Samstag, 24. Oktober 2020

i stay at home

die sehnsucht nach der heimat ist auch nach 12 jahren nicht verflogen. ich habe mich hier arrangiert, nicht mehr und nicht weniger. hamburg bleibt mein lärmiger, dreckiger, stinkender und maximal bronzener käfig, in dem ich wegen meiner beziehung und wahrscheinlich auch bald wieder wegen des neuen jobs festsitze.

drei bis vier besuche pro jahr im süden machen dieses wirtschaftsasyl für mich akzeptabel. dieses jahr gestaltet sich das alles schwierig. im märz wütete corona, im frühsommer bekam ich keinen urlaub. im spätsommer wollte dann der luxus-mann mit, was zur folge hatte, dass ich mich in der heimat nicht frei bewegen konnte. immer artiges pärchenprogramm, lächeln, nicken und aufs nächste mal hoffen.

umso mehr habe ich mich auf den oktober gefreut. eine ganze woche franken, insgesamt acht tage urlaub, alles entspannt. die flüge gingen, viele freunde warteten auf mich. alles schien perfekt. ich fieberte hin, zählte die tage.

dann jedoch funkte mir corona dazwischen. am tag meines abflugs schossen die zahlen wie blöd in die höhe. und es kamen mir zweifel:

ich muss rund 45 minuten mit der s-bahn zum flughafen fahren. in der s-bahn ist die masken-compliance mehr als mangelhaft. dann hühnere ich am airport herum. sitze am gate. danach eine stunde in der maschine. anschließend noch mal durch den zweiten flughafen rennen. 

um mich selbst machte ich mir weniger sorgen. doch was, wenn ich das virus anschleppte und meine eltern infizierte? oder wenn in bayern ein lockdown kam und ich nicht mehr ausreisen durfte? 

ich telefonierte mit meinen eltern, äußerte meine bedenken. meine vater war wie immer in heller panik und gab merkwürdigste theorien zum besten. bei meiner mutter überwog noch immer die vorfreude. beide sagten letztlich, dass ich gerne kommen sollte, wenn ich mich das traute.

als ich unschlüssig im hausflur am briefkasten stand, kam mir meine nachbarin entgegen. sie ist schwer gehbehinert und in etwa so alt wie meine mutter. ich hole ihr öfter sachen aus der apotheke oder helfe ihr beim tragen von einkäufen, da sie alleine lebt.

"du, sag mal, gewissensfrage", sagte ich zu ihr. "wenn ich deine tochter wäre und du hättest mich monate nicht gesehen, würdest du wollen, dass ich komme? jetzt so, mit den zahlen?"
"nein", antwortete sie wie aus der pistole geschossen. "du weißt ja, mein sohn arbeitet in flensburg und pendelt... der kam ja öfter mal vorbei... aber ich hab ihm gesagt, bleibt bloß zuhause."
ich nickte.
"was haste denn, machste dir gedanken, dass deine eltern dir böse sind?" fragte meine nachbarin lieb.
"nee. das nicht. aber meine mutter wird furchtbar traurig sein. sie hat vorhin schon am telefon geweint."
"weißte, ich mach mir auch immer so viel gedanken um alles und alle anderen. bringt nix! jetzt nicht zu verreisen, ist vernünftig."

das gab mir die kraft, meine eltern erneut anzurufen und den besuch abzusagen. ich hörte, wie meine mutter wieder mit den tränen kämpfte. ich wusste, welche kleinen altar sie in meinem alten kinderzimmer für mich erbaut hatte - willkommens-girlande und süßkram und wie meist auch ein kleines geldgeschenk.

so wurde mein erster urlaubstag todtraurig. 130 euro hatte ich zudem mit der absage in der wind geschossen, noch immer kein pappenstil für mich, aber verkraftbar.

ich rief den luxus-mann an und teilte ihm meinen entschluss mit.

"aber warum denn?" wollte er wissen.
"haste mal nachrichten geguckt?"
hatte er natürlich nicht. 
"krass", sagte er. "und dänemark macht die grenzen dicht! da sind wir dann letzte woche gerade noch so rausgekommen."

"ich bin traurig", sagte ich.
"warum denn? weihnachten fährst du doch eh schon wieder runter."
"alter! sei mal realistisch! weihnachten kanns nur noch schlimmer sein!"
"hm, stimmt, könnte sein. das ist schon erschreckend."

"außerdem sage ich immer, dass andere asozial und verantwortungslos sind, wenn sie jetzt verreisen. man muss sich auch mal an den eigenen moralvorstellungen messen", füge ich hinzu.
"deine moralvorstellungen in allen ehren, aber die anderen fahren trotzdem ohne maske öffis oder verreisen oder feiern ihre türkische hochzeit mit tausend gästen."
"dann kann ich die wenigstens getrost asozial nennen."

so sitze ich also derzeit zuhause, erfreue mich so mittel an meiner integren moral und bin ansonsten sehr niedergeschlagen und voller sehnsucht. 

Kommentare:

  1. So ziemlich meine Gedanken in punkto Weihnachten. Meine Schwester (ein Dorf von meiner Mutter entfernt) hat angeblich schon angeboten, auf den Besuch bei meiner Mutter zu verzichten, damit ich (500 km Zugfahrt eine Strecke) bloß an Heiligabend unterm Baum sitzen kann, worauf ich schon gar keine Lust mehr habe.

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