Dienstag, 3. Juli 2018

prinzessin auf der erbse

mein luxus-geburtstagsgeschenk sind drei tage berlin.
reiner stadturlaub, kein eventurlaub.
das habe ich noch nie gemacht. denn berlin ist hässlich, ohne event sogar langweilig.
trotzdem freue ich mich drauf.  denn berlin war immer irgendwie geil.
immer mit begegnungen. immer mit irgendeiner guten überraschung.

die erste überraschung erleben wir gleich bei der ankunft, als wir in unserem hotelzimmer stehen.
"boah, ist das scheußlich", sage ich, als ich in dem hotelzimmer stehe, das uns der luxus-mann spendiert hat.
"und das erst bett! da kommen ja schon die federn aus der matratze!" maule ich.
der luxus-mann schaut konsterniert.
ich sehe ihn enttäuscht an.
"das sieht hier aus wie in nem billigen motel!"
"das war nicht billig!" rechtfertigt sich der luxus-mann. "auf den bildern sah das ganz anders aus!"

ich nehme mein handy und google die website des hotels.
"da! guck! die zimmer sehen im netz genauso scheiße aus wie live!"
"ich war auf einer anderen seite. da sah das besser aus."
"und warum guckst du nicht auf die homepage?"
der luxus-mann zuckt die schultern.
"du weißt doch auch, wie wichtig es für mich mit meinem kaputten rücken ist, dass ich zumindest ein ordentliches bett habe! wie soll ich da schlafen? das bett ist hart wie ein brett und die matratze bestimmt 20 jahre alt!"
"was hätte ich denn machen sollen? das konnte ich doch nicht wissen!"

ich bin pissed für drei mann und stehe mit überkreuzten armen unter der tür.
"jedenfalls, tolles geburtstagsgeschenk! und guck mal, direkt nebenan ist die küche, deswegen stinkt es hier auch so ekelhaft nach bratenfett!"
"dann lüften wir halt."
"der gestank sitzt doch in den wänden!"

ich gehe runter zur rezeption. will ein anderes zimmer.
ich bekomme ein anderes zimmer gezeigt.
"das ist ein einzelzimmer", stelle ich fest. "und die matratze ist genauso durch."
die empfangsdame zuckt die schultern wie der luxus-mann zuvor. sie hat keinen kaputten rücken, ihr ist das wurscht.
"können sie unser bett aufbetten?" frage ich, und es ist keine frage, denn ich bin in not. eine nacht in diesem bett und die kommenden wochen werden entweder in schmerzen oder in einem fluffigen mantel von schmerzmitteln verschwinden. beides hinderlich, ich muss ja arbeiten.
aufbetten geht aber nicht. dafür bekomme ich ein paar decken zum unterlegen.

der luxus-mann findet, ich übertreibe, nennt mich prinzessin auf der erbse und fängt wieder mit meinen angeblich falschen vorstellungen von urlaub an. ich sage nichts mehr, aber in mir arbeitet es. was denkt sich der luxus-mann eigentlich, mir so ein grottiges geschenk zu machen? selbst wenn er NICHT nachgedacht hat, müsste ich ihn dieses nichtnachdenken ankreiden.

ich merke, wie sich die borderline-glasglocke über mich senkt, meine verbindung zur welt und mir selbst kappt. die glasglocke schützt mich, wenn ich schutzlos bin, aber sie isoliert mich auch. ich bin sehr weit weg, was dem luxus-mann natürlich nicht entgeht und für die angeknackste stimmung nicht unbedingt förderlich ist.

kurze zeit später will der luxus-mann essen. willenlos trotte ich durch die gegend. mir ist jeder appetit vergangen. der luxus-mann geht drüber hinweg und bestellt mir einen salat, weil er der meinung ist, dass ich essen muss, wenn er isst. während er seine pizza in sich reinschaufelt, sitze ich vor meinem unerwünschten salat und beschwere mich über zu viel öligen thunfisch, den ich mit der gabel hin und herschiebe, bis alles ein braungrauer matsch ist.

ich treibe es jetzt auf die spitze. ganz bewusst. der luxus-mann lässt sich davon nicht irritieren und futtert meinen salat einfach mit weg. am ende esse ich doch ein paar tomaten, weil ich plötzlich angst habe, dass mich der luxus-mann verlassen könnte, weil ich so zickig bin und weil ich mich zickig selber nicht leiden kann.

danach ziehen wir durch ein paar kneipen, die der luxus-mann allesamt doof findet. ich trinke zwei mittelmäßige erdbeer-daiquiris und entspanne mich alkoholbedingt langsam wieder etwas, was ich auch bitter nötig habe, denn die erste nacht wird schlaflos. der luxus-mann schnarcht komplett durch. ich finde nicht eine sekunde ruhe, während ich mich auf der ollen matratze hin- und herwälze.

am nächsten morgen bin ich in todesstimmung, muss aber hellwach sein und dirigieren, denn der luxus-mann war das letzte mal vor 15 jahren in berlin und hat davon abgesehen den orientierungssinn eines eichhörnchens. wir traben touridoof zum reichstag, dann zum dom und danach zum alex. es ist nicht scheiße, aber auch nicht schön, sondern vor allem anstrengend, weil ich völlig übermüdet bin und mich das heiße wetter schafft.

am abend treffen wir eine freundin von mir und sitzen mit ihr in einer skurrilen bar in den hackeschen höfen. ich bin noch immer disconnected, fühle mich der szenerie enthoben, eine weitgehend stumme beobachterin.  meine freundin und der luxus-mann unterhalten sich, als wenn sie sich schon zehn jahre kennen, und ich bin ganz erleichtert, weil der luxus-mann menschen, die wie meine freundin im naturschutz oder in sozialen berufen arbeiten, meist dämlich findet und das dann auch noch deutlich zeigt.

auf dem rückweg fragt mich der luxus-mann nach weiteren ausgeh- und partymöglichkeiten.
"in der nähe gibt es nix. da müssen wir richtung warschauer straße."
"schon wieder u-bahn-fahren? nee!"
ich zucke die schultern.
"los ist eh nix spezielles. morgen wäre aber eine coole party mit konzert im urban spree."
"dann gehen wir lieber da hin."
"ok. aber die machen erst um eins auf. nicht, dass du wieder um halb elf losrennen willst."
"wie, um eins?"
"um ein uhr nachts. um zwei ist dann das konzert."
"sind die irre?! was kostet das denn?"
"zehner."
"das geht ja. aber um eins! also echt."
"also ich würde da echt gern hin, aber du musst ja am sonntag fahren. das heißt, wir sind dann vielleicht um fünf im hotel, müssen aber um zehn aus dem zimmer sein. und du fährst dann drei stunden autobahn."
"stimmt! da ist ja schon sonntag! dann geht das nicht."
"deswegen sag ich ja, hotel in berlin ist echt witzlos, vor allem auf der toten ecke da."

auf dem nachhauseweg ist der luxus-mann eingeschnappt, beschuldigt mich, nicht ordentlich geplant zu haben, während ich ihn anklage, blind irgendein hotel in einem uninteressanten viertel gebucht zu haben, und das an einem wochenende, am dem total tote hose ist. dann gehen wir schlafen, jeder auf seine art unzufrieden und motzig.

samstagmorgen rennen wir noch mal durch den prenzlauer berg, weil der luxus-mann glaubt, dass es dort irgendwie besonders alternativ und linksökologisch sei, doch das gegenteil ist der fall. trotz warnungen meinerseits ist die luxus-enttäuschung groß.
"das ist ja so spießig wie in eppendorf! da gibt es sogar die gleichen langweiligen schicki-läden!"
"sag ich doch die ganze zeit. da ist kreuzberg schon interessanter."

ich bin es zwischenzeitlich ohnehin leid, herumzulatschen. ich habe ein blase am fuß und rückenschmerzen deluxe. zum glück sind wir für den nachmittag wieder verabredet. grillen im garten und ein bisschen fussi gucken. es wird herrlich entspannt und sogar lecker, obwohl ich grillzeug eigentlich nicht mag. langsam, ganz langsam
beginne ich mich wohlzufühlen, kehre wieder in die welt zurück.

die letzte nacht naht. ich merke, dass ich mich auf zuhause und mein kuschliges bett freue. ich quatsche recht viel und habe auch lust zu ficken. wieder erwarten schnarcht der luxus-mann kaum, nur die matratze foltert mich, sodass ich um acht uhr morgens schon aufstehe, um koffer zu packen.

"und wie fandest du berlin", frage ich auf der heimfahrt.
"naja, ok so", sagt der luxus-mann. "aber irgendwie eben auch langweilig."
"sag ich ja. architektonisch ist die stadt vollkommen reizlos. kulturell inzwischen auch größtenteils und konsumtechnisch gibts da nichts, was du nicht auch in hamburg kriegst."
"ich dachte halt, das nachtleben wäre ganz spannend."
"war es mal, so vor 15-20 jahren. da konntest du theoretisch an jedem tag der woche auf einschlägige veranstaltungen gehen. aber wenn du heute was erleben willst, musst du echt lange voraus planen. coole partys sind da nur noch so einmal im monat, ansonsten gibts halt ein paar konzerte oder festivals, für die es sich zu kommen lohnt."
"ich glaube, ich muss da nicht noch mal hin. ich dachte, berlin ist wie in dem film 'tod den hippis'."
"der spielt in den 80ern, das ist 35 jahre vorbei. außerdem isses bloß ein film."
"trotzdem."
"vielleicht hast du ja die falschen vorstellungen von urlaub", grinse ich.
der luxus-mann blinzelt und kneift mich.

dann sind wir zuhause und zum ersten mal nach vier tagen überkommt mich der hunger.




Kommentare:

  1. Moin, moin,
    ich kommentiere jetzt zum ersten Mal hier, aber Berlin finde ich immer geil. Richtig ist, man muss ein bisschen planen und beim Hotel mache ich keine Experimente mehr sondern gönne mir immer wieder das gleiche, auch wenn es dann 120 Euro/Nacht kostet.
    Kulturell geht da aber ganz viel, ob Kleinkunst, große Bühnen, Sport, Kabarett, Varieté usw..
    Die Clubszene kenne ich nicht so.
    Tagsüber gibt es 100 Sachen. Natürlich muss man den Reichstag einmal gesehen und besucht haben und auch eure anderen Ziele gehören beim ersten Mal immer dazu,. Berlin in 2 Tagen klappt aber auf keinen Fall. Da muss man Zeit haben, die Pfaueninsel zu besuchen, an der Spree oder dem Landwehrkanal abzuhängen oder aber auch Mauermuseum, Topographie des Schreckens usw. zu besuchen.
    Unvergesslich auch Bunkertouren oder eine Cabrio-Rundfahrt im Berliner U-Bahnnetz.
    Auch ich finde die Stadt anstrengend und freue mich nach 4 Tagen auf mein kleines "Dorf".

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    1. ich gebe auch lieber etwas mehr aus und habe dann was vernünftiges und mache dann lieber nur zwei statt drei nächte, falls es mir zu teuer ist.

      eventtechnisch sind wir tatsächlich sehr speziell. früher hab ich immer was interessantes gefunden, aber die szene, in der ich mich bewege, ist ziemlich tot inzwischen. auch in berlin. alles nur noch pop. und pop ist fürm popo. ;)

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