, irgendwie... war ich jetzt länger nicht mehr hier auf der ecke. hab vorhin die falsche straße genommen und ab da sah dann alles irgendwie gleich aus."

der fehlende orientierungssinn ist ein großes manko am luxus-mann. immerhin wohne ich nun seit fast drei jahren in dieser gegend, aber er schafft es immer noch, sich zu verfahren. gerät er fatalerweise in eine falsche der vielen altbau-kopfsteinpflaster-sträßlein hier, ist er lost - ganz egal ob mit oder ohne navi.

"das ist irgendwie komisch bei mir", gibt der luxus-mann zu. "das war schon als kind so. kennst du dieses gläserne labyrinth auf dem dom, wo man zwischen den scheiben die türen finden muss? ich war da als kleiner junge mal mit meiner familie drin. alle waren schon längst draußen, auch meine kleine schwester - nur ich bin immer wieder wie so eine hummel irgendwo gegen ne glasscheibe gelaufen."

später dann, erzählt er mir, mit mitte zwanzig, fuhr er mit seiner damaligen freundin nach einem restaurantbesuch aus irgendwelchen gründen in getrennten autos zurück nach altona. "b. wohnte damals in diesem gelben haus in der barnerstraße, so richtig mittendrin also. es war winter und schon dunkel... und da bin ich wieder in die falle getappt. ich bin bestimmt über eine halbe stunde durch diese ganzen kleinen nebenstraßen gegurkt, durch diese immer gleichen jugendstil-häuserfronten. und weil schnee lag, sah alles noch viel gleicher aus. ich dachte, ich werde irre!" 

seine freundin war zu dem zeitpunkt längst zuhause angekommen und stinksauer, weil sie dachte, der luxus-mann sei - seinem damaligen temperament folgend - noch irgendwo in einer bar versumpft.

"schon lustig mit dir", sage ich. "aber manchmal auch ziemlich nervtötend."

"vielleicht hat meine matrix halt einfach ein paar mehr himmelsrichtungen als eure", grinst der luxus-mann. 

"du meinst, so fünf bis sechs?"

"in etwa. und das verwirrt mich dann, weil ihr hier alles auf vier eingerichtet habt."

"soso", sage ich. "vielleicht lebe ich ja dann in einer anderen zeitmatrix und komme deswegen manchmal drei minuten zu spät. das musst du dann bitte auch entschuldigen."

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