Freitag, 11. August 2017

mr. fettfleck oder warum ich bewerbungsgespräche nicht mehr ernst nehmen kann

auf meine schriftlichen bewerbungen erhalte ich in der regel absagen oder noch öfter: gar keine antwort. nachdem mich das anfangs grämte und ich panisch meine unterlagen mehrfach von headhuntern checken ließ, weil ich den fehler auf meiner seite wähnte, fand ich heraus, dass sich auf die von mir anvisierten posten minimum 100 und maximum bis zu 500 leutchen bewerben, dass die unternehmen aber keine kapazitäten in der hr haben und deswegen nur die obersten 10 bewerbungen auf dem stapel überhaupt anschauen. hinzu kommen unternehmen, die ihre stellen längst intern per vetternwirtschaft vergeben haben und ausschreibungen nur pro forma machen, weil sie es sich nicht mit ihren öffentlichen trägern verscheißen dürfen.

daraufhin sparte ich mir klassische bewerbungen fast vollständig, es sei denn, ich habe einen guten tag, an dem ich die kreative irre raushängen lasse. ansonsten versuche ich es über beziehungen oder hoffe darauf, entdeckt zu werden, was ab und an auch passiert.

eine firma, die mich entdeckt hatte, lud mich zunächst zu einem unverbindlichen kennenlern-telefonat ein. gute idee, fand ich, hatte ich doch keinen bock, nach gütersloh zu reisen, dann wieder mal auf den reisekosten sitzen zu bleiben  und anschließend eine monatelange schlacht mit dem arschlochamt um deren erstattung zu schlagen.

das telefonat war nett und man versprach, sich wieder bei mir zu melden. das passierte nur zwei tage später und man schlug mir ein weiteres telefonat vor, das aber nun jemand anders führen würde.
gesagt, getan.

telefonat zwei war ähnlich angenehm wie telefonat eins, der firma schien klar zu sein, dass es kaum alternative humane ressourcen mit meinen derart ausgefeilten fähigkeiten gab und erklärte sich sogar theoretisch bereit, mir ein recht anständiges gehalt zu zahlen.

nach einer woche erhielt ich einen anruf und die zusage zu einem weiteren telefonat, das nun mit meinen direkten mitarbeitern vor ort in hamburg geführt werden sollte. wieder dauerte das gespräch über eine stunde, gestaltete sich aber recht nett, auch wenn ich es langsam über hatte, immer wieder neuen menschen meine exquisiten fähigkeiten zu schildern und eifrig die werbetrommel für mich zu rühren.

nach drei telefonterminen schließlich wagte das unternehmen, mich auf meine potenziellen künftigen kollegen loszulassen und arrangierte ein persönliches vorstellungsgespräch für mich. in der email mit dem termin fand ich den hinweis, ich möge mich bei ankunft unter der angegebenen handy-nummer kurz melden, da das büro neu, noch nicht ausgeschildert und daher sehr schwierig zu finden sei - und mich daher jemand abholen würde.

10 minuten vor dem anberaumten gespräch rief ich die genannte nummer an. niemand ging ran. ich sprach auf mailbox, dass ich mich in etwa fünf minuten an der genannten adresse einfinden würde und mich freue, wenn mich dort jemand abholte.

5 minuten vor dem gespräch stand ich dann wie bestellt und nicht abgholt im wahrsten wortsinne vor dem riesigen kontorhaus. niemand war gekommen, um mich über die acht stockwerke voller großraumbüros und kreativ-zellen zu meinem arbeitgeber in spe zu führen. also rief ich erneut die nummer an, die ich anrufen sollte. nun war das handy ausgeschaltet.

die letzte minute tickte. was sollte ich tun? zum glück hatte ich noch die nummer aus gütersloh von meinen ersten beiden gesprächen. die rief ich an. eine mir unbekannte mitarbeiterin ging ran, machte dann aber freundlicherweise meine ehemalige hr-tante ausfindig.
"sie wurden nicht abgeholt?" fragte sie mich kühl.
"nein. und ich habe schon zweimal bei herrn b. angerufen, der hat sein handy aus."
"warum sind sie dann nicht schon einfach hochgegangen?"
"weil ich hier vor einem gebäude mit ungefähr 100 büros stehe und der name des unternehmens nicht ausgeschildert ist. außerdem sollte ich abgeholt werden, steht in der e-mail. wenn ich jetzt einfach losrenne, steht herr b. vielleicht in kürze hier unten auf der straße und denkt, ich sei gar nicht erschienen."
die dame erklärte sich daraufhin gnädigerweise bereit, in dem büro anzurufen.

fünf minuten später tauchte eine junge frau auf, die mich - offenbar durch das foto in meiner bewerbung - richtig als frau morphine identifizierte. sie führte mich durch das büro-labyrinth und stellte mich dann in einem etwa 10 qm großen büro ab, in das schreibtische von sieben mitarbeitern gequetscht waren. die luft war zum schneiden.

ein moppeliger kleiner mann mit einem fettfleckigen t-shirt rollte auf mich zu und gab mir die hand. unter seinen fingernägeln waren dicke schwarze ränder. zu meinem entsetzen war dies herr b., mein potenzieller künftiger chef.

"sorry, wenn ich ein bisschen spät bin, ich hatte sie wie gebeten mehrfach angerufen und ihnen auch auf mailbox gesprochen, sie hatten leider das handy aus. eine dame aus ihrer niederlassung in gütersloh musste erst ihre kollegin benachrichtigen, dass ich schon längere zeit warte."
"kann ja mal sein, dass man in einem meeting ist", sagte der kleine fette unfreundlich.

dann saß ich an einem tisch, mit dem ungepflegten herrn b., der jungen frau und einer älteren vertriebsmitarbeiterin. letztere nahm mich zusammen mit herrn b. in ein kreuzverhör, bei dem ich zwar blut und wasser schwitzte, mich aber letztlich als fachlich kompetent beweisen konnte, obwohl mich inzwischen zweifel beschlichen, ob ich wirklich unter dem widerlichen fettsack arbeiten wollte. die beiden frauen waren aber ganz nett, und einen ekel im team gibt es ja immer, sagte ich mir.

nach rund einer stunde schaltete sich noch ein weiterer mitarbeiter per videokonferenz hinzu, um mich in erneutes kreuzverhör zu verstricken. der mitarbeiter saß offenbar im homeoffice, im hintergrund war ein bild mit zwei gören, vermutlich seine kinder. vielleicht ist das ja doch ein cooles unternehmen, dachte ich, da ist einer papi und darf homeoffice machen und auf seine kids aufpassen.
"schön, wenn man bei ihnen bei bedarf auch mal homeoffice machen darf", sagte ich am ende des kreuzverhörs also wohlwollend. "nicht jedes unternehmen bietet so eine familienfreundliche arbeitsatmosphäre."
"naja, ich habe eigentlich urlaub", sagte der mitarbeiter dann. "aber ich musste an dem gespräch teilnehmen und konnte wegen der kinder nicht weg."
ups.

nach anderthalb mäßig gemütlichen stunden und atemnot, weil vier menschen zweieinhalb kubikmeter luft atmen mussten, war ich fertig. die junge frau brachte mich nach draußen.
"ach, michaela, herzlichen glückwunsch", rief jemand auf der treppe der jungen frau zu.
"oh, sie hatten geburtstag", fragte ich sie überrascht.
"ja, heute."
"dann auch von mir herzlichen glückwunsch", sagte ich warmherzig.
"oh, vielen dank... ich hoffe ja, dass ich jetzt endlich nachhause kann", sagte die frau.
"wieso, darf man bei ihnen am geburtstag früher gehen?"
"nein, aber ich habe auch urlaub und musste heute reinkommen."

an diesem punkt war der job für mich gestorben. ein ungepflegtes, unzuverlässiges und herablassendes ekel von chef hätte ich gerade noch verkraftet. aber dass ein unternehmen es für normal befand, ein vorstellungsgespräch anzuberaumen und dafür zwei von vier mitarbeitern aus dem urlaub zurückzupfeifen, erschien mir willkürlich und ausbeuterisch.

dass mich der fette klops nicht einstellen wollte, war keine überraschung. normalerweise machte ich mir nie die mühe, über absagen nachzudenken oder sie zu beantworten. diesmal jedoch schrieb ich zurück, dass auch ich mir unter gar keinen umständen eine anstellung hätte vorstellen können und daher sehr frohgestimmt über die absage sei.

auf ein neues.
weiterhin daumen drücken, bitte.

Kommentare:

  1. Gruselig.
    Viel Glück bei den nächsten Versuchen.

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    1. danke!
      sonst weiß ich selten so deutlich, dass ich wo auf gar keinen fall arbeiten möchte. noch nicht mal für das schicke gehalt, das die mir dort geboten hätten.

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